Kurzgeschichtevon Claude PeifferDenn sie wissen nicht ...
Schwerfällig stieg Kriminalkommissar Bockmann aus dem zivilen Dienstfahrzeug und blickte mürrisch auf den verkommenen Hof der alten Realschule.Da stand sie, die Zukunft des Landes. Schlecht gekleidet, in diverse Spielkonsolen vertieft oder mit Stöpseln in den Ohren, aus denen die Musik direkt ins Gehirn geblasen wurde. Und rauchend, obwohl dies laut Gesetz verboten war. Aufsichtspersonal gab es an dieser Schule wohl nicht, oder es hatte sich so gut getarnt, dass selbst der erfahrene Kriminalist es nicht entdecken konnte und das schien ihm eher unwahrscheinlich. Es war kalt an diesem, mit grauen Wolken verhangenen Wintermorgen. Bockmann schlug den Kragen seines dicken Mantels hoch, als er sich zusammen mit Schuster einen Weg durch die gaffenden und paffenden Jugendlichen bahnte. Einige der pubertierenden Jungen pfiffen hinter seiner attraktiven Kollegin her. Wahrscheinlich gefiel ihnen Kriminalobermeisterin Schusters runder Arsch in den engen Jeans, die wiederum in hohen braunen Wildlederstiefeln steckten. Das konnte Bockmann den Heranwachsenden nicht einmal verübeln. Er selbst hatte das aufregende Hinterteil heute schon öfters heimlich begutachtet. Als die beiden Polizeibeamten den Eingang zum Schulgebäude erreicht hatten, versperrte ihnen eine Gruppe Teenager den Weg. "Entschuldigung, bitte!" lächelte Schuster höflich, doch keine, der grimmigen Gestalten reagierte. Im Gegenteil. Ein für sein Alter ziemlich hochgewachsener und kräftiger Kerl, dessen rundes Gesicht übersät mit Pickeln und dünnen Barthaaren war, baute sich demonstrativ vor der kleinen Beamtin auf und blickte provozierend auf sie herab. Bockmann grinste. Der Junge tat ihm jetzt schon leid. Keiner, nicht einmal der Kommissar, nahm Schusters Bewegung wahr. Plötzlich umklammerten ihre Finger das breite Handgelenk des Jungen, dieser schrie auf und sprang zur Seite, wobei er einigen seiner Kumpanen auf die Füße trat. Die Clique wurde förmlich auseinandergesprengt und der Weg hinein ins Schulgebäude war frei. Bockmann ging völlig unbeteiligt an dem Geschehen vorbei. Schuster ließ ihr wimmerndes Opfer, das vor ihr auf den Knien saß, los und folgte ihm. "Na na!", brummte Bockmann als sie an der Pförtnerloge im Innern des Gebäudes stehen blieben. "Sollten wir nicht Vorbilder sein?" "Tut mir leid!", entschuldigte sie sich. "Ich mag einfach keine Muskelprotze." "Hier scheint niemand zu sein!", bemerkte Bockmann nach einem Blick in die Loge. "Hat wohl auch gerade große Pause." "Kann ich Ihnen helfen?", rief ihnen eine kahlköpfiger kleiner Mann zu, der gerade die Treppe gegenüber herunter kam. Der Mann trug einen dunkelblauen Anzug aus feinem Zwirn und sah nicht aus wie der Pförtner. Seine ganze Aufmachung und sein Auftreten erinnerten Bockmann eher an seine eigene Schulzeit, die schon verdammt lange zurücklag. "Kriminalkommissar Bockmann! Meine Kollegin Schuster!", sagte Bockmann. "Wir suchen Rektor Salzberg!" "Sie haben ihn gefunden. Kriminalpolizei? Ist etwas passiert?" "Wir möchten Ihnen etwas zeigen!", antwortete Schuster und hielt dem Rektor ihr Handy vor die Nase. Sie drückte einen Knopf und ein Videoclip wurde abgespielt. Bockmann beobachtete sein Gegenüber genau. Das Gesicht des Rektors nahm eine ungesunde gelbliche Färbung an. Seine Wangen fingen an, unkontrolliert zu zucken. "Das ist ja abscheulich!", äußerte er sich sichtlich ergriffen, als Schuster ihr Handy wieder in ihrer Jackentasche verstaute. "Ich kenne das Mädchen. Tina Koller. Sie geht hier zur Schule. Sie war schon mehrmals die Beste ihres Jahrgangs." "Sie ist nicht einmal fünfzehn", erklärte ihm Bockmann, als es zu läuten anfing. "Aber vielleicht wäre es besser, wir würden in Ihrem Büro weiterreden." "Selbstverständlich!" Salzberg führte die beiden Kriminalbeamten einen breiten Korridor entlang zu seinem Büro, in dessen Vorzimmer er seiner Sekretärin erklärte, dass er nicht gestört werden möchte. "Wie haben Sie von der Sache erfahren?", erkundigte sich Salzberg. "Ein anonymer Anrufer, der uns auf den Clip und auf ihre Schule aufmerksam machte", antwortete Bockmann. "Tina selbst hat ihren Eltern die Verletzungen mit einem Fahrradsturz erklärt." "Und die haben das einfach so geglaubt!", fragte der Rektor. "Viele Eltern interessieren sich nicht die Bohne für das, was ihren Kindern widerfährt, oder was diese so treiben.", erklärte Schuster voller Verachtung. "Kann ich mir das noch einmal auf meinem Computer ansehen?", fragte Salzberg den Kommissar. "Haben