Kurzgeschichte

von  Frank Novak

 

 Keine Zeugen

 

 

 Der Bus holperte über eine erst vor kurzem zugeschüttete, aber kaum eingeebnete Baustelle und schlingerte heftig. Der einzige Fahrgast wurde kräftig durchgerüttelt und hin und her geworfen. Mit einem unwilligen Grunzen setzte er sich wieder gerade und sah auf den breiten Rücken des Fahrers. Sein Entschluß stand fest. Er würde ihn töten müssen. Es gab keine Alternative..

Draußen nieselte es ganz fein. Es war schwülwarm und durch die Wolkendecke  leuchtete schwach die Augustsonne. Gutes irisches Wetter. Vor Stunden hatten sie Wexford verlassen und näherten sich jetzt Tipperary. Die wenigen Fahrgäste, die mit ihm in Wexford eingestiegen waren, hatten den Bus schon wieder verlassen. Der Fahrgast nickte unmerklich. Das war gut so.

Der Fahrer summte leise vor sich hin und legte einen Zahn zu. Der Fahrgast hinter ihm irritierte ihn ein wenig. Ein Fremder. Er zuckte leicht mit seinen breiten Schultern. Noch vier Haltestellen bis Tipperary, dann hatte er Pause. Bei Calhoun wartete wie immer ein lauwarmes Ale auf ihn.

Hundert Yards vor Megs Cottage ging er vom Gas, lenkte dem Bus an den Straßenrand und rief über die Schulter:

"Sie sind da, Mister. Meg Reillys Cottage."

Um sich zu vergewissern, ob seine Meldung auch gehört worden war, drehte er den Kopf leicht nach hinten und schaute geradewegs in das enge Loch eines klobigen Schalldämpfers.

Er vernahm noch einen trockenen, sengend heißen "Plopp", dann flog sein Kopf nach hinten und sein Stammhirn spritze über das Türfenster. Der Einschlag hatte ihn vom Fahrersitz gefegt und zwischen Tür und Sitz geworfen. Sein linker Hemdsärmel hatte sich im Schalthebel verfangen. Es sah aus, als würde er vom Boden aus einen Gang einlegen wollen.

Der Fremde ging um den Fahrersitz herum und kurbelte das Fenster an der Fahrerseite ganz herunter. Von draußen würde es nun aussehen, als wäre der Fahrer kurz ausgestiegen, vielleicht um bei Meg zu baggern oder einen Tee zu trinken. Es war, wie schon bemerkt, schwülwarm und im Bus begann es nach Kupfer zu riechen.

Der Mann schloss sorgfältig die Ausstiegstür und ging auf Megs Hof zu. Der Schalldämpfer drückte warm gegen seine Hüfte. Es nieselte noch immer und das Atmen fiel schwer. Seine Schritte schmatzten in dem nassen Boden, als er das Grundstück betrat. In dem Moment, als er an die Tür klopfen wollte, wurde geöffnet. Der Mann stand wie angewurzelt mit noch erhobener Hand und eingeknicktem Zeigefinger. Erstaunt blickte er in ein ebenmäßig geschnittenes Frauengesicht voller kleiner Sommersprossen, mit zwei vollen Lippen, einer geraden Nase und zwei giftgrünen Augen. Das schulterlange Haar war natürlich rot und wallte kurz, als die Frau den Kopf hob um ihm ein wenig irritiert fragend in die Augen zu schauen:

" Ja bitte ?"

Er war für einen Moment gehemmt, fast sprachlos und senkte endlich seinen Arm. Sein Blick wanderte von ihrem Gesicht nach unten zur Brust. In dem fest am Körper anliegenden Rock, der bis knapp unter den sehr üppigen Brüsten zugeknöpft war, sah sie verdammt gut aus. Als sie wieder zu sprechen ansetzte, hoben sich ihre Brüste ein wenig und der Mann schauderte innerlich. Er riss sich energisch von dem Anblick los und fiel ihr ins Wort::

"Megan Reilly, Ma'm ?"

Über ihrer Nase bildete sich eine leichte Unmutsfalte und die grünen Augen sahen ihn neugierig an.

"Wer will das wissen?" Dabei stemmte sie die rechte Hand in die Seite und in ihren Mundwinkeln bildete sich ein leicht spöttisches Lächeln.

"Sam Clearwater, Ma'm. Sie sind Megan Reilly?"

"Ja, das bin ich", stieß sie lachend hervor und Ihr Busen hüpfte. Der Mann namens Sam griff unter die linke Seite seiner Weste und setzte ihr den Schalldämpfer an die Stirn. Sein Gesicht war leidensvoll und sehr traurig verzerrt, als er abdrückte. Die Automatic  hatte so gut wie keinen Rückschlag, aber Meg Reilly wurde, wie von einer Demolierkugel getroffen, nach hinten geworfen und krachte mit dem Rücken gegen einen Türrahmen. Der Rest ihres Kopfes zerplatzte beim Aufschlag. Dann sank sie langsam an der Zarge hinunter zu Boden und hinterließ eine breite Blutspur.

Der leidensvolle Ausdruck schien im Gesicht des Mannes Sam eingefroren, als er noch einem kurzen Blick auf die Frau warf.

"Was für eine Verschwendung". Mit einem traurigen Kopfschütteln schloss er die Haustür und marschierte mit ausgreifenden Schritten den Hügel neben dem Haus hinan. Es nieselte noch immer und an seiner Hüfte spürte er bei jedem Schritt die Hitze des Schalldämpfers.

Er griff in seine Westentasche, entnahm ihr ein Handy und wählte eine Nummer.

Die Verbindung war ziemlich schlecht.

"Ja ?" Die Stimme klang, als käme sie aus einem leeren Blecheimer und als der Mann Sam antwortete, hörte er sein Echo im Ohr.

"Die Dame ist still".

"Sehr gut", erklang die blecherne Stimme, "und der Busfahrer?"

Der Mann Sam war nur einen kurzen Moment verdutzt, dann verstand er.

"Um den ging es also".

"Um beide. Wir kennen ihren Stil, Clearwater: Keine Zeugen".

Der Mann Sam nickte.

"Der Wagen wartet hinter dem Hügel", fuhr die blecherne Stimme fort. "Gute Arbeit".

Der Mann Sam klappte das Handy zu und marschierte weiter. Hinter dem Hügel stand ein unauffälliger Ford Mondeo älteren Baujahres.

Er hatte sich anfangs ein wenig gewundert, warum er mit dem Bus zu seinem Auftrag fahren sollte. Er nickte erneut.

 

Es hatte aufgehört zu nieseln und die Sonne stahl sich für einen kleinen Moment hinter der Wolkendecke hervor. Der Mondeo war voll getankt und rollte Richtung Limerick. Der Mann Sam gab sich Mühe, sich den irischen Verkehrsregeln anzupassen. Er wollte nicht noch weiter auffallen, als er es durch seine schwarze Hautfarbe ohnehin schon tat. Ein Schwarzer in Irland; wie hatte er diesen Auftrag bloß annehmen können.

 


 

 

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