Die Rosenkreuzer (1) Copyright 2003 von Hendrik Lang “I desire to keep my reverence for the august symbols of our Order, but I could not do so if I had to sit through more scenes of the kind before the very door of the Tomb of Christian Rosenkreuz in the very presence of the Cross of Obligation.” (W. B. Yeats, zit. n. Harper 1974: 236) Das Rosenkreuzertum nimmt eine besondere Stellung unter den Geheimgesellschaften ein. Unter dem Ausdruck „Die“ Rosenkreuzer ist nicht eine einzige Geheimgesellschaft zu verstehen. Vielmehr steht das Rosenkreuzertum für eine ganze Zahl an Geheimwissenschaften, die unter diesem Begriff zu einer Einheit verschmelzen. Geheimbünde, die sich auf das Rosenkreuzertum berufen, versuchen diese mystischen Wissenschaften miteinander in Verbindung zu setzen, sie zu erforschen und zu lehren. Neben anderen verschmelzen hier Hermetik, Alchemie und Kabbala miteinander. Den mythischen Gründervater der Rosenkreuzer hat es wohl nie gegeben. Als im 17. Jahrhundert kurze Schriften erschienen, in denen sich zum ersten Mal ein Orden des Rosenkreuzes der Öffentlichkeit vorstellte, war auch dies wohl nur das Gedankenexperiment einiger junger Gelehrter. Auch diesen Orden hat es als solchen wahrscheinlich nicht gegeben. Und doch haben sich nicht nur verschiedene Gruppen in ihrem Namen zusammengefunden, offenbar waren sie auch von großem Einfluss auf die englischen Freimaurerlogen und nach Ansicht einiger Autoren sogar auf die Gründung der Royal Society. Noch heute berufen sich mehrere moderne esoterische Zirkel auf sie, tragen ihren Namen und beanspruchen ihr geheimes Wissen zu bewahren und zu lehren. Dabei wurde die Geschichte des Ordens und ihrer Lehren immer weiter durch Legenden ergänzt, bis hin zu der Behauptung, dass er bereits in Ägypten gegründet wurde. Die erste gesicherte Erwähnung des Ordens stammt von kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg. Von da an verbreitete sich die Philosophie des Rosenkreuzes, die Verbindung der verschiedensten Geheimlehren zu einem Ganzen, über ganz Europa. Neben vielen anderen Gruppen inspirierte das Rosenkreuzertum auch die Gründung des Golden Dawn. In dieser zum Ende des 19. Jahrhunderts blühenden Geheimgesellschaft waren Personen wie William Butler Yeats, Bram Stoker oder Aleister Crowley Mitglied. Heute gibt es zahlreiche Organisationen, die sich auf die Philosophie der Rosenkreuzes berufen, die größte darunter der Ancient Mystical Order Rosae Crucis (AMORC). Die heutigen Gruppen haben vor allem die Erforschung der Geheimwissenschaften und die spirituelle Entfaltung ihrer Mitglieder zum Ziel. Frühere Gruppen hatten zum Teil politische oder religiöse Absichten. Zu Beginn der Bewegung stand aber nur der Wunsch nach einem internationalen Wissenschaftlerbund, dessen Gründung in den Schriften einer kleinen Gruppe aus Tübingen postuliert wird. 1. Herkunft und Geschichte 1.1 Das frühe Rosenkreuzertum Der Ursprung der Rosenkreuzerischen Bewegung ist nicht vollends geklärt. Moderne Gruppen wie der AMORC berufen sich auf die Mystischen Zirkel des alten Ägypten, die Gold- und Rosenkreuzer des 18. Jahrhunderts wiederum auf Moses. Viele Autoren bringen verschiedenste Indizien an, um eine Existenz des Ordens im Mittelalter zu belegen (Marquès-Rivière 1979: 294), können allerdings keine handfesten Beweise anbringen. Als sicher gelten dagegen die Daten, zu denen die drei Schriften erschienen sind, die als die „Rosenkreuzermanifeste“ (Yates 1975: 245) bezeichnet werden. Ihre Namen sind Fama Fraternitatis (1614), Confessio Fraternitatis (1615) und Die chymische Hochzeit des Christian Rosencreutz (1616). In ihnen wird einerseits die wahrscheinlich fiktive (Vaillant 1989: 103) Lebensgeschichte des Gründers des Ordens Christian Rosencreutz und der frühen Jahre des Ordens beschrieben, andererseits wird die Gleichberechtigung von Wissenschaften und Religion und die engere Zusammenarbeit der europäischen Gelehrten gefordert. Ob der Orden, der mit diesen Schriften an die Öffentlichkeit zu treten schien, tatsächlich existiert hat, wird weithin angezweifelt. Auch die Autorenschaft der Manifeste ist nicht gänzlich geklärt. Dennoch haben sich in der darauf folgenden Zeit zahlreiche Personen und Gruppen von diesen Schriften beeinflussen lassen. Selbst wenn die Rosenkreuzer vorher nicht existiert haben, der Inhalt der Manifeste sind ein Ergebnis der Zeit, in der sie erscheinen. Wie Schick (1942: 17ff.). darstellt, bildeten sich im späten Mittelalter und in der einsetzenden Renaissance die Akademien, in denen auch Lehrmeinungen diskutiert wurden, die nicht im Einklang mit denen der Kirche waren. Mit der Wiederentdeckung der Lehren des Pythagoras kam die Idee auf, die Wissenschaft könnte ein Modell der Welt entwerfen, das alternativ zu dem der Kirche war. Dadurch war die Wissenschaft nicht mehr der Theologie unterstellt, wie es die Scholastik lehrte, sondern unabhängig geworden. Diese frühe Naturwissenschaft war allerdings noch stark von mittelalterlicher Mystik durchsetzt und nicht mit den Formelgebäuden eines Isaac Newton zu vergleichen. Aus mittelalterlicher Mystik und neoplatonischen Lehren entstand der besonders in Italien verbreitete Theismus, nach dem die verschiedenen Religionen die gleiche Gottheit anbeteten und sich somit die Lehren des Christentums und der als heidnisch betrachteten griechischen und römischen Philosophen nicht grundsätzlich widersprachen (Schick 1943: 19f.). Die Katharer, eine religiöse Minderheit, die der Ketzerei beschuldigt wurde, brachten vom Balkan antike, gnostizistische Lehren mit sich nach Mitteleuropa. Während die Katharer um 1300 besiegt wurden, fand ihre dualistische Weltsicht von Gut und Böse, die sich in der Welt gegenüberstehen, Eingang in die Alchemie. Entsprechend mussten die Gelehrten an den Akademien vorsichtig sein, dass sie nicht in den Verdacht gerieten Ketzer wie die Katharer zu sein. Aus Angst vor der katholischen