ANTIQUA Online Magazin

seit Dezemeber 2008

Geheimgesellschaften


 

Neo Druiden 

von Fern Weirich

Copyright 2006 

 

Heiden und Druiden

  

Im 18. Jh. schrieben John Toland und Reverend Stukeley mit der Gründung des ersten druidischen Geheimordens ein neues Kapitel in der Geschichte der Geheimbünde und legten gleichzeitig den Grundstein für ein damals eher  den mittleren und gehobeneren Gesellschaftsschichten vorbehaltenes, aber kaum wirklich praktiziertes neues Heidentum.

 

Die neue Druidenbruderschaft unterschied sich in ihrer Struktur und ihren Graden kaum von den anderen Geheimbünden der rosenkreuzerisch-freimaurerischen Tradition Die Zielsetzung war jedoch stark nostalgisch geprägt und diente wohl eher dem intellektuellen Meinungsaustausch und einem kultivierten Beisammensein, als dass sie einen spezifischen, missionarischen Charakter gehabt, oder gesellschafliche oder politische Veränderungen angestrebt hätte . In der Folge entstanden eine Handvoll weitere druidische Bruderschaften, ohne dass allerdings sonderlich viel in Bewegung gekommen wäre. Die breiten Massen blieben unberührt und die Orden quasi unbekannt. Jedenfalls sind keine besonderen Manifeste oder andere Publikationen bekannt.

Mehr als ein Jh. verging, ohne dass es irgendwelche Veränderungen in dem Wirken der Logen, oder in den religiösen Gewohnheiten des Volkes gegeben hätte. Um das Aufkommen des neuen Druidentums und die Gründung neuer Logen und Haine besser zu verstehen, sollten wir zuerst einen Rückblick auf ein anderes Phänomen werfen: das neue Heidentum.

 

 

Erst im zweiten Drittel des 20. Jh. - und sicherlich ohne das Zutun der Londoner Druiden-Logen - entstand im Kielwasser der aufkommenden Ökowelle und gepusht von der New-Age-Strömung, eine Art Renaissance einer Naturbezogenheit, die sogar von den Fundamentalisten unter den so genannten Grünen kaum beabsichtigt gewesen war. Das, was sich langsam aber stetig entwickelte, war mehr als einfache Ökologie oder Grünes Denken. Es war ein religiöses Gefühl, ein Wiederaufkeimen von etwas, das schon fast einer anderen Welt angehörte. Latente nostalgisch-religiöse Bedürfnisse, hoffnungsvolles Wunschdenken und die nicht zu unterschätzenden Einflüsse der New-Age- Welle entzündeten eine uralte Feuerstelle neu und mit ihr die Gemüter hauptsächlich der jungen Generationen. Ein längst abgeschriebenes religiöses Gefühl wurde wieder neu belebt: das Heidentum.

 
 

Das neue Heidentum

 

entwickelte sich Ende der siebziger Jahre des 20. Jh. praktisch zeitgleich im englisch- und im deutschsprachigen Europa anfangs in zaghaften, dann in immer virulenteren Wellen und ging einher mit einem auffallend schnell wachsenden Interesse am Germanen-, am Kelten- und insbesondere am Druidentum.  In den Buchhandlungen mehrte sich das entsprechende literarische Angebot und es enstand eine Nischenliteratur, die in sich alles aufsog ind ziemlich willkürlich vermischte oder miteinander verband, was irgendwie parapsychologisch angehaucht, esoterisch geprägt und mythologisch verbrämt war. Die neue Strömung und ihre Jünger erhielten recht schnell, wenn auch im Großen und Ganzen auf sehr niedrigem Niveau, ein Literaturangebot, das mengenmäßig der Unterhaltungsliteratur in nichts nachstand. Erste Zirkel und Gemeinden bildeten sich, waren aber bald unter sich zerstritten und übten sich in ersten Kompetenzansprüchen. Die Mode erkannte - wie schon vor ihr die Literatur - eine Nische und erweiterte auch ihr Angebot durch so genannte "heidnische Mode", die in ihren vielen Variationen schlußendlich auch den Gothiklook gebar. Inzwischen waren Begriffe wie Druide, Barde, Gode, Hexe, Magier oder Wikka zu zeitgemäßen Schlagwörtern geworden, auch wenn ihre Bedeutung und Herkunft noch vielen verborgen blieb.

