ANTIQUA Online Magazin

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Sucht


Sucht ist Sucht - und als Feststellung nicht kürzer zu fassen, es sei denn man möchte das Thema zerreden, über soziale Hintergründe, über die Suchtmittel, über ihre Wirkungsweise und Wirksamkeit, Abhängigkeitsgrade, Quantitäten, Qualitäten, Primär-, Langzeit und definitive Nebenwirkungen usw. eine wenn auch vordergründig scheinbar interessante, nichtsdestoweniger aber ziemlich sinnlose und unnütze Diskussion führen. Solche Gespräche drehen sich in der Regel um das Thema und werden ausnahmslos aus eigener Sicht geführt, mit allen möglichen Argumenten für und gegen, fernab der Wirklichkeit und noch ferner der Konsequenzen.


Derjenige, der von einer oder ein paar der am meisten verbreiteten, angeprangerten, nichtsdestoweniger aber  mittlerweile schon fast salonfähigen Süchte gepackt ist und unter ihr/ihnen leidet - sowohl im gesundheitlichen als auch sozialen Bereich - ist definitiv kein objektiver Diskussions- oder Beratungspartner.
Derjenige, der keine eigenen Erfahrungen mit Suchtproblemen hat (gibt es den im Extremfall überhaupt??) ist ebenfalls kein objektiver Diskussions- und Beratungspartner.
Beide stehen von vorneherein in verschiedenen Lagern und können allenfalls aus ihrer Sicht argumentieren, klagen, anklagen, verurteilen, bedauern …, bewirken und bewegen können sie dadurch im Grunde nichts.


Die Sucht als solche - unabhängig vom Suchtmittel - ist eine psychische Störung, im Prinzip ein erworbenes Zwangsverhalten und beruht in den meisten Fällen nicht primär auf dem Suchtmittel selbst, sondern findet seine Ursachen im psychosozialen und kulturellen Bereich. Suchtverhalten wird in der Regel kulturell vermittelt und ist mit wenigen deutlichen Ausnahmen nicht angeboren, bzw. genetisch vorbestimmt. Als Beispiel mag dienen, dass ein Kind alkoholsüchtiger Eltern nicht von vorneherein auch alkoholsüchtig werden muss. Die Möglichkeit ist allerdings nicht auszuschließen, da das erzieherische Potential der Eltern, also der kulturelle Hintergrund zumindest labil und auf den ersten Blick gefährdend ist. Daß die Alkoholkrankheit der Eltern schädigende Einflüsse auf deren Organismus hat, ist unbestritten. Dass ergo auch auf die Erbinformationen derart angegriffen, bzw. belastet  sind und dem Embryo eine gewisse Prädisposition  übertragen werden könnte, ist bislang meines Wissens nicht definitiv bestätigt. Daß auf soziokulturellem Weg eine Prädisposition geschaffen werden kann, ist hingegen Fakt.

Sucht oder Abhängigkeit ist immer psychophysisch, also im Zusammenwirken von Psyche und Körper. Der Konsum verschiedener Suchtmittel ist eigentlich nur der äußerliche Ausdruck einer Abhängigkeit Dass die diversen Substanzen der Mittel im Nachhinein ihre Wirkungen auf den Menschen als Ganzes haben, ist unbestritten, aber nicht das eigentliche Problem.

Das eigentliche Problem ist das verkehrte Herangehen an die Sucht. Allgemein richtet sich der Fokus auf den Begriff Droge und seine sichtbaren schädigenden Auswirkungen auf den Menschen und die Konsequenzen für dessen Umfeld. Diese durchaus verständliche Fokussierung auf die Droge als "Übeltäter" ist allerdings ein Projektion, eine mentale Abwehr angesichts des schon manifesten Übels, eine unbewusste Ablenkung von initialen Ursachen, Zuständen und Tatsachen – in gewissem Sinn eine Verballhornung der Sucht als solche. In den meisten Fällen wird Sucht auf den Zustand reduziert, während die eigentlichen Ursachen und Gründe meist gänzlich im Hintergrund verschwinden. Sie werden aus Angst, aus Gründen der Pietät, aus Scham, aus Übermut, aus Verantwortungslosigkeit, aus Bequemlichkeit, aus Gleichgültigkeit usw. verdrängt oder ganz bewusst ignoriert. Es ist leichter eine Droge anzuklagen, als die initialen Ursachen der Hinwendung zur Droge zu suchen.