Kirche und der immer mächtiger werdenden Inquisition arbeiteten viele im Verborgenen oder gründeten kleine Zirkel von Gelehrten. Als schließlich zum Ende des 15. Jahrhunderts die Juden aus Spanien vertrieben wurden, kamen mit ihnen auch die kabbalistischen Lehren an die europäischen Höfe und Lehrstuben. Insbesondere der italienische Gelehrte Pico della Mirandola (1463-1491) hat versucht die jüdische Mystik mit christlichen Lehren in Einklang zu bringen. Kabbala und Alchemie, Neoplatonismus und Naturphilosophie bildeten die geistigen Grundlagen, auf denen die Rosenkreuzermanifeste entstanden. Das Werk zweier Personen wird mitunter als die Grundlage dieser Manifeste angesehen: John Dee (1527-1608) und Paracelsus (1493-1541). Paracelsus (eigentl. Theophrastus Bombastus zu Hohenheim) wird oft als der Vater oder Begründer der modernen Medizin oder Pharmazie angesehen. Er überwarf sich mit der traditionellen Vier Säfte-Lehre und Kräuterheilung und kurierte Krankheiten mit der Hilfe von Metallsalzen, also Medikamenten, die nicht aus Kräutern gewonnen wurden, sondern auf chemischem Wege entstanden. Daneben arbeitete Paracelsus allerdings auf einer Vielzahl anderer Gebiete. Das hermetische Weltbild, nach dem das Universum als Makrokosmos in direkter Verbindung zum Menschen als Mikrokosmos steht und sie einander beeinflussen und wiederspiegeln (siehe Abschnitt 3.1.2), dem auch die Rosenkreuzermanifeste anhängen, hat er stark verfeinert und ausgearbeitet. Er unternahm aber auch als einer der ersten eine deutliche Unterscheidung und somit Trennung von Astrologie und Astronomie. Diese Unterscheidung setzte sich aber nicht sofort vollständig durch. John Dee war schließlich nicht nur der Hofastronom, sondern auch Astrologe von Königin Elizabeth I. von England. Dee war wie Paracelsus ein Multitalent und schrieb Traktate über Mathematik und Kosmologie. In seinem Werk Monas Hieroglyphica (1564) entwarf er mit der dort beschriebenen Monade ein Symbol, das die Zeichen aller Planeten in sich vereinigte und somit als Beschreibung für den gesamten Kosmos dienen sollte (siehe Abb. 2). Dieses Symbol erscheint auch auf dem Titel der Originalausgabe der Chymischen Hochzeit Christian Rosencreutz.Yates (1975: 49) sieht einen direkten Vorläufer oder zumindest Geistesgenossen der Verfasser der Rosenkreuzer in dem Bremer Okkultisten Henrikus Khunrath (gest. 1603). Dessen Werk Das Amphitheater der ewigen Weisheit (Amphiteatrum Sapietiae Aeterniae, Hannover 1609) ist deutlich von Dee, insbesondere seiner Monas Hieroglyohica beeinflusst. Khunrath beschreibt ausführlich Dees Monade, geht aber auch auf Paracelsus Kosmologie ein. Ebenso findet sich bei ihm bereits der Hinweis auf die Verbindung von Magie, Kabbala und Alchemie (ebd.: 47f.). Eine weitere Verbindung der Manifeste zu Dees Monas besteht in dem lateinischen Traktat, das zusammen mit dem zweiten Manifest, der Confessio Fraternitatis, in einem Band erschien und den Titel Eine kurze Überlegung über andere Geheimwissenschaften trug und laut Titel von einem Philip a Gabella verfasst worden war. Die gesamte Publikation wurde überschrieben mit „[...] nun zum ersten Mal veröffentlicht zusammen mit der Confession der R. C. Bruderschaft.“ (Yates 1975: 55). Hier wird das Monassymbol, und damit Dees Kosmologie weitgreifend erläutert. Die Schrift endet mit einem Gedicht, das mit „Philemon R. C.“, wahrscheinlich „Philemon Rosencreutz“ signiert ist, was wiederum eine weitere Verbindung zur folgenden Confessio ist (ebd.: 57). Es wird vermutet, dass dieser Text aus dem gleichen Umfeld entstammt wie die Rosenkreuzermanifeste.Neben den geistesgeschichtlichen Grundlagen muss auch die religiöse und zu dieser Zeit eng damit verstrickte politische Lage in Europa in Betracht gezogen werden. Protestantische Fürsten auf der einen und katholische Fürsten, allen voran die Habsburger, auf der anderen Seite rangen um die Vormachtstellung, was wenige Jahre nach der Veröffentlichung der Manifeste zum Dreißigjährigen Krieg führte. Die Rosenkreuzermanifeste haben einen deutlich protestantischen Ton, gehen sogar so weit, dass sie in der Vorrede zur Confessio „den babst zu Rom, den Antichrist nennen, welches hiebeuor für eine Todtsünde gehalten worden“ (zit n. Yates 1975: 259). Mit ihrer Anrede an „die Häupter, Stände und Gelehrten Europae“ (Fama Fraternitatis, ebd.: 247) wird deutlich, dass es sich bei der Fama nicht nur um eine philosophische oder religiöse, sondern durchaus politische Schrift gedacht ist. Yates zeigt im Verlauf ihres Buches Die Rosenkreuzerische Aufklärung (engl. The Rosicrucian Enlightenment, 1975) zahlreiche Hinweise auf, die sogar eine direkte Verbindung zwischen den Autoren der Manifeste und den politischen Geschehnissen, die schließlich zum Dreißigjährigen Krieg führten, herstellen. Ihre Überlegungen sind allerdings primär spekulativen Charakters, beschreiben aber eindrucksvoll das fragile politische Klima der Zeit, in der die Manifeste erschienen sind. Die Fama Fraternitatis, die erste der drei Schriften, ist in deutscher Sprache verfasst und beginnt mit einem Lob an die moderne, aktuelle Zeit, in der Gott den Menschen neue Erkenntnisse über die Welt und die Natur aber auch über sich und seinen Sohn eröffnet habe. Damit wird ein besonderes Anliegen der Rosenkreuzerischen Philosophie angedeutet: Die Vereinigung und Verbreitung der Erkenntnisse von Naturwissenschaft und Reformation (Schick 1942: 43). Es folgt die Beschreibung der Lebensgeschichte des mythischen Begründers des Ordens, Bruder Christian Rosencreutz. Geboren 1378 bereiste er als junger Mönch und Arzt den Orient und erlernte dort neben Mathematik, Physik und Arabisch auch die Lehren der Kabbala und Alchemie (Fama, zit. n. Yates 1975: 248). Diese Reisen gleichen dem, was man sich über Paracelsus erzählt, dessen Werk von besonders großem Einfluss auf die Rosenkreuzer gewesen ist (siehe dazu Werner 1994: 6). Das Leben, insbesondere