ANTIQUA Online Magazin

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Homosexualität 3


 

 

Der Moment der Wahrheit

Coming out

 

 

 

Die Sexualität ist ein Wanderer,

der ohne bestimmtes Ziel fortgeht

und sich erst unterwegs entscheidet, wo er hin will. 

 

F- Die wenigsten Eltern wissen was in den Köpfen, geschweige denn in den Seelen ihrer Kinder vorgeht. Der Alltag, die Arbeit und das gesellschaftliche Leben beanspruchen ihre volle Aufmerksamkeit. Zeichen werden nicht wahrgenommen, oft überspielt, verdrängt oder innerlich schöngeredet. Die Zeit hat die Menschen im Griff - der Stress, nicht das Leben. Kaum etwas wird nüchtern und vernünftig bewertet, sondern vielmehr über- oder unterbewertet, Situationen über- oder unterschätzt.

„Mam, ich bin schwul.“

Hysterische Eltern neigen dazu, panikartige und total überflüssige Maßnahmen zu ergreifen, dem kommenden „Übel“ vorzubeugen. Die Angst vor Konsequenzen bricht hervor. Die Angst vor der möglichen, ja sicheren Ausgrenzung, der Missachtung, der Lächerlichkeit, des Spotts umhüllt sie wie eine Zwangsjacke - nicht zuletzt das zermürbende Brüten darüber, als Erzieher versagt zu haben und - je nach geistiger Haltung oder Schwäche eines oder beider Elternteile - der Selbstvorwurf, einen „minderwertigen“ Menschen gezeugt und erzogen zu haben. Im schlimmsten Fall wird in streng puritanischen und tief gläubigen Familien eine solche „Tragödie“ als Gottes Strafe empfunden.

Diese innere Selbstzerfleischung solcher Eltern trägt nicht dazu bei, die Lage des Kindes zu verbessern, bzw. ihm seine Wahl zu vereinfachen. Das Kind selbst und seine Entscheidung stehen nicht einmal im Vordergrund, vielmehr das, was sich „daraus ergeben könnte“. Das Verhalten der Eltern zum Kind wird sich unter Umständen dramatisch ändern. Die ohnehin schon vorhandene Kluft wird sich vergrößern und letzten Endes wird auch die Beziehung der Eltern zueinander möglicherweise eine andere werden, oder bisher verdrängte Reminiszenzen treten offen zu Tage. Das Leben in der Familie wird sozusagen zur Hölle.

Auch wenn derartige Reaktionen und Verhalten von Eltern mittlerweile offensichtlich und erfreulicherweise nicht mehr die Norm sind, so kann auch schon ein zögerliche Haltung oder ein Zweifel problematisch sein. Der Jugendliche sucht Vertrauen, baut auf das Verstehen und sucht Unterstützung bei den Personen, bei denen er sich in der Regel verstanden fühlt: den Eltern. Bei getrennt lebenden Eltern wird die Kommunikation des Kindes mit Vater und Mutter unter Umständen kompliziert, wenn beide Elternteile andere Beziehungen eingegangen sind und ggf. weitere Halbgeschwister ins Spiel kommen. Die Meinung des Vaters oder der Mutter wird nunmehr von anderen Umständen und anderen Rollen geprägt. Recht schnell entwickelt sich für den Jugendlichen eine Art von „Beziehungskiste“ und am Ende steht er möglicherweise allein da.

Glücklich jene, die in einer intakten Familie oder bei getrennt lebenden Eltern zwar anfänglich auf emotionalen Widerstand stoßen, dann aber mit ihrer Entscheidung trotz allem doch akzeptiert und respektiert bleiben. In solchen Momenten, wie dem Coming-out, der Bekanntmachung einer Entscheidung, die im Leben eines jungen Menschen maßgeblich ist für die Entfaltung seiner Persönlichkeit, sind offene Gemüter, Elternliebe und kompromisslose Akzeptanz nicht mit Gold aufzuwiegen.  

 *

 

Drogen- und Sexualitätsprobleme stehen meist an vorderster Stelle, wenn man die Eltern um ihre Bedenken und Sorgen befragt. Drogenabhängigkeit ist eine Krankheit, kann behandelt und u.U. geheilt werden. Homosexualität ist keine Krankheit, braucht nicht behandelt und ergo auch nicht geheilt zu werden!

