Sagen und Legenden um Artus und Merlin (Teil III )

 

 erzählt von: Fern Weirich 

 

 

 

Talyessin

 

 

 

Talyessin (Taliesin), der von den Bretonen Thelgessin genannt wurde, stammt aus dem Land der Kimren (Kymry), ein Sohn des walisischen Fürsten Tegid Voel und der walisischen Naturgöttin Keridwen (Cerydwen), die wegen ihrer besonderen Schönheit und ihrer Verwandlungskünste (als Birgit, Macha oder Rhiannon) berühmt und wegen ihrer druidischen Künste gefürchtet war.

Tegid Voel und Keridwen hatten drei Söhne, von denen der mittlere namens Afagddu derart verunstaltet und häßlich war, daß seine Mutter versuchte, sein Aussehen durch einen Zaubertrank, der ihrem Sohn eine außergewöhnliche Intelligenz und die Weisheit der Welt geben würde, zu kompensieren. Sie wollte, dass man ihn wegen seiner Weisheit respektiere und nicht wegen seiner Häßlichkeit verachte. Also braute sie einen Sud in ihrem magischen Kessel, als sie in einer druidischen Angelegenheit für kurze Zeit abgerufen wurde.

Gwyon Bach war Keridwens jüngster Sohn und er sollte für sie in ihrer Abwesenheit auf den magischen Kessel mit dem Gebräu des Wissens aufpassen.

Außer Keridwen wußte niemand, daß in dem Sud außer drei Weisheitstropfen alles andere ein hochwirksames Gift war. Auch ihr Sohn war ahnungslos. Beim Umrühren des Zaubertranks spritzen die drei Weisheitstropfen aus dem Kessel und verbrühten Gwyon Bach die Finger. Um seine Finger wegen der Verbrühung zu kühlen, lutschte er daran und kam auf diese Weise zur Inspiration und dem ganzen Wissen dieser Welt.
Sofort wurde ihm klar, daß er die Erleuchtung besaß, die eigentlich für seinen Bruder Afagddu bestimmt gewesen war und daß seine Mutter ihn deswegen bestrafen, ja sogar vernichten würde. Also flüchtete Gwyon fund ließ den Kessel, dessen Inhalt nunmehr nur noch aus Giftbrühe bestand, zurück.
Durch die Hitze barst der Giftkessel und sein Inhalt ergoß sich auf die Erde und lief zum Teil in einen Bach, an dem ein gewisser Gwyddno seine Pferde tränkte. Die Pferde starben alle und da sie Gwyddons ganzen Reichtum darstellten, war er als Clanchef und Züchter ruiniert.

Als Keridwen zurückkam und sah, was ihr Sohn angerichtet hatte, überkam sie ein unbändiger Zorn und sie schwor, den jungen Missetäter umzubringen. Gwyon, der wegen seiner gewonnenen Weisheit und Voraussicht eine Vorahnung hatte, verwandelte sich in einen Hasen. Keridwen ihrerseits verwandelte sich in einen Wolfshund und jagte ihn. Gwyon verwandelte sich also in einen Fisch und versteckte sich im Wasser, worauf Keridwen sich in einen Fischotter verwandelte. Doch Gwyon gab nicht auf und verwandelte sich in einen Vogel, aber Keridwen wußte auch darauf eine Antwort und verwandelte sich in einen Falken, der Gwyon immer weiter jagte.
Zum Schluss verwandelte Gwyon sich in ein Weizenkorn und versuchte, sich in einer Scheune unter den vielen am Boden liegenden Körnern zu verstecken.
Keridwen aber fand ihn auch diesmal und verwandelte sich in eine schwarze Henne, die das Korn aufpickte und verschluckte. Die Götter müssen die Hand im SPiel gehabt haben, denn Keridwen wurde schwanger.

Neun Monate später gebar sie einen Jungen aus der Frucht dessen, den sie eigentlich hatte töten wollen. Ihr Haß auf dieses Kind war unsäglich. Der Neugeborene war aber mit einer einzigartigen Schönheit geboren worden, so daß sie es nicht übers Herz brachte ihn umzubringen. Da sie ihn aber auch nicht behalten wollte, setzte sie ihn in einen Lederbeutel eingebunden auf dem offenen Meer aus. Neun Tage trieb der Beutel im Wasser, bis er von den Wellen an Land gespült wurde.

An einer Schleuse saß Elphin, der Sohn des geschädigten Clanchefs Gwyddno. Elphin war seit jeher ein sagenhafter Pechvogel gewesen, dem alles mißlang, was er unternahm. Es ging im Clan sogar die Rede, daß er sich nicht als Anwärter für seines Vaters Nachfolge eignete. Die Clanmitglieder kreuzten die FInger hiner ihrem Rücken, wenn er in ihrer Nähe war. Dieser von Glück vergessene Elphin saß also an seinem Geburtstag an der Schleuse und schaute mißmutig auf seine leeren Netze. Er hatte an diesem, seinem Geburtstag zu seiner großen Enttäuschung den ganzen Tag lang vergeblich auf einen guten Fang gehofft. Dann aber sah er, daß er anstelle von Fischen einen Lederbeutel an Land zog. In diesem Beutel fand er einen Säugling, der Elphin zu dessen grosser Verblüffung sogleich anredete:

(...) zwar bin ich klein und schwach
jetzt auf dem schaumbedeckten Meeresstrand,
doch am Tag der Not werde ich dir
bessere Dienste leisten als dreihundert Lachse.
Elphin, laß dich nicht verdrießen.
Erscheine ich auch klein und winzig in diesem Beutel,
liegt mein Wert doch auf der Zunge.
Solange ich dich schütze
brauchst du dich vor nichts zu fürchten.
 
