ANTIQUA Online Magazin

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Geheimgesellschaften


 

Illuminaten (2)  

von Hendrik Lang

Copyright 2004 


Utopische Vision

 

“[...] and the authors – whom I’ve never heard of – have the supreme bad taste to introduce real political figures into this mishmash and pretend to be exposing a real conspiracy.“

         (Shea/Wilson 1975: 239)

Bei einer Internetrecherche nach Geheimgesellschaften, stößt man schon sehr früh auf die Illuminaten, jene Gruppe, von denen einige behaupten, sie hätten unter anderem die Regierung der Vereinigten Staaten in ihrer Hand. Ihr Zeichen, das Auge in der Pyramide, so heißt es, findet sich sogar auf der Rückseite der Eindollarnote als großes Siegel der USA.

Ein Hinweis auf Illuminati, auf Erleuchtete, ist schon bei den frühen Rosenkreuzern zu finden, die sich und ihren mystischen Gründer als einen solchen titulieren (Fama, zit. n. Yates 1975: 256). Was ist unter diesen Erleuchteten zu verstehen? Ins Englische übersetzt wird aus Erleuchtung oder Illumination enlightenment, welches der Englische Name der Aufklärung ist. Yates versteht unter dem Namen der Illuminaten deswegen vor allem diejenigen Gelehrten, welche die Aufklärung herbeigeführt, als ihre Vorläufer fungierten oder in ihrem Sinne gehandelt haben. Unter ihnen befinden sich neben den Rosenkreuzern Personen wie Paracelsus, der aus der Goldmacherei der Alchemisten begann die moderne Chemie und vor allem Medizin zu entwickeln (ebd.: 45). Hier wird der tiefe Mystizismus von Mittelalter und Renaissance in Wissenschaft verwandelt und daran gearbeitet, die Natur besser zu verstehen.

Doch auch als Geheimgesellschaft, wie vom Internet dargeboten, hat es die Illuminaten gegeben, nämlich in Bayern in den Jahren 1776 bis 1786. Gründer dieser Gruppe war der Ingoldstädter Hochschullehrer Adam Weishaupt (1748-1830). Weishaupt war getrieben vom Geist der deutschen Spätaufklärung und sah sich in Ingoldstadt mit der unangefochtenen Macht der Jesuiten konfrontiert, die zwar offiziell ihre Stellung eingebüßt hatten und aufgelöst waren. Ihre Mitglieder und Anhänger hatten dennoch weiterhin viel Einfluss (Dülmen 1975: 23f.). Ingoldstadt war schon lange eine Hochburg der Jesuiten gewesen und dies war noch zu Weishaupts Zeiten deutlich zu spüren. Getrieben von dem Drang sich gegen die Feinde der Aufklärung zu stellen („Jesuiten und die mit ihnen verbündeten Rosenkreuzer“, ebd.: 25), gründete er 1776 mit einigen Freunden und Studenten den Geheimbund der Illuminaten.

Weishaupt hatte vor in ihm junge Menschen, vornehmlich Studenten, zu versammeln und ihnen den Geist der Aufklärung nahe zu bringen, damit sie sich in späteren Jahren in den von ihnen dann innegehabten Positionen weiter dafür einsetzten. Das Unterfangen kam aber nur schleppend in Gang. Zu den von Weishaupt ursprünglich geworbenen vier Mitgliedern waren nach zwei Jahren nur sechs weitere gekommen.

Dies änderte sich ein wenig, als 1778 sein ehemaliger Student Franz Xaver Zwack (1755-1843) zu dem Orden dazustieß. Zwack schaffte es das von Weishaupt angepeilte Zielpublikum für den Orden zu verändern und auch ältere Mitglieder in Betracht zu ziehen, die bereits wichtige Positionen innehatten. Diese neuen Mitglieder waren vor allem Beamte, die von ihrer Position und der Tatsache frustriert waren, dass sie trotz ihres aufklärerischen Dranges kaum etwas zu ändern vermochten. Ende 1778 umfasste der Orden bereits 29 Mitglieder, eine Zahl, die sich im folgenden Jahr noch einmal verdoppelte (Dülmen 1975: 31f.).

