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Sjöwall und Wahlöö
Roman über ein Verbrechen
Kommissar Beck und sein Team, den meisten von der Fernsehserie her bekannt, wenngleich diese sich nur in Bezug auf die Protagonisten an der Buchreihe orientiert, arbeiten als Kriminalpolizisten im Stockholm der späten Sechziger bis Anfang der Siebziger. Kommissar Beck war für europäische Lesergewohnheiten ein sehr „menschlicher“ Polizist, durchaus kein Held der Haudraufsorte, sondern ein sehr introvertierter Mann, der zusätzlich zu seiner Arbeit auch noch ein Paket privater Sorgen und seine eigenen intrinsischen Probleme mit sich herumschleppte.
Maj Sjöwall und Per Wahlöö
Beck war als solcher lange Zeit der einzige Literatur-Kommissar mit einer eigenen Geschichte, einer Menge privater Problemen, die über seine Gedanken und manchmal neurotischen Verhaltensweisen in sein Berufsleben übergreifen. Auch seine Teamkollegen haben ein Eigenleben, eine private Seite, die in den Romanen subtil hier und dort und nicht immer zum Vorteil der Betroffenen dargestellt wird. Insgesamt gibt es kaum Haupt- oder Randfiguren, die dem Leser nicht auch als Mensch vorgestellt werden, so dass den Romanen von Sjöwall/Wahlöö zu Recht eine „literarische Note“ bescheinigt werden kann.
Das Umfeld oder der Wirkungskreis der Protagonisten ist im Prinzip Schweden und manchmal das Ausland, wenn Beck auf eine Dienstreise geschickt wird und Co-Autor Per Wahlöö die Schauplätze höchstwahrscheinlich aus eigenem Erleben und die Kulissen nach eigenen Eindrücken schildert.
Mittlerweile hat der Typus des unvollkommenen Polizisten, des Fahnders oder Detektivs mit Ecken und Kanten in zahlreichen Romanserien und Einzelwerken Einzug gehalten und die Kritiker und Leser der Beck-Romane von Sjöwall/Wahlöö sind sich einig, dass der Verdienst dieser Entmystifizierung und Vermenschlichung der Heldenfiguren in den Reihen der europäischen Kriminalromane und Genregeschichten unzweifelhaft auf das Vorbild der beiden schwedischen Autoren zurück zu führen ist. Doch damit nicht genug. Wenn Sjöwall/Wahlöö die Helden entzauberten, so darf der offensichtliche Hauptaspekt ihrer Romane nicht übersehen werden: die Sozialkritik, insbesondere die manchmal vehemente Anklagen an die Adresse des politischen Systems in Schweden, … aus der Sicht zweier Marxisten, die ihre Ideologie und ihre Weltsichten in ihre Romane mit einfließen ließen.
Das Team von Kommissar Beck (2 v.r.) der gleichnamigen Fernsehserie
Während die ersten Bände der insgesamt zehnbändigen Reihe noch eher dem reinen Kriminalroman zuzurechnen sind, so steigert sich das sozialkritische Element ab dem siebten Band und kulminiert in der letzten Geschichte, welche an sich die Kriminalstory nur noch als Transportmittel für die persönlichen Sichten der Autoren benutzt. Diese Taktik ist durchaus legitim und insbesondere der sozialkritische Aspekt war wohl auch wegweisend für zahlreiche Nachfolger und Nachahmer der Becktradition. Dem reinen Kriminalgeschichtenkonsument wird das sich steigernde sozialkritische Element vielleicht gestört haben, da er sich – wie wohl die meisten Leser – auf Kommissar Beck und sein Team eingeschossen hatte. Es wurde und wird jedoch in Kauf genommen, da es dem Verlauf der Reihe dienlich ist, die Charaktere und ihre Entwicklung illustriert und zugleich die Kulisse darstellt, vor der sich eine Handvoll Kriminalfahnder sehr persönlich profilieren und entwickeln. Die Kulisse ist Schweden, dessen damaliger „Zustand“ den Autoren zu einer aus ihrer Sicht notwendigen Systemkritik gereichte, ein Schweden, das sie, wenn auch mit nicht immer objektiven, so aber doch mit sehr besorgten kritischen Augen beobachteten und darstellten: „Trotz aller übrigen Unterschiede war dieses Land ebenso wie Schweden eine Scheindemokratie, beherrscht von einer kapitalistischen Wirtschaft und zynischen Berufspolitikern, die sehr darauf achteten, dass der Anschein einer Art von Sozialismus, der zwar nur ein Abglanz davon war, aufrechterhalten wurde“.(Maj Sjöwall)
