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Geheimgesellschaften


 

Geheimgesellschaften - Ursprung und Entwicklung 

von Fern Weirich

Copyright  2004


1. Verbannung aus dem Paradies

Das was man unter paradiesischen Zuständen verstehen könnte, wäre allenfalls eine bedingte Koexistenz zwischen Mensch und Umwelt. Diese oft beschworene "friedliche Koexistenz" sowie "das gesichterte Auskommen" der nacheiszeitlichen Menschen und der Mesolythiker wird im Mythos - zum Beispiel in den Schilderungen des antiken irischen Historikers Tuan MacCairill (500-800 n.u.Z ?) mit anderen Worten ausgedrückt. Entsprechend MacCairill hatten die damaligen Einwohner Irlands (und Britanniens) alles. "Sie setzen ihren Verstand nicht ein. Sie brauchten sogar keinen". Jean Gebser drückt sich mehr als tausend Jahren später genauer aus, ohne freilich dem Statment MacCairills damit Abbruch zu tun, ihn im Gegenteil sogar zu bestätigen.

 Wer entsprechend MacCairill keinen Verstand "brauchte", lebte in gewissem Sinne "glücklich und zufrieden", denn er hatte keinen Grund, sich Gedanken über das Morgen zu machen. Er hatte womöglich keine Feinde, da es ihm und seinen Mitmenschen im Grunde genommen und entsprechend ihrem Bewusstseinsstand an nichts fehlte. Das was wir heute als Feinde oder Gefahren definieren, kannten die Menschen damals nicht - sie lernten es erst. Jene Zeiten werden von Gebser die "archaische Zeitspanne" genannt, als die Menschen ihre erste Bewusstseinsstufe erlebten, jene Zeit die der "magischen" vorausging, in der die Götterwelten gebildet wurden und die Menschen überwiegend von ihren Vertrauensmitmenschen, den Magiern und Schamanen geleitet, beraten und nicht selten auch hinters Licht geführt wurden.

