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Geheimgesellschaften


 

 Die Rosenkreuzer (3)

The Hermetic Order of the Golden Dawn

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert wurde in England eine weitere Geheimgesellschaft gegründet, die sich auf die Lehren der Rosenkreuzer berief: The Hermetic Order of the Golden Dawn. In ihm wurden zahlreiche Vorträge und Untersuchungen zu mystischen und magischen Sachverhalten abgehalten, die sehr ausführlich dokumentiert wurden. Ähnlich der Theosophischen Gesellschaft der Helena P. Blavatsky steht der Golden Dawn stellvertretend für die zahlreichen esoterischen Gesellschaften der Jahrhundertwende. Besonders interessant ist der Orden unter anderem dadurch, dass seine Geschichte, die internen Vorgänge und die unternommenen Forschungen sehr gut dokumentiert wurden. Die Treffen der Ordensführung, des sogenannten Zweiten Ordens wurden protokolliert. Durch die später von Israel Regardie zusammengetragenen Schriften der Mitglieder des Golden Dawn ist außerdem ein genauer Einblick in das Konstrukt von Geheimwissen möglich, das als Rosenkreuzertum bezeichnet wird.

 

1.    Geschichte des Golden Dawn

 

Die Gründung des Ordens umgibt bereits ein Mysterium. Im Jahre 1887 sollen Dr. William Wynn Westcott und Dr. William Robert Woodman, beide ehemalige Mitglieder der kurzlebigen Societas Rosicruciana of Anglia, ein in einer Geheimschrift verfasstes Dokument von einem deutschen Rosenkreuzerorden erhalten haben. Dieser deutsche Orden soll von „transzendenten Meistern“[1] (Regardie 1987: 43) geleitet worden sein. Anhand der übersetzten Dokumente gründeten Westcott, Woodman und Samuel Liddel Mathers 1888 den Orden des Golden Dawn. Während Mathers vornehmlich die Rituale für den neuen Orden zusammenstellte, bereitete Westcott Lesungen vor, für die er sein Material in erster Linie aus den Rosenkreuzermanifesten bezog (Harper 1974: 11f.). Der Golden Dawn wurde als ein christlich orientierter, esoterischer Orden angelegt. Die Gründer wollten sich damit von der Societas Rosicruciana entfernen, deren ausschließlich freimaurerischen Mitglieder keiner bestimmten Religion angehören mussten. Durch das verstärkte Interesse vieler Mitglieder an ägyptischen und anderen Mysterien ging diese christliche Ausrichtung mit der Zeit verloren (Harper 1974: 71).

Mathers gab schließlich vor, selbst in Kontakt mit den Oberen Meistern getreten zu sein, worauf nach deren Vorgaben 1892 der Zweite oder Innere Orden gegründet wurde. Die Meister machten nach diesem System einen Dritten, obersten Orden aus. Im gleichen Jahr, der Orden hatte bereits 150 Mitglieder, siedelte Mathers nach Paris über, angeblich um den Meistern näher zu sein, mit denen er sich eigenen Berichten zufolge wiederholt im Bois de Bologne traf (Regardie 1987: 50). 1897 trat Westcott aus dem Golden Dawn aus, entweder wegen sich häufender Streitereien mit Mathers oder weil seine Funktion im Orden mit seiner Karriere als Staatsbeamter konfligierte. Da Woodman inzwischen gestorben war, blieb Mathers als einziger von den Gründungsmitgliedern im Orden.

Ein Jahr später wurde Aleister Crowley in den Orden aufgenommen, was Leuenberger in seiner Einleitung zur deutschen Ausgabe von Regardies Complete Golden Dawn System of Magic als „Todesstunde des Golden Dawn“ (ebd.: 51) bezeichnet. Mathers und die übrige Führung des Golden Dawn in London zerstritten sich unter anderem über Crowleys schnellen Aufstieg. Mathers sah sich nach Woodmans Tod und Westcotts Austritt als unantastbaren und einzigen Führer des Golden Dawn. Schließlich hatte er als einziger direkt Kontakt zu den geheimen Meistern. Die Weigerung des Londoner Tempels Crowley in den Zweiten Orden aufzunehmen sah Mathers als Rebellion gegen seine Autorität an. Mit Polizeigewalt hielt das Londoner Führungsgremium unter der Leitung des irischen Schriftstellers William Butler Yeats Crowley davon ab in das Hauptquartier des Ordens einzubrechen. In der Folge wurden Crowley und Mathers des Ordens verwiesen und Yeats teilte sich mit anderen die Leitung des Golden Dawn (ebd.: 52ff.).

