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Religion - Gott - Kirche Die meisten von uns tun sich schwer, um in Diskussionen und Streitgesprächen auf Dauer Gott, Religion und Kirche zu trennen. Drei Paar Schuhe können wir nicht zur gleichen Zeit anziehen und so verhält es sich auch mit Gott, Religion und Kirche. Alle drei in einem Aufwasch zusammen zu diskutieren, erschwert dem Ablauf der Diskussion. Sie haben nicht zwingend etwas miteinander zu tun und – sieht man noch genauer hin – stehen sie sich sogar entgegen und widersprechen sich in ihrer Art und in ihrer Zielsetzung. Grob ausgedrückt, ist weder Gott noch die Religion verwaltbar. Auf ihr Sein, ihrem Sinn und ihrem Zweck bezogen, ist es offensichtlich, dass niemand etwas persönlich Transzendentes, etwas Numinoses wie Gott oder eine gefühlte und gelebte Religion als allgemeingültige, verbindliche Weltanschauung dekretieren kann oder darf, ohne dass er sich die Frage gefallen lassen muss, mit welcher Begründung er es rechtfertigt, unbeweisbare esoterische Gebilde quasi als normativ proklamieren zu können. 1. Religion Etymologisch geht Religion als Wort und als Begriff auf das lateinische religio zurück, welches wiederum von zwei griechischen Wörtern abgeleitet wurde: religere/relegere und/oder religare. Relegere ist älteren Datums und wird Cicero (106-43 v.u.Z.) zugeschrieben. Es bedeutet: „sorgfältig, nachdenken, überdenken, wiederholt bedenken, überprüfen, kritisch sein angesichts einer wichtigen Sache …“. Ciceros Schüler Poseidinos (135-51) erläutert, daß religio vor allem als Urphänomen des Menschen angesehen werden muß: „ein allen Menschen eigentümlicher Drang, die Wirklichkeit und die Wahrheit der Welt zu erforschen“. Der Bezug zu Gott, den die Kirche mit religio herstellt, ist eigentlich eine recht eigenwillige Konstruktion, sogar eine willkürliche Verballhornung des ursprünglichen Begriffs. Die lateinische Sprache verfügte über kein Wort, welches das Verhältnis des Menschen zu Gott ausdrückte. Im dritten Jh. n.u.Z. bastelte der Kirchenrhetoriker Lactantius (250-320) eine verbale Sinnbindung des Menschen an Gott, indem er das griechische Wort religare (anbinden, festbinden) nach religio latinisierte und den Ursprung von Religion markiert. Da aber schon Cicero das Wort religio benutzte und definierte, erhält es durch die lateinische Version einen doppelten, wenn nicht sogar entfremdeten Sinn. Religion wird synonym mit Glaube gebraucht, eine geglaubte Bindung an eine Divinität, wobei zu bemerken wäre, dass religio, bzw. Religion ebenso gut eine Bindung an die Russellsche Teekanne darstellen könnte, ergo lediglich hypothetischen Wert hat. Hinzu kommt, dass Ciceros und Poseidons Erläuterungen (siehe oben) für religere und religio auf den Begriff „Wissen“ (erforschen, kritisch prüfen usw.) hinweisen, bzw. mit ihm verbunden sind, derweil die von der Kirche „verwaltete“ Religion ausschließlich auf „Glauben“ (unkritisch übernehmen, ungeprüft, nicht überprüfbar, unbeweisbar) basiert. Als das Wort „Religion“ im 16. Jh. als Bezeichnung für die Ideale der Humanisten zum philosophischen Begriff wurde, war die Ambivalenz offensichtlich. Für meinen Teil interpretiere ich Religion als ein urtümliches Gefühl,(Urphänomen), eine Intuition, welche den Menschen in seiner archaischen Bewusstseinsphase wahrscheinlich aus lebenswichtigen Gründen und Motiven dazu veranlasste, sich in einer Gruppe zu sammeln, bzw. sich ihr anzuschließen, so zusagen ein „Rudel“ zu bilden, in dem er sich unter Gleichen geborgen und aufgenommen, entsprechend dem Wort religare an die Gruppe „angebunden“ oder mit ihr verbunden fühlte, um in der Gemeinschaft jenes Gefühl zu definieren, das alle miteinander