die Reisen des Paracelsus, der wie Christian Rosencreutz Mediziner war, könnten als Vorbild für die Erlebnisse des Bruders gedient haben. Die Fama schildert, wie Rosencreutz in Anlehnung an arabische Gelehrtenkreise das Modell einer Gelehrtenrepublik entwickelt, einer Gemeinschaft, die sich über ihre gesamten erforschten Kenntnisse austauschen solle und ihre Ergebnisse Herrschern und Politik zukommen lassen solle. Eine solche Gemeinschaft begründet er mit dem Orden der Rosenkreuzer, der aus Angst vor der katholischen Kirche für 100 Jahre geheim gehalten werden soll. Die Fama erscheine am Ende dieser Zeit, als der Orden an die Öffentlichkeit tritt und „Vatterland Teutscher Nation behülflich, nothwendig vnd rühmlich sein“ werde (Yates 1975: 253). Zentrales Element der Erzählung ist die Eröffnung des Grabes von Christian Rosencreutz, das als Abbildung des Universums gebaut sei und allerlei wundersame Gegenstände, sowie die Aufzeichnungen der ersten Brüder enthält. Die Autoren des Textes betonen, dass die Mitglieder des Ordens zwar protestantischen Glaubens seien, aber politisch dem Heiligen Römischen Reich und somit dem katholischen Kaiser (zu dieser Zeit der habsburgische Kaiser Matthias) dienen, dass sie also nicht nach einem Umsturz der bestehenden Verhältnisse strebten. Außerdem scheint es ihnen wichtig zu erwähnen, dass sie, obwohl aufgrund ihrer alchemistischen Kenntnisse durchaus in der Lage, es ablehnen Gold zu machen. Die Alchemie sehen sie mehr als Wissenschaft an, um das Wesen Gottes und der Schöpfung zu erkennen, während alles andere Missbrauch und Scharlatanerie sei. Die Schrift endet mit der Aufforderung der Autoren an die Gelehrten Europas eine Stellungnahme zur Fama zu verfassen. Tatsächlich erscheint die Fama 1614 in Kassel unter anderem mit einer Antwort durch einen gewissen Haselmeyer. Ein Jahr nach der Fama erschien nun ebenfalls in Kassel und ebenfalls ohne Angabe eines spezifischen Autors die Confessio Fraternitatis, der zweite der Texte, als scheinbare Beigabe zur Schrift von Philip a Gabella. Die Confessio ist im Gegensatz zur Fama in lateinischer Sprache abgefasst, sie erschien aber mit einer deutschen Übersetzung. In ihr wird das Vorhaben des Ordens noch einmal genauer erklärt, „gegen Papst, Mohammed, Pfaffen, Alchimisten und scholastische Philosophie für das reine Evangelium“ (Schick 1942: 45) zu kämpfen. Ihr Ziel sei eine neue Philosophie, die den Menschen als Mikrokosmos und Himmel und Erde als Makrokosmos unterscheide und erkunden solle. Der Zwiespalt zwischen Theologie und Wissenschaften solle überwunden werden (ebd.: 46), wobei zu letzteren auch das okkulte Wissen gehört, das der mythische Gründer des Ordens bei seiner Reise in den Orient kennen gelernt haben soll.Die dritte Rosenkreuzerische Schrift erschien im folgenden Jahr, diesmal in Straßburg, und ist weit länger als die vorangegangenen. Sie erzählt, wie Christian Rosencreutz zu einer königlichen Hochzeit eingeladen wird. Nachdem er mehrere Proben bestehen musste, darf er mit dem Goldenen Vlies geschmückt an der Festlichkeit teilnehmen, auf der unter anderem ein Theaterstück aufgeführt wird und Gäste erst enthauptet und in Särge gelegt, dann am folgenden Tage unversehrt und lebendig geborgen werden. Im Keller des Schlosses entdeckt der Protagonist ein Grabgewölbe, das dem eigenen aus der Fama ähnelt. Am Ende werden die Gäste in einen Ritterorden „vom Goldenen Stein“ aufgenommen.Zumindest die Identität des Verfassers der Chymischen Hochzeit ist gesichert, spricht doch der Tübinger Pfarrer und Arzt Johann Valentin Andreae (1586-1654) in späteren Jahren selbst davon sie in einer ursprünglichen Version zwischen 1602 und 1603 verfasst zu haben (Schick 1942: 70). Andreae war wie Christan Rosencreutz und sein historisches Vorbild Paracelsus Mediziner und könnte sogar den Namen „Rosenkreuzer“ an sich begründet haben. Sein Großvater, der Theologe Jakob Andreae hatte ein Wappen erworben, das auf weißem Grund ein rotes Andreaskreuz von vier Rosen umgeben zeigt (Yates 1975: 76 und Schick 1942: 71). Andere Quellen für diesen Namen wurden wiederholt diskutiert, bei Yates dominiert dabei die Herleitung vom Englischen Hosenbandorden, der ein rotes Kreuz zeigt, und der dortigen Ritterschaft, an dem sich die Rosenkreuzer orientieren sollen (1975: 76f.). Schick stellt in seinem Buch Die frühen Rosenkreuzer ausführlich dar, warum er Andreae für den Verfasser aller drei Schriften hält (ebd.: 66ff.), auch wenn viele andere Autoren seine Meinung nicht teilen (Yates 1975: 102f., Vaillant 1989: 103, Marquès-Rivière 1979: 299). Dennoch scheinen die Manifeste zumindest in Andreaes Umfeld, einem Kreis von Freunden, die sich zwischen 1610 und 1614 regelmäßig in Tübingen getroffen haben (Schick 1945:110ff.), ihren Ursprung genommen zu haben. Viele Bestandteile seiner Chymischen Hochzeit, der Inhalt und die verwendeten Symbole spiegeln die in Fama und Confessio beschriebene Weltsicht wieder (ebd.). Die Grundzüge dieser Weltsicht hatte Andreae wahrscheinlich in den ersten Fassungen seiner Erzählung bereits festgelegt. Während Andreaes Freundeskreis sich langsam auflöste, weil die Mitglieder in andere Städte zogen, nahm das Vorhaben des Tübinger Kreises aber andere Formen an als beabsichtigt. Schon in der Fama und Confessio wendet sich der angebliche Orden gegen falsche Alchemisten, die es nur auf die Herstellung von Gold abgesehen haben (Fama, zit. n. Yates 1975: 258 und Confessio, ebd.: 267), doch schien der okkulte Tenor der Schriften schon jetzt die falsche Klientel anzulocken. Während Schick Andreaes Tübinger Freundeskreis als den ursprünglichen Orden der Rosenkreuzer bezeichnet (1942: 109f.), machte sich eine neue Anhängerschaft breit, die den pansophischen Gedanken der Manifeste missverstand und in ihm die Bestätigung vieler okkultistischer Strömungen, den Kabbalisten, goldmachenden Alchemisten oder Theosophen sah (ebd.: 161). Christian