Die meisten Beratungsstellen erbringen kaum Wirkung, weil die Verantwortlichen mehr oder weniger zwangsläufig der Routine zum Opfer fallen und angesichts des Sysiphushügels das eigentliche Ziel aus den Augen und den Glauben an die Sache verlieren. Einigen genügt es, den Posten, den Forschungs- und Sozialauftrag, ergo den Arbeitsplatz zu behalten und gelegentlich im Schweinwerferlicht eines Kolloquiums zu stehen. Allzu oft sind Beratungsstellen Alibi- oder Gutmensch-Einrichtungen, welche über den Weg der Landesgesundheitspolitik der verunsicherten Gesellschaft, den betroffenen Eltern und den Süchtigen angeboten werden. Einerseits aus der Hilflosigkeit einem Problem gegenüber, das sie in seiner ganze Bandbreite nicht (er)fassen können (oder wollen), andererseits aus vorgeschobenen moralischen und ethischen Motivationen, die ihrerseits allerdings als Suchtbekämpfungsstrategie völlig am Thema vorbei gehen, weil sie die über der Erde wachsende Pflanze angreifen, die Wurzel tief im Boden aber ignorieren. Es gibt nur sehr wenige Suchtberater, die dem ganzen Impakt dessen, was der Begriff Sucht darstellt, auch nur einigermaßen umfassend beurteilen und nachhaltig etwas entgegenstellen können.

Streetworker hieß das Stichwort der Achtziger, aber auch diese Initiative zeigte insbesondere in den klassischen Vierteln der Großstädte nur einen mäßigen Erfolg, weil die engagierten Streetworker sehr schnell überfordert, weil ihre Ausbildung nicht annähernd angemessen, weil die ihnen zugestandenen  Kompetenzen beschränkt und die Mittel ungenügend waren, oder weil sie in der Klammer ihrer Aufgabe selbst abrutschten.  Auch wenn der Ansatz als solcher ein realistischerer und sozialerer war, als die so genannten Beratungsstellen, so war er doch zum Scheitern verurteilt. Die Szene und die, welche die Szene mit Lieferungen unterhielten, waren ihren Gegnern immer einen Schritt voraus.

Alles in allem sind die meisten Unternehmungen „im Kampf gegen die Drogen“ dem ähnlich, als würde man eine Karre von hinten aufzäumen. Etwas, das seit Menschengedenken existiert – wie die Sucht und das Suchtverhalten – kann nicht durch Gesetze und Nachhilfeunterricht unterbunden werden. Ein umfassendes Umdenken wäre von Nöten, doch das hieße wiederum die ganze Gesellschaft motivieren,… als wolle man einem Berg das Laufen beibringen.

Einen Weg aus der Sucht heraus gibt es nicht. Ein einigermaßen menschenwürdiges Leben in der Sucht gibt es auch nicht. Es gibt nur einen Weg. Das Bewusstwerden suchtgefährdet oder süchtig zu sein, ist der erste Schritt zu einem Leben mit der Sucht, ohne ihr zu unterliegen – wie ein trockener Alkoholiker, der mit der Erkenntnis leben wird und muss, lebenslänglich abhängig zu bleiben, potentiell dauernd gefährdet zu sein und gemäß den AA-Spruch, das erste Glas stehen zu lassen.  Eine solche „Genesung“ erreicht man nicht durch Diskussionen im Anonymat via Internet, nicht bierselig an der Theke, nicht bei Kaffee und Kuchen oder in einer organisierten Diskussionsrunde, sondern in direktem,ehrlichen und unnachgiebigen Kontakt mit den Betroffenen.


Jedwede Therapie, die sich eine solche nennen darf, wird nicht die Sucht bekämpfen, sondern ihre Ursachen in Gruppen- oder Einzelsitzungen von den Betroffenen selbst bloßlegen und wahrnehmen lassen. Es ist ein ungemein peinliches, äußerst schmerzvolles und zermürbendes Unterfangen, leider aber das einzige, das sich rühmen darf, zumindest mittelfristig haltbare "Genesungsresultate" erbracht zu haben. Auch wenn der Prozentsatz der „Genesenen“ scheinbar entmutigend niedrig ausfällt, so ist die Therapie dennoch in jedem Fall einer klinischen Entgiftung ohne Nachbehandlung oder einer Behandlung mit Ersatzdrogen vorzuziehen.