verband. Dies geschah in einer Phase der Bewusstseinsentwicklung, in welcher der damalige Mensch aus seiner Identitäts- und Gegenüberlosigkeit, während der er erst seine Umwelt entsprechend seinem noch nicht entwickelten „Verstand“ erfassen und erfahren musste, den Schritt in die Wir-Situation machte und die Vorteile kennen lernte, in zweckgebundenen Gruppen und später in Clans oder Sippen zu leben. Er entwickelte ein (demütiges oder dankbares) Gefühl der Dazugehörigkeit zu seiner Art und entfernte sich kontinuierlich vom Zustand der Gegenüberlosigkeit, in der er nur einen instinktiven Unterschied zwischen sich und seiner Umwelt machen konnte. Entsprechend dieser Betrachtung ist „Religion“ in uns allen archetypisch vorhanden und in gewissem Sinn ein überkommenes, instinktives Bedürfnis, uns „an jemand anzubinden“ und gemeinsam die Erfahrung zu suchen und Erkenntnis zu erlangen. Wir sagen noch heute, dass zwei paar Augen mehr sehen als eines, ergo müsste die Wissenssuche in der Gemeinschaft eigentlich erfolgreicher sein. Das ist sie auch, aber nur bedingt, denn die Gruppe, die Masse entwickelt eine eigene Dynamik. Betrachten wir die Religion kritisch von außen und nicht als vorgegebene Weltanschauung, müssen wir die Faktoren des kontinuierlichen Erkennens der Umwelt und der Wechselwirkung „mit den Augen“ des damaligen Bewusstseinsstandes sehen. Der Mensch deutete seine Umwelt, erkannte die ersten dualistischen Werte wie z.B. nützlich und nutzlos, gefährlich und harmlos usw. Aus diesen Erkenntnissen sammelte er bestätigende Erfahrungen und entdeckte beispielsweise in der Sonne eine „Macht“, die er mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und seinem Wissen nicht beeinflussen konnte. Er war ihr so zusagen ausgeliefert, wie er der Nacht, der Dunkelheit, der Hitze und Kälte, der Nässe und Trockenheit, dem Hunger und dem Durst ausgeliefert war. Er lernte, sich behelfsmäßig vor diesen Mächten zu schützen, gewann ihnen das Nützliche ab und versuchte das Unnütze zu vermeiden, bzw. zu umgehen. Er konnte aber die beständige Macht dieser Dinge nicht beeinflussen, also suchte er Erklärungen. Noch unter dem Einfluss des archaischen Lebens, dem „friß-oder-stirb-Kreislauf“ unterwarf er sich diesen Mächten und versuchte sie in und mit der Gruppe günstig für sie zu stimmen, mit List, einer Fähigkeit, die er im Umgang mit Seinesgleichen im Überlebenskampf und mit Tieren auf der Jagd gelernt hatte. Er ordnete den Mächten Aspekte und Eigenschaften zu und erdichtete emotional erlebte Geschichten, die als damalige Lebenserfahrung an die Nachkommen weitergereicht wurden. Der Schritt zur Entwicklung erster Mythen und Divinitäten war getan. Mythen sind die Quellen der Religion, des Aneinandergebundenseins von Mächten und Menschen und werden zu geglaubten Lebenswirklichkeiten, die erst durch kritisches Hinterfragen und Überprüfung an mythisch-religiöser Wirkung verlieren. Der archaische Mensch befand sich an der Schwelle seiner nächsten Bewusstseinsstufe, die magische. Er entwickele Riten, entwarf Symbole und vereinte verschiedene Gruppen zu einer größeren Gemeinschaft mit gemeinsamen Interessen und gemeinsamen Glaubensvorstellungen, in denen in der Entwicklung immer mehr kleinere Gruppen und hilflose Einzelne beitraten, um Geborgenheit und Solidarität in der Masse und Schutz gegenüber den Mächten zu finden. Das primitive religiöse Gefühl gab dem Menschen einen Sinn für sein Dasein, half ihm aus prekären Geisteskrisen und entlastete ihn vom Druck sozialer Not oder der Belastung durch ungeklärte, auf ihn einstürmende Fragen und er dankte es den Mächten aus Angst vor Konsequenzen mit Demut und Hingabe, in der Hoffnung auf deren Wohlwollen. Die Angst