Sie das nicht schon getan?", konfrontierte ihn Bockmann mit dem, was er und seine Kollegin vom Provider der Internetseite herausgefunden hatten. "Der ... Clip ... wurde von ihrem PC aus ins Netz gestellt." "Wa ... Was sagen Sie da?", stotterte Salzberg erschüttert. "Das kann nicht sein. Es hat doch außer mir keiner Zugang zu meinem Computer." "Auch ihre Sekretärin nicht?", fragte Schuster. "Nicht einmal die!", behauptete der Schulrektor. "Und das Gerät ist mit einem Passwort geschützt. Außerdem besitzt es eine doppelte Firewall." "Lehren Sie auch Informatik an ihrer Schule?", erkundigte sich Bockmann. "Aber sicher! Heute braucht man in jedem Beruf Computerkenntnisse." Bockmanns Mienenspiel verriet, dass er dies nur bestätigen konnte und damit wohl schon seine persönlichen Erfahrungen gemacht hatte. "Kennen Sie aus diesen Kursen jemanden, der besonders talentiert ist?", wollte er wissen. "Vielleicht ein Klassenkamerad von Tina Koller?" Als Bockmann den Namen des Mädchens nannte, zuckte Salzberg erneut erschrocken zusammen. "Deshalb wollte ich den ... Clip ... ja noch einmal etwas größer sehen", verriet ihnen Salzberg. Ich glaube erkannt zu haben, wo man ..." "Ja!", forderte ihn Bockmann zum Weitersprechen auf. "..., wo man das arme Mädchen zusammengeschlagen und vergewaltigt hat? Wo sich diese fünf Scheißkerle auf dem Clip mit Tina amüsiert haben?" Wenn der Rektor etwas mit der Sache zu tun gehabt hätte, woran Bockmann von Anfang an nicht geglaubt hatte, so wäre er spätestens jetzt zusammengebrochen und hätte ihnen weinend alles gestanden. Der Mann war alles andere als ein harter Bursche. Er war eine Memme. Eine völlige Fehlbesetzung. Wie konnte so jemand die Verantwortung für über 800 Schüler erhalten. Dass an dieser Schule so katastrophale Zustände herrschten, war größten Teils seine Schuld, und das wusste Salzberg auch. "Ja!", brach Salzberg hervor. "Im Lehrerzimmer!". Nun war Bockmann doch etwas überrascht. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ein Lehrer in die Sache verwickelt sein könnte. Natürlich hatten auch die Spezialisten der Kriminalpolizei den Clip genauestens untersucht und waren zum Resultat gelangt, dass die Täter aufgrund ihrer Körpergröße nur Minderjährige sein konnten. Dass die Jugendlichen sich Zugang zum PC des Rektors verschaffen konnten, war für Bockmann eine Selbstverständlichkeit. Für heutige Computer-Freaks war dies eine Leichtigkeit. Aber warum hatten sich die Täter das Lehrerzimmer für ihr Verbrechen ausgesucht. Wollten sie so das ganze Schulsystem mit ihrer abscheulichen Tat verarschen oder gab es noch einen anderen Grund. Auf einer Kalenderuhr auf dem Clip konnte man deutlich erkennen, dass die ganze Sache sich während eines Schultages zugetragen hatte und zwar vormittags. Da musste jemand genau gewusst haben, dass zu der Zeit das Lehrerzimmer nicht besetzt sein würde. Dafür konnte nur ein Lehrer in Frage kommen. Oder jemand, der Zugriff auf den Lehrplan hatte. Schuster überspielte den Clip per Infrarot-Technik auf den Computer des Rektors und einige Augenblicke später liefen die schrecklichen Bilder noch einmal vor ihren Augen ab. "Hier!", schrie der Direktor plötzlich entsetzt auf und stoppte den Clip. "Ich war mir nicht sicher, aber eine der vermummten Personen kam mir schon auf dem Handy bekannt vor. Die Person, die da seitlich steht und das Mädchen am Kopf festhält während sie ... "Erkennen Sie diese Person?", unterbrach ihn Bockmann. "Ja, diese Augen würde ich immer erkennen." Salzberg stockte kurz. "Diese Person ist meine Tochter." Salzberg sank in seinem Sessel ein. Für ihn brach die Welt nun endgültig zusammen. Er war nicht mehr ansprechbar. Ihm konnte nur noch ein Arzt helfen. "So clever waren diese Schweine also gar nicht", meinte Schuster. "Mit der Tochter des Rektors im Team kamen sie natürlich an alle Informationen und an den Computer des Schulleiters ran." Zwei Stunden später hatten Bockmann und Schuster alle fünf Verdächtigen festgenommen und ließen sie mit einem Kleinbus der Polizei abtransportieren. Als einzige Erklärung für ihre gemeinsame Tat hatten die jugendlichen Straftäter angegeben, ihnen wäre langweilig gewesen und die Streberin Koller hätte diese Abreibung nur verdient gehabt. "SV!", sagte Bockmann als der Kleinbus mit den missratenen Schülern davonfuhr. "Wie bitte?", fragte Schuster. Bockmann zuckte mit den Schultern. "Sinnlose Vermehrung!", wiederholte er leise. "In diesem Fall kann ich das nur bestätigen."
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