Rosencreutz, der eigentlich als allegorische Figur angelegt war, wurde für real gehalten, ebenso wie sein symbolisches Grab und die darin enthaltenen Schriften und Gegenstände. Dementsprechend fiel eine große Zahl der in der Fama geforderten Antworten aus. Schon die Chymische Hochzeit, so liest es Schick (ebd.: 118), war dazu gedacht einige Missverständnisse klarzustellen. In der folgenden Zeit allerdings muss sich Andreae vollkommen von dem lossagen, was inzwischen als Rosenkreuzertum angesehen wird. Er greift es stattdessen offen in seinen folgenden Schriften an und begründet an ihrer statt die Societas Christiana (ebd.: 118ff.).Der Name der Bruderschaft vom Rosenkreuz dagegen scheint von nun an mit einer Geheimgesellschaft verbunden, die es so nie gegeben hat. „[...] den Zugang zu allen Geheimnissen und Verborgenheiten des Himmels und der Natur“ (Fama, zit. n. Yates 1975: 255), den Christian Rosencreutz seiner Grabinschrift zufolge errungen haben solle, glauben nun die verschiedenen okkulten Gruppen in einer sie umfassenden Organisation gefunden zu haben. Unter den ersten, die 1616 eine Antwort auf die Manifeste verfassten, war der Englische Arzt Robert Fludd (1574-1637). Fludds Annäherung an die Rosenkreuzer kam von der Hermetischen Philosophie (siehe 3.2.). Er erhoffte sich von den Manifesten und der in ihnen beschriebenen Philosophie eine Reform vor allem der Mathematik, zu der er aber auch Musik, Kriegskunst, Optik und andere Wissensbereiche rechnete (Yates 1975: 87). In seiner in den folgenden Jahren in mehreren Bänden herausgebrachten Schrift Utriusque Cosmi Historia beschreibt er genauer das hermetische Bild des Kosmos in Mikro- und Makrokosmos, das schon Paracelsus und Khunrath weiterentwickelt hatten. Er bringt außerdem diese Weltsicht mit der kabbalistischen Auffassung der Weltschöpfung (siehe dazu Unterkapitel 3.2.) in Einklang. Genauso wie sein Zeitgenosse Michael Maier führte Fludd vor allem die Verbindung der verschiedenen okkulten Wissenschaften mit der christlichen Lehre fort, wie der pansophische Gedanke der Manifeste, angestoßen unter anderem durch die Lehren Dees oftmals verstanden wurde. Sie sind somit als Rosenkreuzer der zweiten Generation zu betrachten, auch wenn Fludd nach eigenen Angaben auf seine Antworten auf die Manifeste von 1616 keine Erwiderung von der Bruderschaft erhalten hat (Yates 1975: 88). Als Maiers Hauptwerk ist wohl sein Atalanta fugiens (1618) zu betrachten, das insbesondere durch seine bildnerischen Darstellungen alchemistischer Zusammenhänge und Gegenstände auffällt. Die Abbildungen sind Kupferstiche, die vermutlich von Matthäus Merian angefertigt worden sind. Diese und seine anderen Schriften sind deutlich von den Werken Dees und den Rosenkreuzermanifesten beeinflusst (Yates 1975: 94). Gerade die Schriften Maiers und Fludds haben vor allem den kabbalistischen und alchemistischen Teil der Rosenkreuzerischen Philosophie weitergetragen und verstärkt, während der gesellschaftliche und wissenschaftliche Reformgedanke, der eigentlich im Vordergrund stand, verdrängt wurde (Schick 1942: 273).Neben denen von Maier und Fludd gab es noch zahlreiche andere Antworten auf die Manifeste, positive wie negative, doch insbesondere in Deutschland riss dieser Strom 1620 ab, als im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges die ersten Siege der österreichisch-spanischen Armeen die Protestanten in arge Bedrängnis brachten. So unbedeutend das Rosenkreuzertum in Deutschland schon wenige Jahre nach seiner Entstehung in den Manifesten geworden sein mag, um so größere Bedeutung gewann seine Philosophie in anderen Ländern. Zumindest die Confessio war in Latein abgefasst, so dass auch sie einem größeren gelehrten Publikum der Zeit zugänglich war. Aber auch schon Fludd musste sich verschiedene Anschuldigungen gefallen lassen, die seine Werke ins Umfeld der Hexerei brachten. Nachdem seine Utriusque Cosmi Historia nicht in England, sondern auf dem Kontinent gedruckt worden war, hatte man ihm in seiner Heimat vorgeworfen, es enthalte verbotene Magie (Yates 1975: 89). Durch die in Deutschland aufkommende Missstimmung den Rosenkreuzern gegenüber und die zunehmende Zahl an okkultistischen Verehrern der Gruppe bekam das Rosenkreuzertum einen sehr negativen Ruf, der sich insbesondere in Frankreich zeigte.1623 machten in Paris Gerüchte um eine Gruppe von „Unsichtbaren“ Rosenkreuzern die Runde, die sich im Land aufhalten sollen, wahrscheinlich verursacht durch eine Reihe von Plakaten, auf denen die Gruppe auf sich aufmerksam machte und um Mitglieder warb. Die Gerüchte, die sich verbreiteten, stellten die Gruppe in erster Linie als den Teufel anbetende Hexer dar (Yates 1975: 114ff.). In einer Zeit, in der die Hexenverfolgung in Frankreich eine Blüte erlebte, lösten diese Gerüchte fast schon eine Panik aus. Dieser wäre beinahe auch der Philosoph René Descartes zum Opfer gefallen, der nach einer Reise nach Böhmen und wegen seiner Zurückgezogenheit für einen der Unsichtbaren gehalten wurde (ebd.: 126). Trotz seiner eigenen damaligen Bemühungen diese Gerüchte zu zerstreuen, zählen heutige Rosenkreuzerorden wie der AMORC Descartes nach wie vor zu den ihren (AMORC 1996: 14).Mit einem 1659 erschienenen Vorwort versetzte der Gelehrte Meric Casaubon dem Namen der Rosenkreuzer so etwas wie den sozialen Todesstoß. Gerade sind die so genannten spirituellen Tagebücher John Dees erschienen, die den Mathematiker, Hermetiker und Astrologen in einem sehr negativen Licht erscheinen lassen. Er berichtet darin von vermeintlichen Gesprächen mit Engeln. Dem durch diese Schriften aufkommenden Misstrauen setzt Casaubon noch weiter zu, indem der Dee und Paracelsus beschuldigt vom Teufel besessen gewesen zu sein. Mit dem gesellschaftlichen Tod zweier Männer, auf deren Werk sich das Rosenkreuzertum in großen Zügen stützte, war das Ansehen der Bewegung vorerst ruiniert. Dies zumindest insofern, als dass die von den Manifesten inspirierten Lehren nicht mehr offen geäußert werden konnten, ohne dass man sich den Ruf von Lächerlichkeit oder sogar der Hexerei zuzog.Die späteren Rosenkreuzer entstanden also auf der Basis einer für real gehaltenen Fiktion, die eine Geheimgesellschaft beschrieb. Durch den Verlust ihres Ansehens waren sie gezwungen wieder Geheimhaltung zu üben und die Vision Andreaes und seiner Freunde auf diese Weise Wirklichkeit werden zu lassen, wenn auch anders als diese es gehofft hatten. 