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Geheimgesellschaften


 

  

Geheimgesellschaften 

Copyright 2003     von Hendrik Lang


Im Verborgenen


“What is this place, anyway?” he shot at Ron and Hermione.“Headquarters of the Order of the Phoenix,” said Ron at once.“Is anyone going to bother telling me what the Order of the Phoenix -?”“It’s a secret society,” said Hermoine quickly.

         (Rowling 2003: 65)

 

Im Juni 2003 war es wieder einmal so weit. Lange hatten viele darauf gewartet, dass endlich ein neuer Band der erfolgreichen Harry Potter Reihe von Joanne K. Rowling erschien: Harry Potter and the Order of the Phoenix (Rowling 2003). Das Erstaunliche dabei war, dass, während eine Übersetzung des Romans bis November ausstand, die Englische Ausgabe auch in Deutschland sofort auf Platz eins der Bestsellerliste stand. Wohl kaum ein anderes fremdsprachliches Buch hat dies zuvor geschafft. Titelgebend ist eine Geheimgesellschaft innerhalb der magischen Welt von Harry Potter, die den kürzlich zurückgekehrten bösen Zauberer Voldemort bekämpft. Gleichzeitig versucht sie insgeheim Anhänger für ihre Sache zu finden. Offizielle Stimmen dagegen, wie das Ministerium für Magie und die Zeitung Daily Prophet, glauben nicht and die Rückkehr Voldemorts und machen öffentlich Front gegen die Wortführer des Ordens und verleugnen sie als Unruhestifter.

Die Mitglieder dieser geheimen Gesellschaft arbeiten im Verborgenen, obwohl ihre Ziele durchaus „gut“ oder „nobel“ genannt werden können. Trotzdem müssten sie, sollten ihre Aktivitäten bekannt werden, mit gesellschaftlichen und in einigen Fällen beruflichen Repressalien rechnen. Vielleicht würden sogar Haftstrafen drohen. Entsprechend wird nicht nur geheim gehalten, wer Mitglied ist, welche Ziele wie verfolgt werden oder wo sich der Orden trifft, es wird sogar versucht ihre Existenz zu verbergen.

Obwohl der Orden dem Roman seinen Titel gibt, steht er doch nicht im Zentrum der Handlung. Er ist auch nicht die einzige Geheimgesellschaft in diesem Buch. Auf Harrys Schule Hogwarts nimmt das Ministerium zunehmend Einfluss, weil man fürchtet, der Schulleiter, Albus Dumbledore, eines der mächtigsten Mitglieder des Ordens, könnte einen negativen Einfluss auf die Schüler haben. Als das Ministerium die praktische Verteidigung gegen die Schwarze Magie Voldemorts vom Lehrplan streicht, um deutlich zu machen, dass nach offizieller Meinung keine Bedrohung bestehe, gründen Harry Potter und seine Freunde eine schulinterne Geheimgesellschaft. In dieser Vereinigung bringen sie sich selber bei, sich auf magische Weise zu verteidigen. Des Weiteren stehen dem Orden die Death Eaters gegenüber, eine Gruppe von Voldemorts Gefolgsleuten, die eigentlich respektable und einflussreiche Mitglieder der magischen Gesellschaft sind.

Man kann sogar so weit gehen, die gesamte Gemeinschaft der Magier als Geheimgesellschaft zu betrachten. Innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft versuchen sie unerkannt und unentdeckt zu bleiben und ein Wissen zu hüten, von dem sie glauben, dass die normal sterblichen, auch Muggles genannten Menschen ihm nicht gewachsen sind. Somit spielen Geheimgesellschaften nicht nur in diesem Band, sondern in der gesamten Reihe eine entscheidende Rolle und werfen entsprechend Konflikte auf. Mehrmals gerät der Protagonist in Schwierigkeiten, weil es ihm als Schüler streng verboten ist Magie außerhalb der Schule und insbesondere in der Gegenwart nicht Eingeweihter, also den Muggles, zu wirken. Schon im ersten Band der Reihe wird das bereits erwähnte Ministry of Magic als Institution eingeführt, die verhindern soll, dass die Existenz der magischen Gesellschaft bekannt wird. Die Begründung lautet: „[...] everyone’d be wantin’ magic solutions to their problems. Nah, we’re best left alone.” (Rowling 1997: 51) Ob dies die einzige Begründung ist, bleibt dem Leser der Reihe bislang verschlossen. Die wiederholte Erwähnung von Hexenprozessen und das Verhalten von Harrys Pflegeeltern legen aber nahe, dass die magische Gesellschaft wahrscheinlich von einigen Menschen mehr zu befürchten hätte als nur belästigt zu werden.

Die Harry Potter Reihe spielt deutlich mit der Faszination der Leser am Geheimen, Verborgenen, mit versteckten Gruppierungen, die unerkannt unter uns weilen und mächtige Kenntnisse besitzen oder große, teils gefährliche Ziele verfolgen. Dass dies nicht nur bei Kindern beliebt ist, beweist sowohl der Erfolg der Reihe bei vielen Erwachsenen, als auch die Tatsache, dass Rowling nicht die einzige ist, die dieses Mittel erfolgreich einsetzt.

Geheimgesellschaften sind ein beliebtes Thema der populären Literatur. Sie treten in vielerlei Gestalten auf, die oftmals ganz ohne Magie auskommen. So kann die Mafia als ein Beispiel angesehen werden, das nicht nur in vielen Romanen und Filmen aufgegriffen wird, sondern völlig real ist. Neben solchen kriminellen Organisationen sind religiöse Kulte wie die karibischen Voodoo-Riten oder okkultistische bis satanistische Gruppen weitere Erscheinungsformen. Auch die in den letzten Jahren ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückten fundamentalistischen Sekten beispielsweise im Islam können hier dazu gezählt werden. Eher in die Richtung der Magier der Welt von Harry Potter gehen die als esoterisch bezeichneten Gruppen, von denen die Rosenkreuzerischen aber auch die Freimaurerischen Vereinigungen zu den größten zählen.

