Geschichte Umfragen gemäß entspricht der Anteil an homosexuellen Mitmenschen in der westlichen Gesellschaft in etwa 1-10 Prozent, dabei darf man davon ausgehen, daß dieses Umfragenergebnis nicht den wahren Gegebenheiten entspricht. Die trotz aller Liberalisierung noch immer präsente Stigmatisierung der Betroffenen und die Tabuisierung des Themas, sowie die Angst vor Konsequenzen im Falle eines Bekenntnisses (comig-out), oder einer Bekanntwerdung sprechen dafür, daß der Prozentsatz weit höher angesetzt werden muß. Umfragen haben ohnehin lediglich einen rein statistischen Wert und spiegeln selten die Realität, einmal abgesehen davon, daß die Befragten - wenn es um intime Themen geht - dazu tendieren Ehrlichkeit und Wahrheit zu relativieren. Fest steht, daß die Homosexualität seit ihrer relativen Liberalisierung in weiten Teilen unserer Gesellschaft "sichtbarer" geworden ist und freier gelebt werden kann. Obgleich sie gesetzlich so gut wie kein Thema mehr darstellt, ist es von der allgemeinen Toleranz bis zur Akzeptanz noch ein weiter Weg. |
Gott kann Homosexualität nicht riechen .... ° F.- Ein solches Statement zeugt nicht unbedingt von geistiger Reife. Es ist auch nicht erheblich, dafür aber bezeichnend für die eng gestrickte und beschränkte Weltsicht, oder das allgemeine Kulturverständnis gewisser Kreise. Die Missionare solcher anachronistischen Gruppierungen und Institutionen äussern sich bisweilen mit feindlichem und agressiv-abwertendem Unterton in ihren Medien u.a. über die Homosexualität - ein Kulturthema, das im alten „gelobten Land“ durch die mosaischen Dogmen und später in unseren Breiten durch die Wertefestlegungen der Papstkirche in den Bannkreis des Tabu dekretiert wurde. Daß die heutigen "Sodomitenhetzer" sich selbst frei von der Sünde fühlen, mit der sie andere Mitmenschen stigmatisieren, zeigt, daß die Geschichte an ihnen vorbei gegangen ist und ihre Bewußtseinsstufe sich seit der Zeit der Hexenverbrennungen noch nicht weiterentwickelt hat. Sowohl in der nordischen, der keltischen, der germanischen, der skythischen, der griechischen, der römischen als auch in vielen nahöstlichen Weltbetrachtungen der vorchristlichen Zeit, war die Homosexualität kein ausgesprochenes Problemthema, sondern ein sozialer Fakt, welcher der Kirche - in ihrer Bestrebung sich von anderen Weltanschuungen abzugrenzen - einen willkommenes Motiv lieferte, die gleichgeschlechtliche Neigung und Kopulierung als „heidnische Abartigkeit“ und Gotteslästerung an den Pranger zu stellen. Ein Anachronismus, der in der Kirche noch heute Bestand hat. Schon bei Moses ist zu lesen, dass Gott seine Wanderer ausdrücklich davor warnt, die Sitten und Bräuche der Kanaaniter anzunehmen, in deren Land er sie führen wird. Im Orient war die Homosexualität seinerzeit weit verbreitet und ihre mitunter sakrale Bedeutung ist historienkundig. Die Tempelprostitution in Kanaan oder die homophilen Kulte der Griechen, insbesondere der Spartaner, die Tradition des Missbrauchs von Sklaven zum gleichgeschlechtlichen persönlichen Lustgewinn in allen sklavenhaltenden Ethnien, sowie die Praxis der gleichgeschlechtlichen Liebe unter anderem innerhalb der frühen Männerorden christlicher Prägung sind Historie. Das Alte Testament lehnte die Homosexualität in seinem dogmatischen Wirkungsgebiet für seine Anhänger scharf ab, gleichwohl sie in der seinerzeit weltanschaulich gemischten Bevölkerung eigentlich kein Delikt darstellte. Das AT brandmarkte die Homosexualität als typisch heidnisches Verhalten, weil sie der