Warum die Menschen von heute sich schwer tun um diese alten Zeiten mit ihren mystischen wie auch mythologischen Hintergründen richtig zu verstehen, liegt daran, dass ihnen das "magische Denken" - obwohl ein archetypischer Bestandteil eines jeden von uns - weitgehend unverständlich geworden ist und sie die, auf "primitiven" Lernprozessen aufbauenden Denkprozesse nicht mehr erfassen, begreifen und ergo nachvollziehen können.
Gebser unterteilt die menschliche Bewusstwerdung in drei Ebenen: die magische, die mythische und die mentale Ebene. Davor setzt er die archaische Ebene, die zeitlich mit dem Ursprung unserer direkten Vorfahren einhergeht und die "unbewusste" Zeit umreisst. Die allgemeine Sicht der Vergangenheit oder der Kontinuität ist laut Gebser: "nichts anderes als die von uns in den Geschehensablauf nachträglich hineinkonstuiere Reihe von Uebergängen, mit deren Hilfe wir dem Geschehen einen logischen, kausalen, determinierten, uns beruhigenden Kontinuitäts-Charakter verleihen".Laut Gebsers Definition des Begriffs "Fortschritt" (Fortschritt ist kein Positivum ... (sondern) ein Fortschreiten, weg von etwas ... ein Weggehen und Sichentfernen ... vom Ursprung) entfernen wir uns kontinuierlich von unseren Ursprüngen indem wir Bewusstseinsmutationen durchleben, uns ergo "enfalten". Entfaltung ist demnach ein Gewinn neuer Dimensionen, neuer Bewusstseinsebenen und hat in dem Sinn nichts mit Fortschritt zu tun, da dieser kein Entwicklung aufzeigender Begriff ist und den Mutationscharakter ausschliesst.
Diese Definition trifft ziemlich umfassend den Fortschrittsdrang von heute, der offensichtlich nach vorne gerichet ist, so dass wir durch ihn immer mehr den Kontakt zu "unserem Anker in der Frühzeit" verlieren. Die Spekulation ist ergo ein mehr oder weniger fantasiereiches Herantasten an eine verlorene oder verschüttete Vergangenheit. Die uns aus alten Zeiten erhaltenen Schriften und Zeugnisse können - wenn auch nicht inkorrekt - nur defizient sein, so dass die Ergänzungen und Verbindungen, die wir nachträglich hineinbauen allenfalls logische, kausale und rein theoretische Füller sind, einmal von jenen "Theorien" abgesehen, die der Enthüllung jener archaischen Zeit keinen Gewinn bringen, sondern den Autoren allenfalls Tantiemen und den gläubigen Lesern eine noch zusätzlichere Verwirrung.
Die archaische Ebene war eine Phase der Gegenüberlosigkeit für die damaligen Menschen, eine Zeit ohne Dualitäten, ohne Dualismus - eine Zeitspanne, in der die Umwelt und das Selbst erst entdeckt werden mussten. Diese Sicht der frühen Zeiten lehnt den Begriff "primitiv" selbstredend kategorisch ab, da er eine selbstgefällige Projektion der heutigen Menschen darstellt. Der damalige Mensch musste sich zuerst aus der Gesamtidentität, in der er sich eingeschlossen sah, befreien um ein Einzelner, eine Unität mit einer eigenen Identität werden zu können.
Die archaische Zeit umreist m.M.n. ziemlich treffend die allegorisch dargestellten "paradiesischen Zeiten", in denen der Mensch noch unbewusst, sozusagen noch schlafend nicht imstande war die Welt als zusammenhängendes Ganzes, bestehend aus Unitäten wie ihm selbst zu definieren. Es war wohl eine Zeit des "Zu-falls" (von wo uns evtl. auch dieser Begriff überkommt) in der dem Menschen tatsächlich alles nur zu-fallen konnte und zu einer im Gesamterlebnis sinnreichen und wirksamen Gültigkeit wurde.
Alles stand jederzeit in Bezug zu einander. Allein, das noch nicht zentrierte Ich des damaligen Menschen erfasste die Zusammenhänge nur durch die Entfaltung seiner selbst im Zusammenspiel mit der Gesamtenfaltung. Bevor er sich solcher Begriffe oder Werte wie beispielsweise "feindich und freundlich" gewahr wude, stand alles unter einem Einheitsbegriff - Natur, Mensch und Tier lebten in einem bedingten Einklang. Die Welt war in der gleitend mutativen Entfaltung begriffen und wie es heute auch noch gerne dargestellt wird, "in Ordnung".
