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Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit. Das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten. George Bernard Shaw)

 

Prinzipielle Gedanken zur Verantwortung

Der Begriff Verantwortung bildete sich wahrscheinlich aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet an sich, dass eine Person entweder für seine eigenen oder für Handlungen von Anderen "Rede und Antwort" stehen, bzw. Rechenschaft ablegen muss, erklären und belegen muss, warum oder wie oder wann oder wieso etwas geschehen ist oder stattgefunden hat. 

In diesen Rechenschaftsberichten werden Zusammenhänge erfasst und das Handeln der involvierten verantwortlichen Personen wird in einen kausalen Kontext gestellt, aus dem die Verantwortlichkeit ersichtlich wird.  Sie kann zeitlich begrenzt oder unbegrenzt sein, soziale und geistige, ideologische oder Belange religiöser und doktrinärer Natur umfassen. 

Verantwortung setzt beim Verantwortlichen von vorneherein einen rationalen Bezug zur Umwelt voraus, die Fähigkeit bewusst entscheiden zu können, eine gewisse Willensautonomie des Verantwortlichen und die Tatsache,  dass der Verantwortliche schuldhaft zurechnungsfähig ist. Sie setzt auch voraus, dass Situationen und Umstände existent sind, die vom Mensch beeinflusst werden können und dass Maßstäbe (Normen) festgelegt wurden, welche eine Abweichung oder Verfehlung determinieren können. Letztendlich muss ein eindeutiger Kontext zwischen Verantwortung und Verantwortlichkeit gegeben sein. 

Prinzipiell kann man zwischen zwei Verantwortungsarten (Verantwortlichkeiten) unterscheiden: die jedem Menschen eigene Verantwortlichkeit sich selbst gegenüber und die Verantwortlichkeit, die sich aus zwangsläufig oder freiwillig übernommenen  Verpflichtungen ergibt. 

In welchem Verhältnis stehen beide Arten zueinander? - einerseits in Bezug auf das gelebte, auch zu ändernde Leben (zu werden, der zu werden man angelegt ist) und andrerseits in Bezug auf bisher eingegangene Verpflichtungen.

 

1]  Hier scheint mir eine eingehende Präzisierung der jeweiligen Verantwortung notwendig, um einerseits zwischen der eigenen, durch erzieherische und kulturelle Einflüsse erworbenen und verinnerlichten Verantwortung als solcher und jener Verantwortung, die durch bewusst eingegangene Verpflichtungen in diese impliziert ist, bzw. durch die Verpflichtungen quasi zwangsweise (mit)übernommen wird. Beide Varianten stehen, obwohl sie sich auf sozialem Plan rational und kausal in sich selbst verästeln, auf psychischem Plan nicht immer im Einklang miteinander - weil: 

  • Eigenverantwortlichkeit (obwohl erworben) immer individuell auf den Träger bezogen, nur ihm verständlich und akzeptabel und von ihm erklärbar ist.
  • Die durch Verpflichtungen übernommene (sich daraus ergebende) Verantwortung ist nicht von vorneherein und un-bedingt freiwillig, sondern wird erst durch die Verwirklichung des Zwecks der Verpflichtung verbindlich. Diese Verantwortung ist in der Regel objektgebunden und allgemein sozial umfassend ausgerichtet. Sie muss nicht von vorneherein mit der eigenen individuellen Lebensdeontologie und dem eigenen Verantwortungsverständnis übereinstimmen.

Daraus ergibt sich, dass das Verhältnis der "zwei Verantwortungen" zueinander (durch das Ineinandergreifen beider), sehr ambivalent ist und je nach Charakterbild, mentaler Stärke oder Schwäche und der Lebensdeontologie des Einzelnen im Zusammenwirken mit der, zwar nicht normativen, aber mehrheitlich applizierten Moral und Ethik, in diesem Menschen einen psychischen Konflikt bewirken kann, aber nicht muss. Hier spielen, wie schon erwähnt die Moral und die Ethik, aber auch die geltende Gesetzgebung und in den meisten Fällen auch der individuelle, weltanschauliche (durch die Religion geprägte) Hintergrund eine tragende Rolle.
All diese Aspekte sind hinsichtlich der Verantwortung (in ihrem engeren Sinn und Zweck) zu beachten und nicht mit einem Handstrich auf einen Nenner zu bringen. Grundsätzlich kann man sagen, dass – obwohl jeder vor dem Gesetz gleich ist – diese Gleichheit nicht von vorneherein mit einer Gleichheit aller auf psychischem Plan gleichgestellt werden kann.

 

 

 

2] In Bezug auf das zu ändernde Leben (zu werden, der zu werden man angelegt ist) liegt in der in Klammern geschriebenen Einflechtung die Determinierung, dass der Mensch von vorneherein "dazu angelegt" sei, das zu werden, was er sein wird, ergo quasi seiner  "Anlegung" ausgeliefert sei. Durch diese Vorbelastung, besonders im Hinblick auf eine Anlegung mit religiösem Hintergrund (so erschaffen) oder mit esoterischem Hintergrund (reinkarniert) kann der Begriff "Anlegung" durch seine Mehrdeutigkeit "sowohl als auch" bewertet werden werden und schießt jede andere Möglichkeit aus.