 

Heute begreift das neue Heidentum noch immer vergleichsweise wenige Anhänger und ist als religiöse Strömung in sich auch noch nicht sonderlich homogen, aber es existiert und findet auch u.a. in christlichen Kreisen langsam aber sicher eine nicht immer sympatische Akzeptanz. In der Regel werden die neuen Heiden noch von einer Mehrheit belächelt oder als Folkore klassiert.

 

Die zahlenmäßig noch verhältnismäßig wenigen neuen Heiden stehen dem in unserer Gesellschaft kulturell tief verwurzelten Glaubensimpakt des Christentums gegenüber, das per Definition allen Grund hat, das neue Heidentum abweisend, zumindest sehr kritisch zu beobachten. Nach fast zweitausend Jahren der Christianisierung quer durch Europa stehen die Heiden wieder vor der Tür. Eigentlich stehen sie schon mitten im christlichen Lager.

 

Die Ideologie oder religiösen Ansichten des neuen Heidentums mögen den areligiösen Menschen befremden und ihm im günstigsten Fall ein leichtes Kopfschütteln, oder amüsiertes Schmunzeln abringen. Heidentum und Vielgötterei im Zeitalter des Informatik und Genmanaipulation? Hinterwäldler !

Die paganistische Strömung kann aber nicht als kurzlebiger Trend oder als kulturelle Freizeitbeschäftigung abgetan werden. Sie verdient schon etwas mehr Beachtung.

 

Die neuen Heiden sind keine einheitlich orientierte Gemeinschaft. Sie unterscheiden sich untereinander allein schon durch ihre Ansicht dessen, was sie unter einem neuen Heidentum verstehen. Allein, als religiöse Gemeinschaft stehen sie mit diesem Malaise nicht allein. Das Christentum und seine Aufsplitterung in zahlreiche ideologische Richtungen und seinem Netz von mehr als 20.000 christlich ausgerichteten oder geprägten Sekten zeigt, wie eine ursprüngliche Strömung sich auswachsen und verwachsen kann. Eine solche Extremlage steht dem neuen Heidentum allerdings noch so bald nicht ins Haus, denn noch ist nicht einmal eine einheitliche Basis gefunden, aus der sich etwaige Sondergruppen herausbilden könnte.   Zur Zeit bleibt zu beobachten, wie die neuen Heiden es mit ihrer neu entdeckten Religion und ihren Lehren und Grundsätzen im täglichen Leben halten, sprich: das Heidentum in die Praxis umsetzen wollen. Das Dürfte trotz aller denkbaren Motivation kein leichtes Unterfangen werden, das zudem, aufgrund der doch überwiegend negativen Rezeption einer andersdenkenden, meist christlich geprägten Allgemeinheit und durch die image-geschädigenden Aktionen einiger pseudoheidnischer Trittbrettfahrer noch zusätzlich erschwert wird. Es mag aber auch sein, daß in unserer, mental recht oberflächlichen Zeit ein weiterer Gast am großen religiösen Tisch keine besondere Rolle spielt. Es zeigt sich schon allenthalben, daß die multikulturelle Gesellschaft alles in sich aufsaugt und etliche Minderheiten dabei in Sachen Präsenz oder Anerkennung quasi im Gewühl untergehen.