Der Uebergang von der archaischen in die magische Zeit war nicht sprunghaft. Die Menschen entfalteten ein Wissen zu ihrem Leben, das anfänglich noch fatal angesehen wurde und ihre derzeitiger Bewusstseinsstand ermöglichte es ihnen noch nicht, langfristige Zielsetzungen ins Auge zu fassen. Mit romantischen Augen betrachtet, waren dies Zustände und Umstände die an das biblische Paradies erinnern.
Was kann eine solche "Harmonie" - die parallel zu der gleitenden Bewusstseinsentwicklung gelebt wurde - "zerstören" ? Etwa der Mensch, dem "es ja an nichts fehlt und der aufgrund seines Bewusstseinsstandes keine Gedanken wie Habgier oder Neid u.dgl.m. hegt" ? Ja ! Dadurch, dass er die "Macht" als Mittel erkennt. Die tragische Verwicklung des Kämpfenden mit dem ihn Bekämpfenden zeigte den Weg aus dem Paradies, aus dem Unwissen hinaus, was gleichsam der achaischen Zeit ein Ende setzte. Um das Tier (die Angst vor dem Gegenüber) zu besiegen (die Angst zu bannen), das (die) ihn bedroht, macht er sich in der Verkleidung jenes Tieres auf um es zu besiegen, oder er imitiert es und erhält somit Macht darüber. Er wechselte durch den Lernprozess gleitend von seiner unbewussten in die bewusste Zeit hinüber. Er lernte analog denken und handeln. Er hatte die Macht kennengelernt - er hatte in den "Apfel der Versuchung" gebissen und er lernte schnell. Das Paradies war "zu Ende", oder - um es in biblische Worte zu fassen - die Menschen wurden "hinausgejagt, und mußten nunmehr im Schweisse ihres Angesichtes ihr tägliches Brot verdienen".
Ein weiterer Aspekt mochte eine Naturkatastrophe gewesen sein, die ihn im Zusammenwirken mit seiner geistigen Mutation wie einen alles zerstörenden und gänzlich unerwarteten, weil unbekannten Blitzschlag gnadenlos an den Rand seiner Existenz brachte, ihn binnen kürzester Frist vor vollendete Tatsachen stellte, ihn aus seinem "unbewussten Dasein" in ein Leben der totalen Verunsicherung und größten Not und Angst katapultierte. Nichts war mehr wie vorher. Das wenige Bekannte war zerstört, ausgelöscht. Keiner kannte die Alternative, weil es vorher in der unbewussten Phase nie einer Alternative, eines Ausweges bedurft hatte.
Alles war bisher fatal gewesen: für das Verständnis des damaligen Menschen sozusagen "normal". Nichts war mehr gegeben, alles mußte neu geschaffen werden. Die paradiesichen Zeiten - die Zeiten, als diese Menschen ihren Verstand "nicht brauchten" waren definitiv vorbei. Ein solcher Einbruch und die ersten existentiellen Erkenntnisse in bezug auf das individuelle Leben und das kollektive Dasein, mußte Folgen haben: Chaos als Gegensatz zum Paradies: die Kausalkette machte sich bemerkbar. 
Die Not machte erfinderisch und gebar nicht nur Gutes. Die Diversifikation begann und mit ihr alle denkbaren Varianten. Das Bewusstsein entfaltete sich an den Umständen, die es auszunutzen galt oder die gemieden werden mussten. Erste Gegensätzlichkeiten bildeten einen frühen Dualismus, der dem Menschen die Umwelt in einem anderen Licht zeigte. Phänomene wurden zu Kräften, die man als Gottheiten fürchtete oder verehrte. Die Sonne und der Mond erhielten eine metaphysische Bedeutung, genau wie das Wasser und die Erde. Der Ansatz zu einer religiösen und kultischen Tradition war gegeben, die ersten Mythen entstanden und mit ihnen die ersten Führernaturen, die frühen, archaischen Schamanen als Vermittler zwischen (über)natürlichen Kräften und Phänomenen und den von ihrer Überzeugungskraft(macht), ihrem Willen und Unwillen abhängigen Menschen. Sie waren gleichsam die ersten Geheimnisträger und Begründer der Geheimkulte.

