
Johannes Valentin Andreae
Es ist in Abschnitt 3.1.2 erläutert worden, wie der ursprüngliche Gedanke der Rosenkreuzermanifeste, dass die Erkenntnisse aus Kabbala und Alchemie als Wissenschaften durchaus der Erkenntnis Gottes dienten, in der Folgezeit missverstanden wurde. Die Gold- und Rosenkreuzer beispielsweise sahen in der hohen Kunst des Goldmachens die Spitze menschlicher Bestrebungen, etwas das in den Manifesten strikt abgelehnt wurde. Die modernen Gruppen, die sich auf die Rosenkreuzer berufen, haben noch heute, in den Zeiten von Teilchenbeschleunigern und Genanalysen, großes Vertauen in die „Geheimwissenschaften“ genannten Lehren. Diese sind sogar so populär, dass sie die Titelstory der Zeitschrift Stern Ende Oktober diesen Jahres lieferten (Stern 44/2003: 54ff.). Die meisten Buchhandlungen haben Abteilungen, in denen Bücher über Kristalle, Astrologie oder Sätze von Tarotkarten verkauft werden.
AMORC, Golden Dawn oder Rosicrucian Fellowship, auf die in den folgenden Unterkapiteln näher eingegangen wird, basieren ihre Lehren auf einem komplexen System, das man heute als magisch oder immerhin esoterisch bezeichnen würde. Die Grundlagen dieser Systeme liegen in dem, was der mythische Christian Rosencreutz auf seinen Reisen gelernt hatte: Hermetik und Kabbala (Fama zit. n. Yates 1975: 248f.). Auf der Hermetischen Lehre bauten wiederum große Teile der Alchemie auf, wie sie uns bereits bei Paracelsus begegnet ist. Diese drei, Hermetik, Alchemie und Kabbala sollen hier kurz beschrieben werden.
Die Hermetische Lehre geht auf eine Sammlung von Texten aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christus zurück, die Corpus Hermeticum genannt wird. Diese inhaltlich primär gnostischen Schriften entstanden aus der synkretistischen Vermengung verschiedener Philosophien während des Römischen Friedens. Sie stellen Dialoge zwischen der Figur des Hermes Trismegistos und seinen Schülern dar. Hermes Trismegistos ist eine späthellenistische Fusion des griechischen Gottes Hermes mit dem ägyptischen Gott Thoth zu einer Weisheit und Wissen bringenden Figur (Yates 1978: 2ff.). Als Sammlung wurde der Corpus Hermeticum im Byzantinischen Rom zusammengestellt und fand schließlich im 15. Jahrhundert seinen Weg nach Italien, wo 1463 eine Lateinische Übersetzung im Auftrage der Medicis gedruckt wurde. Mit ihrer weitgehend an Platon erinnernden Philosophie waren sie eine willkommene Abwechslung zur vorherrschend an Aristoteles orientierten kirchlichen Scholastik. Dennoch stand sie nicht im Widerspruch mit kirchlichen Anschauungen, weil man aus ihnen die Ankündigung des Sohnes Gottes herauslesen könne (ebd.: 8).
Es gab Gerüchte von weiteren Schriften, die Hermes Trismegistos zugesprochen wurden, in denen Zauberformeln, Heilmittel, magische Praktiken als auch chemische Rezepte beschrieben wurden. Man hielt sie für primär ägyptischen Ursprungs und glaubte in denjenigen Schriften, die fragmentarisch immer mal wieder auftauchten und solche Formeln enthielten, den Zugang zum mythischen Wissen der alten ägyptischen Weisen und Zauberer gefunden zu haben (Frick 1973: 74f.). Durch sie entstand in der Renaissance eine neue Auffassung von Magie als eine Wissenschaft, die akzeptiert werden konnte, schließlich waren die Schriften des Corpus Hermeticum nicht als Teufelswerk verdammt. Die neue Form der Magie, die auf Hermes zurückgeführt wurde, stand im Kontrast zur mittelalterlichen, bürgerlichen Hexerei, selbst wenn die Trennung in den Augen der Obrigkeit manchmal zu verschwimmen schien (Yates 1978: 18f.). In den hermetischen Schriften finden sich auch bereits Ansätze der Gegenüberstellung von Mikro- und Makrokosmos, die schließlich bei Paracelsus zu besonders großer Bedeutung gelangen. Genauso gibt es hier Theorien zum genaueren Ablauf der Schöpfung und zur Menschheitsgeschichte (ebd.: 75f.).
