ANTIQUA Online Magazin

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Mystik


 

Dimensionen

 
 
 
 Das ganze Universum sehen - von Gustave Doré
 
Eine Zeit des Übergangs ist nicht an eine Epoche gebunden. Die Epoche orientiert sich am Übergang, an der Entwicklung eines neuen Bewusstseins, einer neuen Form der Wahrnehmung und des Denkens. Spätestens seit der Instaurierung durch die Gnosis und mit Sicherheit schon seit dem Erstellen der ersten Werte in viel früheren Zeiten, begleitet der Dualismus uns in unserem Denken und Handeln. Der Dualismus führte den Menschen durch die eindimensionale (archaische), die zweidimensionale (magische), also aus dem unperspektivischen Bewusstseinsstadium über die mythische (Götterwelten, Religionen)  bis in das dreidimensionale (menthale) oder perspektivische Bewusstseinsstadium hinein und prägte den Geist des Individuums.

Seit der Frührenaissance, als Leonardo daVinci uns die Möglichkeit offenbarte, die dritte Dimension zu erkennen, also perspektivisch zu schauen und zu erfassen, zu denken und umzusetzen, keimte auch schon der Same des aperspektivischen Denkens, denn die Zeit wurde ebenfalls zunehmend ein Faktor oder Begriff, an dem sich die Gesellschaft zu orientieren begann. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden Begriffe, denen sich der Mensch als nunmehr räumlich denkendes Wesen nicht mehr entziehen konnte. Die Zeiteinteilungen waren als Begriffe damals schon - wenn auch noch vage - mitbestimmend für das perspektivische, dreidimensionale Denken geworden - in einem erweiterten Sinn waren diese Begriffe sogar eine weitere Bestätigung des Dualismus: die Vergangenheit und Zukunft, getragen von der Gegenwart als Istzustand und interpretiert von einem auf sein Ich bezogenes Individuum.

Vergangenheit und Zukunft standen sich damals dual gegenüber und erhielten einen pejorativen Aussagewert, je nachdem wie sie als Begriffe eingesetzt wurden. Sie gingen im Denken und im Sprachgebrauch einher mit gut und schlecht, mit alt und jung, mit wenig und mehr, mit gegangen und mit kommen - Beispiel: die gute alte Zeit als irriges Positivum und die unberechenbare Zukunft als gleichsam irriges Negativum. Betrachten wir die Zeit vor der Frührenaissance als "unperspektivisch", so beginnt mit der Renaissance die Bewusstseinsphase des perspektivischen Denkens (visuell nachvollziehbar durch Betrachtung zeitgenössischer Malerei und dem Vergleich mit jener aus früheren Jh.), mittels derer der Raum erschlossen wurde, welche die gesamte Geisteshaltung der Neuzeit prägte und den Rationalismus zeitweise zur ultimativen Denkweise emporschaukelte. Zwangsläufig aber musste sich der Rationalismus an der Zeit stossen, die man räumlich und emotional nicht erfassen kann. Sie entzog sich der, auf die Erfassung der Wirklichkeit durch die Sinne bezogenen, rationalen Denk- und Urteilsweise.

Durch die Miteinbeziehung der Zeit als vierte Dimension entstand gegen Anfang des vorigen Jh. die Grundlage für ein erweitertes, ganzheitliches Denken, das nicht mehr nur auf den Raum beschränkt blieb, sondern unter Miteinbeziehung der Zeit die Tür zum aperspektivischen Denken öffnete.

Aperspektivisch ist nicht als Gegensatz oder Polarisierung oder als Verneinung zu perspektivisch zu interpretieren. Der Gegensatz zu perspektivisch ist unperspektivisch. Aperspektivisch als Begriff steht imselben Sinnverhältnis wie beispielsweise religiös, unreligiös oder areligiös, loigsch, unlogisch oder alogisch. Aus diesen Vergleichen wird ersichtlich, daß mit dem aperspektivischen Denken dem Dualismus - bildlich gesprochen - der Boden unter den Füssen entzogen wird. Das Umstellen unserer Wahrnehmung auf aperspektivischen Denken und Erfassen ergibt die Möglichkeit, den Dualismus der blossen Bejahung oder Verneinung überwinden zu können. Die Zeit und ihre Einteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft legen somit ihren dualistischen Charakter ab und weisen uns den Weg zu einem aperspektivischen, ganzheitlichen Bewusstseinsvermögen in dem die Werte auf ihr tatsächliches Maß hoch-, bzw. heruntergeschraubt werden.

