Sagen und Legenden um Artus und Merlin (Teil I )

 

 erzählt von: Fern Weirich 

 

 

 

Myrddin

 

 

 

Es war in Britannien im 6. Jh. n.Chr. und zwar zur Zeit der Regentschaft Vortigerns, dem verachteten und verhaßten Hochkönig, als weit entfernt von dessen Wirkungsbereich, nahe am Land der Pikten, ein Junge zur Welt kam. Vieles an diesem Jungen, aber auch an dem Umstand der Schwangerschaft seiner Mutter war sehr merkwürdig. Nicht nur, daß die junge Mutter seit kurzen erst verwaist und selbst noch fast ein Kind war, auch war sie sich absolut sicher, noch nie mit einem Mann kopuliert zu haben.
Als Waise hatte sie sich stets geweigert ihren Körper schon so jung zur Vermählung frei zu geben und nun verlangte der Stammesrat eine Erklärung für die mysteriöse Schwangerschaft.
Das Kind entwicklte sich auf denkwürdige Weise. Im Alter von drei Monaten hatte es schon die Statur eines heranwachsenden Kindes von 8 Jahren. Doch nicht genug damit.
Niemand außer seiner Mutter wußte, daß ihr Sohn sie gleich nach der Geburt in Abwesenheit der Hebamme angeredet hatte. Sie konnte es kaum fassen und glaubte sogar ihr Geist sei verwirrt.
„Weine nicht, kleine Mutter von Myrddin. Hab keine Angst ! Solange ich lebe, wird niemand dir auch nur das geringste Leid zufügen können.„
In Ungedanken hatte sie einigen Dorfbewohnern davon erzählt, doch die Leute hatten nur den Kopf geschüttelt und sie ausgelacht. Vergeblich versuchte die Mutter ihren Sohn im Beisein von Zeugen zum Reden zu bringen, doch dieser – der sich bei der Geburt selbst den Namen Myrddin gegeben hatte – blieb stumm.

 

Als einige Monate vergangen waren, wurde die Frau vor den Rat gerufen und sollte ihren Sohn mitbringen.
Sie wurde vom Rat verhöhnt und als geistig verwirrte Hure bezeichnet. Der Rat beschloss, dass sie sich ausserhalb des Cearn eine Hütte errichten solle. Eine Ausgestoßene. Da stand der Sohn, der sich bis jetzt sehr still verhalten hatte auf und gebot mit sanfter, aber fester Stimme Ruhe. Alle Anwesenden waren schockiert, konnten sich aber der unheimlichen Ausstrahlung dieses Kindes nicht entziehen.

Mit sanfter Stimme und nur wenigen Worten erniedrigte er den Clanchef vor der Versammlung, indem er dessen Mutter das Bekenntnis abnahm, sich seinerzeit einem vorbeiziehenden Fremden hingegeben zu haben, der daraufhin der Erzeuger des Clanchefs geworden sei. Die alte Mutter des Clanchefs gestand unter Tränen in Scham, dass der Junge recht habe. Unfähig und unwürdig jetzt noch über jemanden gleichen Schiksals richten zu können, mußte der Clanchef sein Urteil zurücknehmen. Myrddin und seine Mutter wurden unbehelligt gehen gelassen.

 

Binnen den folgenden drei Jahren wuchs Myrddin zu einem Jugendlichen heran. Er verbrachte die meiste Zeit allein in der Einsamkeit der Fluren und Wälder. Einige, die ihn heimlich beobachtet oder zufällig begegnet hatten, schworen, daß sie ihn mit Tieren hätten reden hören und daß er bei Vollmond mit den Wölfen um die Wette gerannt und mit ihnen den Mond angeheult hätte. Allein, Myrddin blieb den Spöttern und Lästerern keine Antwort schuldig und belegte sie mit kleinen Strafen, so dass sie selbst zum Gespött der anderen wurden. Den Schwachen und  Hilfsbedürftigen aber stand er jederzeit mit Rat und Tat zur Seite.

 

Inzwischen hatte ein verwitweter Krieger namens Morvryn – der einzige, welcher keine Angst vor dem Jungen hatte - Myrddins Mutter zur Frau genommen und bald gebar Myrddins Mutter ihr zweites Kind - eine schöne und starke Tochter namens Gwendydd. Myrddin liebte sie so sehr, daß er ihr fast seine ganze Zeit widmete und seinen Ziehvater nicht mehr so oft zur Jagd begleitete.

 

Es war Herbst in Britannien, als zwei Reiter beim Dorf auftauchten und auf Myrddin trafen, der ihnen zu ihrer großen Überraschung offenbarte, er wüßte schon, warum sie kämen: Vortigern habe nach ihm gefragt. Er folgte den verblüfften Boten zu dem, inzwischen gegen eine hohe Summe aus der Gefangenschaft des anglosächsischen Heerführers Hengist freigelassenen Vortigern. Unterwegs am Lagerfeuer erstaunte er seine Begleiter mit einer Prophezeiung über die Geburt eines Kindes, die in Bälde stattfinden sollte: Er erzählte ihnen die Geschichte der Geburt des famosen Barden Taliesin. Die beiden Boten waren beeindruckt und hatten ihren „Gefangenen" ins Herz geschlossen, so daß sie ihm die Freiheit anboten. Myrddin lehnte dankend mit der Begründung ab, daß er seinen Weg gehen müsse und der führe nicht an einer Konfrontation mit Vortigern vorbei.