In der Literatur können neben zahllosen Mafiageschichten die New Age Romane der Illuminatus! Trilogy von Robert Shea und Robert A. Wilson oder Das Focaultsche Pendel von Umberto Eco genannt werden. Verschwörungen geheimer Organisationen werden gerne aufgegriffen, beginnend bei beliebten Themen wie der Ermordung John F. Kennedys bis hin zu weltweit operierenden Netzwerken. Enthusiasten tauschen im Internet neue Theorien aus, präsentieren Erkenntnisse und finden Verbindungen. Auch die Ereignisse des 11. September 2001 werden nicht nur in Verbindung mit al-Qaida diskutiert.

Warum geht eine solche Anziehungskraft von diesen Gruppen aus? Warum lösen sie neben Faszination auch zahllose Befürchtungen aus?

Im Zentrum der folgenden Abhandlung soll die Frage stehen, was Geheimgesellschaften dem Eingeweihten versprechen und welche Zukunft sie projektieren. Dies soll an fiktionalen wie auch reellen Beispielen betrachtet werden. Da deutlich geworden ist, wie weit dieses Feld ist, kann nicht die ganze Bandbreite dieser Gruppierungen ausführlich beleuchtet werden. Ein Schwerpunkt wird daher auf Rosenkreuzerische Lehren und Gruppen und auf die Illuminaten gelegt. In diesem Zusammenhang soll auch eine kurze Betrachtung von im Internet kursierenden Verschwörungstheorien erfolgen. Die Betrachtungen über die Rosenkreuzer sollen sich auf historische und moderne Gruppen konzentrieren und einen Fokus auf die esoterischen oder gar magischen Geheimwissenschaften legen, die in ihnen gelehrt wurden und werden. Bei den Illuminaten, obwohl historischen Ursprungs, soll ein Schwerpunkt auf ihrer fiktionalen Darstellung und auf die Verbreitung moderner Verschwörungstheorien liegen.

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Geheime Lehre und geheimer Glaube


Im Zentrum der folgenden Abhandlung soll die Frage stehen, was Geheimgesellschaften dem Eingeweihten versprechen und welche Zukunft sie projektieren. Dies soll an fiktionalen wie auch reellen Beispielen betrachtet werden. Da deutlich geworden ist, wie weit dieses Feld ist, kann nicht die ganze Bandbreite dieser Gruppierungen ausführlich beleuchtet werden. Ein Schwerpunkt wird daher auf Rosenkreuzerische Lehren und Gruppen und auf die Illuminaten gelegt. In diesem Zusammenhang soll auch eine kurze Betrachtung von im Internet kursierenden Verschwörungstheorien erfolgen. Die Betrachtungen über die Rosenkreuzer sollen sich auf historische und moderne Gruppen konzentrieren und einen Fokus auf die esoterischen oder gar magischen Geheimwissenschaften legen, die in ihnen gelehrt wurden und werden. Bei den Illuminaten, obwohl historischen Ursprungs, soll ein Schwerpunkt auf ihrer fiktionalen Darstellung und auf die Verbreitung moderner Verschwörungstheorien liegen.


Methodik

“This morning,“ Kohler challenged, “when I typed the word ‘Illuminati’ into the computer, it returned thousands of current references. Apparently a lot of people think this group is still very active.”

(Brown 2001: 40)

  

Gliederung

 

Um darzustellen, warum Menschen von Geheimgesellschaften fasziniert sind, was sie sich von ihnen versprechen oder was sie fürchten, müssen verschiedene Vorüberlegungen getroffen werden. Zentral ist dabei natürlich nicht nur die Definition des Begriffs Geheimgesellschaft, sondern auch der Versuch, Geheimgesellschaften in verschiedene Gruppen einzuteilen und unterscheidende Charakteristika festzuhalten, die bei der Auswahl der Beispiele hilfreich sind. Außerdem wird noch auf die teils schwierige Quellenlage hingewiesen. Sie ergibt sich daraus, dass die Beschäftigung mit Geheimgesellschaften offenbar modischen Strömungen unterlegen ist und dass über die teils mythischen Entstehungen der Gruppen unterschiedliche Auffassungen bestehen, abhängig davon ob die Vereinigungen von innen oder von außen betrachtet werden. Hinzu kommt, dass zu diesem Thema viele Informationen im Internet erhältlich sind, die man aber nur schwer verifizieren kann.

Die zwei als Beispiele herausgesuchten Gesellschaften sind die Rosenkreuzer und die Illuminaten. Eine dritte, sehr bekannte Geheimgesellschaft sind die Freimaurer. Obwohl sie nicht explizit Thema dieser Arbeit sind, begleiten sie die beschriebenen Gruppen aus verschiedenen Gründen. Die frühen Rosenkreuzerlehren beeinflussten die Begründung der modernen, spekulativen Maurerei. Die Gold- und Rosenkreuzer des 18. Jahrhunderts und die historischen Illuminaten versuchten beide die Organisation der Freimaurer zu unterwandern und für ihre Zwecke zu benutzen. Die modernen Beschreibungen und Gerüchte die Illuminaten betreffend sehen die Freimaurer als bürgerliche, harmlose Fassade der Verschwörer an.

Die zuerst behandelte Geheimgesellschaft ist die der Rosenkreuzer. Diese Gemeinschaft, die auf das frühe 17. Jahrhundert zurückgeht, ist in verschiedenen Gruppen heute noch aktiv. In einem ersten Schritt wird die Geschichte des Ordens und der von ihm vertretenen Philosophie geschildert. In einem zweiten Schritt werden diese Philosophie und die Zielsetzungen des Ordens genauer erläutert. Um die Bedeutung der Rosenkreuzer zu verdeutlichen, wird ihr Einfluss auf die sich in England als Geheimgesellschaft formierenden Freimaurer geschildert. Die frühe Geschichte der Rosenkreuzer wird durch ein Beispiel für eine Gemeinschaft abgeschlossen, die sich im 18. Jahrhunde in ihrem Namen begründete: Der Orden der Gold- und Rosenkreuzer.