Die Entgiftung allein schafft keine Einsicht für die Betroffenen. Ersatzdrogen mögen vordergründig wirksam sein, sie sind aber nur wackelige Krücken um im Alltag den gestellten Mindestanforderungen zu genügen, dem Abhängigen und seiner Umwelt den Anschein zu vermitteln, wieder „gesellschaftsfähig“ und „arbeitstüchtig“ zu sein. Der Patient wird auf ein funktionnierendes Subjekt reduziert, um seiner Rolle in der Gesellschaft wieder einigermaßen gerecht zu werden. Durch die Ersatzdroge wird seine Abhängigkeit gefestigt, der Zustand des Süchtigseins aufrechterhalten und der Ausstieg "bis auf weiteres" hinausgeschoben, ... in der Hoffnung auf ein Wundermittel? Das Menschsein als solches wird damit definitiv begraben. Die Argumente für die Ersatzdroge klingen lediglich human, sind aber weit entfernt davon, es wirklich zu sein. Die Ursachenbekämpfung wird durch die Verabreichung so genannter "nicht halluzinogen" wirkender Ersatzdrogen zugedeckt, zugeschüttet und wird zwangsläufig immer schwerer wieder aufzugreifen sein.

Die Ursachen liegen nicht im Suchmittel oder der Sucht selbst. Die schlafen so zusagen in jedem von uns, denn jeder ist latent gefährdet, sei das nun, um stofflichen oder nicht-stofflichen Suchtmitteln zu verfallen. Sucht heißt nicht allein von pflanzlichen oder chemischen Präparaten abhängig zu sein. Die Sucht schließt kein Mittel aus. von der stofflichen Droge über die "Einbildung"(unbewusste Autosuggestion) bis hin zu materiellen Alltagsgütern(Esswaren, Gebrauchsartikel und so genannten Unterhaltungsmitteln(Spiel, Computer ...) stehen dem Suchtverhalten alle möglichen Mittel zu seiner Bestätigung und Befriedigung zur Verfügung. Eine Behandlung muss beim Zwangsverhalten und seinen Ursprüngen ansetzen, nicht an anderen Ende der Kette Wenn man die Karre verkehrt herum aufzäumt, schafft der stärkste Bulle es nicht, sie von der Stelle zu bewegen.

Der Helfer wird jeden Moment daran erinnert, was für ein armseliges, labiles und hilfloses Wesen er selbst ist.... weil er mit seiner Moral und seiner Ethik und all seiner Wissenschaften nicht das ersetzen kann, was dem Suchtkranken offenbar auf Lebenszeit verloren ging: die Selbstachtung, die Verantwortung sich selbst und ergo dem Mitmenschen gegenüber.

Darauf haben insbesondere jene sofort eine Kritik parat, die zwar schon am Faden hängen, die Konsequenzen aber noch nicht so richtig kennen. Es gäbe im Verhältnis mehr Suchtkranke, die besser auf sich aufpassten, als es Nicht-abhängige täten, welche sich vielmehr „einen Scheiß um sich selbst und andere kümmern“. Selbstachtung und Verantwortung haben nichts mit "auf sich aufpassen zu tun", sondern mit Selbsterkenntnis und Gemeinschaftssinn. Abgesehen davon stimmt der Vergleich zum Teil, aber nur zum Teil, denn die meisten Suchtkranken sind nicht mehr in der Lage auf sich selbst aufzupassen.

Man kann von allem Möglichen abhängig werden. Überwinden kann man die Sucht auch, aber ablegen – wie einige Betroffene ziemlich „selbstsicher“ behaupten - kann man sie nicht. Sie ist kein alter Schuh, den man einfach so abschafft. Sie ist Bestandteil eines Verhaltensmusters. Dieses sollte man ändern, dann bekommt man die Sucht vielleicht in den Griff. Von Ablegen jedoch kann keine Rede sein.

 Dümmliche Kommentare wie z.B., es läge an jedem Einzelnen selbst, ob er süchtig werden wolle oder nicht, genauso wie es an jedem selbst läge, ob er da wieder herauskomme oder nicht, ...werden allzu oft von Betroffenen selbst geäußert, aber auch von denjenigen, die „nichts mit denen„ zu tun haben wollen. Der Haken ist bloß, dass der Einstieg um vieles leichter ist, als der Ausstieg, der - wie die Betroffenen insgeheim selbst am besten wissen - nur den wenigsten nachhaltig gelingt.