An Vortigerns Hof, falls man die dauernd zusammenbrechenden Wälle als solchen bezeichnen konnte, prophezeite er dem Hochkönig dessen Tod in den Flammen und illustrierte Britanniens Schiksal anhand eines Duells zweier Drachen, einem weißen und einem roten. Weiterhin prophezeite er das Kommen eines Mannes, der ihn – Vortigern – stürzen und die Angeln und Sachsen vertreiben würde.

Vortigern, im Grunde ein feiger und schwacher Mensch, war in seiner vorgespielten Stärke erhelblich getroffen und tief  erschüttert. Der Junge flößte ihm Angst ein. Er ließ ihn frei ziehen, obwohl er ihn eigentlich als Opfer an die Götter vorgesehen hatte. 

 

Für Myrddin begann nun eine jahrelange Wanderschaft. Er besuchte Dörfer und Stämme und bald hatte sich der Name Myrddin in ganz  Britannien herumgesprochen. Ehrfurchsvoll sprach man von dem weisen Propheten und Zauberer. Es war eine schwere Zeit, die Britannien hart an die Grenze des Zerbrechens führte. Die Stämme waren zerstritten und bekämpften sich gegenseitig, während die Invasoren aus Jütland und Germanien langsam aber sicher in Britannien Fuß fassten. Britannien stand kurz vor dem Untergang, als es einem allseits geachteten und gefürchteten Clanchef namens Emrys Gwledig gelang, die Stämme zu vereinen und gen Vortigern zu ziehen, der mit den Invasoren kollaborierte. Vortigerns Burg wurde angegriffen und ging in Flammen auf, in denen der verräterische Hochkönig entsprechend Myrddins Voraussagung umkam.

Anschließend an diese Schlacht zog Emrys Gwledig gegen die Lloegriens, wie sie die Invasoren aus Jütland und Germanien nannten. Doch die Burg des Hengist war offensichtlich uneinnehmbar und so schickte Emrys Gwledig auf Anraten eines seiner Krieger nach dem jungen Myrddin um dessen Rat einzuholen. Während die Boten landesweit vergeblich nach ihm suchten, erschien dieser unaufgefordert eines Nachts an Emrys Schlafstatt weit außerhalb des Belagerungsschauplatzes und teilte ihm mit, daß Hengist soeben einen Ausfall aus seiner Burg gewagt habe und dabei umgekommen sei.
„Kehre unverzüglich zu deinen Leuten zurück, denn sie brauchen dich jetzt "!

Emrys folgte seinem Rat sofort. Am Schauplatz des Kampfes angekommen fand Emrys den Kopf des Hengist und den Krieger, der ihn abgeschlagen hatte. Die Burg der Lloegrins wurde von Emrys Gwledig kampflos übernommen. Als Emrys abziehen wollte, rief ihn Myrddin energisch zur Ordnung. Er erinnerte des Kriegsherrn an das schändliche Massaker an 300 tapferen keltischen Kriegern, die vor wenigen Tagen in Friedensabsichten zu Verhandlungen hierher gekommen, von Hengist dann allerdings meuchlings ermordet worden waren. Myrddin schlug Emrys vor, andieser Stgelle ein landesweit einmaliges Denkmal zu errichten, das jeden, der es wann immer betrachten würde, an die Schandtaten des Invasoren erinnert würde. Emrys stimmte zu und übergab Myrddin den Auftrag sich um alles zu kümmern.
Myrddin segelte mit einer Auswahl starker Männer nach Erin, wo er die, beim „Tanz der Riesen" in Trümmer gegangenen Felsen einsammeln und nach Britannien bringen wollte.

Es zeigte sich jedoch, daß die Felstrümmer so groß und mächtig waren, daß jedwede menschliche Kraft nicht genügen würde um sie auch nur zu bewegen. Verzagt und vom Arbeiten müde, schliefen die Männer ein. Als sie am darauffolgenden Morgen erwachten, waren die Felsbrocken und Myrddin verschwunden. Verschämt schifften sie sich ein und machten sich auf die Rückreise.

Kurz vor Sonnenuntergang kamen sie geschlagen und todmüde an der ehemaligen Burg der Lloegrins an. Was sie dort sahen, ließ sie mit vor Staunen geöffneten Mündern verharren. Die Steine waren alle da, in einem perfekten Kreis aufgestellt, so daß an jenem Tag des Samhain die aufgehende Sonne sie in einem gleißenden Licht erstrahlen ließ.
Auch Emrys war zutiefst beeindruckt und schenkte Myrddin als Anerkennung einen herrschaftlichen Torques.
Während die Schar der Krieger mit ihrem Führer feierten, schlich Myrddin sich aus dem Lager und machte sich auf den Nachhauseweg.