Geheimkulte und Geheimbünde

Die Weltanschauungen, Religionen, Ideologien und die Politik, die noch um die vorletzte Jahrhundertwende herum Europas Menschen aufhorchen ließen, bzw. mit neuen großen Versprechungen angetreten waren, haben - wenn wir kritisch Bilanz ziehen - bis heute wenig verändert und auf die eine oder andere Weise nicht das gehalten, was zuvor mit großen Worten angekündigt oder versprochen ward. Der Rationalismus hat offenbar beim Menschen den Sättigungsgrad überschritten, die Entwicklung und die Erkenntnisse der Wissenschaft und Forschung haben den Alltagsmenschen überrannt, überfordert und mit sich allein zurückgelassen. Zwei der Reaktionen auf die nicht umgesetzte, weil ehedem schon illusorische Verheißung sind Unzufriedenheit und Zynismus, aber auch ein neuer Hunger, den der enttäuschte Bürger mit überkommenen Menüs zu stillen versucht.
Die von ihren geistlichen und politischen Führern enttäuschten und vernachlässigten Menschen suchen nach anderen, neuen-alten Werten und kompensieren die ihnen abhanden gekommene Erfüllung willig und vorschnell mit dem emotionalen Stillen ihrer seelischen und geistigen Bedürfnisse. Die Enttäuschungen werden - wie wir spätestens seit den Siebzigern des vorigen Jh. wissen - mit einem offensichtlich emotionalen, romantischen und nostalgischen Streben nach einer gewissen Erfüllung, einer vergeistigten Dimension kompensiert, oder schlicht verdrängt. In die elektronische Technologie, die medizinische und sonstwie wissenschaftliche Praxis oder Denkweise des 20. und 21. Jh. mischen sich esoterische Lehren, metaphysisch anmutende Heilsversprechungen und mittelalterliche Glaubensrichtungen.
Die Abstumpfung und Verrohung korsiert den Menschen wie einen Panzer, dahinter freilich verbirgt sich ein starkes Bedürfnis nach etwas Heiligem - eine Sehnsucht oder Wehmut nach einer vermeintlichen Geborgenheit. Das Streben danach verheißt Befreiung und entwickelt sich in zunehmender Weise zu einer raumgreifenden Bewegung, entsprechend dem Muster einer religiösen Suche nach Erweckung. Die Menschen suchen nach etwas, an das der Einzelne wahrhaftig glauben und dem er sich unbesorgt hingeben kann. Bei vielen regt sich der Wunsch nach einer gütigen, weisen und gerechten Figur, einer Gestalt, die der eines Priesterkönigs nach dem Abbild eines allmächtigen Monarchen sehr nahe kommt und dem die enttäuschten und desillusionierten Menschen sich vertrauensvoll unterordnen würden. Dies mögen die Ursachen sein, die dem Wiederaufkommen, bzw. Neubeleben von Anachronismen wie dem alten heidnischen Glauben, den Dämonen und anderen Geistwesen, den Mysterien, den Orden, Logen und Geheimbünden nicht bloß Vorschub leisten, sondern ein Terrain aufbereiten, das heute noch ungleich fruchtbarer ist, als zu jenen Zeiten, als die ursprünglichen Mönchsorden, Maurerhütten, Rosenkreuzer-, Illuminaten- und Druidenorden, Saturnianer und Satanisten nebst anderen Gesellschaften schon wie Unkraut aus dem Boden wuchsen.
Sekten, Kulte und Orden präsentieren sich heute im Internet in ständig zunehmender Zahl und erleben eine neuerliche Blütezeit, ähnlich der des auslaufenden Mittelalters bis hin zu der sich langsam einleitenden Reformzeit. Zu dem Erfüllung verheißenden, neu entdeckten oder wiedererweckten Okkultismus gesellt sich das prickelnde Mysterium der ihr vorangegangenen Magie als gelebte Gnosis und die antiken, mehr oder weniger nach freimaurerischem Muster aufgebauten Geheimbünde und Geheimkulte stehen wieder hoch im Kurs. Zu ihnen gesellen sich die neuzeitlichen Bünde, umgeben von einer kaum geringer starken Aura des Mysteriösen und Verschwörerischen als ihre antiken Vorgänger.
War es ehedem die höfische Ritterliteratur des 12.-14. Jh., die in der mittelalterlichen eine Pseudo-Welt der weisen Magier, der unerschrockenen Helden, der edlen Damen, der gerechten Könige und der gottesfürchtigen und keuschen Kleriker schuf, so sind es heute u.a. die van Helsings und die Browns, die die Massen nicht nur begeistern, sondern - wenn auch nicht bei van Helsing, so doch bei Brown ohne Absicht und vielmehr der Tantiemen wegen - in ihrer frenetischen neu belebten Gralssuche unterstützen und (wie schon zuvor die Schreiber genannter Jh.) mit halbherzigen, teils historischen, teils mythologischen und offensichtlich auch erfundenen Geschichten auf ihrer Suche nach der ultimativen Erfüllung beflügeln.

Erleuchtete Mysterienträger

Während beispielsweise solche Orden wie die Templer, die Katharer, die Rosenkreuzer, die Auserwählten Priester Coëns oder die Freimaurer entweder vergessen, bzw. sattsam bekannt sind, so tauchen die Illuminaten - so esoterisch-gnostisch-alchimistisch ihre Vergangenheit auch gewesen sein mochte - trotz eines Verbots und ihrer Auflösung und Verstreuung zu Beginn der französischen Revolution immer wieder und wundersamerweise aus der Versenkung auf.

 Fehlgeleitete Imitatoren und romantische bis pseudo-umstürzlerische Trittbrettfahrer sorgen mit ihren schlecht gemachten Plagiaten für die Unsterblichkeit der seit jeher wahrscheinlich maßlos überschätzten Illuminaten. Ihr Name ist heute Synonym für Intrigen, Verschwörung, Manipulation, Ausnutzung, Machtgier und Streben nach Weltherrschaft. Als populäres Thema belegen sie bei den zahlreichen Gläubigen (an den Gott aller Verschwörungen) den absolut obersten Rang. Einige Vereinigungen oder Gemeinschaften der Neuzeit, wie u.a. der Rat der 300, die mysteriöse und integral erfundenen Prieuré de Sion, die Skulls and Bones, das Opus Dei und die Bilderberger stehen den Illuminaten in deren Popularität in nichts nach, entbehren aber jenes gewissen Parfums, das eben nur die Mystik des Mittelalters vermitteln kann.

Nichtsdestoweniger umgibt die "Neuen" das penetrante Fluidum des intriganten Geheimnisvollen, des politisch Korrupten, des Verwerflichen und weltwirtschaftlich Verschwörerischen - jenes Etwas, das sowohl zum Stoff zahlloser Thrillerromane als auch mysterienüberladener Filmprodukte herhalten musste.

Allein, so richtig geheim und mysteriös waren jene antiken Orden und Bruderschaften eigentlich nie. Allenfalls ihre Interna blieb der Außenwelt zum Teil verborgen, derweil die Orden nach außen hin durchaus relativ bekannt waren, ja sogar Wert darauf legten, zumindest um in den oberen Schichten des Adels, der Politik, des Klerus und der Intelligenzia der damaligen Naturwissenschaften zum Gesprächsstoff zu gehören. Ihre Verästelungen waren dicht gewachsen und erstreckten sich europaweit. So darf es nicht wundern, dass man allenthalben dieselben okkulten Persönlichkeiten in der Neuen Welt, in Südfrankreich, London, Berlin und Dresden, Petersburg und Cairo in verwandten oder befreundeten Orden, abgespaltenen Logen oder neu gegründeten sowie "altehrwürdigen" Hochgraden oder freimaurerisch-rosenkreuzerischen Bündnissen als meist hochrangige Mitglieder oder ranghöchste Ritter, Meister oder Oberdruiden wieder begegnet. Betrachtet man die damaligen Ordensverästelungen aus einer gewissen Distanz, so mutet ihre Gesamtstruktur an wie ein heillos in sich selbst verworrener Filz, aus dem einige wenige Macher wie prominente Larven hervorstachen und sich selbst zur Geschichte erklärten.


