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Philosophen im Porträt 

von Fern Weirich

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 Jean Gebser

 

 

1905-1973

 Jean Gebser, mit vollem Namen Hans Karl Rudolf Hermann Gebser, kam 1905 in Posen(Polen) zur Welt. Sein rastloses Leben war dem des Odysseus, den Gebser als Student sehr gerne las, nicht sehr unähnlich.

Seine Jugend verbrachte Gebser quasi nomadenhaft  in Posen, Breslau, Königsberg, während den Studien im Internat Rossleben und dann in Berlin. Nicht nur der frühe Tod seines Vaters, sondern auch der dauernde Wohnsitzwechsel, die Rast- und Wurzellosigkeit mögen dazu beigetragen haben, dass er das Gymansium noch vor dem Abschluss abbrach und in Berlin eine Bankenlehre machte um  anschließend eine Ausbildung als Buchhändler zu absolvieren. In den Jahren 1924-25 schrieb er sich für einige Semester als Werkstudent an der Humboldt-Universität in Berlin ein, wo er unter anderen bei Romano Guardini lernte. Nach seiner Lehrzeit arbeitete er im Buchhandel und gründete 1926 mit Otto Stomps (1898-1970) in Berlin die Rabenpresse, die von Stomps geführt, 1937 jedoch auf Druck der Nationalsozialisten und wegen finanzieller Schwierigkeiten aufgegeben wurde.

Berlin konnte Gebser nicht halten. Als Vierundzwanzigjähriger lebt er 1931 bereits in Florenz, um 1932 mit einem Freund nach Spanien zu ziehen. Er war mit Frederico Garcia Lorcca befreundet und lebte so zusagen in dessen Dunstkreis bis der Bürgerkrieg ausbrach. Er zog 1937 nach Paris, wo er sich dem intellektuellen Umfeld von Picasso anschloss und Leute wie Malraux und Aragon kennenlernte. 1939, mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges flüchtet der Vierunddreissigjährige Frankreich um sich in der Schweiz, seiner Wahlheimat, niederzulassen. Er wohnte dort an verschiedenen Orten hauptsächlich in der Südschweiz und lernte in Ascona C.G. Jung kennen, wo dieser den Eranos-Kreis begründet hatte (an dem u.a. Rudolph Portmann und Karl Kerényi teilnahmen) und wo am Monte Verità eine internationale Gemeinschaft neue Wege des Denkens und neue Lebensformen erprobten.

In der Geborgenheit seiner ersten Ehe (1947) fand er noch immer keine Ruhe, aber immerhin die Muße, um mit seinem Hauptwerk "Abendländische Wandlung" und "Ursprung und Gegenwart" zu beginnen. 1949 beendete und veröffentlichte er den 1. Band . Von 1950 bis 1952 arbeitete er am 2. Band, der 1953 erschien. Seine Asienreise 1961 fand ihren Nierschlag in "Asien lächelt anders", das 1968 publiziert wurde. „Verfall und Teilhabe“ war sein letztes Werk, das er noch kurz vor seinem Tod abschliessen konnte.

Trotz seiner reichlichen Kontakte mit Wissenschaftlern und Forschern seiner Zeit, blieb er trotzdem weiterhin ein Einzelgänger, der sich nicht über längere Zeit in einer "seßhaften Geborgenheit" wohl zu fühlen schien. Er suchte immer eine gewisse Distanz zu allen Kreisen und Bewegungen zu halten, weshalb seine Sicht der Dinge und sein Werk vielleicht auch frei von Rücksichten, Beeinflussungen und Anlehnungen blieben. Es schien als wolle er seine eigene schöpferische Kraft allein ausbeuten, was auch ziemlich deutlich aus der Lektüre seines Werkes ersichtlich ist: er hat seine geistige Eigenständigkeit bewahrt. Der Preis dafür war wohl seine vergebliche Mühe und die damit einhergehenden tiefe Enttäuschung, der akademischen Welt sein Werk nahe bringen und verständlich machen zu können. Für die akademische Welt seiner Zeit hatte die Infragestellung oder Relativierung der Ratio noch die Wirkung eines Stichs ins Wespennest, "ein erschreckend ketzerischer Gedanke" (Rudolph Hämmerli)

Gebser hatte sich Mühe gegeben, mit seinen Arbeiten auch für die hohen Sphären der Akademie akzeptabel zu sein, die späte Anerkennung seiner Arbeiten, eine Professur an der Salzburger Universität, konnte er aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr antreten. Er starb am 14. Mai 1973 in Wabern im Kanton Bern.