Auf den alten gnostischen Schriften basierte auch die spekulative Alchemie, wie sie im Mittelalter und der Renaissance in Europa praktiziert wurde. Sie war der Versuch die Gnosis, die Erkenntnis oder Erleuchtung zu erlangen, mit deren Hilfe man Gott erkennen und sich von der bösen, materiellen Welt lösen könne. Man war dementsprechend bemüht insbesondere den göttlichen Schöpfungsakt zu verstehen und auch zu erkennen, woher das Böse in die Welt kam. Die praktische Alchemie dagegen kam um 1100 aus der islamischen Welt nach Europa (Holmyard 1968: 105), ursprünglich vor allem zur Herstellung von Färbemitteln für Stoffe entwickelt. Mit der Zeit ist sie zu einer umfassenderen Wissenschaft geworden, die sich mit den Eigenschaften der Materie beschäftigt. Mit den Kreuzzügen und über das islamische Spanien wurde dieses Wissen in Europa eingeführt, wo die hermetischen Spekulationen, Zauberformeln und Rezepte für Heil- und andere Mittel mit den praktischen chemischen Anwendungen der Araber in Verbindung gebracht wurden.
Die praktische europäische Alchemie kann als symbolische Handlung zur spekulativen, gnostischen Alchemie angesehen werden. Eines ihrer Ziele war es die unedlen Metalle in edle zu verwandeln, so wie die Gnosis unedle Menschen in edle verwandeln sollte. Dazu war es auch vonnöten das Wesen der Metalle und anderer Stoffe, die vor allem als Verunreinigungen angesehen wurden, zu verstehen, worin der Ursprung der heutigen Chemie liegt (Frick 1973: 101ff.).
Wenn die Rosenkreuzermanifeste von der hohen Kunst der Alchemie einerseits sprechen und die Umwandlung der Metalle andererseits verdammen, so betonen sie deutlich die Funktion der spekulativen Alchemie als Weg zur Erkenntnis Gottes. Damit wenden sie sich nicht gegen die praktische Alchemie an sich, sondern nur gegen diejenigen, die sie nicht als symbolische Handlung auf dem Weg zur Erkenntnis verstehen, sondern sie zur persönlichen Bereicherung betreiben.
Die hermetischen Texte wurden in der Renaissance oft von den gleichen Gelehrten gelesen und diskutiert, die sich auch mit Astrologie befassten, wodurch bald astrologische Symbole und hermetisch-alchemistische Symbole vermischt wurden und sich als Namen für einige Chemikalien aus der praktischen Alchemie Planetennamen und -symbole verwendet wurden. Besonders wichtig waren dabei Aurum, das Gold, das mit dem Zeichen für die Sonne, und Mercurium, Quecksilber, das mit dem Zeichen für den Planeten Merkur in Verbindung gebracht wurde.
Auf der Suche nach Theorien, die das Wesen Gottes beschreiben und die Schöpfung erklärten, stießen die Gelehrten schließlich auf die Lehren der Kabbala. Die Kabbala, die ursprünglich mündlich überlieferte jüdische Mystik, beschäftigt sich intensiv mit der Wesenheit Gottes und dem Schöpfungsakt an sich. Der Sohar unterscheidet zwei Ausprägungen Gottes: Die eine ist die des En-Sof (Das Unendliche), welches die unfassbare und unbegreifbare Seite Gottes ist, in die der Mensch nicht schauen kann, die ihm verschlossen bleibt. Die zweite Seite ist diejenige, durch die Gott aus seiner Verborgenheit die Welt beeinflusst. Hier kommen ihm bestimmte Attribute und Eigenschaften zu, aus denen der Mensch Gott erfahren und in deren Rahmen er Gott begreifen kann. Diese werden die zehn Sefiroth genannt. Jedes dieser Attribute korrespondiert mit einem bestimmten Namen Gottes, der in der hebräischen Torah an angemessener Stelle benutzt wurde. In dieser Reihenfolge werden die zehn Sefiroth in einer Art Diagramm angeordnet, das oft als „Baum des Lebens“ oder „Kabbalistischer Baum“ bezeichnet wird.
