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Ent-Täuschung

"Was bliebe denn noch übrig, wenn alles erklärbar und vernünftig nachvollziehbar wäre?"

Diese Frage von einer Forenfreundin ist nicht mit einem kruden oder "coolen" Satz zu beantworten, da sie "alles umfasst" und in ihrem Kielwasser so manches nach sich schleppt, das von den allermeisten Menschen nicht, oder nicht mehr unbedingt wahrgenommen wird. Hinter dieser (oft gestellten) Frage stehen gut verdrängter, latenter Frust und eine vermiedene, oder abgelehnte Ent-täuschung. Das klingt nur konfus, ist es aber nicht. Es ist auch keine Verallgemeinerung, ist aber eine berechtigte, weil logisch nachvollziehbare,  nachprüfbare und belegbare Feststellung

Der Begriff Ent-Täuschung bedarf allerdings vorab einer Definition. Er bezieht sich in diesem Zusammenhang nicht direkt auf das, was von den meisten von uns emotional als Enttäuschung erlebt wird. In der Regel nimmt der Mensch eine Enttäuschung als "gefühlten Frust" wahr, also schon körperlich als erweiterte Reaktion. Dieser Reaktion ging das Erkennen voraus, dass ein Wunsch, eine inständig erhoffte Vorstellung, oder eine Erwartung nicht eintraf, nicht zustande kam oder nicht umgesetzt werden konnte. Der Mensch hat allerdings – weil es sein Wunsch war – schon fest daran geglaubt. Er konnte, oder wollte aber nicht von vorneherein wissen, ob seine Erwartung auch zutreffen würde. Er glaubte bloß daran!

Die Erkenntnis des Nichteintreffens wirkt sich auf sein physiologisches System aus, aktiviert die Drüsensekretion und zeigt sich ihm als "physische Reaktion" des Körpers. Diese Entwicklung dahinter nimmt er aber kaum noch wahr und die Lehre daraus kommt ihm nur in seltenen Fällen: er hat geglaubt, das seine Vorstellung oder Erwartung (sein Wunsch) in Erfüllung ginge und er hat fest darauf gebaut, vielleicht sogar schon weitere Pläne gemacht, die  er im Anschluss an die erwartete Erfüllung in Angriff nehmen könnte.

Dadurch, dass er sich lediglich auf den Wunsch konzentrierte, aber die Machbarkeit oder rationale Umsetzung nicht in Betracht zog (weil er glaubte, aber nicht wusste, dass/ob es funktionieren würde) unterlag er einer (Selbst)Täuschung. Er drückt es so aus: "ich habe mich getäuscht - ich habe mich geirrt", erkennt aber aus Gewohnheit schon nicht mehr den tieferen Sinn dahinter.

Dieses Verhalten sollte uns zu denken geben, denn der Enttäuschungen gab und gibt es bei jedem, bzw. jeder erlebt sie relativ häufig, so dass der Gewohnheitsfaktor hier eine Rolle spielt: wir sind es schon gewohnt, dass wir manchmal eine Enttäuschung erleben. Durch die Häufigkeit wird die Erkenntnis dessen, was die Enttäuschung darstellt, abgestumpft und sie wird zwangsläufig als etwas Fatales empfunden, etwas, das halt zum Leben gehört. Aber auch das ist wiederum eine "Selbsttäuschung", weil wir die Zusammenhänge und die Ursache der Enttäuschung nicht mehr bewusst wahrnehmen. Wir beruhigen uns mit der Erklärung, dass das eben so sei im Leben. Nun, das muss nicht so sein!

Wenn der Mensch anstatt tatenlos zu glauben und zu hoffen, die Dinge selbst in die Hand nimmt und sich auf ein Ziel, anstatt auf einen Wunsch konzentriert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sein Ziel erreicht (sein Wunsch sich erfüllt) um vieles realistischer. Selbst wenn er das Ziel dann nicht erreicht, wird er unterwegs die Gründe dafür kennen lernen und das Gefühl der Enttäuschung wird ausbleiben, weil kein Grund für eine Enttäuschung gegeben war, weil er eine Erklärung für das Nichtgelingen auf direktem Weg selbst erfuhr. Es wird als keine zusätzliche und festigendeTraumata für seinen kulturell bedingten, erworbenen Mindeswertigkeitskomplex geben.

