Kurzgeschichtevon Frank Novak
Erlösung
Etwas in ihm regte sich unmerklich und er vermutete, ohne ersichtlichen Anlass, ganz vage und wie nebenbei, dass es später Nachmittag sein könnte. Sicher war er sich nicht und er hätte sich auch nicht festlegen wollen, denn sein Zeitgefühl hatte sich in den letzten Monaten nur noch sporadisch gemeldet und war ihm dann ganz abhanden gekommen. Außerdem; was sollte er damit? Zum Essen benötigte er keines, denn er aß kaum noch und Durst hatte er immer. Zum Klogang brauchte er auch kein Zeitgefühl, denn das Bedürfnis zur Notdurft wurde ihm von seiner Blase oder seinem Darmschließmuskel vermittelt, wenn auch in letzter Zeit immer häufiger zu spät. Mitunter war es sein Geruchssinn, der ihn daran zu erinnern pflegte, im Nachhinein sozusagen und der Geruchssinn konnte ihn auch nur dann überzeugen, wenn er seine Nase am selben Tag schon einmal, meist in seinen Hemdzipfel, geschnäuzt hatte. In der Regel atmete er durch den Mund und wischte den Sabber mit dem Hemdärmel ab. Wenn der Geruch also nichts andeutete, blieb noch der Temperaturwechsel in seiner Unterhose, der in darauf aufmerksam machte, dass da etwas Warmes war, was nicht unbedingt dahin gehörte.
Ob es denn nun wirklich Nachmittag, Tag oder Nacht war, betraf ihn eigentlich nicht mehr, es war ihm gleich und hätte er es trotzdem, aus welchem für ihn unersichtlichen Grund auch immer, wissen wollen, hätte ein Blick durchs Zimmerfenster eigentlich genügen müssen. Da er die Scheibe freilich, seit er in dieses Dachzimmer eingezogen war, noch kein einziges Mal gesäubert hatte, versagte sie ihm den Blick nach draußen. Außerdem rauschte schon den ganzen Tag, oder waren schon mehrere, waren es vielleicht nur Stunden, ein dichter und heftiger Dauerregen vom dunkel bewölkten Himmel herunter und prasselte gegen die blinde Scheibe.
Er setzte sich auf und wühlte ausgiebig mit dem Zeigefinger im Mund herum, zog mit dem Fingernagel einen alten Essensrest zwischen den Zähnen hervor und wischte ihn am Bettlaken ab, wälzte sich von der Matratze herunter auf die Knie und stand, mit vom Körper weg gestreckten Händen das Gleichgewicht haltend, unsicher schwankend auf. Die zwei Meter bis zum Tisch schaffte er mit ausgestreckten Armen in ein paar Schritten, rammte gegen den Tisch, stütze sich am Rand ab und beugte sich über den Hals der Schnapsflasche. Als er ihn in den Mund nehmen wollte, stieß er mit den Vorderzähnen derart hart an, dass es laut klickte. Er schien es nicht wahrzunehmen oder spürte keinen Schmerz. Mit beiden Händen klammerte er sich an die Buddel und sein Mund schloss sich gierig und ungestüm um den Hals wie um eine Brustwarze oder einen Schnuller. Mit einem Ruck hob er die Flasche hoch und der Fusel klatschte ihm in die Kehle. Er nahm gurgelnd ein paar Schluck, setzte die Flasche wieder tastend auf den Tisch zurück und wischte sich den nassen Mund mit dem Hemdärmel ab. Schwer atmend stütze er sich mit beiden Händen auf den Tisch. Seine Augen waren halb geschlossen und er atmete heftig durch den Mund. Suchend blickte er umher, dann heftete sich sein stierer Blick auf den einzigen Stuhl im Zimmer.
