Mark Twain

 

Zu seinem 100. Todestag am 21. April 2010

 

 

 Der Mark Twain fürs 21. Jahrhundert! Andreas Nohl hat den Klassiker "Tom Sawyer" und die Fortsetzung "Huckleberry Finn" neu übersetzt, so nah am Original und flüssig lesbar wie noch nie.

 

 

Fester Einband, 712 Seiten - erschienen März 2010

Preis: 34.90 € (D) / 57.00 sFR (CH) / 35.90 € (A)

ISBN 978-3-446-23503-8
Hanser Verlag

 

 

 

 

 

Der Übersetzer Andreas Nohl über Mark Twain:

 

Samuel Clemens (1835–1910) alias Mark Twain hatte Einiges an Erfahrungen und Abenteuern hinter sich, bevor er 1870 an Tom Sawyer & Huckleberry Finn zu schreiben begann. Mit siebzehn Jahren war er 1852 von Hannibal aufgebrochen und hatte als junger Wanderdrucker die Oststaaten bis nach New York durchstreift. "Zu wenigen Zeiten in der amerikanischen Geschichte war die Jugendzeit von größerer Unsicherheit erfüllt", schreibt der Historiker Steven Mintz in seiner bedeutenden Geschichte der Kindheit in Amerika, die den Titel Huck’s Raft trägt. Von 1857 bis 1860 arbeitete Clemens als Lotse auf dem Mississippi, dann brach er – dem ihm sinnlos erscheinenden Bürgerkrieg ausweichend, an dem er vierzehn Tage lang teilnahm – nach Nevada auf, wo er als Silbergräber und Reporter sein Glück versuchte, ab 1864 war er als Journalist in San Francisco tätig. Mit seiner Erzählung Der berühmte Springfrosch von Calaveras County wurde er 1865 quasi über Nacht auch an der Ostküste berühmt. Zugleich erarbeitete er sich unter der Anregung des Humoristen Artemus Ward eine Karriere als Vortragskünstler. In finanziellen Notlagen, deren es nicht wenige gab, konnte Twain auf diese Einnahmequelle immer zurückgreifen. 1869 publizierte er nach einer Reise mit der "Quaker City" nach Europa und Palästina Die Unbedarften im Ausland, das Buch wurde ein internationaler Beststeller. Doch der kühnste Erfolg seines Lebens war die Heirat mit Olivia Langdon, der Tochter des überaus reichen Kohlemagnaten Charles Langdon im Jahre 1870. Damit stieg Twain in die höchsten Kreise der amerikanischen Gesellschaft auf. Es verwundert vielleicht nicht, dass er in eben dem Moment, da er sich von der Welt seiner Herkunft am weitesten entfernt hatte, als Autor zu seinen Wurzeln zurückkehrte und sich seiner selbst versicherte. Der gesellschaftliche Erfolg von Clemens war das Ergebnis einer furiosen Karriere als Autor und Alleinunterhalter und zugleich einer bemerkenswerten Anpassungsleistung an die Gepflogenheiten der high society. Alle möglichen "Unarten" wie Fluchen, Trinken, Rauchen, unflätiges Reden, die er sich im Westen zugelegt hatte, musste er sich in der Zeit der Brautwerbung abgewöhnen – dafür las er täglich in der Bibel, um sein impulsives Temperament zu zügeln.

Mit Tom Sawyers Abenteuer kommt 1876 ein Projekt an sein Ende, an dem Mark Twain sechs Jahre mit längeren Unterbrechungen geschrieben hat. Von Anfang an war ungewiss, was aus diesem Roman werden sollte: ein Buch für Erwachsene, ein Jugendbuch oder eine Art Bildungsroman, in dem nach der Beschreibung von Kindheit und Jugend der Protagonist in die Welt aufbricht, "erwachsene" Abenteuer erlebt und schließlich als gereifter, erfolgreicher Mann in sein Geburtsstädtchen am Mississippi zurückkehrt, um dort nichts mehr so vorzufinden, wie es einmal gewesen war. Am Ende wurde aber eine "Hymne in Prosa" daraus oder, wie sein enger Freund und Berater William Dean Howells nach der Durchsicht des Manuskripts bescheinigte, "das beste Jungenbuch, das ich je gelesen habe."

Bereits im Juli 1876, als er die ersten Druckfahnen von Tom Sawyer korrigierte, hatte Twain bereits an einer Fortsetzung zu schreiben begonnen, in Ich-Form. Protagonist ist nicht Tom, sondern jener Paria des Städtchens, der "bei allen Müttern herzlich verhasst und gefürchtet" war: Huckleberry Finn. Mehr als sieben Jahre sollten vergehen, bis Twain eine vielfach überarbeitete Schreibmaschinenabschrift an seinen Verleger schicken konnte.