Wenn wir nun betrachten wie vielen Enttäuschungen wir schon "zum Opfer fielen", weil wir uns unseren Vorstellungen und Erwartungen regelrecht "auslieferten" und unsere Hoffnung allein auf dem "Glauben an das Gelingen" gründeten, verstehen wir auch die Zusammenhänge der Ent-Täuschung in Bezug zu einer Weltanschuung, bzw. einer Weltbetrachtung.

Jedweder Enttäuschung im Alltag oder einer Ent-Täuschung über oder von einer Weltbetrachtung geht immer die emotionale Furcht (nicht Angst) als Verhinderer, als Bremse voraus:"Was wäre wenn es nicht so sein wird, nicht so ist, wie ich mir das vorstelle?"  Durch diese intime Frage und den Druck der insgeheim schon geahnten Antwort, wird die Ent-Täuschung verhindert oder immer wieder aus Neue hinausgeschoben. In der Praxis weisen wir den Gedanken eines Nichtgelinges weit von uns. Wir beruhigen unsere Zweifel.
 Dieser Vorgang des Verdrängens wird ausschließlich emotional und nicht intellektuell gesteuert und ist an sich eine Art Schutzmechanismus, der uns in unserem emotionalen Denken bestärkt und uns vom rationalen Denken entfernt. Eine Ent-Täuschung als solche wäre für unser Denken und Leben nutzbringend(positiv), da wir aber durch unsere kulturelles Gepäck (Glaube, religion, Zivilisation, Moral, Ethik, …)  eher der Täuschung (schadenbringend-negativ) verhaftet sind, bzw. quasi darauf vorprogrammieret sind, arbeiten wir gegen uns, weil wir die Ent-Täuschung nicht zulassen.

Im klartext hieße das: es ist für uns tragischwerweise bequemer, in Ungewissheit zu leben und mit Spekulationen, Vorstellungen und Erwartungen zu jonglieren, darunter zu leiden und in diesem Verhaltensmuster zu verbleiben, als dass wir unsere Denkkapazitäten und Möglichkeiten ausschöpfen würden, ergo dann auch den Mut und die Lust hätten, uns der Realität des Lebens zu stellen. Es ist durchaus legitim, dem Leben Lust abzugewinnen, aber nicht immer einfach, weil wir auch unter Lust, wieder verschiedene Dinge verstehen. Es ist deshalb bedeutend zerstreuender und ablenkender (auch ein Lustgewinn) wahlweise in ein paar Schein-Welten zu leben, neue zu erfinden und selbst  zu modellieren usw, als bewusst in dieser Welt zu Recht kommen zu wollen.

Unsere Probleme entstehen durch unser Verhalten, sie werden uns nicht von "Schicksal" übertragen oder vorausgeschickt. Unsere Probleme machen wir uns selbst und wir werden sie solange machen, wie wir die Ent-Täuschung als Lehre für unser Verhalten nicht zulassen.

Hinter der Eingangsfrage - die sehr viele Menschen so oder ähnlich stellen - stehen weitere, sehr stark emotional gefärbte Fragen wie z.B.:

 

 -Ist denn alles Quatsch, war es falsch, was ich bisher gedacht, geglaubt und getan habe?

 

-Woran soll ich mich denn noch erfreuen, wenn ich nicht mehr hoffen kann, oder nicht mehr zu hoffen brauche?

 

-Wovon oder worüber soll ich dann noch träumen?

-Wie öde und langweilig wird das Leben sein, wenn ich keine Phantasie (Vorstellungen, ausgemalte Erwartungen ... ) mehr brauche, oder sie auf nichts mehr anwenden kann?
 

-Woran kann ich mich noch klammern, anlehnen oder wo kann ich noch Trost und Verständnis suchen, wenn sich mein Glaube als Verantwortungs- bzw. Realitätsflucht oder als eine aus der Angst vor Verantwortung geborene Projektion entpuppt?

-Wem soll ich dann die Verantwortung übertragen? (Diese Frage werden sich wohl die wenigsten stellen, weil sie einem gescheiten Eingeständnis gleichkäme)

Was bleibt also übrig, was wird sich daraus ergeben ?