 

Wer sind die neuen Heiden ? Was vertreten sie ? Grundsätzlich lassen sie sich in drei Gruppen mit verschiedenen Grundlagen einstufen:

 
 

1. Die neuen Heiden keltisch-germanischer Prägung

 

Sie suchen nach urreligiösen Wurzeln und Weisheiten in den äusserst kargen Resten tradierter Stammestraditionen Irlands, Britanniens, Galliens und Germaniens, die laut ihnen immer noch original erlebbar und nachvollziehbar seien. In ihrer intuitiven und mystischen Spiritualität wandeln sie, gemäß ihrer Weltsicht auf eigenem Grund und Boden, sozusagen auf den Feldern ihrer Ur-Ahnen und der ursprünglichen, vorchristlichen, archaisch-heidnischen und naturverbundenen Kultur. In der Regel übernehmen sie auch die Pantheone der damaligen heidnischen Weltanschauung und passen ggf. heutige Gepflogenheiten in eine alte, überkommene, aber nicht immer nachweisbare Schablone.

 
 

2. Die New-Age-Heiden

 

Ihre Spiritualität entpuppt sich oft als ein ziemlich kunterbuntes und recht eigenwilliges Konglomerat aus keltischen und germanischen Mythen, indianischem Schamanismus, fernöstlicher Mystik und afrikanisch-haitianischem Voodoo und nicht selten dekoriert durch heutige, „gotisch“ eingefärbte Accessoires. Diese Form des Heidentums hat nur wenig gemein mit dem, was aus den sehr dürftigen Beständen der keltischen oder germanischen Überlieferungen heraus zu destillieren ist und entspricht eher einem allgemeinen Trend, denn einem echten Bedürfnis nach einem Leben im Sinne und gemäß den Maßstäben der alten Traditionen.

 

 

3. Die Club-Heiden

 

Sie sind weniger religiös, dafür aber umso romantischer und nostalgischer geprägt und meist hoch motiviert. Sie definieren sich selbst sozusagen als "Touristen der keltisch-heidnischen Antike". Ihr metaphysisches Interesse geht selten über die Besichtigungen von und Reisen nach echten und vermeintlich-echten keltischen und germanischen Denkmälern und Örtlichkeiten hinaus. Newgrange, Stonehenge, Gladstonbury und Carnac sind nur einige ihrer Einkehrorte, wo sie ihrem Lagerfeuer- und Pfadfinderbedürfnis in einem nostalgischen Rahmen freien Lauf lassen können. Ihre privaten Bücherschränke sind nicht selten gut bestückt und sie sind auch recht unterhaltsame und belesene Zeitgenossen, die sich unter Ihresgleichen und im eingeweihten Freundeskreis am geborgensten fühlen.

     
 

*

 

Die "echten" Neuen Heiden [siehe 1.] lassen sich nicht so einfach festlegen oder beschreiben. Das Heidentum als solches stellt für den bekennenden Heiden alles das dar, was nicht christlich, nicht dogmatisch und sogenannt modern, nicht aufgeklärt und rational ist. Ihre Religion ist naturmystisch, erdverbunden, archaisch und magisch und will nicht selten auch "rassisch rein" sein. Wie jede andere Weltanschauung ihre Schwachstellen hat, so entbehrt denn auch das neue Heidentum nicht gewisser beanstandenswürdiger deontologischer Mängel oder entsprechend verräterischer Verhaltensmerkmale seiner Anhänger. Dies wird besonders augenfällig, wenn es um hochgepeitschte Kirchenfeindlichkeit geht und um eine sehr fragwürdige okkulte Wurzelrassenmystik [siehe "rassisch rein"], die – wie das vorige Jahrhundert uns lehrte – sehr schnell in fanatischer, rassistischer Weltschau und national-faschistoider Blut- und Bodenmystik münden kann. Obschon der Rassismus von den meisten Neuheiden nachdrücklich zurückgewiesen wird,  entspricht er nichtsdestoweniger den Grundsätzen der meisten altertümlichen Kulturen, auch wenn jene damals ihre Heldenbrüste nicht mit Hakenkreuzen und die ihrer Feinde mit rosa Dreiecken zierten. So vehement auch einige NeoHeiden jedweden Rassismus von sich weisen, so spricht ihre zumindest konservative Weltanschuung dagegen, es sei denn, sie hätten diverse neue hummanistische Prinzipien in ihre alten Grundsätze aufgenommen. Darum betonen die meisten Neuen Heiden auch gleich von vorneherein ihre absolute Distanz zu neo-nazistischen und neo-faschistischen sowie satanischen Vereinigungen und Tendenzen, können a priori aber eine zwangsläufig konservative und entsprechend chauwinistische Haltung und Denkweise nicht leugnen.