*

 Was vielen entgeht, ist, dass Gebser zuerst Dichter und Übersetzer von Gedichten war, bevor er sich regelrecht in die "Bewusstseinsforschung" hineinkniete. " Er geht wie ein Dichter vor: Er macht sichtbar, indem er die Sprache dafür einsetzt, das, was unsichtbar bleibt, einsichtig – oder in der Sprache Gebsers: durchsichtig zu machen. Das Durchsichtigmachen des Wesentlichen ist seine „Methode“, darin ist er ein Dichter". (Hämmerli)

Sein erstes eigenständiges Werk handelt von dem Dichter Rilke in Spanien. Sein zweites behandelt Garcia Lorca. In seiner Abhandlung über das aperspektivische Sehen greift er gerne auf Picasso zurück.

Als Philosoph wird Jean Gebser mit Begriffen wie aperspektivisch, kulturphilosophisch und mit Attributen wie Kulturwissenschaftler oder Bewusstseinsforscher in Verbindung gebracht. Vor allem aber war er ein eigenständiger und akribisch denkender Mensch. Seine Bekanntschaft mit C.G. Jung und dessen Einfluss wurde möglicherweise überbewertet. Seine bisweilen recht eigenwilligen Interpretationen, seine Ansichten und Werke z.B. über das "Aperspektivische" wurden von einigen als stark „esoteriklastig“ bezeichnet. Diese Kategorisierung oder ein solches Prädikat wird Gebser keinesfalls gerecht.

Karl R. H. Frick gründet seine schon fast peinlich genau recherchierte und dokumentierte, dreibändige Studie, bzw. Abhandlung über die, auf dem Denkprinzip des "magischen"  aufgebauten Geheimwissen und Geheimgesellschaften(1)  auf Jean Gebsers "Ursprung und Gegenwart". "Gebser lehnt die geläufigen Begriffe der Entwicklung und des Fortschritts der Menschheit als veraltet ab, und möchte dafür lieber ein Geschehen der Vor- und rückläufigkeiten postulieren, die ... nach biologischen Begriffen mutierend verlaufen."  Posthume Anerkennung von einem renommierten Forscher und Autor. (Fricks erster Band erschien 1973 in Gebsers Todesjahr.)

Zur Unzulänglichkeit der seinerzeitigen allgemeinen Sicht und Rekonstruktion der Vergangenheit und der kontinuierlichen Enttwicklung sagt Gebser: "Was uns als Kontinuität erscheint, ist nichts anderes, als die von uns in den Geschehensablauf nachträglich hinein konstruierte Reihe von Übergängen, mit deren Hilfe wir dem Geschehen einen logischen, kausalen, determinierten, uns beruhigenden Kontinuitäts-Charakter verleihen“.

Laut Gebsers Definition des Begriffs „Fortschritt“ (Fortschritt ist kein Positivum ... (sondern) ein Fortschreiten, weg von etwas ... ein Weggehen und Sichentfernen ... vom Ursprung) würden wir uns kontinuierlich von unseren Wurzeln entfernen, uns ergo nicht „enfalten“, sondern „nur“ fort-schreiten. Entfaltung hingegen beinhalte Bewusstseinsmutationen, demnach einen Gewinn neuer Dimensionen, neuer Bewusstseinsebenen. Die "Weiterführung" der Evolution habe nichts mit Fortschritt zu tun, da dieser kein Entwicklung aufzeigender Begriff sei und den Mutationscharakter ausschließe.