vor Repression, wie er sie im Kampf ums Überleben kennen gelernt hatte, erweiterte sich zur Angst vor der Missgunst der Mächte ihm gegenüber. Er projizierte die befürchteten Repressionen, wie auch seine eigenen Eigenschaften nunmehr auch auf die Divinitäten und verlieh ihnen dadurch einen dem Menschen ähnlichen Charakter. Um sich die Mächte vorstellen und besser mit ihnen kommunizieren zu können, verlieh er ihnen entsprechend seiner Vorstellungskraft und seiner Ängste mitunter ein menschliches, bzw. chimärenhaftes Aussehen. Betrachtet man die frühen abendländischen Religionen und Kulte, so unterscheiden sich die Götter und ihre Helfer kaum von den Menschen, die ihnen huldigten, außer, dass in den Göttern die menschlichen Eigenschaften sich in der Potenz vereinten. Im Grunde hat das „religiöse Gefühl“ als Urphänomen rein gar nichts mit Religion, wie sie heute verstanden wird und nichts mit Götter- oder Gottesglaube, Kirche oder institutionalisiertem Glauben zu tun. Das „religiöse Gefühl“ an sich ist nicht einmal eine Weltanschauung. Es ist eine rein menschliche Eigenschaft, die die Menschen durch archaische, in unserem kollektiven Gedächtnis archetypisch verankerte Lernprozesse bedingt verbindet. Es ist eine flexible Eigenschaft, die sich beim Menschen während seiner Entfaltung als trieb- und gefühlsgesteuertes Wesen den gegebenen Umständen entsprechend anpasste, evoluierte und verfeinerte und ihn in seiner Weiterentwicklung zu dem machte, was einen gesellschaftsfähigen, kommunikativen und trotzdem individuellen Menschen ausmacht.An diesem ursprünglichen religiösen Gefühl haben weder der Glaube noch die Götter oder irgendwelche „Religionsstifter“ oder die Kirchen einen Anteil, geschweige denn können sie darauf irgendeinen gültigen und nachweisbaren Anspruch erheben. 2. Gott Ein Forenfreund definierte ihn nüchtern: „Gott ist für mich allenfalls ein universelles Wertesystem. Keinesfalls ist Gott ein älterer Herr mit langem weißen Bart, der von irgendwoher über uns wacht.“ Ein anderer formulierte es so: „Gott/Göttliches/Mystisches/Transzendentes ist absolut überbewertet. Leider ist das kein dummer Spruch, sondern traurige Wirklichkeit auf dem Planeten Erde“. Womit beide, ersterer indirekt, das Phänomen Gott in und auf unsere Welt, unser „Universum“ oder unseren Planeten beschränkten, quasi dem Menschen als menschlich zu betrachtendes Phänomen zuordneten. Die Ideologisierung, bzw. Überbewertung zeigt sich in der Gottesidee. Indem der Mensch gegenüber den Mächten seine Unzulänglichkeit erkannte und die Gerechtigkeit und die Weisheit - derer er sich ebenfalls seiner eigenen Grenzen mehr oder weniger bewusst war - über alle menschlichen Grenzen hinaus steigerte und sublimierte und sie in die, ihn dominierenden Mächte hineinprojizierte, minimisierte er seine eigene Wertigkeit und entfernte sich von sich selbst, als demjenigen, der dies unbewusst provozierte. Er äußerte Vorstellungen und Wünsche von Eigenschaften, die er gerne besitzen möchte, die er aber, wie er aufgrund seiner anerzogenen Minderwertigkeit gegenüber den Mächten glaubte, nicht/nie besitzen würde, da es über sein Vermögen hinaus ginge. Er projizierte diese und zahlreiche andere Vorstellungen in eine (Gottes)Idee, die diese ihm - wunschentsprechend - zurück vermitteln soll (Offenbarung), weil er glaubte, nicht imstande zu sein, sie aus sich selbst zu entwickeln. Die Entwicklung der Gottesidee hat den Menschen als dem unbewussten Erfinder im Lauf seiner Evolution zu einem Abhängigen seiner Vorstellungen gemacht. Aus Gründen des Überlebens, des annähernden Verständnisses seiner real und kausal wahrgenommenen Welt und aus der Frage nach dem „woher“, aus Gründen der Not und der