 

Der neue Heide erschließt in seinem Denken, seinem Fühlen, in seinen Ahnungen und Erfahrungen die geheimnisvolle Welt und die Gegenwärtigkeit naturnaher Götter und Kräfte, die in ihm und durch ihn wirken und die er z.B. als Druide (NeoDruide) zu erkennen, zu deuten und aufzurufen, bzw. einzusetzen imstande sei. Hier begegnen wir direkt einer weiteren Personifizierung, die im Zuge der Entwicklung des neuen Heidentums aus den Tiefen der Mythologie und der Menschheitsgeschichte wieder auftauchte und von der neuen Strömung übernommen wurde: der Schamane.

Der Rang oder die Quallität des Schamanen überkommt uns aus den weiten Regionen des Altaigebirges, wo man die Ahnen u.a. der Kelten vermutet und stellt entsprechend den Überlieferungen und einigen historischen und archäologischen Beweisstücken sowohl das menschliche Bindeglied zwischen Mensch und Divinität, als auch das Urprinzip des Magiers dar - einem besonderen Menschen, dem die Gabe des Sehens und die Fähigkeit der Kommunikation mit den Göttern gegeben sei. Diese Interpretation finden wir in quasi gleichwertiger Qualität in der Figur des Druiden wieder, jenem Weisen, der im neuen Heidentum eine hervorragende Rolle spielt.

 
 

Zum neuen Heidentum stellt sich in der Konsequenz eine grundlegende Frage: ist das (Kelten- Druiden- und) Heidentum als Glaubensrichtung aus den sehr kargen Überbleibseln der keltisch-germanisch-heidnischen Tradition und aus einigermaßen redlich zusammengetragenen, aber nur bedingt zuverlässigen, vorwiegend mytischen aber kaum historischen Quellen überhaupt noch sinnvoll zu rekonstruieren ? Ist eine einigermaßen glaubhafte Reproduktion heidnischen Glaubens noch möglich ?

Schriftliche Hinterlassenschaften der alten Kelten sind so gut wie inexistent. Die Aufzeichnungen der späteren Religionsverwahrer datieren aus der Zeit nach der Christianisierung und sind bekanntlich Schilderungen aus zweiter Hand, dazu meist noch von Christen, ergo Menschen mit einer anderen religiösen und politischen Weltsicht und einer zwangsläufig anderen Bewertung. Was an mehr oder weniger verbindlichem Wissen zu verbuchen ist, stammt aus archäologisch gesicherten und interpretierten Erkenntnissen und aus Interpretationen und Deutungen einer  zwar reichen, aber nicht sehr homogenen Mythologie.

 
 

Die zweite Frage wäre gleich die, ob der Mensch des 21. Jahrhunderts mit seinem Paket an modernem Wissen, insbesondere seinen Denkmustern, seinen emotionalen und rationalen Grundstrukturen überhaupt noch in der Lage ist, ein zwangsläufig lückenhaft rekonstruiertes und zwischen damals und heute von diversen literarischen und pseudoreligiösen Einflüssen entfremdetes Heidentum überhaupt umsetzen, sprich: fundamental leben zu können. Ist es denkbar, heidnisches, bodenständiges Stammesdenken und –leben öffentlich und mit Hingabe zu leben? - in einer Zeit, die auf die soziale und politische Zusammenführung von an sich grundverschiednen Kulturen ausgerichtet ist und auf die nur denkbarste Art und Weise den alten heidnischen Traditionen diametral entgegensteht.

