ANTIQUA Online Magazin

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Geheimgesellschaften


 

 Die Rosenkreuzer (4)

 Die modernen Rosenkreuzer

 

Emblem von John Dee 

 

 

 

 

Die Auffassungen und Geheimlehren des Rosenkreuzertums haben sich seit ihrem Erscheinen in den geistigen Umbrüchen der Renaissance immer weiter entwickelt. Kulturwissenschaftliche Studien beispielsweise über die Antike haben neues Material für die mystischen Studien der Rosenkreuzerischen Zirkel geliefert. Das immer wieder aufflammende Interesse an diesen Wissensgebieten, die uns in den Zeiten der Moderne eine andere, eine magische Welt vorstellen, hat nicht nur immer wieder Gruppen hervorgebracht, die sich diesen Studien widmen. Die größten aktiven Gruppen sind zumeist in den USA ansässig, haben aber weltweite Niederlassungen. Im Folgenden werden zwei dieser Gruppen, der AMORC und die Rosicrucian Fellowship, in ihren Grundzügen und ihren Zielsetzungen beschrieben.

 

1    Ancient and Mystical Order Rosae Crucis (AMORC)

AMORC ist die zur Zeit größte Organisation, die sich auf die Lehren des Rosenkreuzertums beruft. 1915 gegründet (nach eigenen Aussagen des Informationsmaterials des Ordens „reactivated“ AMORC 1996: 30) von H. Spencer Lewis, besitzt dieser Orden nicht nur verschiedene Niederlassungen in zahlreichen Ländern der Welt. An seinem Hauptsitz wird außerdem der Rosicrucian Park betrieben, eine Parkanlage, in der Nachbildungen ägyptischer Statuen stehen.

Angeschlossen an den Park ist die Rosicrucian Research Library, in der nach Auskünften der Bibliothekarin unter andrem ein Exemplar der Fama Fraternitatis aus dem Jahr 1615 und eine Reproduktion der ersten englischen Übersetzung der Fama und Confessio Fraternitatis von Vaughan aus dem Jahre 1652 liegen.17 Ebenfalls in San Jose befindet sich das Rosicrucian Egyptian Museum, nach eigenen Aussagen das größte seiner Art an der US-Amerikanischen Westküste (AMORC 1996: 22), die Rose-Croix University International und das Rosicrucian Planetarium.

Historisch beruft sich der AMORC auf mystische Lehren des antiken Ägypten, insbesondere auf die Zeit von Pharao Tuthmosis III (~1500-1447 v. Chr.). Besonders wichtig für die Entwicklung der mystischen Lehren, auf die der Orden sich bezieht, war offenbar Pharao Amenhotep IV (Echnaton, Ehemann von Nofretete), der durch seinen Sonnenkult eine der ersten bekannten monotheistischen Religionen der Geschichte zur Staatsreligion machte. Nach Auffassung des AMORC waren die Pyramiden von Gizeh keine Grabkammern, sondern vielmehr Tempel, in denen besondere Initiationsriten durchgeführt wurden (AMORC 1996: 26). Nachdem das alte Wissen der Ägypter unter anderem durch die Alchemisten des Mittelalters und der Renaissance bewahrt wurde, hat die Fama Fraternitatis auch für den AMORC eine besondere Stellung. Der Orden vermutet allerdings, dass Francis Bacon der Autor war. Dies sehen sie dadurch untermauert, dass Bacon fließend Deutsch sprach und sich vor Repressalien in England schützen wollte, indem er die Fama im Ausland publizierte.

Der AMORC lehrt nicht mehr ausschließlich in Tempeln. Die Mitglieder erhalten für ihren Mitgliedsbeitrag neben freiem Zugang zu den Einrichtungen des Ordens monatliche Unterrichtseinheiten, die so genannten Monographien. Anhand der Unterrichtseinheiten erwerben Mitglieder das Wissen für die einzelnen Grade – vier Einsteiger- oder Neophytengrade und neun Tempelgrade. Beispiele für solche Unterrichtseinheiten sind:

·        Illusory Nature of Time and Space (1. Neophytengrad)

·        Perception of the Aura (3. Neophytengrad)

·        The Great Religious Movements (4. Neophytengrad)

·        Material Alchemy (1. Tempelgrad)

·        Incarnation of the Soul (3. Tempelgrad)

·        Initiatic Aspects of Death (3. Tempelgrad)

·        Rosicrucian Therapy of Self-Healing (6. Tempelgrad)

·        How to accomplish Psychic Projection (7. Tempelgrad)

·        Macrocosm and Microcosm (9. Tempelgrad)

(AMORC 1996: 8ff.).