Angst, aber wohl auch aus Erlebnissen der Freude, hat er sich mangels sofortigem Durchblick durch diese Projektionen selbst Denkbarrieren gesetzt, über die er seitdem fest glaubt, nicht hinaus zu kommen: Gott. Der Mensch hat seine Denkkapazitäten quasi unbewusst selbst beschränkt und die Antwort auf viele seiner dringenden Fragen einer Gottesidee überantwortet. Dies hatte zur Folge, dass er in gewissen Lebenslagen nicht über seine Grenzen hinaus zu denken brauchte, weil es „etwas“ gab, das ihm in dieser Hinsicht weit voraus war und ihn durch seine Weisheit und Güte durch das Leben führte. Dieser Umkehreffekt beweist auch, dass ergo nicht Gott den Menschen wortwörtlich nach seinem Ebenbild, sondern die Menschen Gott nach ihrem Wunschbild geschaffen hat. (lt. Feuerbach) Durch die Überladung mit immer mehr absoluten Elementen erscheint der Umkehreffekt verständlich, weil den Gläubigen eine absolute Macht, wie Gott sie darstellt, dem Menschen „nur“ vorgelagert sein muss, da sie ja nicht dem menschlichen Sein entspricht und das menschliche Fassungsvermögen an seine Grenzen führt. Dieser Umkehreffekt, der Prozess der Projektion und Verabsolutierung, diente dem Menschen zu dem (unbewussten) Zweck, dem Realitätsdruck zu entfliehen und mangels Verständnis und aus Hilflosigkeit, Trost in der Transzendenz zu finden. In einer Transzendenz, die der Mensch sich selbst erschuf - im eigentlichen Sinn ein aus der Not geborener Selbstbetrug, womit wir das rein philosophische Gebiet verlassen und uns auf psychologischem Terrain bewegen. Einerseits ist Gott sowohl als divinatorisch-transzendente Macht als auch als personifizierter väterlich-strenger Universumsschöpfer eine, auf dem Umkehreffekt beruhende, ergo aus der gegenüber den Mächten gefühlten Minderwertigkeit geborene Denkbarriere, über die „der Mensch nicht hinaus denken sollte“ - so wird es uns zumindest direkt vermittelt und in dem mosaischen Geboten und dem Katechismus der Katholischen Amtskirche deutlich vorgeschrieben. In anderen Worten und in Anbetracht des Umkehreffekts hieße das, dass wir Gott, ergo uns selbst nicht in Frage stellen dürfen. Andrerseits stellt Gott als moral- und ethik-gebende Instanz wiederum nur eine Verkörperung der menschlichen Wünsche und Vorstellungen dar, ein Wunschidol, welches die Eigenschaften hat, die der Mensch sich wünscht, aber glaubt sie (aus dem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Gott) nicht erreichen zu können, zu dürfen! Das Verhältnis des Menschen zu Gott wurde relativ früh ausgearbeitet, in einen dogmatischen Rahmen gepresst und liegt in der altpersischen Gnosis als u.a. für den Okzident und seine Religionen wegweisende metaphysische Ordnung verankert. Sie stellt den Menschen – vereinfacht und verdichtet dargestellt - als unwürdiges Geschöpf dar, das als unbedarftes, niederes Wesen im irdischen Elend leben muss und sich um seiner selbst Willen zu vervollkommnen hat, um durch den „Erlöser“ letztendlich zu dem allmächtigen Gott (der in der Gnosis keine Schöpfertradition hatte) hinauf zu steigen, sich mit und in ihm aufzulösen (zu verbrennen) und anschließend wie Phoenix aus der Asche wieder auf zu erstehen. Aspekte dieser Gnosis sind quasi in allen okzidentalen Religionen und Myterienlehren (sog. Geheimwissen) wieder zu finden. Der Begriff Gott steht für mich in keinen Zusammenhang mit (der) Zeit. Deshalb ist für mich auch die Zeit kein Kriterium oder Hindernis, um Gott (nicht) bestimmen zu können. Die Kausalität und die Evolution kann ich gedanklich nachvollziehen. Beide sind beweisbar und ich kann sie begreifen, unabhängig von Zeit (und Raum). Ich sage Gott um der Kommunikation wegen, nicht aber weil ich ihn teile. Ich muss die postulierte transzendente Existenz eines Gottes auch nicht beweisen, da ich ihn nicht teile. Um der Kommunikation mit mir selbst wegen und jener mit den Menschen, kann ich das Phänomen Gott aber durch zeit- und emotionsunabhängige Überlegungen und Vergleiche bestimmen und mit für mich gedanklich erfass- und begreifbaren Argumenten auf seinen Ursprung reduzieren. Grob vereinfacht, hat Gott seinen Ursprung in der menschlichen Phantasie. 