ANTIQUA Online Magazin

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Ruki sagt ...

 

 

 

 

Ich versteh´ nur Bahnhof

Die Deutsche Bahn, das alltägliche Abenteuer der Städtependler erreicht seinen Höhepunkt dann, wenn man ohnehin schon frustriert am Bahnsteig steht und eine echobelandene Stimme lakonisch aus dem Lautsprecher verkündet: „Der RE Richtung XY hat 15 bis 20 Minuten Verspätung. Wir bitten die daraus resultierenden Unannehmlichkeiten zu entschuldigen“.

Wie auf Kommando zücken die Großstadtcowboys- und –girls wie die Westernhelden blitzschnell ihre Handys aus den Jacken- und Handtaschen, um irgendjemanden irgendwo in Deutschland genau wie gestern und vorgestern schon mitzuteilen, dass die Bahn mal wieder Verspätung hat. Man schafft es wieder einmal nicht, pünktlich da zu sein, wo man ursprünglich noch pünktlich zu einer bestimmten Uhrzeit sein wollte - Sei es bei einem Meeting in einer Firma oder zu einer Shoppingtour mit den Freunden. Alle Anwesenden gucken gleichermaßen genervt. Der Mann im schicken Anzug genau so, wie die Gören, die ihre Ohren über Stöpselhörer mit überlauten Geräuschen aus ihren MP-3-Playern misshandeln. .Die Bahn hat mal wieder Verspätung und am liebsten würde man  jedem Lokführer den Kopf abreißen, für das „Zänk juh vor trävveling  wiz Deutsche Bahn. Gud -Bei!“ an jedem Ende einer Zugfahrt.

Die Bahn schuldet einem ein paar Millionen Minuten des Lebens, wenn man daran denkt, wie oft man dieses Szenario schon miterlebt und durchgestanden hat. Man sitzt oder steht entnervt am Bahnsteig und simst sich dank Handyflatrates die Finger wund und beschwert sich darüber, was einem Mutti wieder in den Studenten-Rucksack gepackt hat, damit man auch ja nicht verhungert. Meistens reicht der Proviant auch noch für ein paar Tage nach der Bahnfahrt und man wird den Eindruck nicht los, dass man genug Nahrungsmittel mit sich herum trägt, um noch einen Dritten Weltkrieg ohne Hamsterkäufe überleben zu können. Von den selbst gestrickten Socken und dem anderen Dingen, die sich in zusätzlichen Tüten befinden, die man auch noch aufgeschwatzt bekommen hat, mal ganz zu schweigen. Irgendwann ist es einem auch nicht mehr peinlich, mit Discountertüten bepackt wie ein Lastesel, in den Zug zu steigen. Es wäre ja auch ganz schön, wenn der Zug endlich einfahren würde. Da ertönt auch schon wieder das Handy und es erscheint eine Kurzmitteilung, in der man getröstet wird, dass Mutti es ja nur gut mit einem gemeint hat.

Sperrt man die Augen an Deutschlands Bahnhöfen weit auf, sieht man die skurilsten Dinge. Man steigt mitten im Ruhrpott aus dem Zug und schon läuft einem ein merkwürdiger Kauz über den Weg, der in seiner germanischen Kleidung mit Umhang frisch aus Wagners Ring entsprungen zu sein scheint und seiner Herzallerliebsten entgegen läuft. Kurz davor durfte man das Streitgespräch über Jesus, zwischen einem muslimischen Iman und einem katholischen Priester,  anhören. Beide Fachspezialisten wurden sich dann letztendlich aber darüber einig, dass es schließlich nur einen Gott gäbe und beide Religionen abrahamitischen Ursprungs seien. Begleitet wird der Priester  von einem Rudel Nonnen, die sich aufgeregt über das Federballturnier ihres Klosters unterhalten.

Während man beim Betrachten der Leute noch vermutet, dass die vor einem sitzende, eher prüde und konservativ gekleidete junge Dame, sicherlich nichts Böses im Schilde führt, hört man dann, wie sie ihrer Freundin erklärt, wie sie denn jetzt nur ihre Beziehung retten soll, da sie eine Zeit lang auf zwei Gleisen gefahren war. Dicht dahinter sitzt dann, um das Glück der Mitfahrer zu vervollkommnen, eine feuchtfröhliche Damenrunde des örtlichen Kegelvereins, deren Gegacker und Gekicher nebst den „Stößchen“ Sekt aus Plastikbechern durch den gesamten Wagen schallen. Nicht zu vergessen auch die Herrenstammtische, die regelmäßig in Zügen unterwegs sind.

Richtig lustig wird es bei Langstreckenfahrten, beispielsweise Richtung Berlin und vor allem dann, wenn man in einen IC einsteigt, der aus Amsterdam kommt. Meine Empfehlung: Reservieren sie am  besten Ihren Sitzplatz in einem Abteil, in dem betrunkene Holländer sich kastenweise mit Bier abfüllen und dazu holländische Volksmusik gröhlenn. Als Prämie oder Gratisgabe der Bahn hört man dann aus dem Lautsprecher, dass auf Grund von technischen Schwierigkeiten, der Zug erst 1 Stunde später am Berliner Hauptbahnhof einfahren wird. Zumindest bekommt man dann die Hälfte des Ticketpreises zurück. Wer kommt auch schon auf die aberwitzige Idee, in WM-Zeiten mit dem Zug fahren zu wollen?

Kommt man dann nach solchen Erlebnissen trotzdem noch auf die hirnrissige Idee, während der Faschingszeit mit dem Zug nach den Karnevalshochburgen wie Köln oder Mainz fahren zu wollen, sollte man schon mal in Kauf nehmen, trotz mangelhafter Kostümierung, gebützt zu werden und immer öfter in engeren Körperkontakt zu kommen, etwas, das man außerhalb der Karnevalssaison eher weniger von der deutschen Bevölkerung gewohnt ist. Vielleicht sollte man diese "Volksnähe" in den Zügen an solchen Tagen nicht zu sehr verachten, obwohl sie schon fast an Zustände in der Tokyoer U-Bahn erinnern, wo es nicht wundern darf, wenn diverse Körperteile aus dem Zugfenster baumeln.

So vergeht sie also, die Zeit, die man in Zügen und beim Warten auf Züge vergeudet. Man ärgert sich über Verspätungen und flucht auf die Deutsche Bahn und ihre chronische Unpünktlichkeit. Doch manchmal, aber auch nur manchmal, wird man dann für die vielen Minuten, die einem gestohlen wurden, entschädigt und man triumphiert nach der x-ten fahrplanmißachtenden Zugfahrt, wieder mal halbwegs körperlich und geistig unversehrt angekommen zu sein und  durch einen Kuss des Liebsten, der einen trotz der Verspätung beharrlich erwartete, oder durch einen kumpelhaften Klapps auf die Schulter von einem liebenden Vater, oder, oder …. Nette und liebe Menschen die den geschlauchten Reisenden abholen kommen. Die Bahn bringt zusammen, was zusammen gehört.

 

 

 

 

 

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