Yeats trat aber von seiner Position als Imperator bereits 1901 wieder zurück, nach langen Auseinandersetzungen um die Führung des Ordens und die Frage, ob innerhalb des Ordens kleinere geheime Gruppen gebildet werden dürften. Zeitgleich brachte ein Skandal um eine andere nach dem Vorbild des Golden Dawn gegründete Geheimgesellschaft den Orden in die Schlagzeilen. Die Gründer von The Golden Door waren wegen Vergewaltigung einer oder mehrerer Mitglieder zu mehrjährigern Haftstrafen verurteilt worden. Nach einem letzten Treffen 1903 zerbrach der Orden daraufhin in mehrere Splittergruppen. Der Großteil der Mitglieder gründete den Orden Stella Matutina (Morgenstern), dem 1934 Israel Regardie, ein ehemaliger Sekretär Crowleys, beitrat. Offen das Schweigegelübde des Ordens brechend veröffentlichte er 1937 das gesammelte Material des Ordens inklusive der Rituale, womit der Orden sein endgültiges Ende fand (Regardie 1987: 55ff.).

 

2.    Yeats und der Golden Dawn

 

Was zog Menschen in einen Orden wie den Golden Dawn? Als ein Beispiel soll hier Yeats herangezogen werden. Seine privaten Schriften, seine Briefe an den Orden und seine protokollierten Reden im Führungsgremium des Zweiten Orden des Golden Dawn geben einen genaueren Aufschluss über seine persönliche Verbindung zur Magie und zur Organisation dieses Rosenkreuzerischen Zirkels.

Der irische Schriftsteller William Butler Yeats (1865-1939) erhielt 1923 den Nobelpreis für Literatur verliehen. Besonders bekannt geworden ist er durch die Gründung des irischen Nationaltheaters 1899 und für seine Dichtungen und Dramen, die sowohl von einem national-irischen Charakter waren, als auch von starker mystisch-symbolischer Prägung waren. Die Jahre vor und nach der Jahrhundertwende verbrachte er viel in London, wo er den Posten des Imperator beim Hermetic Order of the Golden Dawn innehatte.

Yeats hatte sich schon zu Studentenzeiten in Dublin einem Zirkel namens Hermetic Society angeschlossen, dem er 1885 sogar vorsaß. Die Hermetic Society war ein unabhängiger Ableger der Theosophical Society von Helena P. Blavatsky. Obwohl die Loge der Theosophical Society selbst in Dublin von einem Freund von Yeats geleitet wurde, trat er dieser Gruppe erst 1888 in London bei, nachdem er Blavatsky selbst getroffen hatte (Harper 1974: 4).

Blavatsky hatte inzwischen ein verstärktes Interesse an hinduistischen Mythen gefunden und sie in das Weltbild der Gesellschaft eingebunden. Dementsprechend sprach man bei den Theosophen von den Oberen Meistern als Mahatmas. Diese Neigung zu östlichen Religionen war in der Gesellschaft nicht unumstritten. Rudolf Steiner, lange Zeit der Sekretär Blavatskys, löste sich von ihr, um schließlich die Anthroposophie zu begründen. Auch Yeats fühlte sich zu diesen Glaubensmodellen nicht hingezogen und trat der Gesellschaft nur bei, nachdem ihm versichert worden war, dass er den Mahatmas keinen Treueid schwören musste. Vielmehr war er genauso wie Anna Kingsford, die Gründerin der Hermetic Society eher an einer Erforschung und Wiederbelebung der westlichen Religionen interessiert (Harper 1974: 5f.).

Schon kurz nach seiner Aufnahme in die Theosophical Society entfernte er sich in seinen Auffassungen stark von der allgemeinen Haltung des Ordens, was schließlich dazu führte, dass man ihn 1890 aufforderte den Orden zu verlassen. Zu dieser Zeit hatte er bereits mit ehemaligen Mitgliedern der Hermetic Society Kontakt aufgenommen, die ihre Studien im Hermetic Order of the Golden Dawn weiterführten (Harper 1974: 7f.). Am 07. März des Jahres wurde er unter dem Ordensnamen Demon Est Deus Inversus in den Golden Dawn aufgenommen.