 

Themen wie die Lehre von Mikro- und Makrokosmos sind bereits bekannt. Nach den Lehren des AMORC gibt es außerdem eine Reinkarnationslehre, die sich auf kabbalistische Auffassungen des 15. Jahrhunderts zurückführen lässt (Scholem 1996: 309). Auf religiösem Bereich gibt sich der Orden allerdings neutral. Im Gegensatz zum modernen Freimaurertum, bei dem die Mitgliedschaft den Glauben an einen Gott (welchen Namens auch immer) voraussetzt, verweist der AMORC explizit darauf, dass auch Mitglieder, die keiner Religion anhängen aufgenommen werden können. Es wird vielmehr betont, dass die vertretene Auffassung des Rosenkreuzertums keine religiösen Züge trägt (AMORC 1996: 4f.).

Der AMORC ist nach amerikanischem Recht eine Art Gemeinnützige Vereinigung[3] und versteht sich als humanitäre Bildungsinstitution. Die genauen Ziele des Ordens sind dagegen in den öffentlichen Publikationen nur sehr ungenau formuliert. Offenbar soll die spirituelle Weiterbildung unter anderem einen Ausgleich für die gewachsenen Anforderungen an den menschlichen Geist bilden. Gleichzeitig, so erhoffen sich die Mitglieder des AMORC, soll das bessere Verständnis der Welt zu einem größeren Verständnis zwischen den Menschen führen: „[...] we are reaching out for understanding, for mystical illumination, for spiritual guidance, for harmony and peace.“ (AMORC 1996: 30). 

2    The Rosicrucian Fellowship

Die Rosicrucian Fellowship wurde 1908 von dem Dänen Max Heindel in den USA gegründet. Das Hauptquartier dieses Ordens befindet sich ebenfalls in Kalifornien, in Oceanside. Historisch sieht sich die Organisation als Nachfolge der geheimen Bruderschaft, die von Christian Rosencreutz gegründet worden ist (Heindel 1997: 531). Diese ursprüngliche Bruderschaft bestand nach Auffassung des Ordens aus dreizehn Mitgliedern, die sich aufgrund ihrer Kenntnisse über die menschliche Existenz hinaus entwickelt haben (Rosicrucian Fellowship 2002: #q2)[4].

Abgesehen von den übermenschlichen Führern des Ordens, die an die transzendenten Meister des Golden Dawn und die Mahatmas der Theosphical Society erinnern, folgt die Auffassung des Rosenkreuzertums in dieser Organisation sehr nahe der Fama Fraternitatis. Dazu gehört, das die Rosicrucian Fellowship rein christlicher Natur ist. Außerdem sind die Mitglieder der Heilung von Krankheiten verpflichtet, angelehnt an das Wort Christi „Preach the Gospel and heal the Sick“, wie es auf der Internetseite der Fellowship zitiert wird. Nach Heindel ist der Vorname des Gründers Christian Rosencreutz ein Symbol für die christliche Ausrichtung (1997: 532).

Heindel verweist auch auf die pansophische Ausrichtung des Ordens, wenn er schreibt: „Wahre Religion umfasst sowohl Kunst als auch Wissenschaft“ (1997: 529). Nachdem die Wissenschaften eine zu stark materielle Ausrichtung aufnahmen und dadurch nicht mehr mit der Religion vereinbar waren, wurde der Orden der Rosenkreuzer gegründet, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken (ebd.: 531).

Zentral bei der Rosicrucian Fellowship, mehr noch als bei dem AMORC, ist ein Reinkarnationsmodell. Ziel des Ordens ist es, bei der Reise durch verschiedene Inkarnationen zu helfen, um ein Endstadium zu erreichen, das losgelöst von der materiellen Existenz besteht. Dieses Stadium haben die geheimen Führer des Ordens offenbar erreicht (Rosicrucian Fellowship 2002: #q4 und #q5). Der christliche Anteil dieser eher beispielsweise an den Hinduismus erinnernden Lehren ist Gottes Himmelreich als Ziel der Seele (Rosicrucian Fellowship 2002: #q10). Als Gegensatz zu den Anleihen an hinduistische und auch buddhistische Lehren der Theosophical Society schreibt Heindel: „Buddha, der Große, der Erleuchtete, mag das ‚Licht Asiens’ sein, doch Christus wird als das Licht der Welt anerkannt werden müssen“ (1997: 17). Damit schließt er den Buddhismus nicht aus der Weltsicht der Rosicrucian Fellowship als falsch aus, verweist ihn aber zumindest auf einen dem Christentum untergeordneten Platz.

Im Zusammenhang mit dem Ziel der Fellowship beschreibt Heindel eine komplexe Kosmologie, deren zentraler Punkt die Evolution des Menschen ist. Nach seiner Vorstellung durchläuft die Heimat des Menschen selbst sieben Perioden oder Wiedergeburten. Die Erde ist dabei die vierte, nach der Mond- und vor der Jupiterperiode (Heindel 1997: 196). Innerhalb dieser Entwicklungen wurde der Mensch regelmäßig wiedergeboren. Er entwickelte sich,  bildete den so genannten Träger, was unser Körper ist, und sammelte Erfahrungen, die unbewusst in die nächsten Leben mitgenommen werden. Jede Periode ist wiederum in sieben Stufen unterteilt, die wiederum den Planeten, wie sie die mittelalterlichen Astrologen kannten, zugeordnet sind und die nacheinander wiederum siebenmal durchlaufen werden. Heindel spricht daher von den 777 Inkarnationen (ebd.: 205), auch wenn 7x7x7 = 343 ergibt.