Eine Hausspinne zog sich gewandt an ihrem Faden zur Decke hoch ins fein gesponnene Netz und werkelte an ihren Cocons, die wie kleine Tabakbeutel in der Zimmerecke an der Wand klebten. In dieser Wohnung würde es ihr an Nahrung nicht mangeln, denn die angeschimmelten Essensreste und das vertrocknete Erbrochene auf dem Tisch und am Boden zogen die Mücken an, insofern die behäbig umher krabbelnden Kakerlaken sie nicht abschreckten. Mücken, Asseln und allerhand anderes Krabbelgetier gab es in der Wohnung zuhauf. Sie überlebten hier sogar den Winter und konnten ihre Eier ungestört überall dort ablegen, wo es ihnen gerade in den Sinn kam. Die stickige Hitze und der undefinierbare Gestank, der sich wie eine dichte Dunstwolke im Zimmer ausgebreitet hatte, störten sie nicht. Das Ventil am Heizkörper stand auf Maximum. Ihm war immer kalt, weil er die dringend notwendigen Kohlehydrate durch Dosenbier und billigen Fusel ersetzte. Wie viel Spinnen und andere umherwuselnden Insekte er schon im Schlaf, wenn er auf dem Rücken liegend mit offenem Mund röchelnd schnarchte, hinuntergeschluckt hatte, konnte er nicht wissen, denn er nahm seine Umwelt kaum noch wahr. . Er saß in Unterhose und Hemd, barfuss und mit hängenden Schultern, den Kopf nach vorne gehoben am Tisch und stierte mit wässrigen, blutunterlaufenen Augen auf den stark verschmuddelten Fernseher in der Ecke neben dem Fenster. Die Zigarettenasche tippte er geistesabwesend in einen der vielen, mit Krümeln und Resten übersäten Pizzakartons oder in eine der leeren Bierdosen, kratze sich ausgiebig im Schritt und brabbelte unverständliche Laute vor sich hin.
Er war noch nicht sehr alt, aber, unrasiert, blass und mager wie er war, auch schwer zu schätzen. Er stank so wie der Raum; stickig, wie abgestandene Kohlsuppe mit einem zusätzlichen Hauch von angefaulten Bananenschalen. Die Haare klebten strähnig und fest am Kopf, gehalten von Monate altem Schweiß und Fett. Mit stoischem Gleichmut und einer müden Geste schob er eine Haarsträhne, die vom Gewicht des Fetts immer wieder herunter sank, aus der Stirn. Der Schuppenteppich in seinem Haar und auf seinen mageren Schultern reflektierte die Farbtönungen des Fernsehbildes und wechselte gespenstisch flackernd von Grünblau über Pink und Rot nach fadem Graubraun. Seine Nase trennte die scheinbar aus den Höhlen tretenden, gelb schimmernden Augäpfel. Die Mundwinkel hingen wie abgenutzte Schnürsenkel herunter und hatten mit der Zeit tiefe Frustfurchen gegraben. Sein Mund war leicht geöffnet. Ein Speichelfaden rann aus dem Mundwinkel und folgte der Furche, um am Kinn nach innen den Hals hinunter zu rinnen. Sein Atem ging rasselnd und pfeifend, als müsste er sich mit aller Macht durch den blasigen Schleim in der Kehle hindurchzwängen. Die Nasenwurzel und die wie eine violette Kartoffel aufgequollene Nasenspitze, die eingefallenen Schläfen und die fast durchsichtige Haut über den Wangenknochen waren von unzähligen Mitessern gesprenkelt. Das aufgedunsene Gesicht ging unter dem sackähnlichen Doppelkinn in einen faltigen Hals über, in dessen Mitte in Abständen der Kehlkopf wie ein dickes, unter der Haut lebendes Insekt sich auf und nieder bewegte. Sein Hemd war am Kragen angefranst und tiefbraun gesäumt. Unter den Achseln bildeten die Schweißränder auf dem Hemd Strukturen wie auf einer Baumscheibe. Der ätzend säuerliche Geruch vermischte sich mit der atemberaubenden Atmosphäre im Raum.