In den folgenden Jahren arbeitete Yeats eng mit Mathers zusammen, selbst noch als dieser nach Paris gezogen war. Yeats erhoffte sich die Hilfe von Mathers und seiner Frau bei seinem Projekt Celtic Castle of Heroes. Dieses Projekt sollte ein altes Schloss in Lough Key, Irland, in einen Ort für Riten und Meditationen umwandeln, an dem die Lehren des Christentums mit denen der alten Keltische Mythen verbunden werden konnten (Harper 1974: 164). Mathers hatte ein profundes Wissen von den alten Keltischen Mythen, hatte daher auch den Namen MacGregor angenommen. Wegen seiner Kenntnisse war er für Yeats von großem Wert bei der Zusammenstellung seiner Rituale (ebd.: 18f.).

Um 1899 allerdings verschlechterte sich das Verhältnis zwischen Yeats und Mathers zunehmend. Der geistige Führer des Ordens machte seinen Anspruch auf Gehorsam immer deutlicher und veranlasste die Entlassung mehrerer auch von Yeats geschätzter Mitglieder. Als sich der Londoner Tempel schließlich gegen die Autorität Mathers auflehnte und Crowley versuchte Ordenseigentum für Mathers zu stehlen, beteiligte sich Yeats selbst an den Auseinandersetzungen und hinderte Crowley daran in die Räumlichkeiten des Golden Dawn einzudringen (Harper 1974: 25).

Nachdem Mathers aus dem Orden ausgeschlossen worden war, arbeitete Yeats aktiv an einer Reform des Ordens mit, wodurch er schließlich Teil des Führungsgremiums des Zweiten, Inneren Ordens wurde. Viele seiner Reformvorhaben scheiterten aber an den internen Streitigkeiten des Gremiums. Darunter war auch, dass Yeats versuchte dem Orden seine christliche Ausrichtung wiederzugeben, die er in den Gründungstagen gehabt hatte. Zu viele Mitglieder des Golden Dawn waren aber besonders an ägyptischen Mysterien und Mythen interessiert und daher nicht bereit Yeats Forderungen zu unterstützen (Harper 1974: 71f.). 1902 formierte sich das Führungsgremium des Ordens neu, ohne Yeats, der allerdings Mitglied blieb.

Was bedeutete aber ein esoterischer Orden, in dem magische Rituale und Beschwörungen erforscht wurden, für den Dichter Yeats? Harper fasst dies gut in einem kurzen Satz zusammen: „[...] art and religion are one“ (1974: 89). In einem langen Essay vom März 1901, in dem Yeats seine Reformen des Ordens verteidigt, schreibt er, dass Symbole und Formeln ihre eigene Macht haben, „in their own right and with little consideration of our intentions“ (Yeats, zit. n. Harper 1974: ebd.). Daraus kann man schließen, dass für Yeats die sehr symbolische Sprache seiner Dichtung eine eigene Form der Magie war. Unterstützt wird dies durch seine folgende Aussage an anderer Stelle: „I cannot now think symbols less than the greatest of all powers whether they are used consciously by the masters of magic, or unconsciously by their successors, the poet, the musician and the artist” (Yeats: Essays and Introductions, zit. n. Harper 1974: 103).

Yeats war bereits aus der Theosophical Society ausgewiesen worden, weil seine metaphysischen Forschungen weiter oder in anderer Richtungen gingen als es dem Orden recht war. Wenn er aber schon unabhängig gearbeitet hatte und schon einmal in einer Organisation gescheitert war, wozu brauchte er dann nach wie vor den Orden des Golden Dawn? In mehreren Texten, die Yeats an die Mitglieder des Ordens gerichtet hatte, verteidigte er grundsätzlich die Aufrechterhaltung von Disziplin innerhalb der Gemeinschaft. Seine Vorbehalte gegen die Gründung unabhängiger Gruppen war nicht nur darin begründet, dass ihre Forschungen inhaltlich nicht seinen Interessen und Ansprüchen entsprachen. Sie störten vor allem seine Vorstellung von der Ordnung innerhalb des Ordens. Der Orden des Golden Dawn gab Yeats und seinen Forschungen den von ihm für nötig befundenen Ordnungsrahmen, das nötige System (Harper 1974: 74). Wenn Poesie für ihn Magie bedeutete, dann gab der Orden seinem Bild von Poesie auch eine Struktur.

Dies macht deutlich, dass Yeats Aktivitäten in diesem in seinen Grundzügen Rosenkreuzerischen Orden nicht einfach nur ein exzentrisches Hobby des Nobelpreisträges waren. Sein intensives Engagement in seiner Neuordnung nach der Absetzung Mathers ist vielmehr damit zu begründen, dass der Golden Dawn den strukturellen Hintergrund für seine oft symbolische Dichtkunst geliefert hat.

 

 

 

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