Die unperspektivische Welt war eine Welt der Gemeinschahft, der Gemeinsamkeit und auf das "Wir", das "Sein" ausgerichtet, während die perspektivische Welt jene des Individualismus darstellt und "Ich-" und "Habenbezogen", sozusagen "Schein"bezogen daher kommt.(vergl. auch Erich Fromm - Sein und haben) Die erste ist in der Regel irrational und die zweite rational.

Mit dem rationalen Denken entwickelte sich auch eine Charakteristika, die insbesondere im Okzident bis ins Extrem hochgepeitscht wurde: einen hochgepushten und maßlos übersteigerten Individualismus mit eindeutig extrem egonzentrischem Charakter. Diese Charakteristika spiegelt sich wider, einerseits in der tiefen Geringschätzung des Individuums, das katalogisiert und zu einer Nummer entwertet wird, andrerseits in der grenzenlosen Ueberschätzung des Individuums, dem alles erlaubt ist, wessen es sich als fähig wähnt. Daß diese Charakteristiken destruktive Wirkung haben, zeigt die Menschheitsgeschichte. Diese Aufspaltung trennt nicht nur die ideologischen und politischen Lager, sie ist gleichwertig in allen nachweislich vorhanden.

Ideologien streben dem Extremen zu, dem Aeussersten und entfernen sich von der Mitte um an ihrem Ziel, dem Aeusserten unweigerlich zu kollabieren. Es hat sich schon gezeigt, daß das Individuum in die Isolation treibt und das Kollektiv in die Vermassung. Der Dualismus scheint sich erneut zu manifestieren, sprich: er wehrt sich sozusagen mit Händen und Füßen gegen das ganzheitliche Denken, das ihn seiner Grundlage berauben würde.. In der Tat ist das dualistische Denken und Handeln die Wurzel vielen, wenn nicht sogar allen Uebels ... und offensichtlich nur dem menschlichen Wesen zueigen. Wenn wir soweit sind, daß wir nicht bloß profane Macht als Wirklichkeit anstreben oder anerkennen, sondern uns bewusst werden, daß auch das Geistige potenziert wirksam werden kann, ist der Grundstein für eine geistige Wirklichkeit gelegt, die die materielle ad absurdum führen wird, bzw. sie auf ein sowhl kollektiv als auch individuell nutzbringendes Faktum zurückschraubt. Schaffen wir das nicht, ist alles weitere Illusion.


Aperspektivisch - ganzheitlich

Der Begriff der Ganzheitlichkeit oder Gänzlichkeit ist wie viele andere Begriffe in der sprachlichen Anwendung zu einem Schlagwort geworden, dessen Bedeutung man sich offensichtlich noch nicht völlig bewusst scheint. Wie können wir beispielsweise von ganzheitlicher Medizin reden, wenn sich die einzelnen Fachgebiete noch solche nennen und sich untereinander den Rang ablaufen oder die Kompetenzen streitig machen. Desgleichen gilt unbedingt für ausnahmslos alle Religionen und Ideologien und ihren jeweiligen Anspruch auf Wahrhaftigkeit. Es gilt auch für die Politik und den ihr charakteristischen Filz und es gilt für die Wissenschaften und ihre Wertstellung innerhalb der eigenen Reihen. Ganzheitlichkeit setzt die Unvoreingenommeheit des Ichs voraus und erkennt das Ich als Bestandteil des Wir und beides in einem Ganzen.