1.2 Weltbild und Ziele der frühen Rosenkreuzer Im Vorwort zu seinem Buch, das sich besonders intensiv mit den ersten drei Schriften der Rosenkreuzer beschäftigt, gibt Schick als ihr Ziel die „Generalreformation der ganzen weiten Welt“ an (1942: 15). Allgemeine und General Reformation der gantzen weiten Welt ist allerdings nur der Titel eines Textes, der zusammen mit der Fama Fraternitatis erschienen ist. Es handelt sich dabei um einen ins Deutsche übersetzten Auszug aus einer Schrift namens Ragguali di Parnasso (Neuigkeiten aus Parnasso) des Italieners Traiano Boccalinis, der in seiner Allegorie die Absetzung der Herrschaft der Habsburger fordert (Yates 1975: 143f.). Der Begriff einer „general Reformation“ erscheint aber auch in der Fama selbst (zit. n. Yates 1975: 248) als Bemühung des Christian Rosencreutz, sich mit Theologie, Mathematik und Physik dem Dogma der Kirche entgegenzustellen, also auch mit Argumenten der Naturwissenschaft. Von einer weltweiten Reformation ist nicht die Rede. In dieser Zeit war die Naturwissenschaft erst dabei sich aus dem herauszulösen, was wir heute als Mystizismus ansehen. Heute kann man Theorien zu Größe, Aussehen und Alter unseres Kosmos auf Beobachtungen mit Geräten wie beispielsweise dem Hubble Teleskop stützen. Teleskope gab es zwar auch damals schon und Galilei gelang es auch mit ihrer Hilfe das Kopernikanische Weltbild zu beweisen, doch stand dem wissenschaftlichen Fortschritt das kirchliche Dogma Roms entgegen. Im Jahr 1616, als die Rosenkreuzermanifeste gerade erschienen waren, erklärte der Vatikan die Lehren des Kopernikus für falsch erklärte (Hawking 1988: 221f.). Dies macht auch deutlich, wie schwer es zu diesen Zeiten war sich Forschungen zu widmen und diese öffentlich zu vertreten. Theorien zur Entstehung des Universums, wie sie bei Paracelsus oder den Kabbalisten zu finden sind, werden mit Misstrauen betrachtet oder gar als blasphemisch angesehen. Sie widersprachen dem Grundsatz, dass Gott eine unbegreifliche Macht war und er, und damit auch die Schöpfung, für den Menschen nicht zu verstehen waren (ebd.: 222). Kernpunkt des pansophischen Gedankens war dagegen, was in der Fama gleich zu Beginn angedeutet wird, wenn die Erkenntnisse in Wissenschaften und Theologie der jüngsten Zeit gelobt werden. Natur war demnach das Ergebnis der Schöpferkraft Gottes und damit ein Teil Gottes selbst. Das bedeutete, dass die wissenschaftliche Untersuchung des Kosmos nicht dem Glauben widersprach, sondern dass vielmehr die Suche nach der Erkenntnis der Natur Teil der Suche nach der Erkenntnis Gottes sei. Dem zufolge war die Erforschung der Natur und ihrer Gesetze ein Dienst an Gott (Möller 1983: 212 und Peuckert 2003: 574). Dieser Gedanke findet sich besonders bei Johann Amos Comenius (1592-1670) wieder, dessen pansophisches Werk von Andreae beeinflusst war (Yates 1975: 168). Comenius sah demnach eine Kenntnis der Schöpfung, also auch der Naturwissenschaften, als Pflicht des Gläubigen an. Auf dieser Basis begründete er seine Didaktik (Didactica Magna, 1627-32), worin er ein gestuftes Schulsystem und den heutigen Frontalunterricht entwarf (Gudjons 1999: 83), um Bildung, das Wissen um Gottes Schöpfung, allgemein zugänglich zu machen. Die Rosenkreuzermanifeste weisen darauf hin, dass die Mitglieder des Ordens ausschließlich Protestanten seien. Sie erhofften sich von der Reformation eine Änderung in dem Verhältnis von Religion und Wissenschaften. Während aber Comenius vor allem den Schluss aus der pansophischen Lehre zog, dass Bildung eine Pflicht des Frommen ist, hatten die Rosenkreuzermanifeste ein anderes, nämlich ein gesellschaftliches oder sogar politisches Ziel. Schick (1942: 44) benennt dieses Ziel als eine Gelehrtenrepublik. Die Fama spricht hierbei von einer „Societät“ (zit. n. Yates 1975: 250), die zum Vorbild arabische Gelehrtenbünde haben solle, wie sie der mythische Gründer Christian Rosencreutz auf seinen Reisen erlebt hat. Die Gelehrten sollten sich in diesen Bünden über ihre Erkenntnisse austauschen und sie im Diskurs weiterentwickeln, anstatt ihr Wissen eifersüchtig zu hüten. Dies sei besonders wichtig, da sich das gesamte Weltbild zu jener Zeit im Umbruch befand, wie die Fama gleich zu Beginn feststellt. Die Reformation hat neue Erkenntnisse in Glaubensfragen geliefert, genauso entwickelten sich die Wissenschaften immer schneller. Die zu begründende Gesellschaft sollte diese Entwicklung begleiten und fördern. Hinzu kam, dass die Lehren, die dieses neue Weltbild mit sich bringen würde, genutzt werden sollten, um bei der Erziehung von Fürsten zu helfen und ihnen beratend zu Seite zu stehen (Schick 1942: 44). Als einen der Wegbereiter hierzu nennt die Fama ausdrücklich noch einmal Paracelsus. Tatsächlich findet sich bei ihm eine genauere Darstellung des in Makro- und Mikrokosmos eingeteilten Weltbildes. Demnach spiegelt sich der Makrokosmos, die Schöpfung der Welt und der Planeten im Mikrokosmos, dem Menschen wieder. So wird als Beispiel genannt, dass, wenn der Mensch sich schlafen legt, dies auch in der schlafenden Welt gespiegelt wird (Werner 1994: 18f.). Dies macht noch einmal deutlich, was zu jener Zeit unter Wissenschaft verstanden wurde. Medizin war beispielsweise noch sehr eng mit Alchemie verbunden. Paracelsus selbst sah sie neben der Anatomie und der Astronomie als eine der die Medizin konstituierenden Wissenschaften an (Werner 1994: 273). Die