2. Dualität und Tabu
Es ist unerheblich in dieser Abhandlung spezifisch auf die in den Nomenklaturen der Religionswissenschaftler als mono-, poly-, oder pan-theistisch definierten Begriffe und Themen oder auf die gemäß diesen Religionsformen lebenden Ethnien einzugehen.Die Wunschträume der Menschheit - gottgleich zu sein oder ihrem Gott oder ihren Göttern so nahe wie möglich zu kommen, z.B. durch Ritus und Ekstase, durch den Gebrauch von Drogen,- finden sich überall auf der Welt und in allen Zeiten und Epochen, in allen Kosmogonien und Religionslehren. Eine oberste Instanz gibt es in allen Weltanschauungen: ein allerhöchstes Wesen, ein Ur-Vater oder eine Ur-Mutter, den Urgrund oder das alles auflösende Nichts.
Diese und sicher noch andere Begriffsvarianten bezeichnen gleichermaßen den in außerweltlichen Händen ruhenden Anfang und das Ende allen Lebens - die religiös-eiserne Urfassung des Gegenübergestellten, die den Menschen praktisch seit seiner Existenz wie ein Gespenst begleitet, nach der er seine eigene Lebensphilosophie und sein irdisches Wandeln und Handeln ausrichtet und an der er seine Maßstäbe festlegt: normal und anormal, gut und böse, gerecht und ungerecht, schön und hässlich, nutzvoll und unnütz ? Diese primitive Form der Dualität findet sich weltweit in allen Kulturen.
Anschaulich darstellen, kann man sie anhand eines Geheimbundes aus sehr frühen Zeiten, der auf den nördlichen der Neuen Hebriden und den Banks-Inseln angesiedelt war: die Suque. Ein Geheimbund, der - so paradox das anmuten mag - eigentlich keiner war, da er die Philosophie einer Minoritätengesellschaft darstellte. Wegen seiner Regionalisierung und wegen der freiwilligen Abschottung der dort lebenden Menschen von den anderen, kommt ihm jedoch der Status eines geheimen Bundes, einer separaten Gesellschaft in einer anderen zu - zudem war die Aufnahme in die Suque gewissen Regeln unterworfen, die wir aber hier nicht besonders erwähnen werden.
Die Suque war ein Bündnis, das in sich schon gegensätzlich ausgelegt war, da es sowohl den Jenseitsglauben als auch das profane irdische Machtstreben beinhaltete und eines in Abhängigkeit zum anderen stand. Dieses, einem doppelten Ziel gewidmete Streben illustriert sich an zwei Begriffen: dem Mana und dem Tabu. (Mana > unpersönliche übernormale Kraft, die ausnahmslos allem, den leblosen wie lebenden Dingen, dem Gedanken wie dem Wort zugemessen wurde: die absolute positive Kraft - Tabu > genau die gegenteilige, schädliche Kraft, der man ausweichen und die man grundsätzlich ablehnen musste. ) Beide Begriffe symbolisieren auf klassiche Art das Gute, das Unerlässliche um gottgleich zu werden und das Böse, das Zu-vermeidende, das einen immer weiter von dem Göttlichen entfernt.
Beide Begriffe finden wir in unserer Kultur im übertragenen Sinn wieder: das biblische Mana für das von Gott auserwählte Volk zu seiner "Stärkung" und das Tabu, als das Unsagbare, das Zu-verheimlichende, das "Zu-vermeidende", welches den Menschen schwächt. So wie es den Manabewussten ein besonderes Anliegen war, soviel Mana als irgend möglich um sich zu sammeln und das Tabu so wirksam wie möglich abzuweisen, so mag im übertragenen Sinn auch das Streben des archaischen Schamanen ausgerichtet gewesen sein, wobei aber anzunehmen ist, dass sich sein Streben nach Göttlichkeit oder seine Annäherung an das Göttliche nur auf geistiger Ebene abspielte. Auch wenn er dazu die als machbar geglaubte Entmaterialisierung seines irdischen Körpers anstrebte, die totale Askese praktizierte und die Erhitzung zur Ekstase benutzte oder ggf. bestimmte Rauschmittel zu sich nahm, so ist nicht überliefert, dass dem Schamanen irdische Macht oder Reichtum als Ziel seines Strebens vornan gestanden hätten. Der Schamane symbolisiert viel eher den geistigen oder geistlichen Mittler zwischen den Menschen und dem Göttlichen. Die entkörperte, vergeistigte Annäherung an das Göttliche brachte ihn der Überlieferung gemäß in die Lage, das Göttliche zu schauen, zu verstehen und den Menschen den göttlichen Willen zwecks ihrer Lebensorientierung zu vermitteln.
Dieselbe oder eine sehr ähnliche Praxis mögen die keltischen Druiden, die fernöstlichen Fakire, die haitianischen und afrikanischen Vodupriester und die indianischen Medizinmänner angewandt haben. In den frühen Zeiten der Menschheit, im so genannten Heidenzyklus, mögen die geistigen und geistlichen Führer der Menschen den schamanischen Weg gegangen sein, mit dem Ziel ihre Seele zu befreien, mit der Ur-Göttin oder dem Ur-Gott eins zu werden, sich mit dem Unendlichen, dem Universellen zu vereinigen und unsterblich, bzw. wiedergeboren zu werden. Göttliche Allmacht, Unsterblichkeit und Reinkarnation waren seit jeher das Wunschstreben der Menschen des Altertums und sind es - wenn auch nur selten noch in der archaischen Form sondern eher symbolisch, aber nicht minder anspruchsvoll - noch heute.
Das Wissen und die Praxis dazu war gelebte und praktizierte Gnosis, wurde als Geheimnis bewahrt und war nur den Auserwählten Novizen nach bestandener Eignungsprüfung und danach auch nur stufenweise zugänglich. Diese Gnosis entfaltete sich zu einer geistigen Bewegung, die ausnahmslos in fast allen nahöstlichen und okzidentalen, ideologischen und religiösen Gemeinschaften zu finden ist. Die Menschen, die diesen Weg des Annähernd-Göttlichen eingeschlagen hatten und glaubten, die dadurch verbundene höchste Erkenntnis errungen zu haben, bezeichneten sich selbst als Auserwählte, als Eingeweihte, als Erlöste, als Weise oder Magier - sie waren "die von der höchsten Erkenntnis Erleuchteten". (lat: Illuminates - franz: illuminés - span: Allumbrados - ugs. deutsch: Illuminaten usw) Sie sahen sich als die Wissenden um all das, was unseren Sinnen nicht zugänglich oder verborgen ist. Sie glaubten die Grenze zwischen der irdischen Erfahrung und der metaphysischen Ebene überschritten zu haben und behaupteten, sich mit transzendenten Problemen und Erscheinungen, dem Schauen der Autre Monde (Anderswelten, Nirwana, die ewigen Jagdgründe, Himmel und Hölle ?), dem Schauen der Schöpfung und dem Umgang mit Geistwesen und Dämonen und dem Unendlichen Nichts auszukennen und sie seien imstande, auf diesen Ebenen zu verkehren. Diese Menschen wurden viel später im Mittelalter als Okkultisten bezeichnet, zu einer Zeit, als diese Namensgebung noch keine pejorative Beeinflussung erlebte hatte, sondern Synonym war für alle Lehren und Glaubensbekenntnisse im weitesten Sinn: das Okkulte, der Okkultismus und die eklektischen Formen der Gnosis. (siehe hierzu auch: Gnosis)