Logischerweise wird der Mensch dann (endlich? ) ruhevoller und angemessener leben können. Er wird sich entsprechend seinem Intellekt, dessen er sich so rühmt, weiter entfalten, bzw. sich auf das Leben als solches konzentrieren, anstatt sich von oder durch seine(n) Vorstellungen und Erwartungen, seine(n) Emotionen und falschen Denkmodellen selbst abzulenken, bzw. ablenken zu lassen und im Grunde unglücklich zu sein. Der Mensch heute ist nicht "glücklich". Er verschafft sich Glück. bzw. gaukelt es sich vor, um seine Lebens- und Verhaltenslüge, seine nutzlose(schadenbringende) Verhaftung mit (dem) Glauben zu überdecken und sein (quasi masochistisches) Leiden erträglicher zu gestalten.

Als Getäuschter glaubt er, der vermeintlichen, öden, langweiligen, lustarmen, glückfreien und vor allem "sinnfreien" Zukunftsrealität entgehen zu können. Die Negierung und Abweisung dieser, von ihm derart "geglaubten" Zukunftsrealität hat sehr tiefe Wurzeln, die – wie sollte es anders sein – in den Tiefen unser religiösen, moralischen und ethischen "Erziehung" zu finden sind. Dem Menschen wurde seit frühesten Zeiten von Seinesgleichen der Glaube indoktriniert und die Unselbstständigkeit, bzw. Minderwertigkeit als Individuum mit auf den Evolutions- und Lebensweg gegeben (Beispsiel Gnosis).

Was wir inzwischen wissen (und nicht bloß zu glauben brauchen), ist, dass es aus Zwangssituation auch jeweils einen Ausweg gibt. Der Ausweg aus dem Glauben ist das Streben nach Wissen. Dazu bedarf es Mut und den Willen zur Abkehr vom Nur-Glauben. Weil der Mensch eine "andere"  Zukunft wegen seinem erworbenen kulturellen Denken nicht anerkennen darf, ergo auch nicht kann und will, vermag er sie sich auch nicht zu denken.

Wenn alles erklärbar und nachvollziehbar wäre, hieße das im weiteren Zusammenhang, dass der jetzige Mensch die Mutation von der mentalen Bewusstseinsstufe in die aperspektivische geschafft hätte. Ich vermeide bewusst von der Überwindung von Zeit und Raum zu reden, da uns diese Diskussion - durch ihre Mystifizierung und Relativität, sowie ihre okkulte Verballhornung in Standpunktgefechte verwickeln würde, die im aperspektivischen Denken und Leben ohnehin keinen Platz mehr hätten. Die Flucht in okkulte, esoterische oder pseudo-metaphysische Sphären ist ein Kind des Glaubens. Diese Denkweise entspricht jener der ersten von drei aufeinanderfolgenden Bewusstseinsmutationen - der magischen – und hat dort, den ihrer "speziellen" Logik angemessenen Platz.

Das aperspektivische Denken, mit dem wir uns schwer tun, weil es uns noch kein nachvollziehbarer, bzw. vorstellbarer Begriff ist, wurde schon vor seinem "Inkrafttreten" esoterisch vergewaltigt, weil man glaubt, mit der Ganzheitlichkeit des Wahrnehmens die Berechtigung oder Existenz so genannter Parallelwelten nachweisen zu können, was wiederum – wie eingangs erklärt – eine Abwehr der Ent-Täuschung darstellt, um den Glauben aufrecht erhalten zu können. Solange aber der Verstand von der religiös vergewaltigten Phantasie und nicht von der Logik gesteuert wird, bleibt die aperspektivische Bewußtseinsstufe uns unerreichbar. Die Eingangsfrage bräuchte nicht gestellt zu werden, weil alles beim "Alten" bliebe.


 

 

 

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 Es stände besser um die Welt, wenn die Mühe, die man sich gibt, die subtilsten Moralgesetze auszuklügeln, zur Ausübung der einfachsten angewendet würde. (Arthur Schopenhauer)

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Wer in Glaubenssachen den Verstand befragt, kriegt unchristliche Antworten.
(Wilhelm Busch)