 

Zu hause in seinem Clan empfing ihn seine Schwester, die von Rydderch, dem Sohn des benachbarten Clanchefs zu seiner Frau erwählt worden war. Auf dem anschließenden Begrüßungsfest verliebten sich die Schwester des Rydderch und der junge Myrddin. Schon wenig später wurde Hochzeit gefeiert. Das junge Paar baute sich in der Nähe von Myrddins Schwester ein Haus und zog ein. Sie verlebten nur eine kurze Zeit der Verliebheit, denn bald schon zog es Myrddin wieder in die Wälder. Seine verständnisvolle Frau trug ihm gelegentliche lange Abwesenheiten nicht nach.

Auf einer seiner zeitweiligen Waldwanderungen traf er zum ersten Mal den jungen Barden Talisin. Nach einem langen Austausch kamen sie überein, fortan in tiefer Freundschaft der Sache Britanniens zu dienen.


Inzwischen waren die gemeinsamen Siege gegen die Lloegriens schon fast vergessen und der Clanführer Gwrgi hatte sich gegen den einstigen Schlachtenführer Emrys verschworen. Eine Schlacht der beiden Stämme bahnte sich an. Verzweifelt versuchte Myrddin den Gwrgi für die britannischen Sache gegen die jütischen Invasoren zu bewegen, doch der starrköpfige Krieger lehnte ab und zog unbeirrt gegen Emrys in den Kampf, an dessen Seite auch Myrdinn kämpfte.

Der sinnlose Krieg seiner Landsleute gegeneinander - derweil die anglosächsische Gefahr drohte - trieb ihn zur totalen Verzweiflung und im Rausch kämpfte er wie ein Berserker und tötete eigenhändig mehrere hundert Krieger. Als er aus seinem Blutrausch erwachte und sah, was er getan hatte, verfluchte er sich selbst und verließ schreiend und weinend das Schlachtfeld. Einige sahen ihn in die Wälder rennen, wo er sich lange Zeit versteckt hielt.

Rydderch sandte seinen besten Barden aus um Myrddin zur Rückkehr zu bewegen, doch es war vergebliche Mühe. Also brachten sie ihn in Ketten zurück und redeten ihm zu, doch er zeigte zu keinem Moment Einkehr oder Friedenswillen. Seine Freunde gaben auf und überließen ihn der Pflege seiner Frau. Myrddin aber zog sich immer mehr in sich selbst zurück und zeigte erste Anzeichen von keimendem Wahnsinn.

Schließlich gab er seine Frau Gwendolyn frei und ging zurück in die Wälder. Zwei Jahre der totalen Isolation vergingen, als seine Milchschwester Gwendydd, nach dem Tod ihres Gatten Rydderch in einer sinnlosen Schlacht, verbittert zu ihrem Bruder in den Wald zog, fortan bei ihm blieb, ihn pflegte und über ihn wachte. In seinen lichten Momenten erzählte er ihr von den Geheimnissen der Welt, den heilenden Kräften der Pflanzen und der der Kraft der Bäume. Doch seine Kraft nahm kontinuierlich ab und er sank in eine totale Apatie.
Myrddin war in einem desolaten Zustand, als Taliesin von einer Reise nach Gallien zurück kehrte, um seinen Freund zu besuchen. Angesichts des Wracks dessen, was einst den berühmte Propheten und Zauberer ausgemacht hatte, versprach er Gwendydd sein Bestes zu geben und Mittel und Wege zu finden, seinen Freund wieder Kraft zu geben und ihn geistig zu befreien.

Monatelang durchstreifte er Britannien, Iwerddon, Gallien und Armorika, sprach mit Druiden und alten weisen Frauen, doch keiner konnte ihm Rat geben. Erschöpft schlief er eines Tages unter einem Kastanienbaum ein. Es war ein Schmetterling, der sich auf Taliesins Nasenspitze niedergelassen hatte, der ihn weckte. Vor dem Barden sprudelte wie durch ein Wunder eine glasklare Quelle und er verstand sofort. Er ergriff seine Harfe und begann seinen Gesang mit ihren melodiösen Klängen zu begleiten, derweil er losmarschierte. Die Quelle folgte ihm auf seinem langen Weg. Dreißig Tage und Nächte marschierte er pausenlos singend und spielend, bis er total erschöpft das Waldhaus Myrddins und dessen Schwester erreichte. Er fand den Freund dem Tode sehr nahe. Das Wasser der Quelle bewirkte Myrddins Heilung und Taliesins Gesang stärkte ihn. Kaum geheilt, zögerte Myrddin keinen Moment wieder in den Lauf der Dinge einzugreifen:
„Mein guter Freund Taliesin, ein König ist geboren, wie ihn Britannien noch nie vorher hatte. Er wird unsere ganze Kraft und unser ganzes Herz brauchen, um die ihm gestellte Aufgabe meistern zu können.„

Myrddin und Taliesin brachen noch am nächsten Tag auf. 

 

  


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