Diese Definition trifft sehr klar und umfassend den Fortschrittsdrang von heute, der offensichtlich fast blind und frenetisch nach vorne gerichet ist, so dass wir durch ihn immer mehr den Kontakt zu „unserem Anker in der Frühzeit“ verlieren, ein „Anker“, der archetypisch in unserem kollektiven Bewusstsein  eingegraben ist.  und so zusagen die Erinnerung an unsere intellektuelle Evolution darstellt. Diese Erinnerung ist uns nicht mehr schaubar, sondern unverständlich geworden, weil wir durch die Fixierung auf den Fortschritt , unsere Entfaltung, sprich: die, auf „primitiven“ Lernprozessen aufbauende Bewusstseinsentwicklung nicht mehr erfassen, begreifen und nachvollziehen können.

Gebser entwickelte eine eigene analytische Vorgehensweise. Ausgehend von einer auf Mutationen gründenden Bewusstseinsentwicklung, begann er mit der Vergangenheitsbetrachtung und setzte seine Erkenntnisse daraus dem Vergleich mit der  Gegenwart aus. Er unterteilt die menschliche Bewusstwerdung in drei Ebenen: die magische, die mythische und die mentale Ebene. Davor setzt er die archaische Ebene, die zeitlich mit dem Ursprung unserer direkten Vorfahren einhergeht und die „unbewusste“ Zeit umreißt, in welcher der Mensch noch "traumlos schlief", weil er quasi noch kein Unbewusstes besaß, aus dem seine Träume hätten schöpfen können.

In unserer Zeit seien – so Gebser -  deutliche Anhaltspunkte einer neuerlichen Mutation sichtbar und  ein neues, integrales, aperspektivisches Bewusstseins breche sich Bahn. Diese im Werden begriffene Mutation würde in der „Überwindung des Raumes und der Zeit“ kumulieren.

Die Bewusstseinsmutationen, die Zeit als Phänomen und das menschliche Verhältnis zur Zeit, das aperspektivische Wahrnehmen und ergo die Überwindung des dualistischen Denkens und Wertens ziehen sich durch seine Werke wie ein nicht zu übersehender roter Leitfaden, der den Leser auf anschauliche und keinesfalls auf spekulative Art, sondern mit einleuchtenden, mitunter zwingenden Argumenten und Schlüssen durch die "Menschenzeitalter", bzw. durch die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins führt.

Eines seiner Credos könne man wie folgt zusammenfassen: um das Jetzt verstehen zu können, müsse man sich an das Vergangene erinnern können. Erst wenn dieser wichtige Schritt getan sei, könne das Fundament des Jetzt erkannt und das tatsächliche Neue vom scheinbar Neuen unterschieden werden. Nach Gebser unterliegt der Mensch einem Trugschluß, weil er das scheinbar Neue als das wirklich Neue bewerte. Dabei sei es nur eine „maskierte Manifestation“  des Alten. Dieses Philosophem erinnert an u.a. Schopenhauers und Nietzsches Ansichten, dass sich „alles wiederhole“.

Eine Warnung, die schon vor hunderten Jahren andere Philosophen in anderen Worten festhielten, schien nicht beherzigt worden zu sein. Gebser greift sie wieder auf: "... dass wir uns vor jeder wie auch immer gearteten Selbsteinschätzung oder gar Überschätzung hüten müssen; vor allem vor dieser, die durch das biologisierende Postulat einer Höherentwicklung ausgelöst wurde".

 

 


(1)Karl R. H. Frick - Die Erleuchteten(1973) / Licht und Finsternis(1975) / Satan und die Satanisten(1982) - Graz

Rudolph Hämmerli - Jean Gebser  

Jean Gebser - Ursprung und Gegenwart


 

 

Bibliographie

Ursprung und Gegenwart - DVA 1949-1953 - dtv, München 1973

Gesamtausgabe Hrsg. von Rudolf Hämmerli. Novalis, Schaffhausen 1986

The Ever-Present Origin. -  Athens/Ohio, London: University Press 1985

Einbruch der Zeit, (Hämmerli, Rudolf Herausgeber) - Novalis, Schaffhausen 1995

 

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