Subkulturen

F- Im Vergleich zu den mediterranen, östlichen als auch den Traditionen einiger Stämme der amerikanischen Indianer, entwickelte sich die "Kultur" der Homosexuellen im Okzident eher als soziale und weiträumg geächtete Minderheit vorwiegend im Untergrund. Erst ab dem 17. Jh. bildeten sich in europäischen Ballungszentren und besonders in Großstädten erste funktionnierende männlich-homosexuelle Subkulturen. Diejenigen, die sich - wenn auch verständlicherweise noch verdeckt - zu ihrer Geschlechtlichkeit bekannten, kommunizierten über "illegale und geheime" Kontaktnetze. Man traf sich in Hinterräumen von Kneipen und in Privathäusern oder an Treffpunkten, in Parks, an Bahnhöfen und öffentlichen Pissoirs usw. Man erkannte sich an heimlichen Kennzeichen. Unter anderem wegen dieses "Aussenseitertums" erlebten viele Betroffene erst in solchen Subkulturem ein wirkliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Möglichkeit des Austauschs und der gegenseitigen Hilfe (aber auch der Ausbeutung) war gegeben, die Solidarität innerhalb einer Minderheit begannn sich zu entwickeln.
Den lesbischen Frauen öffente sich diese Möglichkeit der Kommunikation erst mit dem beginnenden 20. Jahrhundert. Der Frau, deren Daseinberechtigung entsprechend der okzidentalen Kultur, weitgehendst auf das Gebären und Erziehen der Kinder "im Heim und am Herd" reduziert war, war mangels Kontakt zu Gleichgesinnten, die Möglichkeit, ihre Geschlechtlichkeit zu zeigen und zu leben, nur selten möglich. Nur sehr wenigen gelang es, aus dieser Isolierung auszubrechen. Den meisten Frauen war dieser Weg lange versperrt. Erst im 20. Jahrhundert - quasi einhergehend mit dem Wahlrecht der Frauen - ergab sich auch für Lesben die Möglichkeit, eine eigene Subkultur, unabhängig von der männlichen aufzubauen.
Mittlerweile ist die Homosexualität etabliert. Während sich einerseits die sogenannte "Szene" einen mitunter stark exhibitionistischen Touch gibt, leben andrerseits zahlreiche Homosexuelle allein oder in Paaren (mehr oder weniger) unbehelligt ihr Leben nach dem klassischen Muster des Einzelnen, eines Paares oder einer "Familie" innerhalb der heterosexuellen Gemeinschaft.
Die Subkultur von heute umfasst quasi das ganze Arbeits- und Unterhaltungsmillieu sowie sämtliche Orte oder Events, wo sich die Gesellschaft trifft, Cafés, Bars, Dicos, Clubs. In den meisten erklärten Schwulen- und/oder Lesbenlokalen ist das sogenannte "gemischte Publikum" nicht unerwünscht. In anderen Clubs bleibt man halt lieber unter sich und einige bestehen darauf, nur für Lesben oder nur für Schwule reserviert zu sein.
Insgesamt übernahmen die Homosexuellen beider Geschlechter als zahlenmässige Gesellschaftsminorität die allermeisten Aspekte der heterosexuellen Sex-Kultur. Das spiegelt sich in der erotischen Praxis der Leder- und Latexamateure, der SadoMaso-Bondage-Liebhaber ... kurz in allen Varianten, die auch in der heterosexuellen Gesellschaftsmajorität praktiziert werden. Statistiken wollen wissen, daß der männliche Homosexuelle seine Partner häufier wechselt als die Lesbe, die sich - laut Statistik - eher in ein dauerhaftes Bündnis einbringt. Die heterosexuelle Gesellschaft mißt die Kultur der Homosexuellen a priori an dem was sie sieht und was die Medien ihr anbieten. Diverse öffentliche Auftritte, Demos oder ähnliche Outings oder Events zeigen nicht selten die "provokative" - einige meinen, die hysterische - Seite aktivistischer Homosexueller. Bei anderen Schwulen/Lesben und Heteros stoßen solche Unternehmungen mitunter auf Unverständnis und Ablehnung. Andere wiederum bewerten solche Events entweder schlicht als lustige Folkore oder bezeichnende Geschmacklosigkeit.
In den letzten Jahrzehnten hat sich innerhalb der homosexuellen Subkultur eine Alternative zur Hetero-Kultur herausgebildet. Die homosexuelle Jugend und solche, die an der Schwelle ihrer Entscheidung stehen, trifft sich in alternativen Jugendgruppen, Beratungsstellen und Kommunikationszentren. Buchläden und lesbisch-schwule Sport- und Interessenvereine gibt es allenthalben. Eine Ghettobildung wird zwar vermieden, scheint aber durch spezifische Gruppen- und Vereinsbildungen, bzw. durch die Trennung und die Distanz zwischen den Lagern nicht ganz vermeidbar.