| Name | Attribut | Gottesname |
| Kether | die Krone | Ehie |
| Chochma | Weisheit | Jah |
| Bina | Intelligenz | JHVH Tetragrammaton |
| Chessed | Liebe oder Gnade | El |
| Geburah | strafende/richtende Macht | Elohim (Gibor) |
| Tifereth | Schönheit, Barmherzigkeit | Eloha |
| Nezach | beständige Dauer | Adonai Zebaoth |
| Hod | Majestät | Elohim Zebaoth |
| Jessod | Grund aller Kräfte | Shaddai |
| Malchuth | Reich Gottes (die Welt) | Adonai Melech |
Abb. 3: Die zehn Sefiroth Der Sohar vergleicht das Verhältnis des En-Sof zu den Sefiroth mit dem Verhältnis von Kohle und Feuer: Die Kohle existiert ohne die Flamme, doch ihre Energie wird erst in der Flamme sichtbar (Scholem 1996: 227). Die Kraft der Sefiroth durchdringt die gesamte Schöpfung. Etwas existiert nur, weil darin ein Teil der Sefiroth steckt. Gleichzeitig sind aber die Sefiroth die sichtbaren oder eher spürbaren Ausprägungen des unendlichen Gottes im En-Sof, der seinerseits somit die gesamte Schöpfung durchdringt (ebd.: 234). Genauso korrespondiert fast jedes Wort der Bibel mit einer Sefira, so dass die Torah nicht nur Geschehen der menschlichen Geschichte, sondern auch Vorgänge innerhalb Gottes beschreibt. Dies gleicht der Ansicht, die gesamte Torah wäre nur „der eine und große heilige Name Gottes“ (ebd.: 228).
Damit hängt auch die Wichtigkeit des geschriebenen Wortes zusammen. Im Diagramm des Kabbalistischen Baumes werden die einzelnen Sefiroth von zweiundzwanzig Linien, den so genannten Kanälen verbunden. Jeder dieser Kanäle ist wiederum einem Buchstaben des hebräischen Alphabets zugeordnet. Damit ist die geschriebene Sprache fest in der kabbalistischen Kosmologie verankert.
Die Kabbala bot den Gelehrten der Renaissance nicht nur ein Modell der Wesenheit Gottes, sondern auch des Schöpfungsaktes und eine Erklärung zum Ursprung des Bösen. Dem Kabbalisten Isaac Luria (1534 bis 1572) zufolge war zu Beginn der Schöpfung alles mit Gottes Allmacht, dem En-Sof, erfüllt. Luria stellt die Frage, wie Gott etwas aus dem Nichts schaffen konnte, „wenn es doch gar kein Nichts geben kann, da sein Wesen alles durchdringt“ (Scholem 1996: 286). Hieraus entwickelt sich die Idee des Zimzum, dem Akt Gottes, sich zuerst von einem Ort zurückzuziehen, um in dieser neu entstandenen Leere etwas erschaffen zu können. Der erste Akt so möglich gewordenen Schöpfung ist das Erscheinen des Adam Kadmon, des Urmenschen, aus einem Strahl göttlicher Essenz aus dem En-Sof in die Leere des Zimzum hinein. Aus dem Mund, der Nase, den Ohren und Augen des Adam Kadmon strömt das Licht der Sefiroth. Als dieses Licht in Gefäßen aufgefangen werden soll, glückt dies bei den ersten drei der Sefiroth, während das Licht der restlichen Sefiroth gleichzeitig hervorbricht und durch ihre Kraft die Gefäße ganz, im Falle der letzten Sefira Malchuth teilweise, zerbrechen (ebd.: 292). Aus dieser Lehre vom Bruch der Gefäße gehen Theorien über die Bruchstücke der Gefäße, die Kelipoth zurück, die eine Art Kräfte des Bösen darstellen. Der Versuch, einen harmonischen Zustand wieder herzustellen und zur Harmonie mit Gott ohne das Böse zurückzukehren, das mit dem Sündenfall auch in die materielle Welt getreten ist, wird als Tikkun bezeichnet (ebd.: 253).