Erst mit Huckleberry Finns Abenteuer gelang Mark Twain der große weltliterarische Wurf eines Zwillingsromans, der in seiner erzählerischen und seelischen Spannweite einzigartig, in seinem Einfluss auf die Literatur des 20. Jahrhunderts, nicht nur die amerikanische, kaum zu überschätzen ist. Handelte Tom Sawyer hauptsächlich von der Durchsetzung der kühnen Interessen eines Jungen und von der Erhaltung seiner Integrität innerhalb einer dörflichen oder kleinstädtischen Gesellschaft, so befinden wir uns mit Huckleberry Finn außerhalb dieser Gesellschaft. Nichts ist ihm verhasster als die Maßnahmen, die ihn in diese Gesellschaft einführen sollen. Der Roman, der – ein genialer Kunstgriff – in Hucks kolloquialer Sprache geschrieben ist, bietet das dramatische Bild einer Lebenswelt, in der es um Anpassung vs. Gefährdung, um Verstellung vs. Unfreiheit geht. Und da Huck sich weder den Zwängen der Ehrbarkeit noch der körperlichen Misshandlung durch seinen Vater beugen will, gibt es für ihn keinen Ausweg als die Flucht ins gesellschaftliche Niemandsland, ins Abenteuer. Die Flucht, das bloße Unterwegssein ist dabei der prekäre Gegenentwurf zu Unterdrückung und Gefangenschaft. Nicht zufällig berührt sich Hucks Lebensinteresse mit dem von "Nigger" Jim, der ebenfalls vor der Sklavenhaltergesellschaft flieht. So ist Befreiung der zentrale Topos des Romans, sein Anfang, seine Mitte und sein Ziel. Und keinen größeren Verbündeten können Huck und Jim in ihrem stets gefährdeten Projekt der Freiheit finden als den "großen doppelherzigen" Strom, der sie mit einer geradezu hegenden Macht vor den bedrohlichen Enklaven der Menschen schützt, meist indem er sie einfach weiter trägt ....

 

Andreas Nohl © Hien

Andreas Nohl, Jahrgang 1954, studierte Amerikanistik und Philosophie in Frankfurt, Berlin und San Francisco. Er ist freier Schriftsteller und Herausgeber der ersten vollständigen Ausgabe der "Tagebücher von Adam und Eva" von Mark Twain.

 

Der Mark Twain fürs 21. Jahrhundert!

 

Andreas Nohl hat den Klassiker "Tom Sawyer" und die Fortsetzung "Huckleberry Finn" neu übersetzt, so nah am Original und flüssig lesbar wie noch nie. Mit seiner natürlichen Sprache vermeidet er alles "Gekünstelte", ganz nach Mark Twains literarischen Kriterien. Die beiden epochemachenden Romane über Kindheit und Jugend, über das Leben in den Südstaaten, von Abenteuer und Alltag im Amerika das 19. Jahrhunderts lesen sich nun auch in der Übersetzung als das, was sie im Original sind: als Weltliteratur.

 

(Quelle:Hanser)

 


 

 

 

 

 

Alexander Pechmann über Mark Twain:

 

"Jungs wie mich gibt’s nicht alle Tage", schrieb Mark Twain wenige Monate vor seiner Hochzeit an seine Verlobte, Olivia Langdon. "Wir sind überaus selten. Wir sind eine Art menschliche Jahrhundertpflanze, & wir blühen nicht in jedem Vorgarten."

Dass diese Selbsteinschätzung keineswegs übertrieben war, konnte Mark Twain mit einem recht eindrucksvollen Lebenslauf beweisen: Er wurde am 30. November 1835 unter dem Namen Samuel Langhorne Clemens in Florida, Missouri, geboren und wuchs unter recht ärmlichen Bedingungen in Hannibal, Missouri, auf, die er später in seinen Romanen um Tom Saywer und Huckleberry Finn so eindrücklich schilderte. Nach dem frühen Tod seines Vaters, eines Juristen, der sich in verschiedenen Berufen durchgeschlagen hatte, musste Sam Clemens mit dreizehn Jahren die Schule verlassen und begann eine Druckerlehre. Erste Humoresken erschienen in der Zeitung seines älteren Bruders Orion, doch der junge Sam hatte andere Pläne: Er wollte nach Südamerika auswandern und als Koka-Bauer ein Vermögen machen! Ein Fünfzig-Dollar-Schein, den er zufällig auf der Straße fand, war seine Starthilfe, die ihn immerhin bis nach New Orleans brachte. Der Traum vom großen Geld und schwunghaften Kokainhandel endete etwas verfrüht, doch bot der große Mississippi reichlich Platz für neue Träume. Sam wurde von dem erfahrenen Lotsen Horace Bixby als Lehrjunge aufgenommen, lernte alles über die Tücken des veränderlichen Flusses und die imposanten Schaufelraddampfer, die ihn schon als Kind in Hannibal fasziniert hatten.

