Märchen und Fabeln

erzählt von: elaOlyn

 

 

 

Die Macht der Veranlagung

 

  

Es war vor langer Zeit, als es in Persien auf den Basaren noch Geschichtenerzähler gab, da herrschte ein Schah mit einem weisen Wesir, der aus einem reichen Schatz an Lebenserfahrung schöpfte. Der Schah tat klug daran, sich an seine Vorschläge zu halten und der Rat des Wesirs führte ihn zum Erfolg. 
Es kam der Tag, an dem der Schah spürte, dass seine Stunde gekommen war und er starb. Sein Sohn, der den Thron bestieg, war von sich selbst sehr überzeugt, unbelehrbar und davon überzeugt, auf Ratschläge, von wo auch immer sie kommen mochten, verzichten zu können. Den klugen Wesir bestätigte er nicht in seinem Amt und seine Meinung schlug er in den Wind. Überhaupt war es ihm gleichgültig, was andere dachten und sagten. Da blieb es nicht aus, dass ihm der Vorwurf gemacht wurde, sein Vater habe keine Angelegenheit ohne vorherige Beratung mit seinen Wesir entschieden hätte.
Um sich zu behaupten und zu zeigen, dass er schlußendlich doch recht hatte, sagte er zu seinen nutzlosen Ratgebern: „Mein Vater hat den Wesir falsch eingeschätzt. Ich werde ihn nun selbst auf die Probe stellen.“
Er sandte einen Boten zu dem Wesir und ließ ihn durch diesen fragen: „ Was ist stärker im Manne, Erziehung oder Veranlagung?“
Der Wesir begab sich in den Thronsaal des Schahs, verbeugte sich und sprach: "Die Veranlagung ist stärker, denn sie ist in uns verwurzelt, die Erziehung hingegen ist ein äußeres Anhängsel. Es gibt kein äußeres Anhängsel, dass nicht die Wurzeln wieder durchbrechen ließe.“
Daraufhin ließ der Schah seine Tafel decken. Nachdem alles in Prunk und Schönheit gerichtet war, erschienen Katzen, die in ihren Pfoten Kerzen trugen, Sie stellten sich damit rund um die Tafel auf. Da sprach der Schah zum Wesir: „Jetzt kannst du über deinen Irrtum und deinen falschen Standpunkt nachdenken! Denn wann ist etwa der Vater dieser Katzen ein Kerzenträger gewesen?“
Der Wesir vermochte dem nichts entgegenzusetzen und bat deshalb: „Lasst mir für die Antwort Zeit bis zur nächsten Nacht.“
Der Schah meinte: „Das soll dir gewährt werden.“
Zu Hause angekommen rief der Wesir einen seiner Hausangestellten herbei und trug ihm folgendes auf: „Besorge mir einige Mäuse, binde sie mit einem Faden fest und bringe sie her.“
Als der Wesir wie gewünscht seine Mäuse erhalten hatte, wickelte er sie in ein Tuch und steckte sie in seinen Ärmel. Am Abend ging er zum Schah. Als die Tafel wieder hergerichtet wurde, kamen wieder die Katzen und umsäumten die Tafel.
Jetzt löste der Wesir die Mäuse aus seinem Tuch und warf sie den Katzen zu. Diese warfen die Kerzen fort und sprangen um die Wette auf die Mäuse los Die achtlos weggeworfenen Kerzen hätten um ein Haar fast das ganze Schloss in Brand gesteckt.
Da fragte der Wesir: „Wollt ihr immer noch bestreiten, dass die Veranlagung stärker als die Erziehung ist und dass ein äußeres Anhängsel die innere Veranlagung wieder durchbrechen lässt?“
„Du hast recht“, antwortete der Schah und behandelte den Wesir fortan, wie es schon sein Vater getan hatte.


Alles was lebt und existiert kreist nämlich einzig und allein um den Kern seines tiefsten Wesens und unnatürlicher Zwang ist in jedem Fall tadelnswert. Allah der Gesegnete und Erhabene hat zu seinem Propheten gesagt (Koran 38,36) „Sprich Muhammad: „Und ich gehöre nicht zu denen, die sich Zwang antun.“ Man hat auch gesagt: „Wenn einer sich ein falsches Wesen zulegt, dann zerrt die Gewohnheit solange an ihm, bis es ihr gelingt, ihn zu seinem wahren Wesen zurückzubringen, gleich wie das Wasser, wenn du es erhitzt und dann eine Weile lässt, seine natürliche Kälte wieder erlangt und selbst wenn du einen bitteren Baum mit Honig bestreichen würdest, brächte er doch nur bittere Früchte.“


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