Erste und noch heutige Weltsichten [und ihre vertretenden Gruppen, die sich esoterisch-aperspektivisch denkend und handelnd äusser(te)n] waren/sind noch von archaischen Bildern und magisch-gnostischen Definitionen geprägt, sozusagen von Göttern, Geistwesen, Schwingungen, Energien und ähnlichem erfüllt, wurden (und werden noch) anhand von antiken Mustern erklärt, bzw. interpretiert und spiegeln auf ihre Weise eine unverdaute Mischung des arschaischen, magischen und menthalen Bewusstseins, das sich des vierdimensionalen Denkens als Ganzheitlichkeitsdenken zwar gewahr ist, nichtsdestoweniger aber mangels Durchblick oder Fassungsvermögen ersatzweise auf archaisch-magisch-transzendente Mittel der Illustration zurückgreift.

Die Bedeutung des griechischen "a" (alpha privativum = befreien) in bezug auf "perspektivisch" hat einen befreienden Charakter. Die absolute Gültigkeit des unperspektivischen und perspektivischen, des einengenden dualisitschen Denkens wird sozusagen neutralisiert. Bildlich gesehen wird das Schwarz-Weiss-Denken relativiert und die Grauzonen salonfähig. Aperspektivisch ist nicht gleichzustellen mit einer Synthese oder gar eine Versöhnung der beiden anderen Begriffe. Durch eine solche irrige Meinung würde das aperspektivische die Bedeutung des rational-perspektivischen bekommen und stellte lediglich eine Alternative dar. Zudem wäre diese Bewertung oder Definition nur begrenzt gültig, da sie ihrerseits wieder vom Dualismus eingeholt und sich in zwei Lagern der Bewertung wiederfinden würde.
Der Begriff aperspektivisch richtet sich auf die Ganzheit und stellt eine unterscheidenende Bezeichnung für die Wahrnehmung, die auf Ausschnitte der perspektivischen Wirklichikeit fixiert ist und für die Erahnung der Wirklichkeit, die auf unperspektivischen "Gefühlen" beruht. Grob umrissen umfasst das aperspektivische Denken die Gesamtheit des sinnlich und menthal erfaß- und denkbaren, den Raum und Zeit als ineinanderfliessende und interaktiv funktionnierende Faktoren, als eine Ganzheit. Diese Definition ist verwandt mit dem Prinzip der Vernetzung (nichts wirkt nur in eine Richtung) und entzieht dem Dualismus schon fast automatisch jedwede Grundlage.
Keine Ursache ist a priori gut oder schlecht, sondern de facto bloß eine Ursache, die eine Wirkung provoziert, die als solche ebenfalls wertfrei gesehen werden muss. Erst durch die dualistisch geprägte Sicht direkt oder indirekt Betroffener erhalten die Auswirkungen der Wirkung einen Wert, der wiederum in den Augen anderer (Beobachter, Interpreten) eine abweichende Emmpfindung bewirken kann. In beiden Fällen ist eine Rückwirkung zu erwarten, die ihrerseits wieder dieselben Kriterien erfüllen wird. Hier setzt die Vernetzung an, die durch dualisitsche und pejorative Interpretierung der Rück- und Wechselwirkungen tragischerweise zur Spielweise dualistischen Denkens missbraucht oder missverstanden wurde. Was dem einen gut kommt, erscheint dem anderen schlecht. Eine verbindliche allgemeingültige Bewertung ist illusorisch. Doch nur, solange der Dualismus das Zepter schwingt und die befreiende aperspektivische Weltsicht nicht zum Zuge kommt.Der Dualismus geht einher mit Gefühlsregungen, die ihn ausdrücken, mit Worten und Begriffen die ihn schildern, mit Erklärungen, die ihn rechtfertigen und im Hintergrund mit der Tradition einer jahrtausende währenden Konditionnierung Eine ganzheitliche Sicht der Dinge, ein ganzheitlich geprägtes Bewußtsein würde in seiner vollen Blüte auf diese Emotionen, Schilderungen, Bewertungen und Rechtfertigungen verzichten wollen, da es durch das Schauen, Erkennen und Verstehen der Zusammenhänge keinen weiteren Bedarf mehr für eine solche antiquierte Werteskala hätte.
(Porträt da Vinci)
 
 

 

 

 

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