ANTIQUA Online Magazin

seit Dezemeber 2008

Interview

Zusammenprall der Kulturen

Interview mit Luxemburgs Aussenminister und Vize-Premier Jean Asselborn

 Antiqua sprach mit dem amtierenden luxemburgischen Vize-Premier und Aussenminister Jean Asselborn - ein populärer, unkomplizierter und mutiger, aber gewiss kein unumstrittener politischer Zeitgenosse. Als Außenminister Luxemburgs ist er wegen seiner spontanen, offenen und nicht immer bequemen Äußerungen bekannt. Demagogie  oder Schönreden gehört offenbar nicht zu seinem politischen Repertoire.

"... klare Alternativen zum Aufeinanderprallen der Zivilisationen, sie heißen Toleranz, Dialog, gegenseitiger Respekt und Erziehung."


Antiqua:- Herr Minister, wie schätzen Sie die Möglichkeit und/oder Wahrscheinlichkeit eines „Zusammenpralls der Kulturen“, beispielsweise zwischen der mehrheitlich christlichen und der muslimischen, innerhalb einer multikulturellen EU und ggf. in ihren einzelnen Mitgliedsstaaten ein?

Jean Asselborn;- Ich glaube nicht an die Fatalität eines Zusammenpralls der Kulturen. Im Gegenteil: ich vertrete die Meinung, dass heutzutage, mehr denn je, ein tiefgreifender Austausch zwischen einer Vielzahl von verschiedenen Kulturen und deren Abzweigungen besteht, und dies gar auf einer sehr breiten Ebene mittels verschiedenster Wege. Die Instrumente der modernen Kommunikationsmittel und -technologien bieten unbegrenzte Möglichkeiten um genau dies zu erreichen. Kombiniert mit einem starken Willen miteinander zu kommunizieren sind diese neuen Mittel Garant für ein gutes gegenseitiges Verständnis.

Sicherlich gibt es Momente in der ein solcher Zusammenprall stattzufinden scheint: denken wir an den 11. September 2001, den darauffolgenden „Krieg gegen den Terrorismus“ oder gar die Spannungen zwischen dem Iran und Israel. Solche Geschehnisse bieten eine goldene Gelegenheit für manche, um diese Konfrontation der Kulturen herbeizuschwören. Ich wehre mich jedoch gegen diese Panikmache.

Es ist die Aufgabe der internationalen Außenpolitik Konflikte zu vermeiden und diesen entgegenzuwirken. Meiner Ansicht nach gibt es klare Alternativen zum Aufeinanderprallen der Zivilisationen, und die heißen Toleranz, Dialog, gegenseitiger Respekt und Erziehung. Wir dürfen keine Bemühungen unversucht lassen, die jungen Schichten unserer Bevölkerung in jungem Alter zu zeigen, dass die Vielfalt von Kulturen, sowie der zwischen ihnen stattfindende Dialog ein Grundstein für das friedliche Zusammenleben ist.

Ich bin der festen Überzeugung, dass durch Erziehung, durch eine konsequente Werte- und Wissensvermittlung im Schulwesen und an den Universitäten, durch den Dialog zwischen den Kulturen in der Gesellschaft ein friedliches Zusammenleben, ohne Konfrontationen und Gewalt möglich ist. Es gibt Brücken zwischen den verschiednen Kulturen, Religionen und Zivilisationen, und es ist unsere Aufgabe diese Brücken auszubauen und zu stärken, indem wir die universellen Grundwerte, wie zum Beispiel die Menschenrechte und Grundfreiheiten auf allen Fronten verteidigen und fördern. Wie auch kürzlich der neue US Präsident Barack Obama gegenüber dem arabischen Fernsehsender Al-arabyia pointiert formulierte: „meine Rolle ist der muslimischen Gemeinschaft zu verkünden, dass die Amerikaner nicht ihre Feinde sind.“ Diese Aussage verdeutlicht, dass der Westen und der Islam sich nicht unbedingt feindlich gegenüber stehen müssen. Dies hatte der Präsident bereits während seiner Antrittsrede angedeutet als er sagte, dass „…Amerika ist Freund jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes auf der Suche nach einer Zukunft in Friede und Würde“. Des Weiteren deutete er darauf hin, in deutlichster Sprache, dass neue Wege gesucht werden in der Beziehung zur muslimischen Welt, ein Weg der auf gegenseitigen Respekt sowie gegenseitigen Interessen basiert. 