Tikkun und die Bedeutung des geschriebenen Wortes kommen bei der kabbalistischen Textexegese zusammen. Demnach ist die Torah als Text, als heiliger Name Gottes, durch den Sündenfall durcheinander geraten. Die Aufgabe der kabbalistischen Textexegese ist es, diesen ursprünglichen Text wiederherzustellen (Eco 1997: 39). Diese Form der Textdeutung besteht aus drei Techniken: Dem Notarikon, das heißt der Bildung von Akrosticha, die Temurah, das heißt die Permutation, Umstellung der Buchstaben zu neuen Wörtern, und die Gematria, die Zuweisung von Zahlenwerten zu jedem Buchstaben, wonach Wörter mit gleichen Zahlenwerten in einem Bedeutungszusammenhang stehen (ebd.: 40).
Obwohl sich einige Bestandteile hermetisch-alchemistischer Lehre und Kabbala widersprechen, wie der neuzeitliche Kabbalageehrte Gerschom Scholem deutlich macht (zit. n. Frick 1973: 105f.), waren mehrere Aspekte der jüdischen Mystik von großem Reiz für die christlichen Hermetiker. Sie bot einige neue Ansätze für die gnostischen Bestrebungen. Beginnend mit Pico della Mirandola (1463-1491) fand die Kabbala zunehmendes Interesse bei den christlichen Gelehrten.
Durch die Rosenkreuzermanifeste waren viele Mystiker angeregt, Kabbala und hermetische Lehren miteinander stärker zu verbinden. Während, wie in Abschnitt 3.1.1 dargestellt, den Autoren der Manifeste die Begründung eine Gelehrtengemeinschaft am wichtigsten gewesen sein dürfte, setzten sich viele Antworten auf die Fama und Confessio mit den Geheimlehren auseinander, die in den Manifesten erwähnt worden waren. Bis sich im späteren 19. Jahrhundert eine Vielzahl an mystischen Geheimgesellschaften wie der Golden Dawn oder die Theosophische Gesellschaft der Helena P. Blavatsky bildeten, waren Kabbala und Hermetik eng miteinander verwoben.
Als gutes Beispiel können die weit verbreiteten Tarotkarten dienen. Der Ursprung von Spielkarten ist nicht bekannt, doch liegen die ersten europäischen Beschreibungen der Karten aus dem Mittelalter vor. Der Übergang zur Nutzung beim Wahrsagen begann mit dem Hinzufügen der sogenannten Großen Arkana, der 22 Trumpfkarten, die nicht zu den vier Sätzen von Farben gehören (Akron/Banzhaf 1992: 9). Später wurden die Karten dem ägyptischen Gott Thoth zugeordnet, der von vielen mit Hermes Trismegistos assoziiert wurde (ebd.: 216). Aus diesem Grund nannte auch Aleister Crowley in seinen ausführlichen Beschreibungen der Karten das Tarot Buch Thoth (ebd.: 219). Damit hat der Tarot einen deutlich hermetischen Hintergrund zugewiesen bekommen. Beim Golden Dawn wurde jeder Karte der Großen Arkana eines der vier Grundelemente (Feuer, Wasser, Erde Luft) oder ein Planet oder Tierkreiszeichen zugeordnet. Da es 22 dieser Trumpfkarten gibt, wurden sie auch sehr bald mit den zweiundzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabets in Verbindung gebracht (Regardie 1988: 1128). Die zehn Zahlenkarten der vier Farbensätze (die auch den vier Grundelementen entsprachen) wurden jeweils den zehn Sefiroth zugeordnet. So ergab sich schließlich ein komplexes alchemistisch-kabbalistisches Bedeutungssystem, mit dessen Hilfe sich die Karten sowohl astrologischen Zusammenhängen als auch mit Positionen auf dem Diagramm des kabbalistischen Baumes zuordnen ließen. Ebenfalls auf dieses Diagramm projiziert wurde eines der Legesysteme für das Wahrsagen mit Hilfe der Tarotkarten (ebd.: 1188f.).
An diesem Beispiel wird deutlich, wie die einzelnen mystischen Strömungen unter dem Rosenkreuzertum eine synkretistische Geheimlehre bildete, die auch noch die Aufnahme weiterer Lehren zuließ.
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