Gewerk und Metaphysik

 
Im Zusammenhang mit dem Okkultismus und den Geheimlehren sollten wir von vorneherein zwei Kategorien von Geheimbünden unterscheiden: die profanen und die metaphysisch ausgerichteten Bünde. Beide unterscheiden sich sicher nicht in der Ernsthaftigkeit der Geheimhaltung bezüglich ihrer Zielsetzungen, wohl aber in den Definitionen ihres Strebens. Dass sich die profane steinmetzerische Bewegung sozusagen "auf halbem Wege" mit einer okkult ausgerichteten, freimaurerisch-rosenkreuzerischen Bewegung "traf", liegt meiner Einschätzung nach in der Entfaltung des menschlichen Strebens nach Höherem.
Die Freimaurer in ihrer filzigen und nur schwer durchschaubaren Struktur stehen heute da, als der Geheimbund par excellence, der alle Stürme der vergangenen Jahrhunderte, Jahrtausende überdauerte - ein anschauliches Beispiel, wie Profanes sich mit Okkultem vermischen und in ihm aufgehen kann.
Als profane Geheimbünde - ehedem die Gilden, Hütten, Hansen und u.a. die Femen - möchte ich solche bezeichnen, die, obwohl sie auch dem Geheimnis verpflichtet waren, sich vornehmlich praktischen - den Stand, das Handwerk oder solchen Werten wie die Gerechtigkeit betreffend - in ihrem Sinne nutzbringenden und die "causa" schützenden Zielen und Zwecken verpflichtet sahen.
Ohne tiefer auf die weitere Entwicklung der profanen Geheimbünde eingehen zu wollen, sei noch erwähnt, dass die heutigen Gewerk-Schaften und Berufs-Kammern weiterentwickelte, bzw. der ökonomischen Entwicklung angepasste "Kinder" jener frühen profanen Geheimbünde sind.
Die philosophisch-metaphysisch ausgerichteten Geheimbünde haben sich quasi parallel zu den öffentlichen großen Religionen entwickelt. Die Glaubenslehren beider waren in ihren Anfängen wohl alle mehr oder weniger geheim. Aufgrund ihrer Wirkung kann man sie allerdings in zwei Kategorien einteilen: die mit dem Charakter einer expansiven und exoterischen Ausrichtung (z.B. die heutigen Weltreligionen und Sekten) und die nichtexpansiven, esoterischen und streng geheim gehaltenen Lehren, die eher auf eine Elitebildung abzielten, als dass sie die Allgemeinheit angesprochen hätten. Dass sich in der ersten Kategorie die zweite oft wieder findet, entspricht den Strömungen innerhalb der Glaubenslehren und dem Streben Einzelner, z.B. eine innere Elite (im alten Christentum z.B. die Bildung der Mönchsorden, die Aufspaltung des christ-lichen Glaubens und für die Neuzeit das Opus Dei) heranzuziehen, bzw. aus der Masse herauszubilden.
Die heutigen Vertreter und Wahrer der expansiven Glaubenslehren, ergo der großen Weltreligionen überkommt eine schwere Erbschaft, nämlich die nicht mehr zu tilgende Schuld ihrer Vorgänger, die die heutige Priesterschaft durch ihre Funktion und Verantwortung innerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft mit zu tragen hat. Abermillionen von Menschen mussten in der Zeit der Entwicklung und Erweiterung jener Religionen ihre Leben lassen, weil sie andere Ansichten vertraten. Die implizierten Priesterschaften, denen seit den Anfängen bis zur Reformationszeit - und auch noch heute durch die religiös-politischen Vernetzungen - auch die weltlichen Potentaten trotz all deren Macht unterworfen waren, bzw. durch persönliche oder weltanschauliche Bande mit der Priesterschaft in einem Abhängigkeitsverhältnis standen, haben ihre vordergründig dem Weltfrieden gewidmete Religion mit den Mitteln der Gewalt durchgesetzt. Wie wir rückblickend nachweisen können, haben diese Heilsverkünder und "göttlichen Auserwählten" durch ihre aggressiven Missionsarbeiten die Erdbevölkerung in eine seitdem andauernde Glaubenskrise und konsequenterweise in einen immer wieder aufflammenden Kulturkampf gestürzt.
Die als geheim eingestufte zweite Art der Glaubenslehren - obgleich sie unter gleichen Umständen entstand wie die großen Religionen - hatte für die Menschen eine wesentlich ungefährlichere Auswirkung, da sich ihre Mysterien größtenteils auf die Interna der Bünde bezogen und der Außenwelt unerreichbar gehalten wurden. Sie betrafen in ihrer Vielfalt und ihrer Zielsetzung ausschließlich die in den geheimen Orden organisierten Mitglieder und reflektierten allenfalls im Wirken der Mitglieder auf die Außenstehenden. Die geheimen Gesellschaften haben aber nie die Macht und/oder den Anspruch gehabt, durch geistige oder physische Manipulation oder sonst welchen Druck auf die außen stehenden Menschen einzuwirken. Der Zutritt zu einem Bund war in der Regel ein freiwilliger, ein Suchen des einzelnen Interessenten nach einer Gesellschaft, deren Zielsetzungen mit seiner eigenen Weltanschauung und seinen Zukunftsvisionen konform gingen, oder deren Ziel und Regeln er sich - aus welchen Gründen auch immer - freiwillig unterwerfen wollte.
Die Geheim-haltung der Zielsetzungen hatte - paradoxerweise zu der heutigen Meinung - eine durchaus weniger menschengefährdende Auswirkung als die öffentlich vorgetragenen, expansiven und mit allen erdenklichen Mitteln durchgepeitschten grossen, ironischerweise ihrer Werbung nach "weltvereinenden" Religionen. Dass die Geheimbünde und ihre geheimen Lehren trotzdem einen, wenn auch indirekteren Einfluss auf das historische und kulturelle Geschehen hatten, kann nicht geleugnet werden. Liest man die mittlerweile bekannten Mitgliederlisten und nimmt man sie als wahrheitsgetreu an, dann war der Einfluss der Geheimbünde durch die Personen ihrer Mitglieder (Adel, Politik, Literatur und Kunst, Wissenschaften, Klerus usw.) durchaus gegeben, auch wenn heute im Sog der Verschwörungsmanie dieser Einfluss sicherlich maßlos überbewertet und um der Sensationslust wegen künstlich hochgespielt wird.