Neuheiten der damaligen Wissenschaft kamen beispielsweise dadurch, dass der Theistische Gedanke erlaubte, auch die Kabbalisten, die Weltbilder Platons oder die Mystik der Ägypter zu diskutieren und nicht von vorn herein als Ketzerei abzutun. Während heute der Kosmos mit Hilfe riesiger Teleskope und Antennen oder gigantischen Teilchenbeschleunigern erforscht wird, fand diese Forschung zu jener Zeit in Schreibstuben und kleinen Laboratorien statt. Dies geschah wegen des Verdachts der Blasphemie oder gar Hexerei oftmals heimlich. Die Universitäten standen zumeist unter kirchlicher Kontrolle oder zumindest Beobachtung und waren von den neu aufkommenden Lehren der entstehenden Naturwissenschaften eher ausgeschlossen (Schick 1945: 21). Es war bereits zuvor im Rahmen der Renaissance zur Gründung verschiedener Akademien gekommen, in denen Ideen des Theismus beispielsweise diskutiert wurden, der Austausch zwischen diesen Institutionen fiel allerdings wegen des Drucks, der von der Kirche ausging, schwer. Der Ansatz einer Gelehrtengesellschaft, die offen ihre Ergebnisse austauschen und zusammen arbeiten konnte, entsprach dementsprechend durchaus dem Bedürfnis der Zeit. Mit der Hoffnung, den sie in die Reformation legen, greifen sie vor allem die katholische Kirche an und nennen den Papst sogar den Antichrist (zit n. Yates 1975: 259). So offen, wie sie sich aber geben, sind sie natürlich nicht. Nur für die Chymische Hochzeit, die wegen ihrer Narrativität abseits der beiden anderen Texte steht, gilt die Autorenschaft als gesichert. Nicht einmal die ehemaligen Mitbrüder des mythischen Christian Rosencreutz werden namentlich genannt. Was hier einzig öffentlich gemacht wird ist vielmehr die Idee eines Gelehrtenbundes, der seine Erkenntnisse offen diskutieren und den Menschen zu Gute kommen lassen kann. Die Bruderschaft der Rosenkreuzer hat wahrscheinlich nie so existiert, wie er in Fama und Confessio beschrieben ist, es sei denn man bezeichnet den Freundeskreis Andreaes als diesen Orden. Die Autoren haben aber mit ihrem Aufruf zur offenen Diskussion ihrer Schriften, der am Ende de Fama erging, bereits einen Schritt in die Richtung gemacht, die sie sich wünschten, nämlich die einer offenen Debatte. Wie bereits oben erwähnt wurde, nahmen die Bestrebungen der Autoren der Rosenkreuzerischen Manifeste allerdings eine andere Richtung, als sie von ihnen wohl beabsichtigt war. Vor allem die von ihnen postulierten Gedanken der Pansophie wurden missverstanden. Wiederholt hatten die Schriften Kritik an denjenigen Alchemisten geübt, die vor allem die Herstellung von Gold im Hinterkopf hatten, anstatt sie als Erforschung der Schöpfung zu nutzen. Genau dieses Publikum zog ihr pansophischer Ansatz aber an. Sie sahen in ihm die Legitimation jeglicher okkulter oder mystischer Forschung, meinten, dass die Manifeste sie als im Einklang mit dem Glauben darstellten. Vom Gedanken an eine Gelehrtengesellschaft kamen die späteren Gruppen schnell ab. Offen wurden sie noch mindestens bis zu ihrer Denunziation durch Casaubon diskutiert, doch begründeten sich zunehmend mehr Geheimgesellschaften in ihrem Namen, beanspruchten sie als Vorbilder oder direkte Vorfahren. Der Orden der Gold- und Rosenkreuzer beispielsweise berief sich unter anderem auf sie und die Manifeste, lobte aber die Kunst des Goldmachens als höchste menschliche Errungenschaft und stand zu allem Überfluss den katholischen Jesuiten nahe (siehe dazu auch Abschnitt 3.1.4). Die modernen Inkarnationen der Rosenkreuzer, seien es der Golden Dawn oder der AMORC konzentrieren sich mehr auf spirituelle Erkenntnis und sind bemüht den nicht Eingeweihten gegenüber das Geheimnis zu wahren, statt ihr Wissen offen zu teilen. 1.3 Der Einfluss des frühen Rosenkreuzertums auf die Englischen Freimaurer Der ursprüngliche pansophische Gedanke der Manifeste war allerdings nicht gänzlich verloren. Nicht nur durch Fludd, sondern auch durch Comenius gelangten die Ideen der Rosenkreuzer nach England. Als eine wichtige Verbindung zwischen Rosenkreuzerischem Denken und den Britischen Inseln wird allerdings Francis Bacon angesehen. Schon 1605 hatte er in seinem Werk The Advancement of Learning die Begründung einer Art Bruderschaft von Gelehrten gefordert, die ihr Wissen frei austauschen und einander helfen sollten, ein Austausch, der von den damaligen Universitäten nicht gefördert wurde (Yates 1975: 129). In dieser Verbindung zwischen der Societät, die in den Rosenkreuzermanifesten gefordert wird, und Bacons „Bruderschaft der Erkenntnis“ (Yates 1975: 129) liegt wahrscheinlich die Annahme des AMORC, Francis Bacon habe die Manifeste verfasst (AMORC 1996: 28). Bacon war allerdings bereits einige Schritte weiter als es die Rosenkreuzerischen Schriften andeuten. Er lehnte sowohl das Modell von Mikro- und Makrokosmos als überholt ab und versperrte sich auch gegen die alchemistische Tradition Erkenntnisse in schwer verständliche Symbole zu kleiden, wie es die Fama beispielsweise bei der Schilderung der Gruft des Christian Rosencreutz tut (Yates 1975: 131). Yates (1975: 192ff.) sieht deutliche Verbindungen sowohl zwischen den Forderungen der Rosenkreuzer nach einem Gelehrtenbund, Bacons Bruderschaft und den Lehren des Comenius mit der Gründung der Royal Society in England. Da sie diese allerdings vor allem auf Indizien stützt, sollen sie an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden. Gesichert ist dagegen der deutliche Einfluss Rosenkreuzerischer Lehren auf das Englische Freimaurertum. Die Ursprünge der Freemasons liegen historisch weiter zurück als die der Rosenkreuzer, wenn auch ihre Transformation von einer Maurergilde in eine Geheimgesellschaft etwa in die gleiche Zeit fällt wie das Erscheinen der Rosenkreuzermanifeste. Ihre Geschichte soll im Folgenden kurz zusammengefasst werden. Seinen Ursprung verfolgt das Freimaurertum bis zu den Stiftshütten der Steinmetze beim Bau der mittelalterlichen