Er bewegte sich nur selten, meist nur dann, wenn die Schnapsflasche ansetzte, oder wenn die Bierdose leer war. Ächzend, die stark zitternde Hand auf den Stuhlrücken gestützt, stemmte er sich dann hoch und schlurfte mühsam zur Zimmertür, neben der am Boden seine Reserve an angebrochenen Sechserpacks stand. Dabei rutschte sein Slip beim Gehen jeweils ein Stück über sein plattes Gesäß hinunter und hing dann wie ein formloser Beutel zwischen seinen Oberschenkeln. Gewohnheitsmäßig zog er die Unterhose am Bund wieder hoch, mit dem Erfolg, dass sie wieder rutschte. Der Schritt war gelbbraun eingefärbt und roch nach altem Hering. Irgendwann, so schwebte es, wie jedes Mal wenn er zur Tür ging, verwischt durch seinen gebeugten Kopf, würde er wohl das Gummiband ersetzen müssen, oder einfach eine andere Unterhose anziehen. Seine mageren, stark behaarten und bleichen Beine stakten wie mechanische Strickeisen, als er sich hin zur Tür und wieder zum Tisch zurück bewegte, seine gewohnte in sich zusammengesackte Haltung auf dem alten Stuhl einnahm und apathisch auf die Glotze stierte. Beim dritten Versuch die Dose zu öffnen, sprang die Lasche mit einem scharfen Geräusch auf und aus der Öffnung ergoss sich lautlos der Schaum über seine Hand. Mit beiden Händen führte er die Dose zitternd an den Mund und trank schmatzend und glucksend. Aus den Mundwinkeln rannen kleine Bäche das Kinn hinunter auf das ohnehin schon fleckige Hemd.
Er verließ das Zimmer überhaupt nicht mehr. Vor zwei Monaten, als er das Haus verlassen wollte, nachdem das Anziehen ihn seine letzten Kraftreserven gekostet hatte und seine dünnen Arme und knochigen Hände zu kraftlos geworden waren, um Halt am Treppengeländer zu finden, war er die Stufen kopfüber hinunter gestürzt und auf dem Treppenabsatz gegen die Wand geprallt. Er hauste allein unter dem Dach und man hatte ihn erst gefunden, als der Mieter ein Stockwerk tiefer seinen Hund ausführen wollte und dieser keine Ruhe gab, bis sein Herrchen ihm die Treppe hinan folgte und dort den bewusstlosen Mann fand. Außer ein paar Abschürfungen und blauen Flecken war er heil geblieben. Der junge Mann, der unter ihm wohnte, hatte ihn widerwillig und angeekelt die Treppe hinauf gestützt und an der Zimmertür abgeliefert. Danach hatte er ein dringendes und starkes Bedürfnis nach einer ausgiebigen Dusche gehabt.
Seit diesem Unfall bestellte der Mann aus der Dachwohnung die Pizzas und dergleichen Essbares, das Bier und die Zigaretten am Telefon, das neben der Zimmertür an der Wand hing. Mit der Zeit hatten seine Lieferanten, ein Pizzadienst und der Gemischtwarenladen ein paar Häuser weiter, gelernt, am Telefon aus seinem sabbernden Lallen das Notwendigste entschlüsseln zu können und waren in der Rechnungsausstellung nicht kleinlich. Sein mageres Einkommen wurde von der Fürsorge gewährleistet und mehr oder weniger pünktlich vom Postbeamten an der Tür ausbezahlt. Dieser Service galt auch nur deswegen, weil der Geldbote ihm unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er ohne angemessenes Trinkgeld das Treppensteigen ins fünfte Stockwerk nicht mehr auf sich nehmen und er einen Abholschein im Briefkasten hinterlassen würde. Denselben Briefkasten hatte der Mann schon monatelang nicht mehr geleert, weil der Weg nach unten zu beschwerlich war und weil er den Schlüssel verloren hatte. Er fügte sich den Bedingungen ohne Kommentar. Ärgern tat er sich schon lange nicht mehr, einerseits weil er nicht mehr die Kraft dazu hatte und andrerseits, weil Fatum sein Leben bestimmte.
Draußen regnete es noch immer in Strömen und drinnen tropfte der Wasserhahn in monotonem Gleichklang auf die bekleckerten Teller, Tassen und Bestecke, die in chaotischem Durcheinander in der Spüle lagen. Am Boden nagte eine zierliche Maus offenbar genüsslich an einer vertrockneten Stulle. Die nackte Glühbirne an der Decke schwankte leicht und spendete gesprenkeltes Licht, das nur noch mühsam den an der Glühbirne klebenden Mückenkot zu durchdringen vermochte.