„Ist meine Tochter lesbisch, mein Sohn schwul?“

Solche Fragen sind noch sehr oft mit einer innerlichen Beklemmung verbunden und der direkt daran gehängten Hoffnung, dass es nicht sein kann, dass „es vorüber geht“. Eltern kennen selten ihre Kinder, bemerken das aber meist erst, wenn ihnen das Dach sozusagen auf den Kopf fällt.

 Hundert Mehrheiten beweisen nicht, dass eine Minderheit falsch ist.

Das Coming-out trifft selten auf Unbetroffenheit, denn die Gesellschaft misst den Menschen noch immer an der Norm und die Norm ist die Heterosexualität, d.h. die Mehrheit der Menschen lebt in einer heterosexuellen Beziehung, was an sich aber keinesfalls bedeutet, dass Minderheiten  von vorneherein etwas „Falsches“ tun. Sie tun allenfalls etwas „Anderes“.

Die sozialen Umstände spielen sicher auch eine wichtige Rolle. Doch sie allein verantwortlich zu machen, wäre ungerecht und falsch. Armut oder Wohlstand, hoher oder niedriger Intellekt sind keine Argumente für oder gegen die Wahl der Geschlechtlichkeit der Kinder, sie spielen allenfalls in der weiteren Entwicklung der Persönlichkeit eine Rolle oder bei der Art des Millieus, in das der oder die Jugendliche hineinrutscht. Wenn wir davon ausgehen, dass der junge Mensch durch die ihn umgebende Welt und ihre Kultur, durch Umstände und Lernprozesse in seiner Wahl sozusagen gesteuert wird, dann wird klar, dass die Eltern oder Erzieher selbst einen maßgebliche Anteil daran haben, für welches Ufer sich ihr Kind irgendwann entscheidet. Auch hier gilt: "Nicht wirkt nur in eine Richtung". Jede gutgemeinte Erziehung hat ihre kleine Tücken, Mängel und Vorzüge. Derselbe Samen gedeiht nicht in allen Böden gleich.

Jeder Mensch hat die Wahl, und darin liegt schon die Selbstverständlichkeit, dass es zumindest mehrere Richtungen gibt, zwischen denen er wählen und sich entscheiden wird. Heterosexualität ist im Verhältnis die zwar am meisten praktizierte geschlechtliche Verbindung zweier Menschen, das sagt aber nichts aus über die inneren Bedürfnisse und Sehnsüchte, über Wünsche und Träume von in einer solchen Beziehung lebenden Menschen. In Beratungsgesprächen mit Heterosexuellen tauchen immer wieder Anzeichen und Beweise für die Flexibilität der Libido auf. Jugenderlebnisse, Abenteuer mit Gleichgeschlechtlichen, so genannte „Ausrutscher“ im Erwachsenenalter, erotische Wünsche und geheime Träume und letztendlich der Frust, ob die seinerzeit getroffene Entscheidung die richtige war.  

Die Psychologie und insbesondere die Psychoanalyse lehrten uns, dass in jedem Menschen sozusagen „zwei Seelen“ wohnen. In anderen Worten wäre dadurch der Mensch von vorneherein mindestens bisexuell, was ihm die Möglichkeit gäbe, sich ab einem gewissen Bewusstseinstand für die von ihm bevorzugte Richtung zu entscheiden, unter Umständen sogar für beide.

Die Geschichte lehrt uns, dass Homosexualität quasi schon besteht, seit es den Menschen gibt und sie lehrt  uns, dass seit jeher aus den Reihen jener „Anderen“ große Geister hervorgingen, die ihren Teil dazu beitrugen um die Weichen zu stellen für die Zukunft, in der wir heute leben. Im Verhältnis geschaut, gab es in den Reihen der Homosexuellen wahrscheinlich genau so viele Geistesgrößen und sicher auch entsprechend viele Kretins wie in den Reihen der Heteros. Es bleibt den Kleingeistern überlassen, ihrer Weltbetrachtung nach zu hängen, ihre Ethik und Moral zu leben, wie es ihrem Denken und Glauben entspricht. Andersdenkende wird es immer geben, genauso wie es Andersliebende auch immer geben wird, wie ein Fluss immer zwei Ufer hat und die Wurst zwei Enden. 

 

 

 

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