  • Gehe ich bei "angelegt" vom so genannten Schicksal im esoterisch-mystischen oder gottgewollten/dogmatischen Sinn aus, muss ich diese Formulierung und jede auf ihr beruhende Deutung ablehnen, weil die "Anlegung" durch nichts und niemand bewiesen werden kann und allenfalls allegorischen Wert hat.

  • Gehe ich freilich von der Gesetzmäßigkeit innerhalb der Kausalkette aus, so könnte ich durchaus von einer Anlage(Veranlagung, Prädisposition …) reden. Sie bleibt aber grundsätzlich immer unbestätigt, da wir kaum in der Lage sind, die kausale Entwicklung logisch, zeitlich und räumlich nachzustellen und inhaltlich zu verstehen und zu überschauen. Wir können sie allenfalls in ihrem Umfang instinktiv/intuitiv nachempfinden oder nachvollziehen, mehr nicht.

Entsprechend der ersten Prämisse ist der Mensch nur bedingt verantwortlich, weil er in letzter Instanz seine Verantwortung seinem Gott oder einer ähnlich untranszendenten Sublimierung überantworten kann - weil er entsprechend seiner Religion (quasi alle Religionen) von vorneherein so zusagen unmündig, ergo unverantwortlich, weil von Gott und dessen Willen abhängig ist.

Wenn ich von der zweiten Prämisse ausgehe, kann der Mensch als zwangsläufig beeinflusstes und durch die Entwicklung geformtes Wesen im soziologischen und philosophischen Sinn keine volle Eigenverantwortlichkeit beanspruchen, ergo nicht voll verantwortlich bezeichnet werden. In anderen Worten: er hatte keine Wahl, keinen EInfluß darauf, so zu werden wie er ist, oder wie er "angelegt" ist. Er ist hinsichtlich seiner sozialen Verantwortlichkeit ergo ausschließlich auf sein eigenes individuelles Ermessen beschränkt, das ihm, durch das kollektive Gedächtnis, durch die Erziehung und die Einflüsse der Lebenskultur seines Umfeldes samt deren interaktiven Assoziationsmechanismen lediglich ein sehr subjektives Verantwortungsbewusstsein ermöglicht.

Ergo ist die Frage nach Verantwortung und Verantwortlichkeit sowohl im soziologischen, als auch im philosophischen Sinn hinfällig, da sie in sich die Frage nach Schuld und Unschuld beinhaltet. Schuld und Unschuld sind relative, polarisiernde Bewertungen(Urteile) und beide angesichts der nur bedingt applizierbaren Verantwortlichkeit jedes Einzelnen quasi Unsinn, also genau so hinfällig, wie die Verantwortung als solche.


 

 Ablaufschemata

 

Sind wir im direkten Kontakt mit jemand verantwortlich für unsere spontanen Reaktionen, z.B. auf Äusserungen, Verhalten oder Aktionen des Anderen ?

Wenn wir von Aktion und Reaktion sprechen, beziehen wir uns auf einen Ablauf, eine Handlungsfolge und benutzen zur Schilderung Begriffe, die von ihrer Bedeutung her nur selten richtig oder treffend gebraucht und verstanden werden. Der Begriff "Reaktion" beispielsweise wird in der Umgangssprache "vereinfacht" und verallgemeinert angewendet, was dann auch im Zusammenhang mit "der Meinung" eines jedem vom Anderen zu Mißverständnissen führt, bzw. führen kann.

Wenn wir Aktion mit Ursache/Auslöser ersetzen und gleich auf die Re-aktion übergehen, welche an sich eine Rück-wirkung ist, unterschlagen wir quasi die Wirkung der Aktion/Ursache, welche, bevor die Re-aktion erfolgt, erst eine solche bewirken muss. Der Empfänger der Aktion/Ursache hat also einen Grund, warum er, oder auch nicht reagiert. Dieser Grund entwickelt sich aus seinem ganzen Verhalten, aus seinem Wesen und größtenteils aus den Assoziationen aus seinem Unbewußten. Daher kann es sein, dass seine Re-aktion unter Umständen gar nichts oder nur sehr wenig mit dem zu tun hat, was der Absender als Ursache vorgegeben hatte.

Eine Reaktion ist im psychologischen (freudschen) Sinn eine Abwehrhaltung, eine Art Selbstschutzmechanismus, die meist mit einem konträren (inneren) Verhalten/Reagieren einhergeht. Sie muß sich aber nicht ausschließlich und zwingend auf die Ursache, oder die Person, die den Auslöser vorgab, beziehen.

Die Wirkung, welche die Aktion ausgelöst hat, wird zur Reaktionsbildung und durch das unbewußte Assoziieren des Empfängers, können solche, für uns total unverständliche Reaktionen eintreten: beispielsweise ein Schweigen auf eine klare Frage > Abwehrreaktion, beispielsweise der Schutz vor einer Erkenntnis, die sich evtl aus einer Antwort ergeben würde.