Der Mann begann unruhig auf den Stuhl umher zu rutschen, stand schließlich ergeben seufzend und mühsam keuchend auf, rülpste laut und tief aus der Kehle heraus und tänzelte mit kleinen Schritten und mit zusammengepressten Knien am Tischrand entlang, über das vom Bett herunterhängende Laken bis zur Spüle. Die Maus erschrak und verzog sich unter die Kommode. Schusselig und unter Aufbietung all seiner Kraft stellte er sich mit zitternden Beinen auf die Zehenspitzen, zog seinen Penis seitwärts aus der Unterhose und entleerte seine Blase mit einem tiefen Seufzen in das Spülbecken. Von der Anstrengung geschwächt, ging er schwankend zurück, blieb aber dann, so als hätte er eine Eingebung gehabt, am Fenster stehen. Mit beiden Händen tastete er unsicher nach dem Fenstergriff, drehte ihn mühselig in die Waagerechte und mit dem Rest der in seinem, in sich zusammen gesackten Körper verbliebenen Kraft, mühte er sich ab, ruckartig daran zu ziehen, um das einflügelige Fenster zu öffnen.
Er hatte bessere Zeiten gekannt, einen guten Job gehabt und er hatte schöner gewohnt. Er konnte sich, wenn überhaupt, dann allenfalls nur verschwommen daran erinnern, dass das bessere Leben mit einem Schlag vorbei gewesen war. Eines Morgens, oder war es am Tag oder abends gewesen, war er aufgewacht, hatte den schon gewohnten säuerlich pelzigen Geschmack im Mund und das stumpfe Dröhnen hinter der Stirn wahrgenommen und festgestellt, dass sie gegangen war. Die Kinder hatte sie mitgenommen. Warum sie das getan hatte, war ihn entfallen. Er erinnerte sich nicht einmal mehr daran, wie sie ausgesehen hatte. Er hätte sie nicht mehr beschreiben können. Wenn er masturbierte, versuchte er immer, sie sich vorzustellen, aber da war nur ein Schemen, eine verwischte Erinnerung an ein früheres Leben, zu dem eine Frau gehört hatte. Nach einer Weile hatte sich dann auch der Drang nach Selbstbefriedigung eingestellt. Waren es ihre gemeinsamen Kinder gewesen? Er glaubte sich an zwei erinnern zu können, vielleicht drei. Der Inhalt zahlloser Flaschen hatte den größten Teil seiner Erinnerung weggespült. Er hatte die Wohnung verlassen müssen und Männer hatten alles abgeholt, was nicht niet und nagelfest gewesen war.
Wenig später hatte die Polizei ihn in einer mit Unrat überlagerten Gasse zwischen den Müllkübeln aufgelesen und in eine Klinik gebracht. Irgendwann danach war er dann in diesem Zimmer aufgewacht. Er erkannte wie im Nebel, dass er wahrscheinlich schon eine Weile hier wohnte, da er mehr oder weniger genau wusste, wo seine Habe herum lag und er sich auch sonst im Zimmer auskannte. Seitdem war er nicht mehr umgezogen. Manchmal fielen die Erinnerungen an den Klinikaufenthalt über ihn herein und er musste unweigerlich an die Entgiftung denken. Die Erinnerung an diese Zeit war ihm unauslöschlich ins Stammhirn gebrannt. Sie brachte seine Lungen zum Kochen und seine Gedärme zuckten und wanden sich in konvulsivischen Krämpfen bis er Feuer und Galle erbrach und danach erschöpft einschlief.
Nach einem solchen Anfall, als er wieder erwacht war, hatte er das erste Mal versucht, das Fenster zu öffnen. Es war ihm unter Aufbietung all seiner Kraft und mit dem Willen der Verzweiflung sogar gelungen. Dann aber hatte er nicht mehr die nötige Kraft gehabt, um auf das Fensterbrett zu steigen. Dabei war die Erlösung so nah gewesen.
Heute, das spürte er mehr, als dass er es rational wahrgenommen hätte, würde es ihm auch nicht gelingen. Seine Hände glitten vom Fenstergriff ab. Er taumelte, stützte sich am Tischrand ab und schlurfte mit einem trockenen Schluchzen zurück zu seinem Stuhl.
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