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Illuminati ~ Dan Brown
von Hendrik Lang
Früh morgens wird Robert Langdon, Dozent für Kunstgeschichte an der Harvard University von einem Anruf von Maximilian Kohler, Direktor des Kernforschungszentrums CERN in Genf, geweckt. Einer seiner renommiertesten Wissenschaftler, Leonardo Vetra, ist in seinem Apartment innerhalb des Forschungszentrums getötet worden. Der Mörder hat ihm das Wort Illuminati in besonderer Weise auf die Brust gebrannt, nämlich in Form eines Ambigrammes, eines Schriftzuges, der so entworfen wurde, dass er um 180º gedreht gleich aussieht (siehe Abbildung) Kohler hat Langdon kontaktiert, weil diesenr ein Buch "The art of the Illuminati" geschrieben hat, und hofft, dass Langdon mit seinem Wissen über diese Gruppe bei der Aufklärung des Mordes an Leonardo Vetra helfen kann. Dazu lässt er Langdon von Boston nach Genf einfliegen. In CERN trifft Langdon auf Vittoria Vetra, die adoptierte Tochter des Ermordeten, eine sportliche, gutaussehende Wissenschaftlerin, welche ihm und Kohler erläutert, dass ihr Vater an der Erforschung der Umstände des Urknalles gearbeitet hat. Leonardo Vetra, der nicht nur Physiker, sondern auch katholischer Priester war, wollte beweisen, dass sich moderne Physik und Religion nicht ausschließen, dass man sogar Gottes Schöpfungsakt physikalisch beweisen könne. Er betrieb also Teilchenphysik aus einem religiösen Bedürfnis heraus. Bei seinen Forschungen ist es dem Ermordeten gelungen als Beiprodukt eine größere Menge Antimaterie (ein Viertel Gramm) zu erzeugen. Die Antimaterie, die im Kontakt mit normaler Materie vernichtet wird und dabei eine so große Energie freisetzt, dass sie einer Bombe von fünf Kilotonnen gleichte, wurde von Leonardo Vetras Mörder in einem Spezialbehälter mitgenommen, der sie für vierundzwanzig Stunden sicher hält.
Der Behälter, so stellt sich heraus, wurde von einem Mann, der als Hassassin bezeichnet wird und sein Erbe auf die Assassinen von Alamut zurückführt, an einem versteckten Ort innerhalb des Vatikans in Rom platziert. Eine ferngesteuerte Kamera zeigt auf den Bildschirmen der Schweizer Garde, wie die Uhr an dem Behälter abläuft, gibt aber keinen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort. Langdon und Vittoria Vetra werden nach Rom geflogen, um dort bei der Suche nach dem Behälter zu helfen.
Im Vatikan findet zu diesem Augenblick die Konklave zur Wahl eines neuen Papstes statt. Bis dahin hat der Camerlegno, der Kammerherr des Vatikans die Geschäfte des päpstlichen Sitzes übernommen. Als die Konklave beginnen soll stellt sich heraus, dass jene vier Kardinäle, die als die wahrscheinlichsten Anwärter auf den Heiligen Stuhl gehandelt werden, verschwunden sind. Geführt von einem alten Manuskript Galileo Galileis, das sie zu für die Illuminaten wichtigen Schauplätzen Roms führt, versuchen Langdon und Vetra diese vier Kardinäle zu finden und zu befreien. Einer nach dem anderen tötet der Hassassin die Kardinäle und brandmarkt einen jeden von ihnen mit einem weiteren Ambigramm, das jeweils eines der vier Elemente (Erde, Luft, Feuer, Wasser) nennt, wobei Vetra und Langdon ihn immer knapper an seinen Taten hindern können.
Schließlich gelingt es dem Hassassin Vittoria Vetra in das seit Jahrhunderten geheim gehaltene Versteck der Illuminaten zu entführen. Langdon kann ihn dort lokalisieren und Vetra befreien.
In den Vatikan zurückgekehrt werden sie gerade Zeuge, wie Maximilian Kohler, aus Genf nachgereist, eine Audienz beim Camerlegno hinter verschlossenen Türen hat. Als man draußen von innen Schreie hört und die Tür aufbricht eröffnet sich eine Szene, in der Kohler offenbar den Camerlegno angegriffen hat und ihm ein weiteres Ambigramm, das alle vier Elemente zeigt, brandmarken wollte. Kohler, von dem angenommen wird, er sei der geheime Führer der Illuminaten, wird von den hereinstürmenden Schweizer Garden erschossen, gibt vorher aber Langdon noch eine kleine Videokamera. Der Camerlegno, trotz der Brandwunde noch am Leben, bekommt scheinbar eine religiöse Eingebung und kann im letzten Moment den Behälter mit der Antimaterie in einem Hubschrauber in sichere Höhe bringen, bevor sie explodiert. Wie ein Wunder überlebt er sowohl Explosion als auch Sturz und lässt sich zum neuen Papst ernennen.