Für die Gemeinschaften, die sich unter dem Namen der Rosenkreuzer zusammenfanden, waren und sind esoterische und magische Konzepte von großer Wichtigkeit. In einem eigenen Unterkapitel soll die synkretistische Magie des Rosenkreuzertums erläutert werden. Dabei kann wegen der Komplexität des Themas auf genaue Details nur exemplarisch eingegangen werden. Als Beispiel für eine der Wissenschaften, denen die Magie der Rosenkreuzer zu Grunde liegt, wird die jüdische Mystik der Kabbala herangezogen. Da sich diese über die Jahrhunderte hinweg stetig verändert hat, kann nur ein Querschnitt wiedergegeben werden. Um die Verbindung der einzelnen Disziplinen zu verdeutlichen, wird kurz auf den Tarot eingegangen.

Als Beispiele für moderne Gruppen dient einmal der Hermetic Order of the Golden Dawn, der um 1900 in London florierte. Neben der Geschichte des Ordens soll die Verbindung des irischen Dichters und Nobelpreisträgers William Butler Yeats zu dieser Gruppe geschildert werden. Yeats Rolle in der Geschichte des Ordens und seine Einstellung zu den im Golden Dawn gelehrten okkulten Geheimwissen sollen darstellen, welche Bedeutung der Orden für ihn persönlich hatte. Anschließend folgt die Beschreibung zweier heute aktiver Gruppen.

Die zweite zu behandelnde Gruppe sind die Illuminaten. Diese Geheimgesellschaft bestand nur für kurze Zeit im späten 18. Jahrhundert. Dennoch existieren nach wie vor zahlreiche Gerüchte und Verschwörungstheorien, welche die Illuminaten für viele Missstände und weltpolitische Geschehnisse verantwortlich machen. Genauso werden sie in einigen Romanen thematisiert. Die Illuminaten sollen als Beispiel einer fiktiven Geheimgesellschaft dienen, die heutzutage nicht (mehr) existiert. Nach einer Schilderung der Geschichte des ursprünglichen Ordens werden dazu zwei Illuminaten-Romane besprochen. Der erste ist die Illuminatus! Trilogy von Robert Shea und Robert A. Wilson, die in den 1970er Jahren sehr erfolgreich war. Der zweite ist der Roman Angels and Demons von Dan Brown, ein moderner Thriller von 2001. Zu beiden Romanen werde ich zunächst die Autoren vorstellen und den Inhalt wiedergeben, bevor ich jeweils beschreibe, wie die Illuminaten dargestellt werden und welche Ziele sie jeweils verfolgen beziehungsweise was für Gesellschaftsformen sie anstreben.

Da es, ausgelöst unter anderem durch die Popularität der Trilogie von Shea und Wilson, eine große Zahl an Verschwörungstheorien gibt, die zum Thema Illuminaten im Internet kursieren, sollen diese in einem weiteren Schritt beleuchtet werden. Um ein Beispiel dafür zu geben, wie auch aktuelle Ereignisse in diese Theorien Eingang finden, werde ich kurz aufzeigen, was im Internet zum Thema Illuminaten und den Anschlägen vom 11. September 2001 zu finden ist.

Schließlich werde ich anhand der untersuchten Beispiele einige Überlegungen dazu anstellen, welche Gründe das anhaltende Interesse an Geheimgesellschaften hat. Entscheidend dabei sind die Versprechungen oder Drohungen, die von diesen Gemeinschaften ausgehen. Den Abschluss bildet ein Fazit mit einem persönlichen Resümee.

 

1. Was ist eine Geheimgesellschaft?

 

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Geheimgesellschaften. Selbst wenn dieser Begriff im ersten Moment klar erscheinen mag, eine genaue Definition ist schwierig. Reicht es zu sagen, dass eine Geheimgesellschaft eine Gruppierung ist, die eben geheim ist? Wohl kaum. Die Oldenburger Freimaurerloge Zum Goldenen Hirsch steht im Telefonbuch und der Rosenkreuzerorden AMORC annonciert in deutschen Zeitungen (Die Zeit, 07.08.2003: 63). Es hat allerdings zeitliche Perioden gegeben, in denen die Freimaurer in einzelnen Ländern verboten waren und somit im Verborgenen existiert haben. Die Rosenkreuzer haben zumindest den Anspruch, dass sie nach dem Tod ihres mythischen Gründers (siehe Abschnitt 3.1.1) für 120 Jahre ihre Existenz geheim hielten, bis sie mit den Rosenkreuzermanifesten im frühen 17. Jahrhundert an die Öffentlichkeit traten. Warum aber zählen sie noch heute zu den Geheimgesellschaften?

Das Lexikon (Meyers 1995: 44) definiert Geheimgesellschaften oder Geheimbünde wie folgt:

„[...] exklusive, esoter. Gesellungen zum Zweck primitiv-mag. sowie religiöser Praxis, aber auch polit. meist kämpfer. Geheimorganisationen und terrorist. Untergrundbewegungen. Allen G. gemeinsam ist der Besitz eines geheimen Wissens (Geheimlehre), Glaubens und einer geheimen Zwecksetzung, einer oft hierarch. Gliederung, bestimmte Aufnahme und Übergangsriten [...] und einer zumeist symbol. Geheimsprache.“

Was also eine Geheimgesellschaft als solche auszeichnet ist der Besitz eines Geheimnisses, sei es die Verfügung über eine Geheimlehre, eines geheimen Glaubens, Ziels und/oder geheim gehaltener Praktiken. Hutin schreibt dazu weiter: „Jede Vereinigung, jede Organisation, die Geheimnisse besitzt, in die grundsätzlich nur die Mitglieder eingeweiht sind, ist als Geheimgesellschaft zu bezeichnen.“ (1979: 11)  Von besonderer Bedeutung ist demnach die Einweihung, die Initiation in die Gemeinschaft und somit in ihre Geheimnisse. Diese Einweihungsriten können aus Kulthandlungen oder auch aus Mutproben bestehen (ebd.) und dienen unter anderem dazu sich der Loyalität und Verschwiegenheit des Initiierten zu versichern.