Die jüngeren und älteren Jahrgänge nutzen die veränderte Gesetzgebung und Pärchen finden sich vor dem Standesbeamten zusammen, um das PAX-Bündnis einzugehen. Das Recht auf Adoptiv-Kinder wird ihnen noch in den meisten Staaten verwehrt, weil über das Thema Erziehung in einer Regenbogenfamilie in vielen Regierungen kein Konsens herrscht. Nichtsdestotrotz sind viele Lesben und Schwule auch Eltern und haben Kinder aus vorherigen Ehen oder Partnerschaften. Viele dieser Kinder wachsen in Regenbogenfamilien, bei ihrer lesbischen Mutter und deren Partnerin oder ihren schwulen Vater und dessen Partner auf, ohne zwangsläufig auch den homosexuellen Lebensweg einschlagen zu müssen. Die Sexualität der Erzieher/Eltern allgemein ist nicht ausschließlich relevant für Erziehung, sondern "die Kultur" der Erziehenden, ihre Bereitschaft es zu tun und letztendlich die Einflüsse der Aussen- bzw. Umwelt.
Es heißt allenhalben, dass die Relevanz der Erziehung seitens homosexueller "Eltern" anders gelagert sei als beim "klassischen" Elternpaar. Es scheint allerdings, als beziehe sich die Ablehnung nicht von vorneherein nur auf die Sexualität der Erzieher, sondern auch auf eine archaische Restvorstellung von einer "Familie" mit raditioneller Rollenteilung. Dieser Begriff "Familie" könnte mittlerweile auch eine Neudefinierung erfahren, denn was unter diesem Begriff noch allenhalben verstanden, aber bei weitem nicht immer praktiziert wird, gehört zu einem großen Teil auch in ein anderes Jahrhundert.
Immerhin: die Homosexualität hat in unseren Breiten juristisch und politisch die "Niederungen der Abartigkeit und Verbannung" verlassen und wurde gesellschaftsfähig, ... nach mehr als 2000 Jahren der Ächtung, der Verhöhnung, der Verfolgung und der Ausmerzungsversuche. Wer nun glaubt, unseren menschlich-sexuellen Katalog endlich schließen und aufatmen zu können, unterschätzt die Natur, die mit ihren Launen unsere Ethik und unsere Moral, aber auch unser Selbstverständnis, unseren Intellekt und unsere Emotionalität offenbar immer wieder vor neue Herausforderungen stellt.
Das dritte Geschlecht
Am Rande der Entwicklung der Sozialisierung der Homosexualität wurden auch die bislang eher versteckt aktiven Bisexuellen aufgesogen und wie es zu erwarten und wahrscheinlich unvermeidbar war, auch solche Menschen, deren sexuelle und soziale Problematik noch um einiges komplizierter scheint, als die von Hetero- und Homosexuellen.
Das sogenannte "dritte Geschlecht" wurde bis vor kurzem in der medizinischen Forschung mit dem aus der griechischen Mythologie entlehnten Begriff (Pseudo)Hermaphroditen katalogisiert. Seit Oktober 2005 werden diese Menschen numehr unter einer erneuerten medizinischen Nomenklatur unter dem Kürzel DSD (disorders of sex development) geführt, derweil in der Öffentlichkeit die populäreren und mitunter diskriminierenden Begriffe noch immer geläufig sind (Zwitter, Transgender, Transsexuelle, Transen, trannys, shemales usw. ...) Mangels Verständnis und Akzeptanz der breiten Öffentlichkeit und größtenteils aus seelischen Problemen der Identitätsfindung scheint diesen Menschen in der homosexuellen (Sub)Kultur die Möglichkeit gegeben, ihr Ausnahme- oder Minderheitendasein offener und unangefochtener, zumindest aber "überhaupt einmal" mehr oder weniger bekennend leben zu können.
Für den ahnungslosen Aussenseiter oder den ablehnenden und stigmatisierenden Gegner gehen diese Menschen fast unerkannt "im Gewühl" von Schwulen, Lesben, Drag Queens, Crossdresser usw. unter. Die verhältnismässig wenigen Transsexuellen, die ihr Leben zu gestalten und/oder es zu leben versuchen, kennen dieselben sozialen Hürden, dieselben daran verhafteten psychischen Probleme (und noch einige mehr) wie bekennende Homosexuelle, mit dem Unterschied, daß sie nicht bloß ihre "innere" Identität finden, sondern sich gegebenenfalls auch für eine "äusserliche" physische und optisch determinierende Identität entscheiden müssen, nicht selten durch einen komplizierten chirurgischen Eingriff , verbunden mit einer umfassenden und nicht selten langwierigen endokrinologischen und medikamentösen Therapie. Dazu mehr in einem gesonderten Thema.
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