Das Videoband Kohlers allerdings zeigt, dass der Camerlegno selbst sich das Ambigramm auf die Brust gebrannt hat. Es stellt sich heraus, dass er den gesamten Vorfall geplant hatte, um mit scheinbarer göttlicher Intervention zum Papst gewählt zu werden. Mit diesem vermeintlichen Wunder wollte er neuen Glauben in den Menschen entfachen und ihnen Zweifel an der Allmacht der Naturwissenschaft geben, durch deren Schöpfung beinahe der Vatikan zerstört worden war. Mit der Wahrheit konfrontiert begeht der Camerlegno Selbstmord.
Browns Roman steht Thrillern wie beispielsweise denen von Michael Crichton (Jurassic Park) oder Robert Ludlum (The Bourne Identity) sehr nahe. Er ist in vieler Hinsicht sorgfältig recherchiert, wie die detaillierten Beschreibungen des Vatikans deutlich machen. Im Gegensatz zu der Trilogie von Shea und Wilson ist er sehr geradlinig und eingängig geschrieben und kommt auch nicht ohne Klischees wie die gutaussehende, intelligente Partnerin an Langdons Seite aus, zu welcher der Protagonist im Verlauf der Handlung eine immer engere Beziehung bildet.
Brown hat sich allerdings in mancher Beziehung viele Freiheiten herausgenommen. Seine Beschreibungen Roms und insbesondere der Vatikanstadt sind zwar offenbar sehr naturgetreu, genauso wie einige der Fakten über die Teilchenphysik, die historischen Belange hat er dagegen sehr frei verändert. Obwohl seine Internetseite einen kurzen Essay über die bayrischen Illuminaten beinhaltet, findet Adam Weishaupt keinerlei Erwähnung in seinem Roman. Er führt die Illuminaten vielmehr auf eine Gruppe Wissenschaftler aus dem 16. Jahrhundert zurück (Brown 2001: 31f.).
Menschenbild und Ziele der Illuminaten nach Brown
Browns Illuminaten begründeten sich in Rom im 16. Jahrhundert. Sie hatten ihr Leben der wissenschaftlichen Aufklärung (enlightenment = illumination) gewidmet, wovon sie ihren Namen ableiteten. Zu ihren Reihen zählten insbesondere Kopernikus und Galilei. Von der katholischen Kirche, die ihre radikale Aufklärung als Angriff auf ihr Monopol auf Wahrheit ansah, verfolgt, agierten und trafen sich die Illuminaten im Geheimen. Eine besondere Stellung wird Galilei zugeschrieben, der
ebenso wie Leonardo Vetra Wissenschaft als Bestätigung von Gottes Schöpferkraft ansah anstatt in beiden Lehren einen Widerspruch zu sehen (Brown 2001: 31ff.). Diese Meinung erinnert wiederum an den pansophischen Gedanken der Rosenkreuzer und des Comenius (siehe Abschnitt 3.1.2). Galilei war es, so erzählt Langdon im Roman, der die gewaltlose Linie des Ordens bestimmt hat.
Die Illuminaten trafen sich in Rom an einem geheimen Ort zu dem ein kompliziertes Rätsel führte, das in einer verloren geglaubten Schrift Galileis zu finden war. Dieses Rätsel, wiederum von Milton geschrieben, führte den Suchenden zur ersten Etappe auf dem path of light, an dessen Ende das Versteck der Illuminaten lag. So wurde man nacheinander an vier verschiedene Orte geführt, die den vier Elementen entsprachen. Am letzten fand sich ein Hinweis darauf, wo sich die Church of Illumination fände. Dieses Rätsel sollte dafür sorgen, dass von den Interessierten nur die Intelligentesten das Versteck finden konnten (Brown 2001: 178).
Ein wichtiger Moment in der Geschichte der Illuminaten war ein als La purga bezeichnetes Ereignis: Vier hochrangige Illuminaten, die der Vatikan hat gefangen nehmen können, wurden 1668 mit dem Kreuz gebrandmarkt, getötet und an öffentlichen Plätzen in Rom zur Schau gestellt, um die Öffentlichkeit davor zu warnen sich den Illuminaten anzuschließen (Brown 2001: 155f.). Die Ermordung der vier Kardinäle sollte als Rache für diesen Vorfall inszeniert werden.Nach La purga flohen die Illuminaten aus Rom. Im Exil fanden sie sich als Verfolgte der katholischen Kirche in guter Gesellschaft verschiedener anderer Gruppen, mit denen sie sich zu vermischen begannen: Mystiker, Okkultisten, extremistische Moslems wie auch Juden. Mit der Aufnahme neuer Mitglieder aus diesen Reihen veränderte sich der pansophische, aufklärerische Orden zu einer Geheimgesellschaft, die vor allem gegen die katholische Kirche ausgerichtet war und insgeheim ihren Untergang plante. Während der Orden durch die neuen Mitglieder im Exil erstarkte wurde er vom Vatikan als „satanistisch“ bezeichnet (Brown 2001: 32). Viele der Illuminaten wurden von Freimaurern in Bayern aufgenommen. Von hier aus begannen sie die Freimaurer als Versteck für ihre wiedererstarkende Bruderschaft zu benutzen. Indem sie die Illuminaten als eine „secret society within a secret society“ (Brown 2001: 38) führten, konnten sie die Verbindungen und das bestehende Netzwerk der Freimaurer benutzen, um ihre Macht auszubauen. Ihr Ziel dabei war es nicht nur den Einfluss der katholischen Kirche zu begrenzen bis auszulöschen, sondern auch die Einflüsse anderer Religionen zu beschneiden. Dies sollte Religionskriege als Hauptgrund für kriegerische Auseinandersetzungen unmöglich machen. Damit erst wäre das Endziel ihrer Bestrebungen, eine einheitliche Weltrepublik zu begründen, die auf der Basis der Ideale von wissenschaftlicher Aufklärung begründet werden sollte, realisierbar (ebd.: 39). Dieses Ziel soll auch mit der unter Präsident Roosevelt auf dem Eindollarschein aufgenommenen Inschrift über dem Großen Siegel der Vereinigten Staaten (auch hier ein Illuminatensymbol) „Novo Ordo Seclorum“ (Neue Weltordnung oder Neue Weltliche [sprich: nicht kirchliche] Ordnung) gemeint sein (ebd.: 112).