Vielgötterei in einer Epoche, in der selbst der einzige Gott der Christen schon um seine spirituelle Existenzberechtigung kämpfen muss ?? Steht diese gewünschte Lebensweise dem in vielen europäischen Staaten angestrebten Laizismus nicht diametral entgegen ? Wie es scheint ist der Rechtstrend nicht nur ein Merkmal der katholischen Amtskirche.

 

Bei den Kelten und Germanen und in ihrem Religionsverständnis gab es keine Trennung vom Sakralen und Profanen. Sowohl im Krieg als auch in Friedenszeiten waren Religion und profaner Alltag nicht voneinander zu trennen.

Jean Markale betont: "Ohne die Druiden hätte es keine keltische Gesellschaft gegeben, aber umgekehrt hätte es auch ohne keltische Gesellschaftsstrukturen keine Druiden geben können".

Wendet man diese Formel auf das neue Heiden- und Druidentum keltischer Prägung an, ergibt sich die Frage, ob das Heiden- bzw. Druidentum heutzutage überhaupt realistisch ist, geschweige denn realisierbar.

 
 

Die Liebe zu dem eigenen Grund und Boden, der Terra Mater, wie sie die Kelten sahen, zur eigenen Herkunft, zum eigenen Stamm und natürlich zur eigenen Familie, in einem Zeitalter der grenzenlosen Globalisierung und der grassierender Entfremdung der beiden Geschlechter, bringt dem neuen Heidentum einen gewissen, wenn auch mehrdeutigen und unterschwellig populistischen Aufwind und je nach Betrachtungsweise und gemessen an den durch die Menschenrechte zugesichterten Feiheiten natürlich auch eine gewisse Berechtigung.

Die recht zügige Entwicklung unserer multikulturellen Gesellschaft und das heimliche Sympathisieren mit u.a. besonders dieser archaischen und naturverbundenen Religion, ergeben jenseits allem Mythos und aller politischen, gesellschaftlichen und rassischen Aspekte trotzdem einige neue Perspektiven. Betrachtet man die spirituellen Werte des Heiden- und Druidentums und klammert man alles das aus, was heute an romantischem und nostalgischem Brimborium, an rassistischem und neo-faschistoiden Elementen und zweckorientiertem Personenkult im Kielwasser des jetzt und hier praktizierten Heidentums herumquirlt, so bleibt eine Essenz, die viele wertvolle Ingredienzien birgt, so dass es pure Verbohrtheit wäre, dem neuen Heidentum von vorneherein jedwede Existenzberechtigung abzusprechen.

 
 

Georg Schmid  bringt es mit einem schlichten Vergleich auf die Reihe: "Die neuheidnischen Feste sind Freiräume für Aspekte des Menschseins, die in der unromantischen Normalwelt kaum mehr gelebt werden können. Wer das aufziehende Neuheidentum als Bedrohung empfindet, dürfte nicht nur gegen die Neuheiden und ihre Gruppenmoral antreten. Er müsste mit ihnen - wo immer auch und wann immer auch - Feste feiern können, die menschlich nicht weniger bieten als ihre eigenen Happenings. Neuheiden feiern das wilde, gute Leben".

 

Verglichen mit den vergilbten, abgenutzten Dogmen und in sich gespaltenen und kaum noch kreditwürdigen Weltreligionen, wirkt die Rückkehr zu den religiösen Traditionen u.a. der Kelten wie eine belebende Tinktur nach einem längst verschollenen Rezept. Ein Widerspruch ? Sind nicht alle Religionen Widersprüche in sich ?


 

Die neuen Druiden

 

Das neue Druidentum wurde während den Jahren der Reformation im 18. Jh. in England aus der Taufe gehoben wurde, scheint aber seitdem in den Kinderschuhenin stecken geblieben zu sein. Wie seinerzeit herrscht im Kreise der heutigen, selbsternannten Neo-Druiden noch immer Chaos und Zwist. Allein schon am Begriff Druide (Bandrui) scheiden sich die erhabenen Geister derer, die unverrückbar von sich behaupten echte Druiden zu sein.