Bereits 1777 war Weishaupt in eine Münchner Freimaurerloge aufgenommen worden. Obwohl er in ihnen eine veraltete Organisation sah, die zu sehr in ihren zahlreichen Graden und Ritualen verstrickt war (Dülmen 1975: 27), wurde mit der zunehmenden Zahl der Mitglieder in seinem eigenen Orden eine Strukturierung erforderlich, die sich in einem ähnlichen Gradsystem darstellte. Geleitet werden sollte der Orden von einem Führungsgremium, dem „Areopagus“. Trotzdem gab Weishaupt seine Position an der Spitze des Ordens nicht ab (Schindler 1983: 303).

Ebenso wichtig wie die Aufnahme Zwacks war die von Freiherr Adolf von Knigge (1752-1796) im Jahr 1780. Knigge widmete sich nicht nur der strukturellen Organisation des Ordens, sondern arbeitete auch als selbst hochaktiver Freimaurer mit Weishaupt daran zahlreiche Mitglieder in deutschen Logen zu gewinnen. Sie wollten die Zerstrittenheit der einzelnen Großlogen und Systeme nutzen und die deutschen Freimaurer in die Illuminaten integrieren (Dülmen 1975: 58). In den späteren Jahren des Ordens waren neben zahlreichen Freimaurern auch verschiedene Fürsten und (unbestätigter Weise) auch Johann Wolfgang von Goethe Mitglied (ebd.: 443).

Der beginnende Verfall des Ordens setzte dadurch ein, dass Weishaupt bis zuletzt nicht gewillt war dem Orden die nötigen Reformen zu geben, die angesichts der zunehmenden Größe (zuletzt 600 bis 700 Mitglieder, Schindler 1983: 288) vonnöten waren. Außerdem hatte er es bis zuletzt kaum geschafft, den zumindest grob gefassten Zielen und Idealen des Ordens eine wirkliche Richtung zu geben. Schließlich war es die Tatsache, dass Weishaupt darauf beharrte die Führung des Ordens ganz allein für sich zu beanspruchen und den Orden quasi monarchisch beherrschen wollte, während er in seinem Kerngedanken antimonarchisch ausgerichtet war. Dies führte 1784 dazu, dass der von Weishaupts absolutistischer Ordensherrschaft enttäuschte Knigge aus dem Orden austrat (Dülmen 1975: 71). In der Auseinandersetzung um eine Öffnung des Ordens nach Österreich trat der so genannte patriotische Flügel geschlossen aus und begann ihn offen anzugreifen (ebd.: 85).

Es folgten Verbot und Verfolgung des Ordens durch die bayrische Regierung, wodurch sich die Illuminaten auflösten. Weishaupt ging ins Exil und vereinzelte Versuche den Orden wieder ins Leben zu rufen, wie beispielsweise durch Zwack, scheiterten. Noch vor der Französischen Revolution 1789, deren Ideale durchaus mit denen der Illuminaten vergleichbar waren, hörte diese Gruppe faktisch auf zu existieren (ebd.: 98).

 

 

Das Utopia der Illuminaten

 

 

In der kurzen Zeit, die der Orden der Illuminaten existierte, hatte er sich zumindest nicht unbedingt kleine Ziele gesetzt. Zu sagen den Illuminaten und insbesondere Weishaupt hätte einzig die Förderung aufklärerischer Gedanken am Herzen gelegen ist eine Untertreibung. Vielmehr war er daran interessiert die Aufklärung nicht nur in Wort und Schrift voranzutreiben und zu verbreiten, sondern die Gesellschaft in ihrem Sinne zu verändern und diesen Vorgang organisatorisch zu planen (Schindler 1983: 293). Das Ordenssystem sollte dabei die Bildung der Mitglieder Schritt für Schritt durchführen. Dazu gab es einen festgelegten Lektüreplan für die einzelnen Grade, was dafür sorgen sollte, dass die Mitglieder die entsprechenden Texte nur mit der für ihr korrektes Verständnis nötigen Reife betrachten könnten. Zu diesen Texten gehörten sowohl antike Klassiker wie französische Moralisten, historische, staats- und naturwissenschaftliche Fachliteratur und auch deistische und materialistische, sogar einige theosophische und alchemistische Schriften (Immenkötter 1998: 106).