Elphin brachte seinen "Fang" mit nach Hause. Alle waren so von des Kindes Schönheit angetan, daß Gwyddno beschloß, das Findelkind Elphin zu überlassen mit der Aufgabe, ihn wie seinen eigenen Sohn aufzuziehen. Da es aber einer Amme bedurfte um den Kleinen zu nähren, ging Elphin voll der Zuversicht in den Nachbarcaern und heiratete die Tochter seiner Tante, eine wunderhübsche junge rothaarige Frau namens Rhonwyn. Sein Glück war perfekt und er stieg alsdann auch beträchtlich in der Achtung seines eigenen Clans.

Talyessin gab sich seinen Namen selbst und prophezeite sich auch selbst eine ruhmvolle Karriere als Barde. In der Tat entdeckte er schnell sein Talent für den Gesang und die Dichtkunst und  wuchs in der außergewöhnlich kurzen Zeit von vier Jahren zum reifen Jüngling heran. Er lebte bei seinen Zieheltern Elphin und dessen Frau Rhonwyn und trug zu deren Bildung erheblich bei.  
 
Tilgung der Schuld

Die Jahre zogen ins Land und an einem schönen Herbsttag verließ Elphin seinen Stamm, um einer Einladung seines Onkels Maelgwynn Gwynedd aus Degawny Folge zu leisten.

Während dem Gelage wurde Elphin  wie alle andeen Anwesenden schnell weintrunken und sehr redselig. Er prahlte damit, den besten Barden aus ganz Britannien in seinem Clan zu haben und ein Weib, das schöner, treuer und anhänglicher sei ,als all die Frauen der Anwesenden zusammen
.
Der Gastgeber Maelgwynn, ein aufbrausender und blutdürstiger Herrscher, erzürnte vor Neid ob dieser Prahlerei und ließ Elphin einsperren. Gleichzeitig schickte er seinen unehelichen Sohn Rhun – der von solcher Schönheit war, daß ihm keine Frau wiederstehen konnte – zu Elphins Frau um diese zu verführen.

Talyessin – mit der Inspiration und der Gabe der Voraussicht gesegnet – riet Ephins Frau, sich für di kommende Nacht in ihrem Bett von einer Dienerin vertreten zu lassen und diese mit ihren Kleidern auszustatten. Rhun schlich am Abend ins Haus und verführte die Dienerin, die sich dies wohl gefallen ließ. Am Morgen, bevor er wieder zurückritt, schnitt er der Frau den Ringfinger mit dem Ring als Beweisstück seiner erfolgreich durchgeführten Mission ab.

Inzwischen hatte sich auch Talyessin auf den Weg gemacht und sich unerkannt in das Gelage bei Maelgwynn eingeschlichen. Als Maelgwynn nun seinem Gefangenen die Trophäe vor Augen führte, verneinte Elphin ihre Authentizität. Der Finger sei viel zu klein, zu schmutzig und unter dem Nagel befänden sich noch Reste von gedroschenem Weizen. Es sei auf keinen Fall der Finger seiner Frau. Rhun unterdessen hatte schon das Weite gesucht und Maelgwynn ließ Elphin wieder einsperren.

Am Abend hatten sich die Barden des Clanchefs eingefunden um ihren Herrn mit ihren Gesängen aufzumuntern. Talyessin aber hatte seine Magie spielen lassen und so kamen aus den Mündern der Barden nur Geblöke und Geschrei, derweil ihre Harfen unerträgliche Mißklänge ertönen ließen. Talyessin erbot sich, selbst zu singen, unter der Bedingung, daß auch Elphin anwesend sei. Maelgwynn ließ den Gefangen holen und Talyessin sang so ergreifend, daß die Ketten, die Elphin gefangen hielten aufgesprengt wurden und zu Boden fielen.

Elphin und Maelgwynn versöhnten sich und der Clanchef ließ zum Abschluß der Feier ein Pferderennen ausrufen, aus dem Elphin mit Unterstützung von Talyesain als Gewinner hervorging. Zudem hatte ihm der Barde geraten, dort wo sein Pferd straucheln würde, solle er seinen Mantel fallen lassen. Als beide nach dem Rennen auf dem Nachhauseritt waren, kamen sie bei Elphins Mantel an. Talyessin bat Elphin den Boden unter dem Mantel umzugraben. Elphin grub und förderte einen bedeutenden Schatz zutage.

Nachdem Talyessin ihm auf diese Weise die Ehre gerettet und zudem zu beträchtlichem Reichtum - als nachträglichen Ersatz für die vergifteten Pferde - verholfen hatte, war seine Schuld gegenüber Elphin und dessen Vater abgetragen. Er verließ seinen Clan mit gutem Gewissen aber traurigem Herzen, denn er liebte all diese Menschen. Und so begann seine Reisen durch Britannien und die Bretagne, wo er Stoff für seine zahlreichen Gedichte und Gesänge sammelte. Auf seiner Rückreise begegnete er Myrddin und beide verband infolge eine tiefe Freundschaft.

 

  

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