Es wird in der Lexikondefinition deutlich, dass Geheimgesellschaften in einer Vielzahl von Formen vorkommen. Sie können esoterisches Wissen pflegen oder politische Revolutionen anstreben. Sie können krimineller Natur sein oder durch die Pflege einer unerwünschten, verbotenen oder nicht tolerierten Religion bestehen. In einigen Fällen sind sie vielleicht sogar all diese Dinge in einem.

Wenn schon die Existenz der Gemeinschaft selbst nicht geheim gehalten wird, so vielleicht schon die Namen der Mitglieder oder auch des Versammlungsortes. Das Geheimnis kann ein spezielles Wissen oder ein spezieller Glauben sein. Es kann in besonderen, von der Gemeinschaft gepflegten Praktiken und Aktivitäten oder von ihr verfolgten Zielen bestehen.

Dementsprechend unterschiedlich sind auch die Gründe für die Geheimhaltung. Handelt es sich um eine Vereinigung, die illegal ist oder den Umsturz der Obrigkeit anstrebt, sei es reformerisch oder revolutionär, so liegt der Grund auf der Hand. Ähnliches gilt für den Fall, das die Gruppe Praktiken ausübt, die auf gesellschaftliches oder religiöses Unverständnis und Intoleranz stoßen, und, wenn sie nicht offen sogar Verfolgung riskieren, so doch immerhin andere soziale Konsequenzen tragen müssen. Ein sehr einfacher Grund ist der, dass die Mitglieder eine gewisse Exklusivität oder auch Tradition pflegen wollen. Entsprechend legen sie zwar ihre Existenz, zum Teil auch die Namen ihrer Mitglieder offen. Im Falle der Freimaurer ist dies sogar zur Erhaltung der Organisation unerlässlich. Um in eine Loge aufgenommen zu werden, ist die Empfehlung eines bestehenden Mitglieds nötig. Wäre die Mitgliedschaft ein strikt gehütetes Geheimnis, hätten die Logen keinen Zulauf mehr.

Es mag sogar ein großer Teil ihrer Handlungen und Aktivitäten bekannt sein, meist weil ehemalige Mitglieder sie verraten haben. Dennoch erschwert die Gemeinschaft den Zugang zu ihrem Kreis nach alten, traditionallen Regeln und fordert von ihren Mitgliedern Verschwiegenheit. Genauso kann man aber auch solche Gesellschaften unterscheiden, die ein ihrer Ansicht nach mächtiges Wissen hüten, in das nur bestimmte Personen abhängig von ihrer Initiationsstufe eingeweiht werden. Damit wollen sie verhindern, dass dieses Wissen nicht missbraucht werden kann. In diesem Fall wird durch das Geheimnis weniger das Mitglied geschützt, sondern vielmehr all diejenigen, welche die Leidtragenden eines Missbrauchs wären.

 

2.  Kategorien von Geheimgesellschaften und die Auswahl der Beispiele

                  2.1    Zur Systematisierung von Geheimgesellschaften

Die obigen Definitionen und Ausführungen machen deutlich, dass das Feld der Geheimgesellschaften sehr weit ist. Zu ihnen gehören nicht nur die verschiedenen Freimaurerlogen und -riten, die zahlreichen Rosenkreuzerischen Gesellschaften oder die Illuminaten, sondern auch Organisationen wie der Ku Klux Klan, die Mafia, sogar fanatische oder orthodoxe religiöse Sekten bis hin zu al-Qaida. Auch einige Studentenverbindungen oder eine Bande von Schülern, die Mitglieder nur nach einer geheimen Mutprobe aufnimmt, kann dazu gezählt werden. In Anbetracht dieser Tatsache scheint eine genauere Einteilung von Geheimgesellschaften sinnvoll, die es erleichtert sie zu klassifizieren.

Hutin (1979: 41f.) schlägt hierzu eine Unterteilung in drei Gruppen vor:

·        Initiationsgesellschaften, deren Ziel die mystische Initiation in ein höheres Wissen ist und sich in der Regel nicht in politische Belange einmischen,

·        Politische Geheimgesellschaften, die revolutionär oder reformerisch wirken,

·        kriminelle Vereinigungen.

Problematisch ist hierbei, dass, so grob diese drei Kategorien auch gefasst sein mögen, sie sich nicht als Unterscheidungsmerkmale eignen. Es sind insbesondere Überschneidungen zwischen der zweiten und der letzten Kategorie häufig. So sind viele gerade revolutionäre Gruppen zumindest kriminell, wenn sie gegen örtliches Recht verstoßen. Gerade terroristische Vereinigungen gehören in beide Kategorien. Im Verlauf dieser Arbeit wird deutlich werden, dass man auch solche Geheimgesellschaften, die vordergründig eine mystische Initiation zum Inhalt haben, nicht in jedem Fall scharf von politischen oder kriminellen Gruppen zu trennen sind. Moderne Geheimgesellschaften geben sich zwar offiziell sehr unpolitisch, aber die ursprünglichen Rosenkreuzer des 17. Jahrhunderts hatten durchaus politische Ziele (siehe Abschnitt 3.1.2). Des Weiteren können mystische oder okkulte Gruppen in kriminelle Handlungen verwickelt sein. Beispiele dafür wären einige Praktiken satanistischer Sekten. Auch die von Hutin (1979: 41f.) zitierte Einteilung nach dem amerikanischen Soziologen Noel P. Gist in zwölf genauer gefasste Gruppen weist das gleiche Problem auf. Geheimgesellschafen kommen in so vielen Facetten vor, dass es unmöglich scheint, jede von ihnen einer bestimmten Schublade zuzuweisen.

