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Angst


 

Die Angst, obwohl wir sie nicht immer emotional als präsent wahrnehmen, ist eine Grundbefindlichkeit und unser steter Begleiter von der Geburt an bis zum Tod. Sie ist als Grundgefühl schlichtweg lebensnotwendig und im intellektuellen Kontext konstruktiv und bereichernd, weil sie in vielfältigen Lebenslagen unseren intellektuellen Horizont durch erkennen und analysieren spezifischer Situationen erweitern kann. Sie ist angeboren, in transzendenter Form im Unbewussten und in unserem kollektiven (neuronalen) Gedächtnis verankert und möglicherweise einem Instinkt gleichzustellen. Sie ist als Grundgefühl einerseits einer unserer wichtigsten Antriebe, bzw. unsere warnende  Bremse, so zusagen unsere „innere Alarmanlage“, sowohl im sozialen Alltag als auch in Bezug auf unser psychisches und somatisches Empfinden und unsere Gemütszustände.

Angst ist immer psycho-physisch, eine Interaktivität von Seele und Körper. Als wahrgenommene Angst bewegt sie uns zu einem entscheidenden Verhalten oder Handeln.  Als Begriff wird sie in zwei Arten unterteilt: die Angst vor unbestimmten Situationen oder Objekten als „Angst“ und die Angst vor bekannten und gewussten Situationen oder Objekten als „Furcht“

Als signalgebende Furcht meldet sie reale oder auch imaginäre (befürchtete, erahnte, erwartete, logisch erfolgende …) Umstände oder Situationen, die wir als Bedrohungen oder als Besorgnis empfinden, bzw. erkennen und ihnen – zurückgreifend auf Erfahrungen -  vermeidend oder vorbeugend entgegenwirken. Als unbestimmte Angst überkommt sie uns durch unbekannte Anhaltspunkte oder Auslöser. Bei gläubigen Menschen mag es die Angst sein, außerhalb der religiösen Geborgenheit zu stehen (nach Augustinus das Getrenntsein von Gott) ähnlich der unbestimmten Angst, des Alleinseins an einem fremden, obskuren und unbelebten Ort. 

Die Angst ist  unmittelbar, ergreift in der Regel immer den gesamten Menschen und versetzt ihn in höchste Alarmbereitschaft. Sie wird durch einen Impuls aktiviert und veranlasst über die Physiologie unseren „Verstand“, für die vorliegende  Situation eine Lösungsstrategie zu entwickeln. Dieser Vorgang ist bei vergleichsweise ähnlichen Anlässen zeitlebens nicht gleich heftig, sondern wird durch den Lernprozess – nach öfteren Wiederholungsfällen – abgedämpft. Die Angst(Furcht) wird dann nicht mehr so alarmierend empfunden, weil das Ziel „bekannt“ ist.  Dies geschieht über den Weg von Erfahrungswerten, die wir aus dem Lernprozess durch vergleichbare Vorfälle oder Umstände sammeln.

Der Alarm(der Angst- und die Furchtauslöser) erreicht unseren Verstand schon als Resultat von Assoziationen, die uns geistig nicht gegenwärtig sind. Der Alarmauslöser fußt auf abgelegten oder vedrängten Erfahrenswerten und gibt die „Warnung“ (die wir als Angst wahrnehmen) vor der möglichen Gefahr an den physischen Körper weiter. Dieser reagiert zuerst physiologisch und dann physisch-motorisch und (rückwirkend) intellektuell auf die psychischen Auslöser.  

Der Prozess, der in einer gegebenen Situation oder einem bestimmten Fall abläuft, ist immer psychophysisch - ein wechselseitiger Austausch an Werten und Informationen zwischen Psyche und Physis - und ist von mehr oder weniger den gleichen und eindeutigen Symptomen begleitet. Diese Symptome sind in der Regel normal, nicht krankhaft und werden durch neuronale Schaltungen in Verbindung mit der körpereigenen Physiologie bewirkt. Dieser Prozess erfasst  das ganze vegetative Nervensystem und  bewirkt durch die Ausschüttung von Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin im Zusammenspiel mit den Nerven und Muskeln die Symptome.

- die Muskeln spannen sich und die Energiezufuhr in die Muskeln wird optimiert zur Vorbereitung einer effektiveren Reaktionsfähigkeit

- die Pupillen weiten sich, die Seh-Gefühls- und Hörnerven werden stimuliert und die allgemeine Aufmerksamkeit erhöht sich

- das Herz pumpt schneller (erhöhter Blutdruck) zwecks Maximierung der Sauerstoffzufuhr ins Gehirn und in der Konsequenz beschleunigt sich die Atmung

- physiologisch bedingte Körperreaktionen wie Zittern (Anspannung, erhöhte Aufmerksamkeit), Schwindel und Schwitzen (indirekt durch eine erhöhte Drüsensekretproduktion)

- verminderte bis stark eingeschränkte Blasen-, Magen- und Darmfunktionen (während und nach einer sehr angespannten Angstsituation sind unkontrollierbare Blasen- und Darmentleerungen mitunter nicht auszuschließen)

- für die Umwelt sichtbare Reaktionen (geweitete Pupillen, Körpersprache, angespannte Körperhaltung …) sowie Veränderungen in der Tonlage beim Sprechen (Heiserkeit, gepresstes, nicht zusammenhängendes oder überlautes Sprechen bis zur Unverständlichkeit)

Letztere Symptome vermitteln der Umwelt den „Hilferuf“, ergo den „sozialen“ Sinn des anormalen Verhaltens.  