alttestamentlich-jüdischen Weltsicht widersprach, derentsprechend die Sexualität ausschließlich der Zeugung zu dienen habe. Das Neue Testament blieb der altestamentarischen Tradition verbunden und distanzierte sich dadurch gezielt von der kulturellen Akzeptanz der Homosexualität u.a. in der hellenisch-griechischen und römischen Welt. Inzwischen sind einige 2000 Jahre vergangen, diverse Hochkulturen verschwanden und neue Weltanschauungen, darunter auch das Christentum, eroberten den Okzident. Um die Zeitenwende herum wurde Europa kontinuierlich christianisiert und – wo immer möglich – die meisten Spuren der vormaligen Religionen vernichtet oder unzugänglich gemacht. Die Homosexualität aber überlebte ausnahmslos alle Versuche sie mit Worten oder Taten aus der okzidentalen Welt zu tilgen. Sie lebte weiter in den frühen (christlichen) Männer- und Frauenorden, in Gefangenenlagern und Waisenheimen zu allen Zeiten, auf Schiffen und in Arbeitskommunen, überlall dort, wo Menschen gleichen Geschlechtes über einen längeren Zeitraum isoliert zusammen lebten. Als Prostitution ist sie so alt, wie jene aus dem heterosexuellen Bereich. Die solchermaßen praktizierte, „situationsbedingte“ Homosexualität, aber nicht minder auch die gewählte oder erzwungene Gleichgeschlechtlichkeit innerhalb einer so genannten heterosexuellen Gesellschaft hatte Bestand. Mit dem Hochmittelalter wurde die Sodomie (frühe kirchliche Bezeichnung für die Homosexualität) von dem Stand der Sünde in die Qualität des Verbrechens emporgehoben. Wurde der „Analverkehr“ vorher lediglich mit kirchlichen Strafen geahndet (Kirchenbuße und ein zeitweiliger Ausschluss von der Eucharistie), so erwarteten die Zuwiderhandelnden nunmehr weltliche Maßnahmen, die allerdings entsprechend der damaligen Machtverhätnisse unter dem maßgeblichen Einfluß der Kirche aufgestellt wurden. Bis zur Zeit der Aufklärung wurde der Analverkehr zwischen Männern in fast ganz Europa durch weltlich-kirchliche Gesetze u.a. mit dem Scheiterhaufen, durch Strangulierung, Kastration oder Ausstoß aus der Gesellschaft bestraft. Insbesondere das Spätmittelalter zeichnete sich durch eine besonders martialische Ahndung der Sodomie aus. Tausende wurde auf den Scheiterhaufen, an Galgen oder in Folterkammern hingerichtet. Die Inquisition und die diffamatorischen Auswüchse der Tudorzeit wurden ihr nicht mächtig. Die Reformationszeit kürte sie erstmals in Mittel- und Nordeuropa – wenn auch lediglich in gehobenen Kreisen – zur extravaganten und frivolen Kuriosität. Im Zuge der französischen Revolution wurden die Gesetze relativiert und bisweilen ganz aufgehoben. Selbst Preußen änderte die bis dahin geltende Todesstrafe in eine Gefängnisstrafe um. In homosexuellen Kreisen wurde das „erfreuliche Versagen“ der Kirche bezüglich der Ausrottung der Sodomie begrüßt und erste zaghafte Anläufe einer Sozialisierung machten sich bemerkbar. Doch die Zeit war offenbar noch nicht reif. Mit Buhrufen und totaler Ablehnung wurde 1867 auf dem Münchner Juristentag Karl Heinrich Ulrichs Vorstoß – seine Forderung nach der „umischen Ehe“ - niedergeschmettert. Nichtsdestoweniger ging dieser Tag als „Geburtstag der homophilen Emanzipation“ in die Geschichte ein. Dreißig Jahre später warb Magnus Hirschfeld in Namen des "Wissenschaftlich-humanitären Komitees" für die Streichung des legendären Paragraphs §175. Karl Giese unterrichtet am "Hirschfeld Institut für Sexualwissenschaften", (1919-1933) das weltweit erste seiner Art. (°°)