In vertrautem Kreis

Geheime Gesellschaften, die als Wahrer so genannter geheimer Lehren galten, sind so alt wie unsere Kultur. Das zu wahrende Geheimnis war ein esoterisches, sinngemäss ein nach innen zu gerichtetes Wissen oder Können, das um seiner selbst und um des Schutzes der Ausübenden Willen, der Aussenwelt gegenüber verborgen bleiben musste. In der Regel bestanden die Geheimnisse aus einer religiösen, philosophischen oder handwerklichen Spekulation, die nur dem Eingeweihten, dem Insider (dem Esoteriker) zukommen, dem Outsider (dem Exoteriker) aber geheim bleiben musste. Die Mythologie, aber auch die alltägliche Arbeitspraxis liefern uns frühe Beispiele solchen Wissens und solcher geheimer Lehren.
Als meisterliche Wahrer ihrer Geheimnisse kann man ohne Zweifel die keltischen Druiden anführen, die - obwohl in vielen Fällen durchaus der Schrift kundig - sowohl über ihre kulturelle, historische Entwicklung als auch über ihre sakralen Bräuche keinerlei schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen haben. Durch die ausschließlich mündliche Überlieferung und Belehrung der Novizen ist uns heute praktisch kein belegtes Wissen über die Druiden vor der Christianisierung erhalten. Was bleibt, ist der Vergleich und die Spekulation. Das gilt auch für zahlreiche Geheimlehren, von denen beispielsweise die chinesischen, indischen, ägyptischen oder sumerischen - obwohl wir sie "lesen" können - von uns nicht unbedingt richtig interpretiert und ergo verstanden werden, weil wir sie aus unserer okzidentalen Sichtweise und mit einem okzidental geprägten Intellekt lesen und zu verstehen versuchen.
Was die Geheimlehren, die in unseren Breiten entstanden, anbelangt, tun wir uns ebenfalls noch immer schwer, die Mystik - wie sie damals gesehen und gelebt wurde - heute richtig zu deuten und die damaligen religiösen, mythologischen, historischen und soziologischen Hintergründe in Einklang mit unserem heutigen Denken zu bringen. Kein Wunder also, dass dem interpretatorischen Wildwuchs in der aktuellen Eso-Szene Tür und Tor offen stehen für salbungsvolle, maßgeschneiderte und dem jeweiligen Bedürfnis angepasste Erlösungstheorien und Heilsversprechen. Alles was in alten Traditionen, Kasten und Gesellschaften "nicht des Volkes", also nicht rational erklärbar war, ergo für die nicht eingeweihte Außenwelt nicht verständlich, vielleicht sogar inakzeptabel war, wurde "geheim". Dies traf einerseits z.B. auf die Riten und die Magie der frühen Priesterkasten, später auf die Kunst des Tuchwebens, die Zimmermannskunst oder die Kunst des Entwurfs und des Bauens eines Domes - also auf die Kunst des Handwerks zu, die "des Handwerkers" bleiben sollte. Andrerseits traf das aber auch auf die geheimen, nicht rational erklärbaren Lehren bezüglich religiöser oder metaphysischer Systeme, wie z.B. die Hermetik oder die Alchimie zu. Die Lehren wurden zu Mysterien - Geheimnisse. Selbst die Lektüre der Bibel war bis weit nach der Reformationszeit noch vielerorts dem Alltagsmenschen nicht gestattet.
Der Begriff Geheimnis selbst entstand wohl aus der Tradition, dass etwas "da-heim", also im Heim, im Haus, ergo "unter uns" bleiben sollte - nur für Vertraute, also eine Sache des Vertrauens, dessen Missachtung der Verrat "einer vertrauten(vertraulichen) Lehre" war. Dass sich der Verräter verantworten musste, war Bestanteil der familien-, bzw. ordensinternen Regeln und Weisungen und genauso an Rituale gebunden, wie beispielsweise die Aufnahme in den Bund oder die Karrierestufen des einzelnen Mitglieds. Diesen Ritualen kam im Laufe der Entwicklung der Ordensstrukturen eine wachsende Bedeutung zu, so dass sie zunehmend stilisiert, sublimiert und derart ausgebaut wurden, bis sie in vielen Orden und Gesellschaften eher einem Selbstzweck dienten, als dass sie ein Geheimnis bewahrt und/oder den Orden vor Verrat, Indiskretionen oder Unterwanderung geschützt hätten. Das ging soweit, dass die geheime Lehre als Mittel zur Erreichung des obersten sakralen Zieles zusehends hinter den Ritualen zurückstand oder in vielen Fällen zugunsten des Strebens der oberen Grade nach gesellschaftlicher Anerkennung und Macht korrumpiert wurde, verwässerte und mit den Jahren letztendlich einer profaneren, zeitgenössischeren Zielsetzung weichen musste.
Zu dieser Selbstzerfleischung, der viele Logen und Orden zum Opfer fielen, gesellte sich die ablehnende Haltung verschiedener mit dem Klerus eng verbundener Fürstenhäuser oder sonstwelcher aristokratischer Herrschaften, denen die Umtriebe der "häretischen Orden" meist aus rein persönlichen Gründen ein Dorn im Auge war. Obwohl verschiedene Fürsten insbesondere die Alchimisten (meist in der Hoffnung auf güldenen Reichtum) in Schutz und unter ihre Fittiche nahmen, konnte sich die Kirche durchsetzen und mit Schmäh- und Verbotsschriften, mit Inquisition, Folterung, Demütigung, Einkerkerung und Hinrichtungen die meisten der aktiven Orden, wie ehedem schon die Templer in Mitteleuropa, in ihrem Einfluss schwächen und in ihrer Zahl stark dezimieren. Die Anklagen lautete meist auf Häresie oder gesellschaftsschädigende Aktionen und Umtriebe. Diese Anklagen machten nach guter Tradition jeden Gerüchtes schnell die Runde in ganz Europa und veranlassten die nicht informierte Gesellschaft dazu, diesem Gerüchten Glauben zu schenken.
Die damaligen Geheimbünde wurden schon zu Zeiten ihrer aktiven Existenz zu meist künstlich hochgespielten Bedrohungen. Gerüchte über die Illuminaten , die manipulativ auf die französischen Revolution Einfluss genommen hätten, dürften sich allein schon aus Datierungsgründen nicht bewahrheiten. Den Freimaurern hingegen kann man einerseits einen gewissen Einfluss, gar eine manipulative Einwirkung auf die Wirren der französischen Revolution und andrerseits auf den amerikanischen Bürgerkrieg (Nord- und Südstaaten) nicht a priori absprechen, obwohl sie heute verständlicherweise von derartigen Unterstellungen Abstand nehmen, bzw. eine Beteiligung leugnen würden.
Dass seinerzeit trotzdem einige Geheimbünde, bzw. einige ihrer Logen nicht nur die franz. Revolution, sondern auch die klerikalen und hochadligen Machtdemonstrationen überlebten, liegt einerseits an dem Filz, in den erwiesenermaßen auch Vertreter aller an der Vernichtung der Gesellschaften beteiligten, gegnerischen Gruppen verstrickt waren. Andrerseits lag es u.a. an der politischen und seit jeher eher speziellen klerikalen Führung Englands, wo der Arm des römischen Pontifex nicht die Kraft hatte wie auf dem Festland. Wie ehedem schon zu Zeiten der Verurteilung, der Hinrichtungen und der Verfolgung der Templer in Frankreich, spielte auch diesmal England eine Sonder-, wenn nicht gar eine, wenn auch eigensüchtige Beschützerrolle in Sachen Geheimorganisationen.Während in Italien, in Frankreich, in Deutschland und in Russland die Orden zunehmend in Bedrängnis kamen, konnten sie sich auf den britischen Inseln einer gewissen Freiheit erfreuen, alte Strukturen festigen und neue ausbauen. Insbesondere in der Reformationszeit erlebte die Tradition der Geheimbünde u.a in London eine zweite Blütezeit.


3. Magische Erbschaft


Dass das rationale Denken nicht allein selig machend ist, wurde schon eingangs angedeutet. Dass die streng rationale Denkweise das letzte, noch auf teils animalischem Wesen basierende Geheimnis unserer Seele bislang noch nicht erklären konnte, spricht für die Komplexität unserer Entfaltung, unserer Prägung und letztendlich für unser Streben, das noch immer sehr eng mit jenem unserer Urahnen verbunden ist. Immer wieder stellt sich die Intuition dem rationalen Denken quer und erinnert uns an unsere magischen Urzeiten.