Die erwähnten Symptome treten in unterschiedlicher Stärke sowohl bei unbestimmt erlebter Angst, als auch bei der Furcht auf und klingen in der Regel nach Auflösung der Angstsituation (entsprechend der psychischen  Stabilität des Einzelnen) wieder relativ schnell ab. Bei Menschen mit Angststörungen können solche und ähnliche Situationen (Panikattacke, Erschrecken …) nachhaltige Konsequenzen bewirken, u.a. chronische Schmerzen, häufigeres und offensichtlich „unbegründetes“ Herzflattern, Sehschwäche, häufig wechselnde Gemütszustände oder seelischen Störungen (Angstneurosen, manische Depression, Paranoia …) 

Das erste Angsterlebnis 

Unser Leben beginnt mit der und durch die Angst. Das erste, was der Embryo emotional aufnimmt und über neun Monate hinweg kennen lernt, ist, was man allgemein unter "geborgener Abhängigkeit" zusammenfassen könnte. Im Normalfall fehlt es ihm an nichts und er erlebt eine ungestörte Entwicklung. Bei der Geburt, bzw. dem Verlassen der Gebärmutter wird er mit der Welt außerhalb des Mutterkörpers konfrontiert, von seiner bisher intensiv gefühlten Geborgenheit abgetrennt und ins „nicht mehr abhängige Leben“ entlassen.

Dies wird vom Neugeborenen in der Regel mit einem Laut oder einem Schrei und mit offensichtlich wehrhaften Gesten begleitet, die unter anderem dem Zweck dienen, die selbständige Atmung zu aktivieren und den Kreislauf anzukurbeln. Insgesamt zeigt das Neugeborene schon die Angstsymptome, die oben erwähnt wurden.

Sein Verhalten ist eine Reaktion, die ihren Auslöser beim Verlassen der Gebärmutter hatte und sich dann beim Eintritt in die Atmosphäre (so kann man das durchaus bezeichnen) manifestiert. Das Gefühl, welches ihn nun überkommt, ist sein erstes Angsterlebnis, das seine Seele und seinem Körper zum harmonisierenden Leben, bzw. zum Weiterleben außerhalb der Abhängigkeit und Geborgenheit animiert.
Diese Angst bewirkt mindestens zweierlei. Sie bewirkt, dass sein Organismus insgesamt aktiviert wird, fortan selbstständig funktionieren zu müssen. Sie ist aber auch Ausdruck des frühen Bewusstseins, eine Erfahrung, da er mit ihm völlig unbekannten "Dingen" konfrontiert wird. Dieses erste Angsterlebnis bewirkt den Start des eigenständigen, organischen und seelischen Lebens, welches fortan zu einem großen Teil von Angst und Furcht geregelt werden wird.
Die Angst bewirkt einen Schock, vielleicht vergleichbar dem Gefühl, wenn wir abrupt aus einen tiefen Traum gerissen werden, im ersten Moment nicht wissen wo wir sind und ohne ersichtlichen Grund Angst verspüren. Wir verspüren diese Art von Schock dann nur, weil wir in einem Zustand von Welten-Trennung sind, so wie das Baby, das aus einer geschlossenen und geborgenen Welt in die offene, selbstständige Welt entlassen wird.

 

Zusammenfassend darf man behaupten, dass wir ohne diese Angst und diesen Schock nicht leben würden. So genannte sanfte Geburten, alternative Geburten, Unterwassergeburten usw. sind möglicherweise und insbesondere für die gebärende Mutter angenehmer, aber sie verhindern nicht den Schock und die Konfrontation des Embryos mit seinem neuen Lebensraum.
Von außen auf die Schwangerschaft einwirkende Störungen vielfältiger Art, seelische Probleme und diverse Krankheiten der Mutter, ihr allgemeiner Lebenswandel während der Schwangerschaft können vorzeitige Angstgefühle und Schocks beim Embryo bewirken. Sie können von ihm aber nicht erkannt, nicht verarbeitet und nicht artikuliert werden. Unter Umständen werden diese frühzeitigen Angsterlebnisse oder Schocks durch die beruhigende Geborgenheit abgeschwächt, hinterlassen nichtsdestoweniger ihre Spuren im noch relativ unbelasteten Unbewussten des Kindes und können durchaus einen markierenden Einfluss auf spätere seelische oder physische Traumata haben.
Was nach der Geburt geschieht, wie die "natürliche Angst" sich entwickelt, wie sie verzerrt wird, wie sie gepflegt wird, wie sie erlernt wird, ist Sache der Erziehung, der Kultur der Erzieher, der Umwelteinflüsse und der kausal-emotionalen und intellektuellen Entwicklung des Kindes.


Angst und Furcht ( letzteres wird im übertragenen Sinn auch als Respekt verstanden ) sind quasi elementare Ängste. Den Zweifel und die zögernde Unsicherheit könnte man beispielsweise als  Sekundarängste bezeichnen. Die Angst des Embryos während der Geburt ist aber vergleichbar der Urangst.  Die Angst allgemein kommt nicht aus dem Nichts und ist plötzlich da. Sie ist tief verwurzelt in unserem kollektiven Unbewussten und wird bei der Geburt durch das erste Angsterlebnis so zusagen aktiviert und begleitet uns fortan als Alarmsystem ein Leben lang wie eine zweite Haut.

Angst macht uns deshalb bedingt unfrei, weil wir zum Leben und unserem Wohlergehen von ihren Signalen abhängig sind. Konträr dazu, wäre es falsch anzunehmen, dass wir ohne Angst freier wären, bzw. dass uns ohne Angst keine Grenzen mehr gesetzt wären. Letzterer Annahme kann man getrost entgegenhalten, dass wir ohne die uns allen innewohnende Angst überhaupt nicht lebensfähig wären.

 

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