Weitere Einteilungen können sich nach anderen Charakteristika richten, die bereits weiter oben genannt worden sind. Aufgrund der Überschneidungen ist es wichtig, ein Kategoriensystem zu erstellen, das es möglich macht Schwerpunkte zu finden und nach diesen eine genaue Einteilung vorzunehmen. Ein Beispiel dafür wäre ein System, das den Grund für die Geheimhaltung in den Vordergrund stellt und nach dem primären Grund fragt, der die Gemeinschaft zu einer Geheimgesellschaft werden lässt. Dies mag im ersten Moment als nicht entscheidendes Kriterium erscheinen. Betrachtet man allerdings die oben (Unterkapitel 2.2.) angegebene Definition einer Geheimgesellschaft, so ist die Geheimhaltung an sich eine primäre Eigenschaft, die alle einzelnen und unterschiedlichen Gruppen eint. Eine solche Einteilung könnte zum Beispiel wie folgt aussehen:

·        Illegale Gruppen (unterteilbar in kriminelle und politische Gruppen),

·        unerwünschte Gruppen (religiöser oder anderer Art),

·        exklusive oder traditionelle Gruppen,

·        geheimes (zumeist okkultes oder esoterisches) Wissen behütende und bewahrende Gruppen.

Auch hier sind natürlich Überschneidungen möglich, selbst wenn sie vielleicht geringer ausfallen, als bei Hutins oder Gists Unterteilungen. In manchen Fällen mag eine religiös von der Allgemeinheit abweichende Gruppe ebenfalls für illegal erklärt werden. Umgekehrt kann aus religiösem Fanatismus eine terroristische, also sowohl kriminelle, wie möglicherweise auch revolutionäre Gruppe entstehen. Dementsprechend muss genau betrachtet werden, worin der ursprüngliche oder hauptsächliche Grund für die Geheimhaltung besteht. Steht der Umsturz einer Gesellschaft oder einer Regierung zu Gunsten einer der eigenen Religion förderlichen Staatsmacht im Vordergrund der Bemühungen, so müsste die Gruppe den illegalen Gruppierungen zugeteilt werden. Liegt das Hauptziel der Gruppe vor allem in der ungestörten Ausübung der eigenen Religion, ohne dass in größerem Maße aktiv an einer Veränderung der Situation gearbeitet wird, wären sie der zweiten Kategorie zuzuordnen.

Jede der Gruppen hütet natürlich auch eine gewisse Exklusivität, ebenso wie bestimmte Traditionen, doch sollten in der dritten Kategorie diejenigen eingeteilt werden, für die ihre Exklusivität im Vordergrund steht und keine anderen Geheimhaltungsgründe eine große Rolle spielen. Die heutigen Freimaurer zum Beispiel, die nach Gist als Geheimgesellschaft „der gegenseitigen Hilfe“ (aber auch als „sozial ausgerichtete“) gelten würde (Hutin 1979: 41f.), haben einerseits eine komplexe, mythisch von den Rosenkreuzern und anderen Traditionen beeinflusste Hierarchie und entsprechende Riten. Heutzutage steht aber vielmehr im Vordergrund, dass die Mitglieder als „Brüder“ neben wohltätiger Arbeit einander unterstützen. Wohltätige Arbeit oder die propagierte „sittliche Verbesserung des Menschen“ (Vaillant 1989: 128) begründet noch nicht allein die Existenz als Geheimgesellschaft. Dies kommt vielmehr durch die Wahrung der überlieferten Traditionen und der Erhaltung einer gewissen Exklusivität durch komplexe Einweihungsriten und Prüfungen der Bewerber zustande (siehe zur Freimaurerei auch Abschnitt 3.1.3).

 

                     2.2.  Zur Auswahl der Beispiele

 

Die hier behandelten Gruppen haben nicht nur unterschiedliche Schwerpunkte, diese haben sich auch in den verschiedenen Inkarnationen der Gruppen verändert. Die Rosenkreuzermanifeste von 1614-1616 hatten durchaus den Anspruch gesellschaftliche und kulturelle, möglicherweise sogar politische Änderungen zu bewirken (siehe Abschnitte 3.1.1 und 3.1.2). Die Gruppe, die angeblich hinter diesen Manifesten stand, wahrte das Geheimnis ihrer Identität primär aus religiösen Gründen. Unter anderem denunzierte sie den Papst als Antichristen. Einzelne Gruppen, die sich später auf diese Schriften beriefen, sahen ihre Aufgaben allerdings meistens darin das geheime Wissen ihrer Vorgänger zu bewahren, zu lehren und weiterzuentwickeln (Unterkapitel 3.3. und 3.4.).

Die fiktionalen Illuminaten könnte man primär in die Kategorie der illegalen Gruppen einordnen. Im Falle der Romantrilogie von Shea und Wilson streben sie einen globalen Umsturz an, bei Dan Brown den Sturz der katholischen Kirche. In den im Internet verbreiteten Verschwörungstheorien, welche die Illuminaten zum Thema haben, haben ebenfalls vor allem kriminellen Charakter.

Es besteht also ein deutlicher Schwerpunkt auf illegalen Gruppierungen und solchen, die ein geheimes Wissen bewahren und lehren. Der Grund dafür liegt unter anderem in der Absicht dieser Arbeit die Faszination an Geheimgesellschaften und ihre Zukunftsentwürfe, ihre Versprechungen zu betrachten. Von den behütenden Gruppen, deren geheimes Wissen zumeist esoterischer bis magischer Natur ist, geht eine besondere Faszination aus. Gruppen, die behaupten, solch magisches Wissen zu besitzen, müssen demnach besonders betrachtet werden. Im Falle der Illuminaten zeigt die Vielzahl der Verschwörungstheorien, die im Internet kursieren, und daneben das Interesse an anderen kriminellen Vereinigungen wie der Mafia oder al-Qaida, dass auch von illegalen Gruppen eine große Faszination für viele ausgeht. Die Illuminaten wurden dabei ausgewählt, weil sie sich in manchen Punkten mit den Rosenkreuzerischen Gruppen verzahnen. So werden beide mit den Freimaurern in Verbindung gebracht (Abschnitt 4.4.1), den Verschwörungstheorien zufolge sind die Rosenkreuzer ein Teil der Illuminaten, während die historischen Illuminaten unter anderem als Gegenbewegung zu einer Rosenkreuzerischen Gruppe gegründet wurden (Abschnitte 3.1.4 und 4.1.1).