3. Argumente Ich stimme einem Diskussionsfreund zu, wenn er sagt: „Wenn ich mir aussuchen kann, ob ich daran glaube oder nicht, was spricht dann dafür? Die Gründe lassen sich mit Gedanken erfassen und können diskutiert werden. Dinge, für die nichts oder nur wenig spricht oder die anders besser und einleuchtender erklärt werden, sollte man meiner Meinung nach verwerfen“. Wenn ich mir die Frage stelle, ob religiöser Glaube oder die Existenz Gottes in einer empirisch-wissenschaftlich ausgerichteten Weltsicht mit dieser vereinbar seien und/oder auf welche wissenschaftlich anerkannte Beweise beide sich berufen können, kann ich ihre Wirklichkeit, ihre Wahrhaftigkeit nicht mehr anerkennen. Realistisch gesehen, ist die praktische Relevanz Gottes und der auf ihm fußenden Religion nicht nützlich und für das Leben nicht ausschlaggebend. Gott und Religion sind zur Festigung einer Gesellschaft nicht erforderlich. Auch zur Motivation und zur Praxis moralischen Handelns stehen den Menschen andere, intellektuelle und intelligentere Antriebsfedern zu Verfügung als die Angst vor dem jüngsten Gericht, die Hoffnung auf ein ewiges Leben oder die Reinkarnation. Ich wende mich gegen eine utilitaristische Rechtfertigung oder Begründung Gottes oder der Religion. Die „Wahrheit“ beider kann nicht von ihrem angeblichen gesellschaftlichem Nutzen abhängig gemacht werden und ihre allein auf Glauben beruhenden Vorgaben sind dem Zusammenleben der Menschen nicht von vorneherein und ausschließlich nutzbringend. Religion mag aus Sicht der Kirche und ihrer Anhänger „moralisch“ nützlich sein, diese Auffassung ist verstandesmäßig nichtsdestoweniger nicht haltbar. Den Intellekt zugunsten der Moral zu opfern, ist nicht zu rechtfertigen. Gedanken, Überlegungen und die freie Meinungsäußerung sind in Bezug auf ihren gesellschaftlichen Nutzen immer vorrangig zu bewerten. Ihre Unterdrückung, bzw. die Bevormundung einer denkfähigen Gesellschaft durch die Kirche mittels einem doktrinären Glauben ist inakzeptabel. Auch die Rechtfertigung Gottes mit der Berufung auf die Kausalität ist bloß ein erfahrungsfreies Apriori-Argument. Wir erklären zwar allgemein alle Ereignisse, auch die Entstehung der Welt und die Ordnung in der Natur mit ihren Ursachen und benutzen dazu die Analogie. Die kausale Erklärung für Gott und die Natur ist allerdings ein unberechtigter Analogie-Schluss, da wir davon ausgehen, die Universalität der Ursache-Wirkungs-Beziehung kausal aus der Erfahrung ableiten zu können. Unser Verständnis und die Anwendung der Kausalitätsgesetze beziehen sich jedoch ausschließlich auf das Veränderliche. Auf das Unveränderliche, beispielsweise auf das Sein an sich, können wir sie nicht applizieren. Von der Kausalität und der Analogie her können wir also nicht auch auf die Realität einer ersten Ursache schließen, sonst stünden wir vor dem Dilemma, was zuerst war: das Ei oder das Huhn. In anderen Worten darf uns unser kausales Denken nicht zu dem Apriori-Schluss verführen, dass das Universum als Ganzes zwingend einer Ursache, ergo im religiösen Zusammenhang, eines Schöpfers, eines Gottes als schöpfende Ursache bedurft hätte. Der Engpass, der entsteht, wenn wir „bis zum Anfang“ vordringen, darf uns nicht zu dem Apriori-Schluss verführen, dass es notwendigerweise