Im Gegensatz hierzu ist die rezente Entscheidung des Papstes, die 4 exkommunizierten Bischöfe zu begnadigen total kontraproduktiv und ein falsches Signal an die Welt. Die Rehabilitation eines völkermord-verneinenden Bischofs ist ein Schritt rückwärts und verdeutlicht, dass es bedeutende Kräfte in Rom gibt die immer deutlicher nach rechts rücken.

 

Kopftuch  (Khimar oder Hijab) Bildquelle

 

 

Der Autor des zum Bild gehörenden Textlinks

gibt sich redliche Mühe die Problematik des

"Kopftuches" darzustellen und untermauert

seine Ausführungen anhand von Koranzitaten

und deren Interpretationen.

Lesenswert !

 

 

 

 

 

 

 

 

"... nicht ein Zusammenprall, sondern ein etwas härter geführter Dialog".

A:- Sind „Zwischenfälle“ wie beispielsweise die Konsequenzen der internationalen Affäre um die Mohamedkarikaturen, die muslimische (und christliche) Reaktion auf die rhetorischen Intermezzos des Herrn Ratzinger, oder die für einige Bürger schon abstrus, wenn nicht sogar kindisch anmutende Kopftuchdiskussionen die Maßstäbe, an denen wir die Größe und Stärke einer multikulturellen EU messen können oder sollten? In anderen Worten: ist die EU ausreichend erwachsen um sich auf einen „Zusammenprall der Kulturen“ nicht einlassen zu wollen, bzw. einem denkbaren Konflikt zumindest politisch vorzubeugen?

 

J.A.:- In diesem Kontext ist die EU ein Vorbild für ein gelungenes Zusammenleben verschiedener, sehr diverser Kulturen. Über die letzten sechzig Jahre haben Völker, die sich in vergangenen Jahrhunderten lange Zeit bekämpft haben, endlich gelernt miteinender in Frieden zu leben. Lassen Sie mich an dieser Stelle jedoch bitte ein wenig meine Antwort vertiefen.

An aller erster Stelle möchte ich hervorheben, dass man nicht den Fehler begehen darf, und den „Clash of Civilisations“ auf einen Zusammenprall der Religionen reduzieren. Dies wäre ein grobes Missverständnis mancher Probleme die es heute in den verschiedenen Gesellschaften gibt. Eine derart starke Vereinfachung hat einen

unweigerlich polarisierenden Effekt auf die Meinungen der Menschen, welches nun wirklich nicht zum friedlichen Zusammenleben beiträgt.

 

Wenn wir uns jetzt auf die Mitgliedstaaten der EU beschränken, muss man erkennen, dass es in manchen Staaten andere, genauso komplizierte Situationen gibt, wo Menschengruppen aufeinandertreffen und miteinander zusammenleben müssen, wo nicht die Religion sondern ganz andere Faktoren dazu führen, dass Spannungen entstehen (Roma, Zypern). Auch in der unmittelbaren Nachbarschaft der EU gibt es noch ungelöste Situationen (Kosovo). Hier kann und muss die EU eine wichtige Vermittlerrolle spielen.

 

 

Die von Ihnen erwähnten „Zwischenfälle“, wie die Kopftuchdiskussion oder die Mohamed-Karikaturen beschränken sich fast ausschließlich auf den karikierten „Clash“ zweier Religionen, welches ich als Vereinfachung betrachte. Es handelt sich meiner Ansicht nach um weitaus mehr als nur die christliche und die muslimische Religion. Ich vertrete die Ansicht, dass es sich hier um einen Prozess handelt, und zwar um das langsame Eindringen und Vertiefen der muslimischen Kultur in die westlich-europäische Kultur. Dies ist nicht ein Zusammenprall,sondern ein etwas härter geführter Dialog, der teilweise, leider, Dimensionen annimmt, der mehr Schaden anrichtet als Gutes erreicht. Jedoch bleibe ich der Ansicht, dass dies ein wichtiger Prozess ist, der sich langsam aber sicher in die richtige Richtung entwickelt.

 

 

In diesem Kontext dürfen wir die Rolle der unzähligen anderen Foren, welche im Laufe der Zeit in Europa und auch sonst in der Welt entstanden sind, um genau diese Probleme anzusprechen, nicht unterschätzen. Die UNESCO, der Europarat, die OSZE, die Anna Lindh Stiftung sowie die Allianz der Zivilisationen sind Organisationen, welchen eine sehr wichtige Rolle zufällt im Kampf gegen Extremismus, Fundamentalismus und die Verbreitung von Hass.