Medizinisch und psychologisch wurde die Homosexualität Mitte des 19. Jh. erstmals von Carl Westphal wissenschaftlich abgehandelt. Sigmund Freud befreite sie kurz nach der Jahrhundertwende von ihrer „kriminellen“ und „abartigen“ Aura und bezog Stellung gegen jedwede Kriminalisierung oder Pathologisierung. Er plädierte dafür, die „konträre Geschlechtsempfindung oder die Inversion“ nicht weiterhin als Krankheit zu definieren und die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den anderen Menschen abzutrennen. Er war der Überzeugung, dass auch Schwule und Lesben in Harmonie und Seelenfrieden leben und ihren Arbeitssoll mit voller Leistungsfähigkeit erfüllen können. Leider folgten längst nicht alle nach ihm wirkenden Analytiker seinen Gedanken, so daß die Psychoanalyse allgemein, entgegen den idealistischen Vorarbeiten ihres Begründers zum Teil in die Anti-Strömung mit hineinrutschte und die Homosexualität als geistige Störung betrachtete und behandelte. Einiges wurde bewirkt, doch das Wenige, was hinsichtlich einer Liberalisierung der Situation der Schwulen und Lesben erreicht worden war, wurde von der Blut-und-Boden-Ideologie des Naziregimes zwischen 1935 und 1945 wieder zunichte gemacht. Unter der Nazifuchtel wurden über 100.000 Männer polizeilich auf den sogenannten "Rosa Listen" erfasst. Davon wurden 50.000 aufgrund von § 175 und 175a RStGB verurteilt, unter ihnen viele, die sich selbst noch nicht als Schwule identifiziert hatten. Die Zahl jener, die in psychiatrische Anstalten überwiesen wurden ist bislang unbekannt. Entsprechend den Recherchen von Rüdiger Lautmann wurden ungefähr 10.000-15.000 homosexuelle Männer in Konzentrationslager verschleppt. In den Lagern wurden sie in der Regel mit einem rosa Dreieck auf dem Rücken oder mittels Armbinde kenntlich gemacht.Mehr als die Hälfte von ihnen kamen ums Leben. Das Mittelalter war zurückgekehrt. 
Die Naziverfolgung schwuler Männer vollzog sich primär über die 1935 erfolgte entgrenzende Verschärfung des Paragraphen 175 des Reichsstrafgesetzbuches (RStGB). Im Gegensatz zur preußisch-kaiserlichen Version aus dem 19. Jahrhundert, die nach ständiger Rechtsprechung des Reichsgerichts „beischlafähnliche Handlungen“ für eine Strafbarkeit voraussetzte, reichten nach dem Willen des Nazi-Gesetzgebers bereits „begehrliche Blicke“ für eine Strafverfolgung. (...) Ziel des NS-Regimes waren indes vorgeblich „Umerziehungsmaßnahmen“, um den Geschlechtstrieb von Schwulen in Richtung einer heterosexuellen Betätigung zu verändern (z. B. zwangsweise Besuche von KZ-Bordellen, wobei das Verhalten der Männer durch SS-Offiziere beobachtet wurde). Dokumentiert sind darüber hinaus – nicht nur aus Konzentrationslagern – zwangsweise, jedoch angeblich "freiwillig beantragte" Kastrationen. Ebenso wurden zahlreiche medizinische Menschenversuche durchgeführt, um die Ursachen von männlicher Homosexualität zu ergründen (z. B. operative Einpflanzung einer „künstlichen Sexualdrüse“, dies auch nach zuvor durchgeführter Kastration u. v. a. m.) und nach Möglichkeit endgültig zu eliminieren. Zudem wurden Schwule ebenso wie andere Verfolgte für von vorneherein tödlich angelegte „medizinische Experimente“ von KZ-Ärzten herangezogen, z. B. in Hinblick auf die Untersuchung der Übertragung der Erreger von Infektionskrankheiten.  Kastration: vorher-nachher (°) Unter anderen unternahmen der dänische Arzt Carl Vaernet (mit richtigem Namen Jensen) und der deutsche Mediziner Erwin Ding im KZ Buchenwald pharmakologische und chirurgische Versuche, um Häftlinge von ihrer Homosexualität zu „heilen".