Der amerikanische Bürgerkrieg unterbrach die vielversprechende Lotsenkarriere, doch gelang es Sam Clemens, der sich eher aus Zufall als aus Überzeugung der Union angeschlossen hatte, den blutigen Schlachtfeldern geschickt auszuweichen. Dabei lernte er, nach eigenem Bekunden, mehr über militärische Rückzüge als der Mann, der den Rückzug erfunden hat. Er trat so bald wie möglich aus der Armee aus und folgte seinem Bruder Orion nach Nevada, wo er sich mit gemischtem Erfolg als Silbergräber und Reporter versuchte. Die haarsträubenden Übertreibungen in den Zeitungsartikeln, die er unter seinem neuen Pseudonym "Mark Twain" veröffentlichte, wurden oft für bare Münzen genommen – man glaubte die Geschichten über versteinerte Menschen und grausige Massaker, ohne sie als gelungene Satiren auf Leichtgläubigkeit und andere allzumenschliche Untugenden zu erkennen. Neben konventionellen Zeitungsberichten und drastischen Satiren schrieb Twain auch etliche literarische Skizzen, die auf persönlichen Begegnungen oder Folklore basierten und den typischen Erzählmustern der amerikanischen Grenzer und Glücksritter entsprachen. Im Jahr 1865 erschien seine an den Lagerfeuern der Goldgräber aufgeschnappte Geschichte über den "berühmten Springfrosch von Calaveras", der sämtliche Hüpfwettbewerbe gewinnt, in einem New Yorker Magazin. Eine erste Buchveröffentlichung mit humorvollen Erzählungen folgte, doch erst seine teils amüsanten, teils sozialkritischen Reportagen aus San Francisco und Hawaii verhalfen Twain zum Durchbruch. Insbesondere in seinen "Briefen aus Hawaii" zeigte er ein einzigartiges Talent als ebenso genauer wie origineller und respektloser Beobachter, der sich für die Königsfamilie der Sandwich-Inseln ebenso interessiert wie für die Katzenkompanien von Honolulu.

Die Abenteuer unter wilden Insulanern und einfältigen Missionaren boten Mark Twain reichlich Stoff für eine außerordentlich erfolgreiche Vortragsreihe, die ihm sogleich einen neuen, lukrativen Auftrag bescherte. Er sollte den Dampfer "Quaker City" auf seiner Fahrt nach Europa und zu den bunten Häfen des Mittelmeers begleiten. Seine Schilderung einer amerikanischen Pilgerfahrt ins Heilige Land, "Die Arglosen im Ausland" (1869), wurde zum Bestseller. Weitere erfolgreiche Reisebücher und Vortragsreisen folgten.

Das wohl wichtigste Erlebnis während der ersten Europareise war allerdings die Bekanntschaft mit Charles Langdon und eine ganz besondere „Sehenswürdigkeit“: Der Anblick einer Photographie von Langdons Schwester Olivia! Mark Twain verliebte sich Hals über Kopf in dieses Bild von einer Frau, doch erst nach rund zweihundert Liebesbriefen und einem halben Dutzend gescheiterter Heiratsanträge durfte er seinen "kostbaren Schatz" zum Altar führen.

Olivia "Livy" Langdon blieb fast vierzig Jahre lang der vielgeliebte und vergötterte Mittelpunkt in Mark Twains Leben – nicht nur als Ehefrau und Mutter seiner Kinder, sondern auch als strenge Lektorin. Der bis heute erfolgreiche Roman "Tom Sawyers Abenteuer" (1876) ist Livy gewidmet, ohne deren Interesse an Twains Kindheitserinnerungen das Buch wohl nie geschrieben worden wäre. Mit "Huckleberry Finns Abenteuer" (1885) gelang ihm ein weiteres unvergessliches Werk, von dem, wie Ernest Hemingway einmal bemerkte, die ganze moderne amerikanische Literatur abstammt.

Finanzielle Misserfolge, leichtsinnige Spekulationen und persönliche Schicksalsschläge prägten Mark Twains Spätwerk. Nach dem Tod seiner Tochter Susy und seiner geliebten Frau Olivia schrieb er ebenso pessimistische wie hellsichtige Essays und Erzählungen über den unverbesserlichen Hang des Menschen zur Selbstzerstörung, über religiöse Heuchelei, Scheinmoral und die ewige Gier nach Macht und Geld. „Die Güte Gottes erlaubte es“, schrieb Mark Twain in einem seiner letzten Bücher, "Reise um die Welt" (1897), "dass wir in unserem Land drei unschätzbare Reichtümer haben: die Freiheit der Sprache, die Freiheit des Gewissens – und die Klugheit, diese Freiheiten niemals anzuwenden." Er starb am 21. April 1910 und ist bis heute einer der weltweit bekanntesten und beliebtesten amerikanischen Schriftsteller geblieben.


Alexander Pechmann, geboren 1968 in Wien, studierte Soziologie, Psychologie sowie  englische und amerikanische Literaturwissenschaft. Er arbeitet als Autor, Herausgeber und Übersetzer und übertrug u. a. Werke von Herman Melville, Mary Shelley und W. B. Yeats ins Deutsche. Seine Bibliothek der verlorenen Bücher (2007) wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
Er ist Herausgeber des kürzlich erschienenen Bandes "Sommerwogen. Eine Liebe in Briefen". Außerdem ist er Übersetzer und Herausgeber von Twains "Post aus Hawaii".

 

(Quelle:Hanser)


 

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