ein Wesen geben muss, von dem wir die Existenz allen Seins ableiten können. Auf diesem Weg ist Gott weder zu bestätigen, noch zu verwerfen.Von der Zweckmäßigkeit, der Funktionalität und der Ordnung der Natur auf Gott oder einen Schöpfer zu schließen, ist ein Aposteriori-Argument, weil es vordergründig den Anspruch erheben kann, induktiv auf Erfahrung zu beruhen, sprich kausal erklärbar zu sein. Angewandt auf das Unveränderliche wird dieses Aposteriori-Argument wieder zum Apriori-Schluss. Die Logik und die Wissenschaften haben es dem Menschen ermöglicht, nicht mehr an einen Gott glauben und einer Religion angehören zu müssen. Sie verbieten ihm beides aber nicht. Kant sagte sinngemäß, dass man Gottes Existenz zwar nicht beweisen könne, seine Nicht-Existenz freilich auch nicht. Das mag rhetorisch richtig sein, allein, es ist nicht die Aufgabe des Atheisten oder Gottlosen, die Nicht- Existenz Gottes zu beweisen. Diese Aufgabe kommt denjenigen zu, die an ihn glauben, bzw. denjenigen, die ihn als ultimative Kraft propagieren. Den diesbezüglichen Beweis sind sie ihren Anhängern noch immer schuldig. Eigentlich lässt sich alles mit Gedanken erfassen und analysieren, aber dem Menschen (oder den meisten) stehen der Glaube und die von ihm direkt und indirekt hervorgerufenen Emotionen im Weg und beeinflussen die Gedanken einseitig. Dies ist besonders dann der Fall, wenn wir „allein denken“. Allzu schnell wird das Denken (fast unwillkürlich und von uns unbemerkt) von erworbenen Emotionen eingefangen, verfärbt und dementsprechend auf „andere Bahnen“ gelenkt, die so zusagen „von unserem inneren Schweinehund“ (in gewisser Weise auch Gott) bestimmt werden, der nicht gerne in seiner Ruhe gestört wird und eigentlich weiter vor sich hindümpeln möchte, nichts erklären möchte oder erklärt haben will und sich seine bequemen Standpunkte auch nicht verwerfen lässt. Wer möchte es schon wagen, über seinen Schatten zu springen. Er versucht es gar nicht. Es ist befreiend, wenn ich eine mir einleuchtende und verständliche, realistische Definition habe, die ich gedanklich und unabhängig von Emotionen, gegenüber jedem und in allen Lebenslagen sachlich argumentieren und vertreten kann. Das Transzendente brauche ich mir nicht zu erklären, da es genau wie das Abstraktum Gott keinen gedanklichen Ansatzpunkt hat. Es gibt keine vernünftige und rationale Erklärung dafür, weil es dem Leben als solchem fremd und nicht von Nutzen ist. Das Transzendente kann außer nostalgisch-romantischen Emotionen nichts lebenswichtiges bewirken, im Gegenteil verführt es den gläubigen Menschen zu Gedankengängen, die ihn von seiner eigenen Realität entfernen und je nach Intensität des Glaubens und der Hingabe des Glaubenden von sich selbst entfremden. Das Abstraktum Gott ist ein Anachronismus aus der archaischen und magischen Bewusstseinsphase des Menschen. Die Magie wurde während Jahrtausenden „betrieben“ und erklärt, vergöttlicht und verteufelt, definiert, mystifiziert, erforscht und und ... bis Jean Gebser sie nüchtern und sachlich, folgerichtig und logisch auf den Boden der Realität zurückholte, indem er sie anhand von anthropologischen, soziologischen und philosophischen Beweisführungen entmystifizierte und auf einen ganz irdischen Kontext reduzierte. 