(Quelle: Wikipedia und Triangles Roses) | Wer insbrünstig gehofft hatte, dass diese Lage sich nach dem Krieg wieder schnell ändern würde, sollte eines Besseren belehrt werden. Der Kinsey-Report, der mit Fakten aufwartete, bewirkte wohl einiges, konnte aber die Menthalität der Menschen und Mediziner nicht sofort grundlegend beeinflussen, geschweige denn umkrempeln. Die Gesetzgeber und die Meinung großer Teile des Volkes brauchten mehrere Jahre der „Besinnung“, bevor sie sich dem Thema der Homosexualität überhaupt wieder einmal stellten und sie, wenn auch nicht gleich als salonfähig, so doch immerhin als Abart hinter verschlossenen Türen klassierten und mehr oder weniger widerwillig duldeten. Eine gewisse Akzeptanz kam im Zuge der 68er Bewegung und der Hippiewelle, die beide allerdings aufgrund ihres "revolutionären Charakters" die bürgerlichen und älteren Jahrgänge kaum überzeugen konnten. Während die Psychiatrie in großer Übereinkunft im Jahr 1974 - und quasi unbemerkt von der Öffentlichkeit - die Homosexualität als „Krankheit“ (psychische Störung) aus ihrem Krankheitenkatalog entfernte, brauchte die WHO (Weltgesundheitsorganisation) bis 1992, um die Homophilie nicht mehr als umstrittenes Krankheitsbild, sondern als dem Bereich der Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen zugehörig zu erklären. In den Achzigern wurde die Homosexualität in vereinzelten Kliniken u.a. in Deutschland schon nicht mehr als „Störung“ behandelt. Die Psychotherapie arbeitete schon damals eher auf die „Sozialisierung“ der Betroffenen, oder auf die Stabilisierung der inneren Selbstbewusstheit und des Selbstwertgefühls ihrer Patienten hin, als darauf, sie zur Heterosexualität „umzuschulen“. In der Psychoanalyse als auch in der Psychotherapie gibt es heute freilich noch immer geteilte Meinungen, u.a. über das Wesen der Homophilie. Die Gruppe jener, die die Homosexualität auch weiterhin als „krankhafte und behandlungsbedürftige Störung“ betrachtet und behandelt, ist inzwischen allerdings sehr geschrumpft und im Verschwinden begriffen. Während die Kirche und die ihr angegliederten Organisationen grundsätzlich bei ihren polarisierenden Haltungen blieben, entwickelte sich innerhalb der Gesellschaft eine unbefangenere Annäherung an die Homosexualität. Der Standpunkt der Psychoanalyse, dass alle sogenannten Normalen neben ihrer manifesten Heterosexualität ein sehr erhebliches Ausmaß von latenter oder unbewusster Homosexualität erkennen ließen, dass jeder Normale auch bisexuelle Anteile besitze (die in beiden Fällen manchmal mehr, manchmal weniger stark ausgeprägt seien) trug erheblich dazu bei, die Gleichgeschlechtlichkeit von ihrem Kainszeichen zu befreien. Die öffentlichen Aktivitäten - insbesondere der drei Tage währende Aufstand der Schwulen und Lesben 1969 in der New Yorker Schwulenbar Stonewall in der Christopher Street - und Demos, sowie das Coming-out prominenter Zeitgenoss(inn)en halfen mit, dass die Homosexualität popularisiert und aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wurde. 
Juni 1969. Aufstand der Schwulen anläßlich einer Polizeirazzia in New York (Greenwich Village - Christopherstreet) in der Stonewall-Bar. (°°°°) Die öffentliche Diskussion der letzten Jahrzehnte bewirkte in der westlichen Welt eine zunehmende Akzeptanz und befreite die Homosexualität weitgehendst aus ihrem Tabudasein.Diese Fortschritte sollten jedoch nicht über die tief verwurzelten und erworbenen Reminiszenzen des Menschen allgemein gegenüber Schwulen und Lesben, Pseudohermaphroditen, Transgendern und Transvestiten hinwegtäuschen. Die ablehnenden "metatags" sind allenthalben noch immer latent vorhanden und bedürfen lediglich eines emotionalen Impulses, um wieder abgerufen zu werden.
Bildquellen zu dieser Seite: (°) Bild: Kastration vorher und nachher: Triangles Roses und N. Jensch, Untersuchungen an entmannten Sittlichkeitsverbrechern (orig : Hidden Holocaust ?, de Günter Grau). (°°)Bild: Karl Giese am Hirschfeld-Institut: Triangles Roses und Online exhibition Magnus Hirschfeld Institute (°°°)Bild: Schwule im KZ: (Anne Frank Guide) (°°°°)Bild: Stonewall-Aufstand: NYPD ° Titel: Quelle
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