Später relativierte die Co-Autorin diese Aussage und meinte, man habe wohl ein wenig übertrieben, bzw. die Themen ein wenig überspitzt dargestellt. In der Tat kommen die Vorgesetzten des Beckschen Teams und die Vertreter der Justiz und Gerichtsbarkeit selten mit nur einem blauen Auge davon, sondern werden in der Regel als unfähige und promiskuitive Trottel, wenn nicht sogar als schlichte Marionetten der Politik dargestellt. Die AutorenDer erste Band der Beck-Reihe erschien 1965, der Einstieg in das Gemeinschaftswerk der beiden Autoren, welches offenbar von vorneherein schon auf zehn Bände beschränkt, bzw. festgelegt und mit einem Werkstitel versehen worden war: Roman über ein Verbrechen. Was an sich mit „Verbrechen“ gemeint war, bleibt diskutabel, denn die offenen und zwischen den Zeilen eingebauten sozialkritischen Schilderungen, deuten in Anbetracht der politischen Einstellung der beiden Autoren darauf hin, dass nicht allein die kriminellen Vergehen der Romantäter, sondern insbesondere die Vergehen und das Verhalten der führenden Persönlichkeiten aus Politik und Administration die eigentlichen Verbrechen darstellten. Der Kriminalroman als Vehikel zum Vermitteln politischer Ansichten? Warum nicht?! Was den amerikanischen Hurrahpatrioten unter den Thrillerautoren zugestanden wird, darf den beiden Anti-Hurrah-Patrioten Sjöwall/Wahlöö nicht verboten werden. Auch wenn man die politischen Ansichten der beiden Autoren nicht teilt, so kommt man nicht umhin, ihnen ein gerüttelt Maß an Respekt für ihr schreiberisches Können und ihre Pionierleistung in Sachen Krimi zu zollen. Kommissar Beck ist menschlich und dadurch irgendwie auch „sympatisch“ und das rettet besonders in den letzten Bänden über die manchmal penetranten politischen Kommentare hinweg.
Cover der Buch-Reihe (anklicken)
Wie Maj Sjöwall (* 25.10.1935) spätere berichtete, schrieben sie jeweils ihre Eingebungen nieder und tauschten dann die Manuskripte aus. Nach eigenen Angaben verdienten sie mit den Romanen lange Zeit kein Geld. Das Schreiben erfolgte parallel zu ihren Brotjobs und der Erziehung der Kinder - meist im Urlaub. Eine erste Basis bildeten die Erfahrungen, die Per Wahlöö (* 5.9.1926 - + 23.6.1975) als Polizeireporter sammelte. Doch diese reichte nicht aus, so dass der intensiven Schreibezeit eine monatelange nicht minder intensive Recherche vorausgehen musste. Um ihren Plan, das Innenleben des Polizeiapparates „zu sezieren“, in die Tat umzusetzen, brauchten sie Insiderinformationen. Diese beschafften sie sich nicht selten auf illegale Weise: Sie gingen auf die Polizeistationen und stahlen die Betriebszeitungen und andere Papiere, die sie mit Informationen versorgen konnten, wenn die Polizisten im Kaffeeraum waren.
Per Wahlöö studierte an der Universität Lund Geschichte. Anschließend arbeitete er als Journalist – vornehmlich als Polizeireporter. In seinen früh veröffentlichten Texten wendete er sich sozialen Themen zu und wurde auch selbst aktiv. Wie seine spätere Ehefrau und Co-Autorin Maj Sjöwall war er bekennender Marxist. In den fünfziger Jahren ging er nach Spanien, wurde aber 1956 aufgrund seines politischen Engagements vom Franco-Regime ausgewiesen. Nach längeren Reisen um die Welt kehrte er nach Schweden zurück. Dort arbeitete er wieder als Journalist (Gerichtsreporter), als Schriftsteller und Übersetzer unter anderem für die Romane von Ed McBain.
Seit 1961 arbeitete er mit Maj Sjöwall zusammen. Sie heirateten 1962 und bekamen zwei Kinder. Die beiden engagierten Journalisten versuchten, ihre gemeinsamen politischen Ansichten über die schwedische Gesellschaft literarisch zu verarbeiten und so auch Bevölkerungskreisen näher zu bringen, die sich in der Regel selten an politischen Debatten beteiligten, bzw. am politischen Geschehen interessierten. Als Vorbild dienten ihnen die Polizeiromane des amerikanischen Schriftstellers Ed McBain, insbesondere dessen Reihe um das 87. Polizeirevier, die Per Wahlöö ins Schwedische übersetzt hatte.
Maj Sjöwall arbeitet heute als Übersetzerin für Kriminalliteratur. Per Wahlöö starb am 23. Juni 1975 in Lund.
Roman über ein Verbrechen - Einzeltitel beim Rowohlt Verlag (rororo)
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