 

An sich spiegelt das heutige Druidentum nur das wieder, was seinerzeit schon bei der Gründung der ersten Orden vorherrschte: Elitedünkel, Besserwisserei mangels besseren Wissens, eine gute Portion Nostalgie und Romantik nebst einer bemerkenswerten Tendenz der Einzelnen die eigene Wertigkeit hemmungslos zu überschätzen. Seltene Ausnahmen (falls es sie denn geben sollte) bestätigen die Regel.

 

Während meinen Recherchen erhärtete sich dieser Eindruck und ich möchte es an einem Beispiel darlegen. Gleich schon bei der Lektüre einiger literarischer Texte und Kommentare zur Gründung und zu den Gründungsvätern der ersten Druidenorden, fiel mir der erstaunliche Wirrwarr von Teilinformationen, Widersprüchen und glorifizierenden oder herabwürdigenden Personenbeschreibungen um den legendären Gründungsvater des ersten Druidenordens auf. Daran konnte ich schon vage ermessen, wie es damals und heute um das Verständnis zwischen den Neo-Druiden bestellt war/ist.

 
 

John Toland 

 
 

 
 

 
 

In einem auf einer Internetseite (die ich vorzugsweise nicht als Quelle zitieren möchte) veröffentlichten Interview postulierte ein englischer und in heidnischen Kreisen offenbar prominenter Druidenordensleiter, der erklärte antiklerikale John Toland sei "ein irischer Revolutionär" gewesen und er fragte sich mit leichter Empörung und in bitterem Ernst, ob es nicht opportun sei, Toland den Titel eines Erz-Druiden oder Chef-Druiden posthum abzusprechen. Weiterhin wäre noch zu erwähnen, dass jener Ordensleiter von "einem gewissen John Toland" redete, so als wäre derselbe ein Niemand, ohne Bio- und Bibliographie, nicht ein, wenn auch umstrittener irischstämmiger aber englisch schreibender Philosoph und nicht ein prominenter, wenn auch verquerer Vertreter der europäischen Freidenkerschaft und Freimaurerei.

 

 

 

 

William Stukeley 

 

 

 

Andere machten aus dem ehemaligen Antiquar und späteren Reverend William Stukeley (1687-1765), einen „Handwerker“ mit historischen Ambitionen. Stukeley war der erste redliche, leider aber irregeleiteter Erforscher und Interpret u.a von Stonehenge, dessen Errichtung er im besten Glauben und mangels adequater Datierungsverfahren den Kelten, bzw. den Druiden zuschrieb. Nichtsdestoweniger aber war er einer der ersten glaubwürdigen, archäologisch und geometrisch vorgehenden Erforscher von Stonehenge". Wenn auch seine mythologischen Kenntnisse sich im Nachhinein als Vermutungen herausstellten, so sind seine  Graphiken und Ausmessungen bis heute anerkannt.

 

Schriftliche Aufzeichnungen oder Texte über jenes denkwürdige Treffen Anno 1717 zur Herbst Tag-und-Nacht-Gleiche auf Primerose Hill, als der Grundstein für das Neo-Druidentum gelegt worden sein soll, sind entweder absolute Mangelware oder aus welchen Gründen auch immer nicht einsichtig. Indes sind sich einige europäischen Druiden-Orden zumindest darüber einig, daß sie sich an diesem Gründungsdatum und seinem Manifest im Zusammenhang mit ihrem eigenen Orden inspirierten. Die Quintessenz der an diesem Datum festgelegten Prinzipien entpuppt sich freilich als alles andere denn puristisch oder fundamentalistisch heidnisch, geschweige den heidnisch-druidisch oder gar meteaphysisch.

So heißt es z.B. bei dem dänischen Orden "Order Terra" , der Ur-Orden habe "seinen Ursprung in einem Vorschlag von John Toland, präsentiert den 1. Mai 1717 in London, der anhand der Archive von William Stukeley aus griechischen-/ arabischen- / asiatischen- und indischen Quellen" und aus Auszügen aus der Bibliothek der Fugger erstellt sei.