Ebenfalls entscheidend bei der Auswahl der besprochenen Gruppen war der lokale Aspekt. Beide Gruppierungen haben ihren historischen Ursprung in Deutschland. Im späteren Verlauf der Geschichte liegt allerdings ein deutlicher Schwerpunkt ihrer Aktivitäten und Beschreibungen im englischsprachigen Raum. Die ersten Großlogen des Freimaurertums, die stark von den Lehren der Rosenkreuzer beeinflusst waren, begründeten sich in England. Der Orden des Golden Dawn hatte seinen Haupttempel in London, die heutigen Rosenkreuzerischen Gruppen agieren primär von den USA aus. Die Illuminaten werden insbesondere an fiktionalen Beispielen US-amerikanischer Autoren besprochen, während für die Theorien zur Illuminatenverschwörung die Verbindungen des Ordens zur US-amerikanischen Regierung von besonders zentraler Bedeutung ist.

 

                           2.3. Fiktionalität

 

In jeder Lüge steckt auch ein Körnchen Wahrheit, heißt es. Ähnliches gilt für fiktionale Texte. Es ist problematisch von einer puren Fiktivität zu sprechen. Viele Autoren benutzen reale Gegebenheiten als Hintergrund für ihre Erzählungen. Nur weil die katholische Kirche in einem fiktionalen Text erwähnt wird, kann sie nicht als Fiktion bezeichnet werden. Auch J. K. Rowling arbeitet mit realen Hintergründen. Nicht nur nutzt sie das reale England als Schauplatz für Teile ihrer Harry Potter Romane. Der im ersten Roman im Mittelpunkt stehende Stein der Weisen soll von einem Alchemisten namens Nicholas Flamel hergestellt worden sein (Rowling 1997: 161). Dieser Alchemist hat tatsächlich im 14. Jahrhundert in Frankreich existiert und soll am 17. Januar 1382 den Stein der Weisen hergestellt haben (Holmyard 1968: 245). Auch die Lebensdaten Flamels, die Rowling angibt, stimmen mit den historischen Details überein (Rowling 1997: 161).

In Dan Browns Roman Angels & Demons (siehe Unterkapitel 4.3.) erscheinen die Illuminaten als eine geheime Organisation, die insbesondere den Sturz der katholischen Kirche anstrebte. Seine Gruppierung wurde im 17. Jahrhundert unter anderem von Galilei ursprünglich als wissenschaftstreue und aufklärerische Gruppe gegründet, die der Macht der katholischen Kirche trotzte. Die historischen Illuminaten wurden dagegen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Adam Weishaupt, einem Mitglied der bayrischen Freimaurer, gegründet. Wegen ihrer großen Entfernung zum historischen Vorbild kann also dieser Gruppe eine größere Fiktionalität zugesprochen werden. Aber auch die historischen Illuminaten sahen in der Aufklärung ihr hauptsächliches Ziel und in der katholischen Kirche, insbesondere den Jesuiten, ihren hauptsächlichen Feind.

Auch Robert Shea und Robert A. Wilson schreiben von den Illuminaten (Unterkapitel 4.2). Sie berufen sich auf Adam Weishaupt als ihren Begründer in der Neuzeit. Wie sie die sonstige Geschichte des Ordens beschreiben, entspricht aber kaum der historisch angenommenen Wahrheit. Selbst wenn diese Romane eine große Welle spekulativer Verschwörungstheorien hervorgebracht oder unterstützt haben, die heute noch insbesondere im Internet verbreitet und ausgeweitet werden, so gibt es doch keine handfesten Beweise für ihre heutige Existenz.

Trotz ihres historischen Hintergrunds können die Illuminaten dementsprechend als Beispiel für eine fiktive Geheimgesellschaft angesehen werden. Dies kann natürlich nur so lange angenommen werden, wie sich nicht explizit auf die Illuminaten Weishaupts bezogen wird. Ein Roman, der im Bayern des Jahres 1780 spielt und diese Gruppierung zum Thema hat, hat einen durchaus nicht-fiktionalen Hintergrund. Ganz im Gegensatz dazu stehen Dan Browns Illuminaten, die mit dem historischen Vorbild nur einige philosophische Themen und natürlich den Namen gemein haben.

Die Rosenkreuzer kommen auch in Romanen und Erzählungen vor und sind dort oftmals mit viel schriftstellerischer Freiheit versehen. Sie haben dagegen nicht nur wie die Illuminaten historische Wurzeln, ihre aktuelleren Inkarnationen, wie der Anfang des 20. Jahrhunderts florierende Golden Dawn (Unterkapitel 3.3) oder moderne Gruppen, wie der Ancient and Mystical Order Rosae Crucis (AMORC), besitzen historische Realität. Soweit es die Wahrung des Geheimnisses erlaubt, agieren solche Gruppen in begrenztem Maße öffentlich, annoncieren in Zeitungen oder laden auf Plakaten zu Seminaren und Vorträgen ein. Auch die Freimaurer halten ihre Existenz heutzutage nicht mehr geheim und agieren im öffentlichen Leben. Ähnliches gilt für den Golden Dawn, der zumindest namentlich noch existiert, auch wenn die Gruppe, der Yeats angehört hat, selbst nicht mehr besteht. Es finden sich aber mehrere Organisationen, welche die direkte Nachfolge des historischen Golden Dawn für sich beanspruchen (siehe Abschnitt 3.4.3).