Kathedralen zurück. Innerhalb der Gilden hatte sich zu dieser Zeit bereits ein komplexes System von Ritualen gebildet, das sicher stellen sollte, dass man Wandergesellen von Arbeitern unterscheiden konnte, die keine Ausbildung in der Gilde erhalten haben. Peuckert (2003: 559) beschreibt einige diese Rituale der Zunft der Steinmetze sehr ausführlich. Es ist allerdings nicht hinlänglich geklärt, ob die später auftretende Society of Freemasons aus diesen Zünften hervorgegangen ist, oder sie nur als Vorbild nahm. In England war das Zunftsystem mit kirchlichen Bruderschaften verbunden, wodurch im Rahmen der englischen Reformation auch das englische Zunftwesen weitgehend zusammenbrach. Als sich schließlich zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Societies of Freemasons bildeten, war ihre Hierarchie nach wie vor auf Lehrling, Geselle und Meister beschränkt. Viele der alten Rituale wurden weiter verwendet, aber anstatt an der Ausübung des Handwerks interessiert zu sein, waren diese Gemeinschaften eher philosophische Zirkel (Schick 1945: 280f.). Bereits zu Zeiten der mittelalterlichen Handwerker war die Kunst der Steinmetze nicht das gewesen, was wir heute als Maurerei kennen. Ihre Rolle bei der Erbauung von vor allem Kirchen, Altären oder Heiligenstatuen erforderte von ihnen eine gewisse theologische Vorbildung. Die alten Stiftshütten (frz. loge) wurden somit auch für religiöse Debatten der Meister genutzt (Schick 1945: 280f.). Da nach der Reformation das Handwerk für die Logen immer weiter in den Hintergrund gerückt war, war es auch nicht mehr vonnöten als Mitglied aus den Reihen der Steinmetze zu kommen. Die Freimaurer wurden zunehmend zu einem ausschließlich philosophisch orientierten Debattierclub, in dem beispielsweise auch zahlreiche Gründungsmitglieder der Royal Society verkehrten. Das moderne Freimaurertum wird daher auch spekulative Freimaurerei genannt (Yates 1975: 219). Tatsächlich gehören die Berichte zweier Gründer der Royal Society, nämlich Elias Ashmole und Robert Moray, zu den ersten Erwähnungen der Freimaurer als solche Institutionen. Die Berichte der jeweiligen Initiation dieser Herren stammen aus den Jahren 1641 (Moray) und 1646 (Ashmole). Der Bericht Ashmoles ist dabei von besonderem Interesse, weil er die Namen anderer erwähnt, die mit ihm in die Loge in Warrington, Lancashire aufgenommen wurden. Unter ihnen befand sich auch Henry Manwaring, welcher ein überzeugter Anhänger Oliver Cromwells war, während Ashmole selbst Royalist war. Dies deutet auf eine politische Neutralität der Loge hin (Yates 1975: 219). Die erste Verbindung zwischen Rosenkreuzertum und Freimaurerei ist allerdings der Teil eines Gedichts von 1638: „For we are the Brethren of the Rosie Cross, we have the Mason’s Word and second sight“ (Brydon 1994 und Yates 1975: 220f.). Dabei kann insofern von einer Einheit von früher spekulativer Freimaurerei und Rosenkreuzertum ausgegangen werden, als dass wahrscheinlich viele, die den mystischen Lehren, die mit den Rosenkreuzern in Verbindung gebracht wurden, in den Freimaurerlogen die in den Manifesten geforderte Societät sahen. So waren beide, Robert Moray und Elias Ashmole, an den Alchemistischen Lehren der Bruderschaft interessiert. Ashmole hat sogar darüber geschrieben (Theatrum Chemicum Britannicum, 1652, Yates 1975: 205) und wurde von Schick direkt als Rosenkreuzer bezeichnet (1945: 287). Weiter sagt Schick, dass zu dieser Zeit Rosenkreuzer und Freimaurer im Grunde gleichgesetzt waren, wie die Gedichtzeile oben zeigt (ebd.: 286). Die Diskreditierung von Paracelsus und John Dee durch Meric Casaubon allerdings veränderte auch die Dinge für die Freimaurer. Zunehmend gerieten ein nicht religiöser Wissenschaftsgedanke und der Deismus an die Stelle der pansophischen Gedanken der frühen Rosenkreuzer. Die Veränderungen des allgemeinen Weltbildes gingen zu jener Zeit nicht an den Freimaurern vorbei. Dem entgegen steht wiederum die Entwicklung ab 1717. In diesem Jahr schließen sich die vier Londoner Logen zur ersten Großloge zusammen. Damit erhalten die bisher separat voneinander existierenden Logen eine Art der Dachorganisation. Als Konkurrenz gründeten sich in den kommenden Jahren einige weitere Großlogen auf den Britischen Inseln. Die später international gegründeten Logen und Großlogen führen sich immer auf eine dieser ersten Britischen Logen zurück. Die Londoner Loge war auch die erste, die eine Verfassung erhielt und bei deren Treffen von nun an Protokolle geführt wurden. Mit der Zeit entstanden verschiedene Systeme von Hochgraden, das sind Grade, die über die drei traditionellen Grade von Lehrling bis Meister hinaus gehen. Noch immer am meisten verbreitet ist der so genannte schottische Ritus mit 33 Graden, bei denen von besonderem Interesse der 18. Grad „Knight of the Rosy Cross“ ist (Hutin 1979: 327). Während sich die philosophischen Diskussionen der Freimaurer also auf die neue Zeit einstellten, verfestigten sich die alten Rituale zunehmend und wurden sogar weiter ausgebaut. Heute sind die Freimaurer eine Organisation mit philanthropischen, gemeinnützigen Zielsetzungen. Die alten Rituale blieben aber bestehen. Noch immer sind in den zahllosen Symbolen, in die sich die Gemeinschaft hüllt, einige zu erkennen, die wohl entweder über Leute wie Ashmole und Moray in die Logen eingeführt wurden, oder sie zu eben diesen hingezogen haben (Peuckert 2003: 606f.). Bis heute haben die Freimaurer ihre eigene mythische Entstehungsgeschichte bekommen. Nach dieser berufen sie sich auf die Erbauer des Salomonischen Tempels zu Jerusalem. Der Beruf des Maurers und des Architekten bekam durch die Sichtweise Gottes als Baumeister und Architekt des Universums eine neue, heilige Färbung. In anderen Legenden gehen die Freimaurer auf den mittelalterlichen Orden der Tempelritter zurück (siehe dazu auch Abschnitt 4.4.2). Deren Name leitet sich allerdings ebenfalls vom Salomonischen Tempel ab. Obwohl damit Freimaurertum und Rosenkreuzer inhaltlich zunehmend auseinandergeringen, gab es im Folgenden immer wieder Überschneidungen der Geschichte oder ihrer Mitglieder. 