 

Laut Jean Markale ist der von John Toland (am 22. September 1717 gegründete) "Druid Order" eine Bewegung mit starken Protestcharakter gewesen. Den Orden gibt es noch heute. John Tolands anfangs offensichtlich rein esoterisch ausgerichteter Orden sei, so Markale, jedoch im Zuge seiner Entwicklung durch anglikanische Einflüsse geprägt worden, u.a. auch durch den Dichter William Blake (Mitglied), dem Verfasser einer Ode über König Artus.

Der Deutsche Druiden Orden (DDO) beruft sich bezüglich seiner Ausrichtung auf das Jahr 1781, als - auch in England - ein weiterer Druidenorden am 29. Oktober in London in der Taverne "Kings Arms" in der Poland Street aus der Taufe gehoben wurde. Diese zweite Lineage geht auf Henry Hurle zurück (von dem es nur bruchstückhafte Personenangaben gibt) der seinen Orden den "Ancient Order of Druids" nannte. Der AOD war laut Markale stark freimaurerisch ausgerichtet und beinhaltete auch solche humanitäre Zielsetzungen wie beispielsweise die gegenseitige Hilfe und Sozialfürsorge, ähnlich wie es etliche Freimaurerlogen auch in ihren Satzungen verankert haben. Auch in diesem Orden soll der Dichter William Blake eingeschrieben gewesen sein.

 
 

Edward Williams

 

 

 

1792 entstand die dritte Lineage am 21. Juni in London. Der Waliser Edward Williams alias Jolo Morganwg (1747-1822) rief an diesem Tag der Sommersonnenwende die erste Gorsedd (>Versammlung) von Druiden und Barden ins Leben. Diese walisische Gorsedd entwickelte sich mit der Zeit zu einer offiziellen Druidenformation, zu der sich auch die in Frankreich aktive "Fraternité des Druides, Bardes et Ovates de Bretagne" gesellte. Die Interessen der Fraternité waren freilich eher bretonisch-nationalistisch denn rituell oder keltisch-mystisch ausgelegt.

Bemerkenswert und der heidnischen Grundlage des Druidentums nicht entsprechend ist, dass sich in der Gorsedd jeder zu seiner individuellen Religion bekennen durfte. Als Gruppe intepretierten sie sich indes als Gemeinschaft und definierten sich als Forscher auf den Gebiet des keltischen Wissens.

 

 

Heute gibt es weltweit, insbesondere in den Vereinigten Staaten, in Europa und in Australien weit mehr als eine Million Menschen, die von sich behaupten Druide zu sein, oder aber für sich in Anspruch nehmen, zumindest einem Druiden-Orden, einer entsprechenden Loge oder Bruderschaft anzugehören. Puristische und fundamentalistische Druiden-Orden sind vergleichsweise selten, wenn es solche denn überhaupt wirklich gibt.

 

Die aktiven Druiden-Orden, -Logen oder -Bruderschaften unterscheiden sich in der Regel stark voneinander, was vereinzelt in zwar heftigen, glücklicherweise aber in bislang lediglich verbalen Gefechten mündete.

In Deutschland beginnen die diversen Druidenhaine (vergleichbar mit Kleinlogen) sich zunehmend verschiedenen internationalen Druiden-Orden oder großen Logen anzuschließen. Die Druidenhaine, die in der Regel von einem Oberdruiden und ggf von einigen rangniederen Druiden oder Barden geführt werden, zeichnen sich seit ihrer Gründung durch einen pseudointellektuellen und intrigenreich geführten, verbalen Kampfeifer aus - bisweilen gespickt mit persönlichen Attacken - der fernab des alten Weges , bis heute auf den Tastaturen der PCs via Internet auf diversen Foren gepflegt wird.

 

Diese Gefechte – ob man sie nun als lustig oder traurig empfindet - sind nichtsdestoweniger bezeichnend und die Teilnehmer an diesen Auseinandersetzungen entlarven sich in der Regel selbst vor ihrem Internetpublikum und entblößen sich dadurch aller ihrer vorgegebenen mythisch-historischen "druidisch-schamanischen Qualitäten".