 

A:- Werden die Faktoren Religion und Kultur in einem hypothetischen Konflikt überbewertet oder sogar nur vorgeschoben? Spielen andere Faktoren, wie z.B. die wirtschaftlichen Interessen der Nationen und „Global Player“ eine vielleicht größere, maßgeblichere Rolle?

 

 

J.A.:- Sicherlich spielen wirtschaftliche Interessen eine maßgebliche Rolle, jedoch sind Konflikte nicht durch einzelne Faktoren zu erklären, sondern durch ein Geflecht von mehreren, untereinander vernetzte Faktoren. Diese können historische, kulturelle oder wirtschaftliche Ursprünge haben, jedoch kann man kaum exklusive Gründe nennen um diesen oder jenen Konflikt zu erklären. 

Nehmen wir ein Beispiel: der Nahost Konflikt ist weitaus komplexer als ein reiner Konflikt zwischen Moslems und Juden. Dort sind mehrere, komplexe Interessen im Spiel, welche man nur schwer kontrollieren kann und noch schwieriger miteinander vereinbaren kann um den Konflikt zu stoppen. Das Auseinanderdriften zum Beispiel der Palästinenser in Fatah und Hamas, aber auch der Antagonismus zwischen Arabern (siehe Ägypten und Syrien) beruhen nicht auf Religionsfragen, sondern auf harten Marktfragen.

 

 

A:- Im Zusammenhang mit Huntingtons Credo in seinem Buch „ Who are we“, in dem er u.a. für die Rückbesinnung auf alte Werte plädiert, drängt sich bezüglich der EU eine Frage auf. Sind Glaube, Patriotismus und Schollenliebe in ihrer „eng gestrickten Reinform“ – so wie sie allenthalben noch verteidigt werden – im Hinblick auf ein dereinst mögliches und wirklich vereintes Europa überhaupt noch zeitgemäß, wenn nicht sogar langfristig  kontraproduktiv? 

 

 

 J.A.:- Die EU ist weitaus mehr als nur eine Art Vereinigung von Nationalstaaten, in welcher sich die Mitgliedstaaten noch immer nach ihren rein nationalen Interessen richten, ohne Rücksicht auf ihre Nachbarn zu nehmen. Im Gegenteil: die Europäische Union, welche als ein vorbildliches Friedensprojekt zu verstehen ist, hat über die letzten 5 Jahrzehnte hinweg nicht nur eine Kultur des Konsens  gefördert, sondern hat sie auch sehr große Bemühungen gemacht, Grundwerte und Grundrechte zu erarbeiten, zu verteidigen und zu verbreiten. Rechte wie Rede-, Meinungs- oder Versammlungsfreiheit, sowie auch die Religionsfreiheit sind wichtige Eckpfeiler der EU, die das Zusammenleben der verschiedenen Menschengruppen garantiert.

 

Jedoch glaube ich nicht, dass man die Gedanken des Professors Samuel Huntington in diesem Punkt auf die EU anpassen oder transponieren kann: Professor Huntington spricht, nach meiner Ansicht, in einem amerikanischen Kontext, nicht unbedingt über die gesamte westliche Welt. Seine Argumente und Gedanken lassen sich deswegen nicht so einfach auf den Europäischen Kontext übertragen. Die Stärken der EU liegen in der Vielfalt der Glaubensbekenntnisse und der Kulturen, sowie dem Einfluss von Millionen Nicht-Gläubigen. Auch wenn dies widersprüchlich erscheint, dass eine derart große Vielfalt von verschiedenen Kulturen unter einem Dach zusammenlebt, glaube ich, dass die Europäische Union bereits einen sehr großen Erfolg dadurch erzielt hat, während über sechzig Jahre Frieden auf dem europäischen Kontinent zu garantieren.

 

Natürlich lässt sich darüber diskutieren, wie viel tiefer die EU sich noch vereinen könnte oder gar müsste, und welche Formen diese Vertiefung annehmen könnte; jedoch historisch betrachtet ist das heute erzielte Resultat eines, welches sich weltweit durchaus zeigen lässt. Unsere Aufgabe ist es nun, dieses großartige Friedensprojekt weiterzuführen und dafür zu sorgen, dass auch die jüngeren Generationen den Wert des Friedens schätzen lernen. Das geschichtliche Erbe Europas muss durch eine adäquate Erziehungspolitik in den Schulen den jungen Generationen von heute und morgen verständlich gemacht werden. Das ist der Grundstein des Erfolgs gegen Extremismus.