1.4 Der Orden der Gold- und Rosenkreuzer Eine weitere Entwicklung der Rosenkreuzer, die auf andere Weise eng mit den Freimaurern verbunden war, zeichnete sich Mitte des 18. Jahrhunderts ab, nämlich die Entstehung des Ordens der Gold- und Rosenkreuzer. Wichtig an ihr ist, dass es sich um eine Gruppierung handelt, die sich einerseits auch auf die Manifeste und Johann Valentin Andreae beruft. Gleichzeitig aber kommt sie in einer Form daher, die einer protestantischen Aufklärung, wie sie in den Manifesten gefordert war, entgegenwirkte. Dies ging sogar so weit, dass man sie mit den Jesuiten verbündet sah (Dülmen 1975: 25). Die ersten deutlichen Hinweise auf diese Organisation lassen sich auf das Jahr 1757 datieren, das wahrscheinliche Gründungsdatum. Er benutzte nicht nur den Namen der mit den Rosenkreuzermanifesten in Erscheinung getreten Bruderschaft (mit dem Zusatz des Goldes), er beansprucht in seinen Schriften sogar für sich in den Zeiten von Moses entstanden zu sein. Es gibt aber nichts, was dies als historische Tatsache unterstützt. Daher muss davon ausgegangen werden, dass dieser Mythos aus einem Versuch der nachträglichen Legitimation heraus entstanden ist (Möller 1983: 200f.). Auf seinem Höhepunkt ist sogar 1781 Friedrich Wilhelm II. von Preußen in den Orden aufgenommen worden. Statt einer turnusmäßig alle zehn Jahre durchgeführten Reform wurde 1787 eine zeitweilige Einstellung der Arbeit in den einzelnen Zirkeln verfügt, die nie aufgehoben wurde. Damit hörte diese Ausprägung des Rosenkreuzertums faktisch auf zu existieren (ebd.: 204). Die Philosophie des Ordens war einerseits verhältnismäßig nahe an der pansophischen Philosophie der frühen Rosenkreuzer orientiert, legte aber einen großen Schwerpunkt auf die alchemistische Tradition der Suche nach dem Stein der Weisen und der Herstellung von Gold, welcher die Oberen des Ordens ihrer Darstellung nach fähig zu sein behaupteten. Trotzdem betrachteten auch die Gold- und Rosenkreuzer die Erforschung der Natur als einen Weg zur Erkenntnis Gottes (Möller 1983: 212). Sie schlossen darin aber die weitere Erforschung der Alchemie mit dem Ziel den Stein der Weisen zu finden ein. Eine Voraussetzung für den Eintritt in den Orden war die bereits bestehende Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge. Tatsächlich orientierte sich der Orden in vielerlei Hinsicht an den Freimaurern, insbesondere was die Struktur der stark hierarchisch aufgebauten Organisation betraf. Ansonsten wurden den neuen Mitgliedern die Mysterien der Freimaurer als eine Vorstufe zu denen des Ordens vorgestellt, deren Hintergrund und wahre Deutung sie nun erfahren sollten, waren sie doch ihrem eigenen Ermessen nach die wirkliche Führungsspitze des Freimaurertums (Möller 1983: 203 und 206). Ein weiterer Hintergedanke bei der Voraussetzung einer Freimaurermitgliedschaft war der, dass der Orden versuchte die Logen zu unterwandern und umzufunktionieren, um nicht nur gesellschaftlichen, sondern auch politischen Einfluss zu gewinnen. Ziel dieser Organisation war es, insbesondere den religiös ausgerichteten Tendenzen der Aufklärung entgegenzuwirken. Der Glaube an die Naturwissenschaft hatte vor allem den Protestantismus, dem auch der Kreis um Andreae einst angehörte, oftmals auf den Deismus reduziert. Gott wurde in diesem Rahmen in eine inaktive Rolle verbannt, die dem tiefen Glauben der Rosenkreuzer, der frühen wie der des 18. Jahrhunderts, widersprach. Die Erfolge des Ordens zeigten sich in mancher Hinsicht erst, nachdem er bereits aufgehört hatte als Organisation zu existieren. Es war bereits gelungen verschiedene politische Ämter zu übernehmen, wie die des Chefs des geistlichen Departments in Preußen durch Johann Christoph von Wöllner im Jahre 1788. Wöllner setzte beispielsweise durch, dass Geistliche und Lehrer im Bereich der lutherischen Landeskirche nicht von den lutherischen Bekenntnisschriften abweichen durften, womit deistische Tendenzen verhindert werden sollten. Eine 1791 eingesetzte Kommission, welche die Einhaltung dieses Edikts überwachen sollte, wurde ebenfalls von zwei Mitgliedern des Ordens angeführt (Möller 1983: 219f.). Wichtig für die Funktion des Ordens war die hierarchische Struktur, die sich an dem Hochgradsystem der Freimaurer orientierte. An der Spitze standen dabei die Oberen, denen absoluter Gehorsam zu leisten sei und vor denen man keine Geheimnisse haben dürfte. Durch den Eid des Ordens, war man ihm mehr oder minder ausgeliefert, denn er verpflichtete zu Gehorsam und absoluter Verschwiegenheit, deren Bruch harte Strafen nach sich ziehen sollte (Möller 1983: 207f.). War schon das Aufkommen der Hochgrade nach schottischem Ritus der Freimaurer von vielen Logenmitgliedern als Bruch mit dem aufklärerischen Gedanken angesehen worden, so war die Mystifizierung des wahren Hintergrundes der Maurer durch die Rosenkreuzer vielen ein weiterer Dorn im Auge. Die Naturwissenschaft hatte inzwischen große Fortschritte gemacht und die zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch revolutionären Gedanken der frühen Rosenkreuzer waren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eher reaktionär. Mit ihrer Betonung auf die Kunst des Goldmachens entsprach sie genau jenem Feindbild, vor dem Fama und Confessio Fraternitatis gewarnt hatten. Als später Adam Weishaupt den Geheimbund der Illuminaten gründete, geschah dies auch, weil einige seiner Studenten und Kollegen von einer Loge dieser Rosenkreuzer angeworben worden waren. Weishaupt wollte sich sowohl den Überbleibseln des anti-aufklärerischen Jesuitenordens aber eben auch den Rosenkreuzern mit ihrer „törichten Goldmacherei“ (Immenkötter 1998: 105) entgegen stellen. [nach oben]
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