In den bisher vergangenen Epochen der Erdenperiode hatte der Mensch, der unseren Planeten als einziger von Anfang an bewohnte, verschiedene Körper. Die jetzigen Körper bildeten sich erst während der Lemurischen, der dritten Epoche. In dieser und der darauf folgenden atlantischen Epoche entstanden verschiedene Rassen, die mächtigste unter ihnen die Semitische Rasse, aus der sich später unter anderem die Arische Rasse entwickelte. Heindel wendet sich deutlich gegen rassistische Tendenzen, wie sie offenbar zur Zeit des ersten Erscheinens seines Buches 1909 herrschten. Er spricht von Rassenreligionen, deren Inhalt „Selbstsucht auf Kosten anderer Menschen und Völker“ seien (1997: 389). Als eingewandeter Amerikaner sieht er in den USA als Schmelztiegel der Rassen die Chance die Trennung zu überwinden (ebd.: 321). Dieses Ziel der momentanen Epoche, wozu die christliche Feindesliebe ein Schritt sei, ist aber noch lange nicht erreicht. Die Menschheit hänge nach Heindel noch zu sehr dem Rassengedanken an und habe den christlichen Gedanken der Nächstenliebe noch nicht verinnerlicht (ebd.: 390).

Die letzte dieser Perioden ist schließlich die Vulkanische Periode, in der die Menschen schließlich göttliche Vollkommenheit erlangen: „[...] am Ende der Vulkanperiode wird der Mensch fähig sein, sich lebende, wachsende, fühlende und denkende Wesen so vorzustellen, daß sie ins Dasein treten.“ (ebd.: 434) Der Mensch wird also selbst zu einem Gott. Betrachtet man den zyklischen Charakter der Lehren Heindels, ist anzunehmen, dass auch unser Schöpfer bereits aus einem solchen Prozess entstammt, oder zumindest neue derartige Prozesse am Ende der Vulkanischen Periode beginnen werden.

Die Rosicrucian Fellowship wurde begründet, um die Lehren Heindels zu verbreiten. Heindel ist es dabei wichtig, vor anderen esoterischen Gruppen zu warnen und den Schüler sogar zum einsamen Studium anzuregen. Des Weiteren weist er darauf hin, dass die Vorbereitungskurse, die mit Hilfe der Erkenntnis des menschlichen Weges das Voranschreiten auf dem Weg zur Vollkommenheit erleichtern sollen, grundsätzlich kostenlos sind (1997: 544). Im Gegensatz zum AMORC verlangt die Rosicrucian Fellowship demnach keine Gebühren von ihren Mitgliedern.

 

3    Weitere Gruppen

 

Die Anzahl der Rosenkreuzerischen Gruppen ist groß. So gibt es in den USA mehrere Gruppen, die sich auf den Golden Dawn berufen. Eine Gruppe aus Florida hat den Namen rechtlich schützen lassen. Diese Gruppen sehen sich entweder als Fortführung des von Westcott, Woodman und Mathers 1888 gegründeten Ordens und der Nachfolgeorganisation Stella Matutina an, andere berufen sich ausschließlich auf Mathers und den Golden Dawn, wie er ihn nach Woodmans Tod und Westcotts Ausscheiden geführt hat, beziehungsweise den Orden, den er in Paris nach seiner Ausweisung aus dem Londoner Orden begründet hat.

Ähnliches gilt für diejenigen Gruppen, die sich ausschließlich auf den Namen der Rosenkreuzer berufen. AMORC und Rosicrucian Fellowship sind nur zwei Beispiele in dieser Hinsicht. Unter Unterkapitel 7.1 sind weitere Internetadressen von Gruppen aufgelistet, die sich auf die Rosenkreuzer berufen. Ähnlich wie Regardie, der die Geheimnisse des Golden Dawn offen legte, finden sich im Internet zahlreiche Quellen für hermetische und alchemistische Schriften. Obwohl das Internet ein Ergebnis unseres scheinbar rationalistischen Informationszeitalters ist, dient es gleichzeitig zur Verbreitung der Rosenkreuzermanifeste in vielerlei Sprachen, dem Corpus Hermeticum, der Schriften John Dees oder verschiedenen Vorträgen und Essays von Mathers oder Westcott.

 

 

Fußnoten


[2] Quelle hierfür ist eine e-Mail der Bibliothekarin der Rosicrucian Research Library (siehe Anhang 7.3.).

[3] Nach Sektion 501(c)(3) der US-Amerikanischen Finanzbehörde IRS (AMORC 1996: 30).

[4] Die Fama Fraternitatis spricht von nur acht Mitgliedern des ursprünglichen Ordens (Fama, zit. n. Yates 1975: 250).

 

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