Die HIntergründe für ein konträres oder auf den ersten Blick unverständliches Verhalten sind mitunter Schuldgefühle (möglicherweise Minderwertigkeitsgefühle), Angst und die Auswirkungen der evtl. durch den Auslöser geweckten Triebimpulse. (der Überlebenstrieb im Sinn von > "die Situation überleben", beispielsweise durch Schweigen, um sich nicht durch eine Antwort zu "verraten")

Einfach ausgedrückt:

[Aktion]Ursache(Auslöser) >> Wirkung(Reaktionsbildung) >> [Re-aktion]Rückwirkung(Abwehrhaltung) >> [Austausch]Wechselwirkung(Diskussion, Streit, Streitgespräch, Mißverständndis, Kampf, usw. )

Die ablaufenden Wechselwirkungen werden in der Regel meist durch gegenseitige, bewußte induktive Schlußfolgerungen(Wahrscheinlichkeitslogik) dominiert, die mitunter in heillose Verstrickungen führen können. Sogar wenn die Wechselwirkung(Der Austausch) an der Oberfläche streng logisch geführt würde, würden sich nichtsdestoweniger auch solche Verstrickungen einstellen, da die Logik als bewußte, verstandesmässige Begabung keinen direkten Einfluß auf unser Unbewusstes hat und die aus dem Unbewussten hinauf ins Bewusstsein steigenden Elemente nicht kontrollieren kann.

Der Mensch ist also gewissermaßen bewusst nicht direkt verantwortlich für seine (Re)Aktionen, da er auf die Reaktionsbildung keinen maßgeblichen Einfluss hat.
In einem Austausch wird durch das gegenseitige Austauschen im Unbewussten sozusagen "Glöckchen zum klingeln" gebracht, sprich: eine Reaktionsbildung in Gang setzt, welche in einer Reaktion mündet usw usf.... Der Gegenüber seinerseits wird auch wieder reagieren, weil er so oder so des anderen Reaktion wahrnimmt, aber verbindlich und unter den erklärten Umständen damit genauso wenig anfangen kann wie der andere mir seiner  Reaktion.

Ein jeder ist, egal wie er reagiert, im bewussten Leben vor dem Gesetz verantwortlich und für eventuell angerichteten Schaden haftbar.
Er ist aber von seinem "Wesen" her nicht bewußt verantwortlich dafür, wie seine Aktionen, bzw. Reaktionen "zustande" kommen.


Sagen wir es so: wir haben nicht die notwendige Denkkapazität um die Hintergründe unserer Reaktionen, bzw. die Reaktionsbildung  spontan, also in dem Moment der Handlung sowohl erkennen, analysieren,(ein)ordnen als auch auf auf ihre Wirkung abschätzen zu können. Das alles können wir erst im Nachhinein, wenn die Reaktion "schon begonnen" hat, meistens allerdings erst dann, "wenn das Kind schon im Brunnen liegt" und die gegenseitigen Aktionen und Reaktionen die Anfangsursache des ganzen Austauschs schon längst verdrängt haben.

Stellen wir uns diesen Ablauf bei zwei Personen vor und übertragen ihn dann auf hundert, auf hundertausend, auf Milliarden Menschen. Dann haben wir schon eine vertretbare Antwort für zahlreiche Fragen, wie es kommt, dass Kriege entstehen, warum Rassendiskriminierung stattfindet, warum Ehen geschieden werden, warum Menschen zu Mördern werden usw usf.....

Wir sehen zwar die Zusammenhänge, haben aber dadurch noch keine Lösung, um aus diesem Teufelskreis heraus zu kommen. Die Entwicklung solcher Abläufe potenziert sich wie die Weizenkörner auf dem Schachbrett, nach den Prinzipien der Kausalität.


Anstatt den Menschen Verantwortung zu lehren, wäre es eher angebracht, ihm ein besseres Verständnis dessen zu vermitteln, was man allgemein als "soziale Interaktivität" bezeichnet kann, aus der sich - jenseits von emotionalem und emotivem Raisonnieren - anhand von vernünftigem und logischem Denken und Assoziieren das Verständnis von kausalen Zusammenhängen zwangsläufig ergeben würde, was aus sich heraus die Auflage der Verantwortung als obsolet erscheinen ließe. In anderen Worten: die Menschen würden sich nicht mehr gegenseitig die Köpfe einschlagen und sich mit Schuldgefühlen quälen.

Ich denke, dieses Wunschziel wäre einen Aufbruch in ein anderes, als das rein auf Verantwortung bezogene Denken wert. 

 


 

(Danke P und W für die Gelegenheit, dieses Thema aufgreifen zu können)

 

 

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Wer nach seiner Überzeugung handelt, und sei sie noch so mangelhaft, kann
nie ganz zugrundegehen, wogegen nichts seelentötender wirkt, als gegen das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch zu nehmen.

(Anette Droste-Hülshoff)

 

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Wer in Glaubenssachen den Verstand befragt, kriegt unchristliche Antworten.
(Wilhelm Busch)