 

Afrika

 

Krisenherde in den letzten Jahrzehnten

 

 

 

 

"...einige der grauenhaftesten Konflikte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wenn man das angerichtete Leid der Menschen in Betracht zieht."

Im Mittelpunkt der Diskussionen stehen der Nahe Osten und der internationale Terrorismus. Der afrikanische Kontinent hingegen (einmal abgesehen von den an der nördlichen Mittelmeerregion angesiedelten Staaten) scheint auf den ersten Blick eher an einem internen „Zusammenprall der Interessen“ zu verbluten. Die Auswanderer- und Flüchtlingsquote ist hoch. Die soziale Lage der Menschen dort ist durch die Bank katastrophal. Hilfsgüter und Überschüsse aus subventionierter Nahrungsmittelproduktion seitens der Industriestaaten an Afrika werden von namhaften afrikanischen Wissenschaftlern angeprangert und als Unterdrückung der afrikanischen Eigenentwicklung und -produktion gewertet.  Dieselben Leute prangern die in den Medien verbreitete AIDS-Problematik und die entsprechenden Infiziertenzahlen als nicht zutreffend, sondern als gezielte Desinformation an. Die militärischen Interventionen der UNO, einiger EU-Staaten und der USA in Afrika, u.a. im Tutsi-Hutu-Konflikt/Genozid,  sind sehr umstritten. Ruanda und seine politische Führung machen wieder Schlagzeilen, sozusagen stellvertretend für andere afrikanische Nationen oder Staaten. Waffenschieber bereichern sich dumm und dämlich, und die demagogischen Auftritte etlicher EU-Politiker muten an wie naive Schuldgeständnisse.

 

A:- Herr Asselborn, bitte verzeihen Sie den emotionalen und subjektiven Ton dieser Frage, aber ist dem Schlamassel, das die Weißen dort unten in den letzen 600 Jahren angerichtet haben und das ihre Schüler, die heutigen Landesväter dort unten gelehrsam weiterführen, ist das kontinentale Desaster überhaupt noch überschaubar und langfristig irgendwie in den Griff zu bekommen?

J.A.:- Sicherlich sind die Konflikte, die Sie hier aufgeführt haben manche der grauenhaftesten seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, wenn man das angerichtete Leid der Menschen in Betracht zieht. Und Sie haben auch durchaus Recht, die Probleme Migration, HIV-AIDS und Wirtschaftswachstum hier zu erwähnen.  

Die Krisenherde und Probleme, die Sie angesprochen haben, würde ich allerdings nicht unbedingt auf den ganzen afrikanischen Kontinent verallgemeinern. Es gibt durchaus afrikanische Länder, wo politische Stabilität sowie wirtschaftlicher Wachstum herrschen, und wo die jeweiligen Regierungen und die dortige Gesellschaft sich sehr darum bemühen, ihre Lebenslage zu verbessern. Persönlich habe ich zwei afrikanische Länder rezent noch besucht, Südafrika und Botswana, und habe dort, vor allem in letzterem, mit eigenen Augen gesehen, dass es auch positive Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent gibt. Botswana beispielsweise ist ein hoch interessanter Fall von einem Land, welches seit längerer Zeit politische Stabilität genießt und emsig nach Möglichkeiten sucht um die Wirtschaft des Landes zu diversifizieren und zu modernisieren. Innerhalb der Südafrikanischen Entwicklungsgesellschaft (bekannt unter dem Akronym SADC), welches eine sehr wichtige Entwicklung für den afrikanischen Kontinent darstellt, arbeitet Botswana hart daran, neue Infrastrukturen zu schaffen um die benachbarten Wirtschaften zu verbinden und weiterzuentwickeln. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, dass dies einen sehr positiven Eindruck auf mich hinterlassen hat und mich gar nicht so pessimistisch stimmt. Natürlich will ich die gewaltigen Probleme wie HIV-AIDS und die blutigen ethnischen Konflikte nicht beschönigen, doch es gibt durchaus Lichtblicke, die nicht zu überschauen sind. Wir Europäer haben diese wenigen, aber trotzdem bestehenden Lichtblicke zu fördern. Die Geschichte verlangt von uns Bescheidenheit, aber auch Engagement für diesen Kontinent. Luxemburg leistet viel für Afrika. Dies ist nur unsere Pflicht, wie es auch die Pflicht anderer Europäischer und nicht-europäischer Staaten sein sollte.

Herr Asselborn, vielen Dank für dieses Gespräch.

02. Februar 2009

Interview: Fern Weirich

 Samuel Phillips Huntington

Zusammenprall der Kulturen

 

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