Die älteste aller Geheimlehren ist denn auch die Magie , die auf die sehr frühe Bewusstseinsstufe der Menschen zurückgeht, in die mystisch-magische Zeit der Götter, des Totems, des Fetischismus und des Schamanismus, die - wie schon erwähnt - von Magiern, Schamanen, Druiden und Zauberern sozusagen "verwaltet" wurde. Diese magische Zeit blieb so tief im kollektiven Gedächtnis der Menschheit verwurzelt, dass sie mit all ihren Attributen und Aspekten bis heute überdauerte. 
Magisches Denken ist ein unauslöschliches, archaisches Überbleibsel aus frühester Zeit und - ob wir es wahrhaben wollen oder nicht - ein archetypischer Bestandteil eines jeden von uns. Die moderne Tiefenpsychologie hat bewiesen, dass wir diese archaische Erbschaft nicht verdrängen, ignorieren oder negieren können. Sie ist unser Anker in der Frühzeit unserer Entfaltung, wahrscheinlich auch der Grund, warum viele für Esoterik so empfänglich sind und sich in Momenten der Einsamkeit und der Enttäuschung daran klammern, in der Hoffnung auf Erfüllung - wie ein Säugling, der nach seiner Mutter greift, rückbezogen auf die magna mater, die Urmutter aus magischen Zeiten.
Ihren Ursprung haben das Geheimwesen, die Orden, Bünde und Bruderschaften schon im Paganzeitalter (Mesolythikum), dem so genannten Heidenzyklus, als der Mensch sich seiner Existenz deutlicher bewusst wurde, als sich der Jäger-Sammler niederließ und damit begann die Scholle zu bearbeiten und die Tier-zucht zu versuchen. In jenen magischen Zeiten wurden die Mythen und Mysterien geboren, teils aus Erklärungsnot diversen Phänomenen gegenüber, teils aus, für das damalige Verständnis unerklärlichen Naturerscheinungen und Abläufen, teils auch womöglich aus verschütteten kollektiven Resterinnerungen an denkbare vergangene oder eingebrochene Kulturen, über die heute gerne spekuliert und spintisiert wird.
Was wir in der Tierwelt den Herdentrieb nennen, ist dem Menschen ebenso gegeben und sein kreatives Vermögen entwickelte aus einer tierischen Eigenart eine menschliche Eigenschaft. Was in ersten zaghaften Nachbarschaften gebar - sei es aus einer allseits erkannten, gleichen Zielsetzung heraus, aus Selbst-erhaltungsgründen oder aus praktischen Gesichtspunkten, z.B. der kollektiven Jagd und Landwirtschaft oder der solidarischen Verteidigung - mündete im Lauf der Entfaltung des Menschen in Clans und Sippen und infolge in Kollektivitäten und Agglomerationen, wo sich Menschen in einer sozialen und ökonomischen Gemeinschaft sammelten.
Dort wiederum (anfangs, z.B. unter der Regentschaft Karls des Grossen noch verboten und geahndet, später im Zuge der Patriarchalisierung der europäischen Gesellschaft von den Lehnsherren geduldet, teilweise sogar unterstützt) bildeten sich die ersten Interessen-, bzw. Berufs- und Standesgemeinschaften, die so genannten Hansen, Gilden, Hütten und Femen, die - um ihre Berufserfahrung und ihr handwerkliches Können zu gewährleisten und vor Plagiat zu schützen, bzw. ihren speziellen Gerechtigkeitssinn in die Tat umzusetzten - ihr Geheimnis im vertrautem Kreis bewahrten.
Desgleichen gilt für die religiösen und metaphysischen Systeme, die ihre Lehren und Ziele genau wie die profanen Bündnisse vor Plagiat oder von aussen hereingetragener Verunreinigung schützten. Dass sich hinter der Geheimniswahrung ein latentes Machtstreben, bzw. eine deutliche Elitebildung abzeichnete, ist nicht zu leugnen. Ob es in allen Fällen aber ausschließlich um profane, eigennützige Macht und Beherrschung ging, darf man trotzdem getrost bezweifeln. Diese Entartung ist vielmehr ein Kind der Entwicklung und entsprach eher dem Charakterzug des Einzelnen, der mit seinem Mysterium als Zweckmittel solche Ziele anstrebte.

Korrumpierte Geheimnisse

Heute werden Namen wie Leonardo da Vinci, Botticelli, Gallileo, Newton, Stuart, Fludd, Shakespear, Goethe, Schiller, Franklin, Crowley, Blavatsky, Steiner, Stuyvesant, Rockefeller, Chamberlain, Schuman, Churchill nebst vielen anderen Prominenzen als Geheimnissträger, bzw. Geheimbündler weitergereicht, einerseits um einem Zweck eine Bedeutung oder Wichtigkeit zuzueignen, um aufgewärmte Literaturthemen zu schmücken, dem Leser einen literarischen "Kick" zu versprechen oder die Aura der Verruchtheit zu suggerieren - andrerseits aber auch um den Anschein der Erhrbarkeit, der Kultiviertheit und der Seriosität zu vermitteln und beispielsweise den Anspruch eines Buches oder einer Reportage auf Authentizität zu betonieren.
Obwohl Leute wie die Blavatsky, Steiner, Crowley, LeFay und andere, weniger populäre Mystiker schon zu Lebzeiten fragwürdige Legenden darstellten, werden sie noch heute allzu oft als mystische Wegbereiter, als Referenzen esoterischer Philosophie und Meilensteine der geistigen Hygiene gehandelt und hinterlassen posthum noch hier und dort recht tiefe Spuren. Seit der Dualismus durch die christliche Lehre in unseren Breiten gefestigt, sozusagen institutionalisiert und in den Seelen der Menschen fest verankert wurde, zieht er sich ebenfalls wie ein roter Faden durch die Mysterien der verschiedensten Geheimbünde. Wie im Alltag erwies sich der Dualismus jedoch auch hier als Relativum, geschaut und interpretiert entsprechend der Weltsicht und Prägung des Einzelnen.
Ein jeder von uns führt seine ganz persönliche Gralssuche in der Hoffnung, am Ziel in den Genuss der Erleuchtung zu kommen. Einer Erleuchtung wodurch und wozu ? Entsprechend dem Bedürfnis nach Mystik und Weltverschwörung ist das aktuelle Literatur- und Internetangebot fast überwiegend mit Desinformation und unausgegorenen Vergleichen ebenso gespickt, wie ein großer Teil der antiken Geheimlehren. Derweil die weiterführende und aufklärende Literatur und womöglich eine wahrhaft humanistische Geheimlehre in geschmähten Regalen oder Schriftrollen Staub ansammeln, erfreut sich die pseudoinformative und reißerische Literatur genau wie die weltverschwörerischen Geheimnisse eines ungleich grossen und regen Interesses.
Das Internet in seiner verlockenden Zugänglichkeit und seiner schier unerschöpflichen Auskunftei bietet zusätzlich zur Literatur eine derartige Fülle an Material - von dem das meiste freilich aus diverser Internetlexika raubkopiert und meist fantasiereich ausgeschmückt wurde, dass es dem interessierten User verständlicherweise sehr schwer fällt, zu urteilen,was Spreu und was Weizen, was schlicht Unfug und was echte Information darstellt.Wer sich über das Thema als solches, über Ursprünge und Hintergründe gründlich informieren will, dem steht ironischerweise eine literarische Gralssuche bevor, an deren Ende nicht unbedingt die erhoffte Erleuchtung wartet.

 

 

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