Spricht man also von Rosenkreuzerischen Gruppen, so spricht man primär von realen oder historischen Geheimgesellschaften. Dementsprechend sollen die Rosenkreuzer als Gruppe nicht-fiktionaler Geheimgesellschaften den heutzutage vor allem fiktionalen Illuminaten gegenübergestellt werden.

 

Quellenlage

 

1. Geheimgesellschaften als Modeerscheinungen

Bei einer Betrachtung der Publikationen über Geheimgesellschaften stellt man fest, dass es Zeiten gibt, in denen besonders viele Bücher zu diesem Thema veröffentlicht werden, während in anderen kaum etwas dazu geschrieben wird. Daraus kann man schließen, dass das Thema modischen Strömungen unterworfen ist.

Viele Veröffentlichungen, die in den letzten Jahren neu aufgelegt wurden, stammen aus den Jahren um 1900. Dazu gehört Will Erich Peuckerts umfassende Behandlung verschiedner geheimer Kulte der Geschichte, aber auch viele Bücher zu den okkulten Wissenschaften, wie der Kabbala. Zeitlich deckt sich dies mit den Aktivitäten der großen Geheimgesellschaften des Fin de siècle, wie in England dem Golden Dawn oder der Theosophical Society. Zu den fiktionalen Werken, die von diesem Interesse an Mystik inspiriert wurden gehören nicht nur Teile des Werkes von William Butler Yeats, im deutschsprachigen Raum wäre dazu beispielsweise das Werk Gustav Meyrinks (1868-1932: Der Golem, Das grüne Gesicht) zu nennen.

Besonders viele Texte wurden in den 1970er Jahren geschrieben, was sich mit der beginnenden New Age Bewegung deckt. Die Arbeiten der britischen Kulturwissenschaftlerin Frances Yates stammen aus diesen Jahren, genauso wie beispielsweise die Illuminatus! Trilogy auf der fiktionalen Ebene.

Zu Beginn der 1990er Jahre wurden erneut vermehrt Bücher zu Geheimlehren herausgebracht. Weitere Neuauflagen folgten in den letzten Jahren, darunter auch die Untersuchungen Peuckerts. Neuerscheinungen sind dagegen zur Zeit kaum auf dem Markt.

Dementsprechend stammen viele der in dieser Arbeit verwendeten Bücher aus den 1970er oder den 1990er Jahren. Bei letzteren handelt es sich vor allem um Neuauflagen, wie die okkulten Schriften des Paracelsus oder beispielsweise die Werke zur jüdischen Mystik von Gerschom Scholem.

 

2. Das Internet als Quelle

Im so genannten Informationszeitalter spielt das Internet als Informationsquelle eine immer wichtigere Rolle. Im Gegensatz zur Zeitung können Informationen und Nachrichten jederzeit aktualisiert werden und man ist unabhängig vom Verbreitungsgebiet, denn das Internet ist überall da, wo es einen Telefonanschluss, sei es Festnetz oder mobil gibt. Die Informationen sind unabhängig von Sendezeiten vierundzwanzig Stunden am Tag abrufbar.

Aber so einfach dort Informationen zu finden sind, so vorsichtig muss man auch mit ihnen sein. Offizielle Publikationen im Internet werden zwar oft mit der gleichen Sorgfalt bearbeitet wie gedruckte, doch kann der Privatmann unter genauso offiziell klingenden Adressen Daten bereitstellen, die in keiner Weise redaktionell bearbeitet wurden und auf ihre Richtigkeit überprüft worden sind. Dementsprechend können sie, so authentisch oder gut recherchiert sie sein mögen, so seriös und professionell die Seite erscheinen mag, doch zweifelhaften Inhalts sein.

Es gibt Seiten, die von offiziellen Institutionen betrieben werden, so wie Fernsehsendern, Nachrichtenagenturen, Verlagen, Zeitungen oder vergleichbaren Organisationen, die man problemlos(-er) zitieren kann. Eine akademische Arbeit sollte auch diese wie jedes gedruckte Werk nicht ohne jede Skepsis betrachten, doch kann man hier von einer redaktionellen Arbeit ausgehen, die den dargestellten Inhalten zumindest eine gewisse Basis geben dürfte.

Daneben gibt es aber auch noch Internetseiten, die von Privatleuten in ihrer Freizeit erstellt und gepflegt werden und deren Inhalte sich auf zum Beispiel nur auf Spekulationen beziehen und Sachverhalte darstellen können, die nicht immer sorgfältig nachgeprüft wurden, noch nachprüfbar sind. Gerade beim Inhaltsbereich Verschwörungstheorien und Geheimgesellschaften ist eine Überprüfbarkeit durch die Geheimhaltung der Gruppen schwierig. Wenn eine Gruppe, die heute nicht mehr existiert, ihre Geheimnisse wohl gewahrt hat und keine Zeugen oder schriftliche Quellen hinterlassen hat, ist sie vielleicht sogar unmöglich.

Dabei ist das Internet gerade eine große Quelle, wenn es um Verschwörungstheorien und Geheimgesellschaften geht. Es scheint beinahe als hätte das Internet als das die gesamte Welt vernetzende Medium in diesen alles vernetzenden Theorien um genauso weltumspannende Verschwörungen das ideale Thema gefunden. Diese Parallele hat natürlich bereits dafür gesorgt, dass das Internet selbst inzwischen in diese Theorien mit eingebunden wurde.

Die Unterkapitel 4.4. und 5.2 setzen sich eingehender mit der Thematik und Problematik von im Internet existierenden Verschwörungstheorien auseinander, bei denen gerade die Illuminaten wiederholt eine herausragende Rolle spielen. Dementsprechend werden dort auch solche Internetseiten als Beispiele herangezogen, die als nicht unbedingt seriös eingestuft werden können, deren Inhalte und Methoden zur Inhalts- und Analogiefindung sich aber mit denen decken, die beispielsweise von Robert Shea und Robert A. Wilson in ihrer Trilogie benutzt wurden.