Was Weishaupt nun im Endeffekt mit seiner systematischen Aufklärung erreichen wollte, war eine Art Utopia, eine kosmopolitische Weltordnung ohne Staaten, ohne Fürsten und ohne Stände. Es war zwar im Orden festgeschrieben worden, dass  keine direkten Aktionen gegen Staat und Kirche zu unternehmen seien, dies sprach jedoch nicht gegen Reformen, die durch den Orden selbst initiiert werden. Die Revolution jedoch, so schreibt Weishaupt 1788, würde die gegebenen Probleme nicht wirklich lösen, „so lange die Menschen mit ihren Leidenschaften bleiben wie sie sind [...]“ (zit. n. Dülmen 1975: 111). Die Verschwörungstheorien, die Mitte des 19. Jahrhunderts auftauchten, die bayrischen Illuminaten hätten die Französische Revolution ausgelöst (ebd.: 94) widersprechen also zumindest der Ideologie, wie sie Weishaupt selbst beschreibt.

Die Organisation als Geheimgesellschaft hatte für Weishaupt bei der Umsetzung des Zieles des Ordens zweierlei Funktionen. Zum einen hatte sie die interne Aufgabe durch die Geheimhaltung höherer Grade und ihrer Inhalte einen neuen Anreiz für die Mitglieder zu bieten. Die externe Aufgabe war vielmehr, dass der Orden so insgeheim in verschiedene Posten und Gesellschaftsschichten vordringen konnte, um sein nicht an allen Stellen willkommenes Gedankengut zu verbreiten. Weishaupt sah in der Wahrung des Geheimnisses den einzigen Weg die Menschheit zu bessern (Dülmen 1975: 116f.).

Nachdem von Zwack durchgesetzt worden war, dass man nicht nur darauf warten wolle bis die jungen Studenten in strategisch günstige Positionen aufgestiegen waren, um von dort die Aufklärung gemäß ihrer im Orden genossenen Bildung zu fördern, wurden durchaus einflussreiche Mitglieder geworben. Ein Beispiel dafür war Graf Clemes zu Törring-Seefeld, der Vizepräsident der Bayrischen Akademie und Präsident der Hofkammer war. Er verwaltete nicht nur die Finanzen des Landes, sondern auch die des Ordens (Immernkötter 1998: 106).

Die Ideale des Illuminaten Ordens waren mit der Errichtung einer „republikanischen, allein auf Vernunft gegründeten, klassenlosen Weltrepublik“ (Immenkötter 1998: 105) durchaus hoch gesteckt. Sie scheiterten aber wahrscheinlich unter anderem an Weishaupt selbst. Zum einen war der Orden stark hierarchisch gegliedert, nach dem Vorbild des eigentlich von Weishaupt verhassten Jesuiten-Ordens (ebd.: 106). Des Weiteren verstand sich Weishaupt als unangefochtener „Ordensgeneral“ der Illuminaten und war nicht bereit diese Machtstellung mit anderen zu teilen. Damit führte er seine Ideale einer klassenlosen Gesellschaft ad absurdum. Es war Freiherr von Knigge, der mit seinem Streit und schließlich Austritt, ausgelöst durch Weishaupts Unwillen seine Position an der Spitze des Ordens zu überdenken, den Untergang des Ordens einläutete.

Am Ende war es schließlich das Verbot aller Geheimgesellschaften in Bayern und die darauf folgende Verfolgung der Illuminaten, die dem Traum von Weishaupts Utopia ein Ende setzte.

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