Seit einem halben Jahrhundert, so führt Langdon in dem Roman weiter aus, hat es keine Anzeichen von Aktivitäten irgendeiner Weise auf Seiten der Illuminaten gegeben. Aus diesem Grund geht er davon aus, dass der Bund nicht mehr existiert. In der von Brown beschriebenen Realität entspricht dies auch offenbar den Tatsachen, schließlich ist das erneute Auftauchen der Bruderschaft vielmehr ein kirchlich inspiriertes Komplott eben den Idealen, welche die Bruderschaft hatte, entgegenzuwirken.
Browns Illuminaten muten wie eine Fusion aus frühem Rosenkreuzertum und bayrischen Illuminaten an. Auf der einen Seite steht ihre Ursprungsgeschichte, insbesondere der pansophische Gedanke Religion und Naturwissenschaft nicht als Widerspruch zu sehen. Späterhin steht der Plan einer rationalen Weltrepublik, wie sie Weishaupt forderte. Auch die historischen Illuminaten Bayerns unterwanderten die Freimaurer. Auch die Illuminaten von Shea und Wilson scheinen ein wenig durch Browns Darstellung hindurch. So nannten die Illuminaten Browns den Plan zur Verwirklichung der neuen Weltordnung Luciferian Doctrine. Dabei betrachteten sie die Figur Luzifers als Lichtbringer und machten ihn, beinahe um die kirchlichen Anschuldigungen des Satanismus zu bestätigen, zu einer Symbolfigur für die Aufklärung. Eine ähnliche Rolle spielte Luzifer bei den A A . Die Darstellung der Illuminaten bei Brown entsteht insbesondere aufgrund literarischer Freiheit und nicht, wie ein längerer Abschnitt auf Browns eigener Internetseite demonstriert, durch Unwissenheit. Dies mag zweierlei Ursachen haben. Zum einen scheint die Verbindung von Wissenschaft und Religion ein zentraler Gedanke, der nicht nur von den Illuminaten um Galilei verfolgt wurde, sondern auch von Vittoria Vetras Vater mit Hilfe neuer Erkenntnisse aus der Teilchenphysik bewiesen werden sollte. Außerdem könnte der Selbstdarstellung Browns zufolge dieser Konflikt zwischen den beiden Polen in seiner eigenen Biographie eine Rolle spielen (siehe Abschnitt 4.3.1). Demnach mag dieser pansophische Gedanke über den Roman hinaus in Browns persönlichem Interesse liegen. Er benutzt also auf der einen Seite den Namen der Illuminaten, der sich in zahllosen Verschwörungstheorien findet, und gibt ihnen eben jenen pansophischen Anstrich, der ihm persönlich am Herzen liegt. Zum anderen ist Browns Roman als ein klassischer Thriller im Stile beispielsweise Ludlums angelegt. Es ist in den bisherigen Ausführungen deutlich geworden, dass die einzelnen Geheimgesellschaften durchaus ineinander greifen und sich gegenseitig beeinflussen. Während Shea und Wilson die Gefahr für sich ausnutzen sich in den zahlreichen Gruppen und ihren Querverbindungen zu verlieren, könnte Brown versucht haben dies zu vermeiden. Die Referenz zu den allgegenwärtigen Freimauren war zwar nicht zu vermeiden, dafür aber wurden weitere Verbindungen und Gesellschaften ignoriert und vielleicht mit den Illuminaten fusioniert.
Die Illuminaten bei Brown haben doppelten fiktionalen Charakter. Nicht nur stimmen sie nicht mit den historischen Illuminaten Weishaupts überein, sie sind auch in der Handlung des Romans als Bedrohung nicht real. Es lässt sich dennoch das Ziel beschreiben, welches die früheren Illuminaten bei Brown anstrebten: Die Verbindung von Religion und Naturwissenschaft. Die Handlung in Browns Roman ist von deutlich fiktionalem Charakter, während sich Shea und Wilson bei einer Vielzahl von historischen Tatsachen bedienen, dass zumindest Teile ihres Romans als Realität angesehen werden könnten.
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