 

3. Realität, Fiktion und fiktive Realität (oder reale Fiktion?)

Bereits in Unterkapitel 2. wurde darauf hingewiesen, dass Geheimgesellschaften, so liegt es im Namen, immer etwas mit Geheimhaltung zu tun haben. Es liegt demnach in ihrer Natur, dass sie sich eigentlich zumindest teilweise einer genauen Betrachtung entziehen. Manche Autoren lassen sich daher durchaus zu Spekulationen hinreißen. Diese Spekulationen entstehen nicht nur aus der Not mangelnder Informationen heraus, sondern werden von der Materie durchaus unterstützt.

Ein wichtiger Teil der westlichen Naturwissenschaften begann mit einer Geheimgesellschaft, nämlich dem pythagoreischen Bund (Singh 2000: 33). Die Erkenntnis des Pythagoras „Alles ist Zahl“ und die dahinter verborgene Tatsache, dass sich die Vorgänge der Natur durch mathematische Formeln ausdrücken und mit Zahlen berechnen lassen (ebd.: 40ff.), brachte nicht nur die Auffassung hervor die Welt mit mathematischen Mitteln erklären zu können. Es entstand auch die in der Renaissance auflebende Zahlenmystik, nach der sich alle Zusammenhänge in Zahlen ausdrücken und darüber in Einklang und Verbindung miteinander bringen ließen. Diese Numerologie (Gematria in der jüdischen Kabbala, siehe auch Unterkapitel 3.2.) erzeugt eine Vergleichbarkeit aller Fakten. Dadurch, dass alles durch Zahlen in Bezug zueinander gesetzt werden kann, entstehen schnell die verschiedensten Verbindungen und Schlüsse. Diejenigen, die der Numerologie anhängen, sehen in diesen Übereinstimmungen weniger Zufälle als tatsächliche Verbindungen. Skeptiker dagegen nehmen an, dass man nur die richtigen Zahlen finden und kombinieren muss, um jedes gewünschte Ergebnis zu erhalten. Ein deutliches Beispiel hierfür ist die Bedeutung der Zahl 23 in Zusammenhang mit den Illuminaten bei Shea und Wilson (1975: 221-304, verschiedene Stellen) oder die Bedeutung der Zahl 11 im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September 2001.

 

Hinzu kommt die Suche nach Synchronizitäten, der sich viele Autoren verschreiben. Die Suche nach Parallelen in verschiedenen Ereignissen führt ebenfalls dazu, dass diese in Verbindung gebracht werden. Ein eindrucksvolles Beispiel hierzu sind die oft wiedergegebenen Parallelen zwischen der Ermordung Abraham Lincolns und John F. Kennedys (Atomjack 2002). In Texten aus Mittelalter und Renaissance, die sich mit Mystik, insbesondere Hermetik und Alchemie auseinander setzten, wurde sehr oft in Symbolen gesprochen. Dieser Symbolismus zeigt seinen Einfluss auch noch später, wenn Ereignisse als symbolischen Charakters interpretiert oder überinterpretiert werden. Wie auch in der Zahlenmystik kann man versucht sein Verbindungen zu sehen, wo Übereinstimmungen nur zufällig sind.

Selbst wenn diese gefundenen Parallelen, seien sie in Form von Zahlenspielereien oder Faktensammlungen, als solche existieren, so muss man doch mit den daraus gezogenen Schlüssen vorsichtig sein. So überraschend die Übereinstimmungen sein mögen, es steht den Autoren frei, sie als reinen Zufall zu betrachten.

An diesen Beispielen wird deutlich, dass man bei der Auseinandersetzung mit Geheimgesellschaften und den mit ihnen in Verbindung gebrachten Verschwörungstheorien und Geheimwissenschaften unterscheiden muss zwischen Insider- und Outsiderliteratur. In Verbindung mit den Illuminaten beispielsweise brachten Shea und Wilson in ihrer Trilogie die verschiedensten Geheimgesellschaften in Verbindung miteinander, bis hin zu der Behauptung, die freimaurerischen Gründerväter der USA seien in Wirklichkeit Illuminaten Weishaupts gewesen (Shea/Wilson 1975: 42). Dem nicht Eingeweihten erscheinen viele dieser Theorien als unwahrscheinlich und schwer glaubhaft. Dementsprechend steht die Literatur, die von Außenstehenden, den kritischen Beobachtern, verfasst wird, diesen Theorien sehr skeptisch gegenüber und sieht sie als Teil der Fiktion an. Die magischen Rituale der Rosenkreuzer beispielsweise werden dementsprechend als Aberglauben betrachtet.

Derjenige, der von der anderen Seite her schreibt, der seiner Meinung nach Eingeweihte, mag diese Rituale als Realität ansehen, als wirkliche Magie, unabhängig davon, ob er selbst bereits in der Lage gewesen wäre sie zu wirken. Er glaubt an diese Dinge und sieht sie als Realität an.

Dementsprechend widersprechen sich die Schriften der Eingeweihten und der Außenseiter beziehungsweise Skeptiker sehr oft. Auch eine als neutral beabsichtigte Darstellung einer dieser Gruppen durch einen Insider wird dadurch beeinflusst, dass der Autor an die Kräfte seiner Mitbrüder glaubt. Andererseits sind die Insider, welche die Geheimnisse der Gesellschaft kennen, eher bemüht diese zu wahren als die Außenseiter, die von ihnen vielleicht nur bruchstückhaft wissen und sich daher nur auf Spekulationen oder Gerüchte berufen können. Beide Arten von Quellen müssen dementsprechend mit Vorsicht betrachtet werden. Aus ihnen, den Spekulationen und Vermutungen der Außenseiter und den vorsichtigen Andeutungen der Insider, muss man diejenigen Teile herausfiltern, die ein Bild wiedergeben, das am ehesten den tatsächlichen Gegebenheiten entspricht.

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