4. Freies Denken Die oft zitierte Einwendung, dass „es zwischen Himmel und Erde noch so Vieles gibt, was wir uns nicht erklären können“, verwerfe ich mit dem Argument, dass wir uns heute schon viel, viel mehr erklären können, als die Menschen das noch vor hundert Jahren vermochten. Abgesehen davon, lieferte uns die Philosophie schon vor mehreren hundert Jahren Denkanstösse und Argumente, um die Nützlichkeit metaphysischer Hypothesen in Frage stellen zu können. Das geschah durch Denkprozesse, Überlegungen, Abwägungen und der Suche nach Indizien und stichhaltigen Beweisen. Für Gott - egal welcher Art er geglaubt wird - gibt es kein einziges Indiz, das nicht gedanklich verworfen, bzw. widersprochen werden kann. Wenn wir meditieren um zu entspannen, oder um „in andere Welten einzutauchen“, können wir auch nicht auch die Meditation zum freien Assoziieren und assoziativen Denken nutzen? Entspannung ist manchmal notwendig, andere Welten sind Ablenkung oder Realitätsflucht, aber von und durch Gedanken leben wir. Wer sich für Gott - egal welcher Definition – entscheidet und den Weg des Glaubenden geht, kann fürderhin ohne Gott keine selbstständige Entscheidung mehr treffen, das heißt: er muss den Faktor Gott bei allen seinen persönlichen Entscheidungen mit einbeziehen, und zwar zwingend. Dieser Mensch ist ergo nicht frei in seinen Entscheidungen und seine Gründe für die jeweiligen Entschlüsse können a priori auch nicht frei sein. Wenn ich das in größeren Zusammenhängen schaue, finde ich auch die Bestätigung für das, was unter anderem Schopenhauer, Nietzsche und Freud postulierten: „Alles wiederholt sich“. Die allermeisten Menschen drehen sich in Bezug auf die Entwicklung ihrer geistigen Freiheit im Kreis, einem weiten Kreis zwar, aber immerhin. Warum ? Weil der geglaubte Faktor Gott die Barriere zur menschlichen (geistigen) Entfaltung darstellt und ihnen das Denken über ihn hinaus versperrt. Da sie die Mehrheit darstellen, wird es der verbleibenden Minderheit umso schwerer gemacht, aus diesem Teufelskreis, in dem sie gesellschaftlich mit gefangen sind, auszubrechen Ein gläubiger Freund meinte: “Sich Gott über das Denken zu nähern, ist aus meiner Sicht zum Scheitern verurteilt.“ Für den Gläubigen, welcher durch seine, mittels Gott und Religion kulturell erworbenen Denkbarriere nicht anders kann, als so zu raisonieren, mag das gut und richtig erscheinen. Allein, es beweist lediglich das, was ich vorhin erläutert habe.Eine Definitionsdiskussion über das Phänomen Gott kann nur philosophisch-psychologisch sein. Jede andere Startbasis, etwa die theologische, wäre der Gedankensperre unterlegen. Wenn ich die Philosophie in ihrer Entwicklung betrachte, so begann sie erst in den so genannten „wilden Jahren“ (18/19 Jh.) aus der religiös-göttlichen Klausur und dem entsprechenden Bezugsdenken auszubrechen. Die Phase der so genannten „wilden Jahre“ war ihre wohl fruchtbarste und mutigste Zeit, wurde aber von den Nachwehen der Reformation, den neuen Gralssuchern und dem Wiederaufkeimen des zweckorientierten religiösen Denkens und Handelns wieder eingefangen und zurückgeschraubt. Die Wende rückwärts war vollzogen und die schlecht informierte Masse erhielt keine Chance, um sich mit der Denkwende überhaupt einmal auseinander zu setzen. Sie wurde ihnen quasi vorenthalten, bzw. vor der Nase weggenommen. Ich kann die Formel, das „alles Existierende einmal gedacht wurde“ nicht akzeptieren, da sie einen der menschliche Vorstellung entsprechenden Gott voraussetzt, der aber als solcher erst mit dem Menschen in dessen Denken entwickelt wurde. Als die Papstkirche vor zweitausend Jahren ihre Macht und ihren Einfluss in Europa geltend machte, geschah das radikal mit Gewalt, Kriegen und abertausenden von Toten, mit Kulturvernichtung, mit Dekretierung und Indoktrinierung eines Glaubens, der bis heute die Gesellschaft Europas markiert und die Entwicklung dieser Gesellschaft auf sozialem Plan und in soziologischer Hinsicht auch weiterhin bestimmen wird. Es ist nicht mehr (nur) der Glaube(Religion) oder die Kirche, sondern die daraus erwachsene europäische Kultur, die heute bestimmend ist. Diese Kultur