„Wer sich einer Sucht hingibt, beendet diese von alleine, kommt mit ihr klar oder geht an ihr zu Grunde! „  Die tiefere Weisheit dieser kernigen Aussage in Ehren, aber es ist lediglich eine Aufzählung der Möglichkeiten, wobei die erste Möglichkeit diejenige ist, die am allerseltensten gelingt.

"Der Suchtkranke lernt alleine seine Sucht in den Griff zu bekommen, sie zu beenden oder er stirbt dran... nur so wird dem Suchti klar was Sache ist und er kann wirkliche Verantwortung für sich selbst erlangen! „ Nachdem er tot ist, wird ihm wohl kaum noch klar werden, was Sache ist. Die, welchen der Ausstieg nicht gelingt gehen vor die Hunde und einem lebenden "Suchti" wird nicht oder nur äußerst selten klar, was Sache ist, .... nicht mehr in seinem Zustand. 

 

Nackte Tatsachen

Menschen im Entwicklungs- oder Endstadium ihrer Suchtkrankheit zu erleben und mit ihnen noch das retten zu wollen, was rettenswert ist, ist Fäkalienwaten. Angesichts eines dahinsiechenden Suchtkranken nicht angewidert oder abgestossen zu sein, ist reine Selbstüberschätzung. Die Überwindung gelingt nur nachträglich. Wenn man in ihm das eigene Alter-Ego zu sehen bereit ist, ist ein Anfang gemacht. Doch das erfordert ein gerüttelt Maß an Ehrlichkeit mit sich selbst - der Kontakt und Austausch mit dem Betroffenen eine nicht minder direkte und schonungslose Offenheit.

Der Anblick und der Umgang mit eingewiesenen Suchtkranken, die nicht mehr reden, nicht einmal mehr lallen konnten, deren Motorik nicht mehr synchron ist, die so hilflos wie ein Neugeborenes reagieren, weil ihre Aufnahmefähigkeit und ihr Orientierungssinn nachhaltig gestört sind, die stundenlang ununterbrochen masturbierten bis ihre Genitalien  wund sind und bluteten, ohne dass sie sich dessen, was sie tun, überhaupt bewusst werden, deren Darmschließmuskel nicht mehr funktioniert, denen die Haare büschelweise aus der Kopfhaut fallen, die sich selbst verstümmeln ....: liegt es auch an ihnen, ob sie suchtkrank werden wollten oder nicht? Werden diese Menschen noch mit ihren Problemen fertig? Können sie noch selbst entscheiden, wann sie aufhören wollen? Wissen sie überhaupt noch, wie es begonnen hatte? Sind sie sich ihres Lebens überhaupt noch bewusst ?

Bei jeden Zug von einer Zigarette, bei jedem mehr oder weniger harten Besäufnis, durch ein paar stramme Joints oder Crack, durch das Schlucken von Amphetaminderivaten, durch jedes Einnehmen von irgendwelchen Drogen, zu denen auch zahlreiche, rezeptpflichtige, hochgradigen Medikamente (Tranquilizer, Aufputschmittel, diverse Hungerblocker, Anabolika usw ) gehören, werden körpereigene Zellen massiv dezimiert oder in ihren Funktionen gestört. Bei anhaltender Sucht wird dieses Zellensterben zur Kettenreaktion. Sie regenerieren nicht mehr. Die sind weg, futsch, und mit ihnen stirbt auch der Mensch, ... langsam,... Stück für Stück.
 
Einige Suchtkranke glaubten, durch das ersatzweise und kontinuierliche  Einnehmen von Aminosäuren und Vitaminpräparaten, zwecks Proteinhaushalt und als Ersatz für feste Nahrung, den Schaden, den die Gifte ihrem Körper zufügten, begrenzen zu können. Es war für manche ein fataler Irrtum, da die ohnehin beschädigten und geschwächten Organe, insbesondere das Herz, diese geballten Schübe zusätzlich zu den Giften auf Dauer nicht verkraften konnten.

Nicht alle Suchtprobleme enden dramatisch oder mit morbiden Konsequenzen. Nicht alle, aber sicher weit mehr, als der Außenstehende und der Betroffenen gerne wahrhaben möchten.

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