Diese Druiden-Haine und ihre druidischen Führer berufen sich alle auf das okkulte, mythische Altertum und bezeichnen  ihre ideologisch-traditionelle Grundlage als die einzig Richtige. Ergo müßte jeder dieser Neo-Druiden als solcher der einzige, wahre Erbe der wahren, ausschließlich mündlich tradierten Druidentradition sein. Offensichtlich aber meinen sie nicht alle immer dasselbe, wenn sie von "druidischen Traditionen und Mysterien" reden. Untersucht man ihre Satzungen oder Leittexte etwas genauer, so entpuppen sich ihre Ansichten und ihr sakraler Hintergrund als ein inkohärentes und sehr eigenwilliges Gemisch aus keltisch-heidnischer Überlieferung, urchristlichem Dogma und diffusen, sehr persönlichen pseudo-schamanischen Interpretationen .

 

Diese neu aufgemischten "alten Wege" – in einzelnen Fällen sogar mit sektiererischem Charakter – wirken auf den Beobachter umso abstruser, da es keinerlei schriftlichen Aufzeichnungen über das echte Druidentum vor der Christianisierung gibt.

Es gibt keine verbindlichen Quellen auf die sie sich berufen könnten ! Diese Nichtexistenz von Quellen ist eine nützliche und ebenso dehnbare wie unerschöpfliche Startgrundlage für denjenigen, der von sich behauptet, er sei der letzte lebende Erbe, das bislang letzte Glied der Überlieferungskette einer mystischen Tradition, die seit Menschengedenken mündlich unter Eingeweihten weitergereicht wird, von Druide zu Lehrling usw.

Es ist ergo völlig witzlos, dem Ansprucherheber - jenem bislang "letzten Glied in einer Kette mündlich tradierter Genealogie" - einen Beweis oder Beleg für seine Abstammung oder Zugehörigkeit zur Kette abzuverlangen. Es gibt ja per Definition keinen Beweis dafür.

Es sei denn, man bemüht die Traumwelt (wie in vielen Kulturen auch ein Bestandteil der keltischen Religiosität) als Transmitter der tradierten Wissensreichtümer. Oder man beruft sich auf die Reinkarnation – ein weiterer, wenn auch umstrittener Aspekt des keltischen Glaubens – als Übertragungsmedium. Den Nachweis dieser "Möglichkeiten" kann wiederum niemand erbringen. Bleibt noch die außerkörperliche Geistreise (Seelenwanderung) zu den Ursprüngen des Druidentums und etliche andere "okkulten Möglichkeiten", wie die Fälschung von bardischen Dichtungen zwecks Erbrechtsnachweis oder andere dubiose Überlieferungen, auf die man sich - zwischen den Zeilen - berufen könnte.

Nichts ist greifbar und dadurch wird scheinbar alles möglich.

 

Auf das latent bereitstehende Glaubenspontential und das unterschwellig schwelende Nostalgie- und Romantikbedürfnis der Massen konnten die Ordens-, Religions- und Sektenstifter erwiesenermaßen noch immer bauen.

Im Gegensatz zu den Gründern der ersten Druidenorden, die entweder schreib- und lesekundige Gelehrte, Philosophen, Geistliche oder Literaten waren, entpuppen sich die meisten heutigen Haingründer und –führer als Mitbürger, deren Allgemeinbildung sich aus den von ihnen auf diversen Foren geführten Diskussionen als dürftig bis unzureichend herausstellt. Dies ist keine voreingenommene Verumglimpfung oder Verspottung, sondern Fakt und hinterlässt beim redliche Sucher nicht unbedingt den besten Eindruck. Doch genau diesen möchten die Neo-Druiden auf jeden Fall hinterlassen.

 


Quellen:

Jean Markale - Druiden - Weltbild 1995

Georg Schmid - Neues Heidentum – 2002


Infos:

 

-Antike Druiden und keltischer Glaube

-Christianisierung der Kelten

[nach oben]

 

 

 

 

 

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