ist, so sehr ich das auch bedauere und so sehr ich auch ihre Auswüchse verabscheue, trotzdem das Europa, wie es leibt und lebt. Die Kirche abschaffen ist nicht möglich und nicht zwingend notwendig. Es wird genügen , sie als anachronistischen Bestandteil unserer Gesellschaft zu erkennen und auf die einzige zeitgemäße Aufgabe zurückzuschrauben, der ihr heute noch zukommt: Reue, sprich Einsicht und die radikale Wiedergutmachung der Verbrechen, die sie Zeit ihrer Existenz durch ihre Führer und Vertreter begangen, durch ihre Macht unterstützt und durch Eigennutz toleriert oder durch ihre Lehren provoziert hat. Ironischerweise käme ihr dann die Aufgabe zu, die einer wahren christlichen Institution würdig wäre, eine Aufgabe, die sie Zeit ihrer Existenz auf ihre Flagge geschrieben hatte, aber zu keinem Moment auch zu vertreten gewillt war: liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Dieser Zusatzergab sich aus Fragen von Lesern oder aus Forendiskussionen. Ich danke hiermit all jenen, die sich daran beteiligen. Auf Wunsch kann ihre Identität - ggf. auch mit einem Link - veröffenticht werdenDer Mensch als Produkt der GesellschaftZusammenhang : Unser aller Verhalten ist der Ausdruck, das Signal dessen, was wir im Grunde sind: eben Produkte, "Erzeugnisse" einer Gesellschaft, einer Kultur die quasi so alt ist, wie die Menschheit.- Um ein Produkt zu erhalten, bedarf es eines Produzenten, den du ja in Bezug auf die Schöpfung ablehnst. Diskurs 2.Die Kraft Woher kommt, bzw. woher nehmen verschiedene Menschen die "Kraft", eine Religion zu begründen, die sich dann unter Umständen Jahrtausende lang hält ? Die "Gründungsidee" entwickelt sich aus der Erkenntnis/Feststellung einiger "bewußteren" Mitmenschen heraus, dass ein latentes Bedürfnis nach einer "Führung" vorhanden ist, ein Bedürfnis, welches die "Notwendigkeit" einer Führung im Rahmen einer Ideologie, einer Religion möglich macht und gegenüber dem Suchenden rechtfertigen läßt. Auf diese Weise kann man "Bedingungen" schaffen, bzw. bestehende Bedingungen ausnutzen. Man könnte auch sagen, daß durch ihr dominantes Verhalten, einigen Menschen die Führung quasi zu-gefallen ist. Zu-fall. Die "Begründung" einer derart "gerechtfertigten, notwendigen" Religion orientiert sich an den offen sichtbaren Bedürfnissen (der Interessenten/Gefolgschaft) , indem sie diese mit den latenten Bedürfnissen verschmilzt und in eine immanente Form presst, die dem jeweiligen geistigen Niveau der Interessenten entspricht (eine Zuständigkeit/Bezugsdivinität, eine Genesis, eine Ethik, eine Moral, eine Offenbarung). "Kraft" ist dazu sicher notwendig, allein, sie genügt nicht um die Gemüter nachhaltig zu überzeugen, bzw, zu konditionnieren, sprich: sich eine treue und demütige Gefolschaft heranzuzüchten. Die Kraft muß kontinuierlich von den Nachfolgeführern weiter "demonstriert" werden und die "allgemeine jeweilige Lage" - der Fruchtgrund der Masse - muß kontinuierlich beackert werden, die Angst vor dem Leben, dem Unbekannten, welches das Leben als solches für den Gläubigen darstellt, beinhaltet, mit sich bringt - offene Fragen, die einer verbindlichen Antwort harren, ... all das muß gehegt und gepflegt und die Inhaltstoffe der Beruhigungspillen den wechselnden Erfordernissen angepasst werden. Also ist Ausdauer und Kontinuität wichtig. Die Ausdauer wird aus dem Nutzen (Eigeninteresse) geschöpft, den die Macht- und Vorzugsstellung des Religionsstifters (und ggf. seiner Institution) ihm gewährt. Die Dauerhaftigkeit einer Religion wird durch die kontinuierliche "Bearbeitung des Fruchtgrundes" gewährleistet.
Bild: Paradise lost (John Milton) von Gustave Doré [nach oben] |
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